unsere von Japan gekommene Fregatte „Elisabeth“ hier vor. Der Commandant
dieses Schiffes wird den Oberbefehl über ein hier zusammentretendes
deutsches Geschwader, zu welchem auch wir gehören, übernehmen, um von
dem Freistaat Nicaragua eine Genugthuung für die dem deutschen Consul
in der Stadt Leon vor einiger Zeit zugefügte Gewaltthat zu erzwingen, da
Nicaragua die Gewährung der von unserer Regierung geforderten Genugthuung
verweigert hat. Außer „Elisabeth“ und uns wird noch die „Leipzig“ hier
erwartet, während unsere Corvetten „Freya“ und „Medusa“, von denen die
letztere auch schon in Colon anwesend ist, von der atlantischen Seite
aus gegen Nicaragua operiren sollen. Da nun der Zweck unsers Hierseins
schon am Lande bekannt ist oder doch soweit vermuthet wird, daß unserm
Geschwaderchef bereits die Warnung vor einigen Abenteurern, welche im
Auftrage Nicaraguas unsere Schiffe hier mit Torpedos angreifen sollen,
zugehen konnte, so ist die Geheimhaltung unserer eigentlichen Mission
nicht mehr geboten, zumal wir uns jetzt schon zur Abwehr eines etwaigen
feindlichen Handstreichs in Kriegszustand befinden.
12. März.
Das Geschwader ist nach erfolgter Ankunft der „Leipzig“ beisammen.
Kohlen und Proviant sind eingenommen, ein Dampfer mit Kohlen und
Proviantvorräthen ist gemiethet und alle militärischen Vorbereitungen
sind beendet, sodaß wir gleich nach Ankunft unsers Ministerresidenten
aus Guatemala, welcher von dort aus noch den letzten Versuch macht, die
Streitfrage auf diplomatischem Wege zu lösen, vorgehen können.
Unter den obwaltenden Umständen haben wir von dem hiesigen Aufenthalt
wenig oder nichts gehabt, aber auch nichts verloren. Bei einem Gang durch
die Stadt sieht man wol alles, was zu sehen ist. Die Stadt, welche zur
Zeit der spanischen Herrschaft blühend, mächtig und reich war, wie noch
die imposanten Straßen mit den übriggebliebenen palastartigen Gebäuden
zeigen, glänzt jetzt nur noch durch großartige Ruinen. Die einheimische
Bevölkerung besteht aus alten spanischen Familien, Mischlingen und Negern;
dazu kommen die wenigen Fremden, von welchen die Engländer (die Besitzer
der großartigen Kohlenlager, die Directoren der Eisenbahn und Agenten
der Dampfschifflinien) wol die erste Stelle einnehmen. Unser Consul und
der Photograph, ein früherer bairischer Unteroffizier, sind die einzigen
Deutschen; das Gasthaus ist in französischen Händen.
Sollte Nicaragua nicht doch noch im letzten Augenblicke nachgeben,
dann sehe ich übrigens mit einiger Sorge der Entwickelung der Dinge
entgegen, weil es mir sehr fraglich erscheint, ob unsere Leute wegen ihrer
ungeeigneten Fußbekleidung im Stande sein werden, den weiten Marsch nach
der Hauptstadt von Nicaragua zu machen, wenn sie nicht etwa schließlich
den Weg barfüßig zurücklegen können. Die uns zugegangenen Warnungen vor
Giftschlangen und Sandflöhen und die damit verbundenen Rathschläge haben
zur Folge gehabt, daß für den Marsch das Tragen hoher Stiefeln angeordnet
wurde. Da nun aber unsere Leute gewohnt sind, auf dem Schiff barfuß zu
gehen, und die Stiefel, wie alles Lederzeug auf den Schiffen, so von
Salzwasser durchzogen sind, daß sie trotz aller Bemühungen hart bleiben,
so ist ein weiter Marsch in ihnen, und zwar in diesem Klima, meiner
Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit. Mein Vorschlag, Segeltuchschuhe
zu beschaffen oder doch wenigstens die leichten Lederschuhe zu wählen,
ist zurückgewiesen worden, und so müssen die Leute, um sich an die Stiefel
zu gewöhnen, dieselben jetzt schon über eingefetteten Füßen und wollenen
Strümpfen tragen. Ein gegen die Natur laufender ärztlicher Rath ist aber
auch nicht immer der beste, und das vorläufige Resultat ist, daß nach
dreitägiger Probe nahezu ein Viertel des ganzen Landungscorps mit kranken
Füßen im Lazareth liegt. Ich sollte meinen, daß man von den hiesigen
einheimischen Truppen auch etwas lernen kann, und da diese Leute, bei
möglichst leichter Bekleidung, nur Sandalen unter den Füßen tragen, so
kann die Gefahr vor den Schlangen und Flöhen keine so große sein, zumal
wenn eine Truppe von nahezu 1000 Mann zusammen ist. Schließlich würden
aber auch Segeltuchgamaschen die Flöhe abhalten, und die Schlangen werden
schwerlich ein so großes Lager, wie wir es während der Nacht bilden
würden, aufsuchen.
16. März.
Vorgestern haben wir mit dem Geschwader Panama verlassen und dampfen
seitdem mit Nordcurs in Sicht des Landes an der Küste von Centralamerika
entlang. Gestern haben wir die Grenze zwischen Columbien und Costa-Rica
passirt, morgen werden wir die Küste von Nicaragua sehen.
Welch märchenhafte Erinnerungen aus der Jugend tauchen bei diesen Namen
auf und wie prosaisch ist doch die Gegenwart! Großartig zwar ist die
Umgebung, die von der hoch oben im Zenith stehenden Sonne beschienene
weite Meeresfläche und das mit unendlichen Wäldern dicht bedeckte hohe
gebirgige Land; aber Land und Wasser sind ohne Leben und ohne besondern
Reiz. 32° haben wir in der Luft und 31° im Wasser; keine Stadt, kein Dorf,
keine Hütte ist zu sehen, nur Wald, Strand und Brandung. Kein fremdes
Schiff ist in Sicht -- die diese Länder begrenzenden Fluten werden nur
von den drei mächtigen deutschen Kriegsmaschinen durchfurcht, welche in
eiligem Laufe dem Haupthafen Nicaraguas zustreben, um dieses Land mit
Schrecken zu überziehen. Uebermorgen, Montag den 18., sollen wir auf
der Rhede von Realejo eintreffen, die nächsten vier Tage werden also die
Entwickelung bringen.
8. April.
Nicaragua hat nachgegeben, das Geschwader ist aufgelöst und unsere Schiffe
haben ihren Curs nach den verschiedensten Himmelsrichtungen gesetzt. Von
den im Atlantischen Ocean befindlichen bleibt „Medusa“ noch in Westindien,
während „Freya“ um das Cap der Guten Hoffnung nach China geht; wir
sind auf dem Wege nach Panama, um die Geschwaderpost dort abzugeben und
dann nach den Samoa-Inseln zu gehen. Die „Leipzig“ hat die Reise nach
Japan angetreten, und die „Elisabeth“ wird nach einem kurzen Aufenthalt
in Guatemala, wohin sie den Ministerresidenten bringt, nach Europa
zurückkehren.
Am 18. März vormittags kam das Geschwader auf der Rhede von Realejo an
und lief, nachdem die Einfahrt zum Hafen von Corinto und der Hafen selbst
daraufhin untersucht waren, daß sich keine künstlichen unterseeischen
Hindernisse und Minen dort befanden, am 19. vormittags in den Hafen
ein. Derselbe ist groß und gut, während der Ort nur unbedeutend ist und
eigentlich nur eine Zollstation darstellt. Zwei deutsche Kauffahrer
befanden sich dort, welche edle Nutzhölzer, vorläufig noch der
Hauptausfuhrartikel, luden.
Es wurden der Regierung von Nicaragua sogleich noch einmal, und zwar
jetzt mit dem Nachdruck von fünf Kriegsschiffen, die deutschen Forderungen
zugestellt, welche in Folgendem bestanden:
1. Die Regierung von Nicaragua spricht ihr Bedauern über den Vorfall aus;
2. Nicaragua zahlt an den Consul für die ihm widerfahrenen Unbilden ein
Sühnegeld von 30000 Dollars;
3. Nicaragua salutirt in noch näher festzusetzender Form die deutsche
Flagge;
4. die an dem Vorfall schuldigen Beamten und Civilpersonen werden bestraft.
Wenn bisher der Freistaat die deutschen Forderungen in der überhebendsten
Weise zurückgewiesen hatte und die uns anfänglich zugehenden Nachrichten
auch anzudeuten schienen, daß Regierung und Volk entschlossen seien,
es zum Kampf kommen zu lassen, weil sie vertrauensvoll auf leichten
Sieg hofften, so änderte sich die Lage doch sehr bald. Nachdem nach
drei Tagen keine Antwort eingegangen war, überbrachte ein Offizier von
uns das deutsche Ultimatum nach Leon und alle Vorbereitungen für die
Eröffnung der Feindseligkeiten wurden getroffen. Hierzu gehörte auch
die Recognoscirung des in Aussicht genommenen Marschweges, welche der
Geschwaderchef mit uns Commandanten vornahm. Wir fuhren morgens, von einer
Dampfpinasse geschleppt, zunächst einen Fluß hinauf, bis wir ziemlich
weit oben mitten im Urwald an die Landestelle kamen, wo der Weg seinen
Anfang nimmt. Anfänglich ist der Fluß, oder hier wol richtiger Meeresarm
genannt, ziemlich breit, an beiden Ufern mit dichtem Mangrovegebüsch
bestanden, über welches die mächtigen Laubkronen der Baumriesen des
Urwaldes hervorragen. Taucher und Möven beleben das Wasser, Scharen
krächzender Papagaien, von denen ab und zu ein Geschwader mit lautem
Geschrei über unsern Köpfen von Ufer zu Ufer fliegt, den Wald. Zwischen
den Wurzeln der Mangroven nach Würmern suchende Schnepfen und in kleinen
Einbuchtungen fischende Reiher, sowie andere uns unbekannte hochbeinige
große weiße Vögel werden aufgescheucht und suchen fliegend das Weite. Ein
üppiges, echt tropisches Bild umgibt uns. Der Fluß wird enger, niedrige
Sträucher, Wasser- und Schlingpflanzen treten an Stelle der Mangroven und
zeigen an, daß wir die Scheide, bis zu welcher das Seewasser vordringt,
überschritten haben. Die Laubkronen rücken zusammen und bilden schließlich
einen hohen, prächtigen, grünen Dom, unter dessen Decke wir hinfahren,
begleitet von dem Leben des Waldes, zu welchem sich hier ab und zu auch
schon ein kleiner vorwitziger Affe gesellt.
Endlich sind wir am Ziele angelangt und betreten das Ufer. Die
beiden andern Herren, von welchen der eine bis zu den Knien reichende
Ledergamaschen, der andere hohe Wasserstiefel trägt, betrachten mitleidig
meine leichten Segeltuchschuhe und freuen sich auf den Augenblick, wo ich,
von Insekten zerstochen und vielleicht auch von einer Schlange gebissen,
zugeben muß, daß nichts über hohe Lederstiefel geht.
Der Weg ist breit und gut, der Spaziergang in dem herrlichen Urwald
köstlich und einzig in seiner Art. Nach einer halben Stunde stießen wir
auf eine kleine Lichtung, wo wir eine kurze Rast machten und danach den
Rückweg antraten, weil die Straße sich bis hierher als brauchbar erwiesen
hatte und nach zuverlässigen Nachrichten der Weg in seiner ganzen Folge
von gleicher Güte ist. Aus der Rast wurde allerdings nicht viel, weil die
beiden andern Herren leidenschaftliche Jäger sind und die mitgenommenen
Jagdgewehre doch benutzen wollten. So verschwand unser Commodore sehr bald
im Walde, während der andere Herr von der Lichtung aus einen Papagai nach
dem andern aus den hohen Bäumen herunterholte und nur gelegentlich zu mir
kam, um etwas mit zu frühstücken. Ich hatte es mir auf einem umgestürzten
Baum bequem gemacht und verfolgte von hier aus bei dem Duft einer guten
Cigarre die Jagderfolge meines Freundes. Unser Commodore brachte uns
schon in einige Unruhe, weil wir fürchteten, daß er sich verirrt habe,
doch schließlich kam er auch wieder zurück mit zerrissenen Kleidern
und verschiedenen kleinen blutenden Rißwunden. Er hatte eine Tigerkatze
angeschossen und sie dann vergeblich in das Dickicht verfolgt.
Zum Boot zurückgekehrt, nahm ich noch im Fluß ein Bad, weil der Staub auf
dem trockenen Wege doch ziemlich lästig gewesen war, und dies wurde von
den beiden andern Herren dazu benutzt, ihr Müthchen an mir zu kühlen, da
ich trotz meiner leichten Schuhe weder gestochen noch gebissen worden war.
Sie suchten nun wenigstens die Nothwendigkeit des Bades auf meine Schuhe
zurückzuführen und gingen dann dazu über, mir mit Krokodilen Angst zu
machen, was mich allerdings bald veranlaßte, zu allgemeiner Heiterkeit das
Baden aufzugeben. Denn wenn man auch an der afrikanischen Küste behauptet,
daß der Haifisch keinen Neger und das Krokodil keinen Weißen angreift, so
bleibt es doch fraglich, ob die Krokodile auch hier einen so ausgebildeten
Geschmack haben. Nachmittags waren wir wieder in Corinto.
Das Ultimatum brachte die Regierung von Nicaragua zur Besinnung und
zur Nachgiebigkeit. Am 26. vormittags waren zwar erst die Forderungen
1 und 2 erfüllt, und das in guten mexicanischen Silberdollars richtig
eingezahlte Geld wurde zunächst in unsern Kassen deponirt, die Erfüllung
der beiden andern Forderungen, wegen welcher noch Schwierigkeiten gemacht
wurden, durfte danach aber auch zuversichtlich erwartet werden. Der
sprichwörtliche Stolz des Spaniers bäumte sich eben noch etwas auf. So
konnte mein Schiff am 27. für einige Tage nach Amapala, dem einzigen Hafen
der Republik Honduras an der Küste des Stillen Oceans, geschickt werden,
um dort lagernde von uns gekaufte Kohlen einzunehmen.
Interessant war es mir, auch diesen reizlosen Platz kennen zu lernen,
aber nur um dagewesen zu sein. Amapala ist ein kleiner Ort, wo als
einziger Europäer nur ein Deutscher, ein Kaufmann aus Hamburg, wohnt,
welcher nicht einmal unter den Einheimischen einen passenden Umgang finden
kann und in dieser Beziehung allein auf die hier anlaufenden englischen
Passagierdampfer angewiesen ist, mit welchen er als englischer Viceconsul
auch geschäftliche Beziehungen hat. Sogar die nähere Umgebung Amapalas
bildet noch eine solche Wildniß, daß auch Spaziergänge außerhalb der
Stadt, wie dieser kleine Häusercomplex sich nennt, ausgeschlossen sind.
Verhältnißmäßig großartig ist die am Ufer erbaute hölzerne Halle, wo
die von andern Küstenpunkten kommenden Boote anlegen und ihre Früchte
u. s. w. zum Verkauf stellen. Der Beobachtung werth ist hierbei die
Grandezza, mit welcher sich die braunen Insassen der Boote bewegen und
wie sie in ihrem Wesen das bischen „spanisches Blut“, welches vielleicht
in ihren Adern rollt, zur Geltung bringen wollen. So war namentlich das
Landen mit besonderer Würde verbunden, denn da die Boote wegen des zu
flachen Wassers am Ufer nicht direct am Quai anlegen können, ließen sich
die weiblichen Insassen von den Männern ans Land tragen. Diese bildeten
dazu aus ihren Armen in der Weise einen Sessel, daß der rechte wagerecht
gehaltene Unterarm als Sitz und der linke Arm als Rückenlehne diente. Mit
einer Verbeugung trat der im Wasser stehende Mann zu der im Boot stehenden
Dame, welche mit Würde ihr Kleid ordnete, sich vorsichtig und zimperlich
auf den einen Arm setzte, sich gegen den andern lehnte und sich so, ohne
den Träger zu umfassen, wie eine Glaspuppe vorsichtig ans Land tragen und
dort absetzen ließ.
Am 31. nachmittags waren wir wieder in Corinto, und am 4. April erklärte
endlich Nicaragua, auch die Forderungen 3 und 4 erfüllen zu wollen. Am 6.
vormittags fand dann, nachdem vorher die erfolgte Erledigung der Forderung
4 angezeigt worden war, im Beisein einer nicaraguensischen Truppenmacht
und unsers Landungscorps auf einem großen Platz am Lande angesichts
unserer Schiffe die feierliche Hissung der deutschen Flagge statt.
Nicaragua feuerte den Salut von 21 Schüssen, die Flagge wurde wieder
niedergeholt, von unserer Seite wurde die Flagge von Nicaragua salutirt,
der Salut vom Lande erwidert, und nach einem Vorbeimarsch unserer Truppen
kehrten wir auf unsere Schiffe zurück, um am 7. morgens Corinto wieder zu
verlassen.
Erwähnt sei noch, daß der beleidigte Consul die Annahme des Sühnegeldes
abgelehnt und dasselbe einer Wohlthätigkeitsanstalt geschenkt hat.
3.
Von Panama nach den Marquesas-Inseln.
„Ariadne“, 17. April 1878.
Vor wenigen Stunden hat unser Anker sich 12 Uhr mittags von dem Boden
Panamas gelöst, um sich während dieser Reise hoffentlich nicht mehr in
denselben einzugraben. Panama und die ganze Küste Centralamerikas sind, um
einen Volksausdruck zu gebrauchen, eine von Gott verlassene Gegend. Weder
Natur noch Menschen vermögen dem Fremdling etwas zu bieten; das Land ist
am schönsten, wenn man es aus möglichst weiter Ferne beschauen kann, die
Leute, wenn sie dem Auge erst wieder entschwunden sind. Wie Land und Leute
hier unerträglich sind, so ist es auch die Sonne. Tag für Tag sendet sie
ihre versengenden Strahlen fast senkrecht auf die Schädel der Bewohner
dieser Länderstrecken herab mit einer Glut, daß man darüber wahnsinnig
werden könnte. Doch wozu jetzt noch der Aerger! Lacht uns doch aus weiter
Ferne das Paradies der Seeleute entgegen; das Land, wo nach dem Urtheil
mancher Reisenden die schönsten und besten Menschen unsers Erdballs wohnen
sollen.
Panama mit seinen Ruinen verschwindet langsam unsern Blicken. Vor
dem Verlassen der Rhede hatten wir mit den dort liegenden englischen
Kriegsschiffen noch durch Austausch von drei Hurrahs einen letzten
Gruß gewechselt und eine Stunde später erkannten wir in einem uns
entgegenkommenden Kriegsschiff unsere „Elisabeth“, welche von Guatemala
kommend nach Panama ging, um von dort aus die Heimreise anzutreten. Wir
passirten uns auf Spruchweite, tauschten einige Grüße aus, wechselten
drei Hurrahs, und die „Elisabeth“ ging dahin, wo wir herkommen, während
wir frohen Muthes den schönen Inseln der Südsee entgegensteuern, wo
sich prächtige Natur mit herrlichem Klima vereinigt, um dem Seefahrer
die liebenswürdigen und schönen Bewohnerinnen jener Inselperlen noch
anziehender erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind. So sagen
wenigstens die über die Südsee-Inseln erschienenen Bücher.
Ich habe die Absicht, auf unserm Wege nach den Samoa-Inseln einen
Abstecher nach den Marquesas-Inseln und Tahiti zu machen, um dort die dann
jedenfalls schon sehr zusammengeschmolzenen Vorräthe an Proviant, Wasser
und Kohlen zu ergänzen. Ob ich dort wol so viel Interessantes finden
werde, wie andere gefunden haben?
Die Marquesas-Inseln sind von allen Reisenden so sehr gepriesen
worden, daß man sich fast scheuen muß hinzugehen, um nicht zu sehr
enttäuscht zu werden. Ueber die Pracht der Natur und die Schönheit
der dortigen Eingeborenen sind fast alle einer Ansicht, nur bestehen
Meinungsverschiedenheiten über den Grad der Schönheit der Frauen; denn
während einige ihnen die Palme der Schönheit und Grazie zuerkennen,
behaupten andere, daß sie nur auf der Höhe der Rasse stehen und sich vor
den Männern nicht auszeichnen. Auch im Urtheil über den Charakter dieser
Eingeborenen stimmen die Reisenden darin überein, daß Zügellosigkeit
der Hauptzug sei, was auch für Tahiti gelten soll, obwol sich dort schon
civilisirtere Zustände eingebürgert haben.
Im Stillen Ocean, 18. April 1878.
Panama liegt zwar schon weit hinter uns, die Küste oder vielmehr die
Gebirge Centralamerikas sind aber immer noch in unserm Gesichtskreise.
Wir haben heute einen bösen heißen Tag, kein erfrischender Lufthauch,
32,5° C. in der Luft im Schatten, 33° C. in dem spiegelglatten Wasser. Mit
Dampf muß hier gefahren werden, denn mit Segel allein hier durchzukommen
ist oft eine Unmöglichkeit, wenigstens ist thatsächlich festgestellt,
daß Schiffe, welche dieses Stück Meer zu durchsegeln versuchten, nach 2½
Monaten wieder in der Bai von Panama ankerten, weil es sich als unmöglich
herausstellte, weiter zu kommen. Das von uns zu durchdampfende Stück Weges
beträgt 700-800 Seemeilen; keine angenehme Aussicht bei dieser Hitze!
Man muß aber immer suchen, das Beste aus dem zu machen, was Einem geboten
wird; so legten wir uns denn heute auf den Schildkrötenfang.
Diese Thiere sind hier sehr häufig, schwimmen, wenn sie ruhen, an der
Oberfläche und zwar mit etwa ein Drittel des Schildes über Wasser, sodaß
sie schon von weitem zu erkennen sind. Sehr häufig dienen sie auch den
Wasservögeln als Ruhestätte und geben diesen wol auch Nahrung, da die
Schildkröten an ihrem Schilde gewöhnlich Saugefische und Muscheln, beides
Nahrungsmittel der Vögel, tragen. Schildkröten wie Vögel lassen sich
durch das ankommende Schiff in ihrer Ruhe sehr wenig stören; die Vögel
fliegen auf, wenn das Schiff auf etwa fünf Schritte herangekommen ist, die
Schildkröte dreht dann dem Schiffe den Kopf zu, entweder um es neugierig
zu betrachten oder dem Feinde muthig in die Augen zu sehen, denn die
Thiere lassen sich außerordentlich leicht fangen. Das spiegelglatte Wasser
gestattete, ein Boot neben dem Schiffe zu schleppen, und so wurde auf jede
Schildkröte, welche in dem Curs des Schiffes in Sicht kam, hingehalten,
die Maschine einen Augenblick gestoppt und von dem Boote aus das Thier
an einer Flosse gepackt und aus dem Wasser herausgehoben. In Zeit von
zwei Stunden waren acht Schildkröten im Gewicht von je 25-35 kg an Bord,
genügend, um der ganzen Mannschaft morgen eine schmackhafte Mahlzeit zu
bereiten. Mit diesem Fang gaben wir uns zufrieden, heißten das Boot wieder
und dampfen nun einem einsamen Felsen zu, um an demselben unser Besteck
zu corrigiren und von da aus dann unsern Curs nach den Galapagos-Inseln
zu nehmen.
25. April 1878.
Der einsame Fels, Malpelo-Insel genannt, ein mächtiger 400 m hoher
Felsblock ohne irgendwelche Vegetation, von derjenigen Seite aus gesehen,
welche sich uns zuerst darbot, in Form und Farbe einer alten Burgruine
ähnlich, wurde am Charfreitag passirt und die Reise bei anhaltender
Windstille in derselben Weise unter Dampf fortgesetzt. Allmählich fing
die Wassertemperatur an zu sinken, leichte südliche Winde brachten ab und
zu etwas Kühlung und seit zwei Tagen haben wir sogar ordentlich frisches
Wetter, trotzdem wir uns noch immer unter dem Aequator befinden. Am Tage
kann man schon eine Jacke aus ganz leichtem Tuch vertragen, während dies
vorher kaum möglich war; es kommt sogar vor, daß man während eines ganzen
Tages keinen Tropfen Schweiß verliert. Wenn auch infolge der starken
Abkühlung -- die Temperatur hält sich am Tage in der Luft im Schatten
zwischen 27 und 28° und in der Nacht zwischen 25 und 26° C. -- viele
Erkältungen (Darmkatarrh mit Fieber, Schnupfen u. s. w.) zum Ausbruch
gekommen sind, so macht sich doch im ganzen ein anderes Leben im Schiffe
breit. Eine gewisse Elasticität durchdringt den Körper, die Lust zur
Bewegung und zur Arbeit bricht wieder hervor. Diese Temperatur werden wir
nun wol für den Rest der Reise ziemlich gleichmäßig behalten und sie wird
nur dann sich noch einmal bis zur Unerträglichkeit steigern, wenn wir, wie
es vorläufig von uns angenommen wird, auf der Rückreise durch das Rothe
Meer fahren. Da läßt sich aber schon manches ertragen, lacht uns doch dann
ein neues, altgewohntes und langentbehrtes Leben entgegen, welches schon
werth ist, daß man vorher einige Unbequemlichkeiten überwindet.
Gestern und heute haben wir die Gruppe der Galapagos-Inseln durchschnitten
und sind heute vier Stunden lang dicht an der größten Insel der Gruppe
vorbeigefahren, sodaß wir einen oberflächlichen Einblick in dieses
merkwürdige Land bekamen. Ich hatte ursprünglich die Absicht, hier einen
mehrtägigen Aufenthalt zu nehmen, die letzte Segelordre empfahl mir aber
wieder so sehr Eile, daß ich Verzicht leisten mußte.
Dieses Inselland, bei dessen Schilderung ich auch Darwin benutze, ist
deshalb so interessant, weil es in seiner ganzen Erscheinung, in seinem
Thier- und Pflanzenleben von der übrigen Erde wesentlich abweicht und
ganz für sich dasteht. Auch sind wieder Thiere und Pflanzen auf den
verschiedenen dicht nebeneinander liegenden Inseln durchaus voneinander
abweichend, wenngleich sie derselben Gattung angehören. Außer Insekten
ist das Thierreich vertreten durch Landschildkröten von riesigen
Körperverhältnissen, welche bis zu 400 kg schwer werden sollen, durch
eine Art Landeidechsen und eine Art Wassereidechsen von 1-1½ m Länge,
26 Vogelarten; das Pflanzenreich durch eine größere Anzahl von Pflanzen;
Bäume sind ursprünglich nicht vorhanden.
Früher waren diese Inseln gar nicht von Menschen bewohnt, seit einigen
Jahren sind auf zwei derselben Ansiedelungen gegründet worden. Im vorigen
Jahrhundert dienten sie den Seeräubern (Buccaniere) als Schlupfwinkel, in
diesem Jahrhundert sind sie vielfach von Walfischfängern besucht worden,
welche auch auf die Schildkröten Jagd machten, aus denen sie ein sehr
feines Fett gewannen. Immerhin müssen Menschen aber sehr seltene Gäste
gewesen sein, da die Thiere noch jetzt auf diesen Inseln untereinander
in dem glücklichsten Frieden leben und keine Scheu vor Menschen kennen.
Schildkröten, Eidechsen, Vögel fressen von demselben Blatt, ohne daß ein
Thier nach dem andern hackt, eins das andere verdrängt. Alle Thiere lassen
sich mit Leichtigkeit fangen, die Vögel fliegen dem Menschen auf den
Finger und picken ihn verwundert in die Nase, welche sie wahrscheinlich
für eine edle Frucht halten. Alle Thiere sind oder waren doch in großen
Massen vorhanden, wie z. B. daraus zu ersehen ist, daß die Mannschaft
eines englischen Kriegsschiffs in der nächsten Umgebung des Ankerplatzes
an einem Tage über 200 große Schildkröten an Bord schaffte. Wozu?
ist mir allerdings unklar, da das Schild werthlos ist, die Mannschaft
höchstens 1/10 von dem Fleisch essen konnte und Kriegsschiffe sich mit
Thrangewinnung nicht abgeben.