der beim Holzfällen beschäftigten Leute hatte seine brennende Pfeife
ausgeklopft und damit einen Waldbrand angefacht, welchen wir nicht
mehr löschen konnten, diese Arbeit daher dem nächsten mitleidigen Regen
überlassen mußten. Das Moos und Gestrüpp, sowie die aus früherer Zeit
vom Holzfällen zurückgelassenen Astreste sind von einer solchen Dürre,
daß, nachdem der brennende Taback das Moos erst entzündet hatte, ein
Löschen schon nicht mehr möglich war. Das Feuer war zwar an der ersten
Stelle gleich gelöscht worden, hatte sich aber in der 1-2 m dicken dürren
Moosschicht so schnell fortgepflanzt, daß es gleichzeitig an zehn andern
Stellen hervorbrach. Jetzt, eine halbe Stunde nach der ersten Entzündung,
stand bei unserer Rückkehr zum Schiffe schon die ganze Landzunge in
hellen Flammen. Die noch am Lande befindlichen Leute wurden sogleich
zurückbeordert; eine kurze Ueberlegung sagt mir, daß das Schiff hier nicht
bleiben darf. Springt der Wind um, was jeden Augenblick geschehen kann,
dann wird der Aufenthalt hier wegen des Rauches nicht nur unleidlich,
sondern bei der geringen Entfernung des Ankerplatzes von dem Herd des
Feuers kann auch die größte Gefahr für das Schiff entstehen. Ich lasse
daher Dampf machen, um nach dem nächsten nur drei Seemeilen entfernten
Hafen zu gehen. Was ist aus der gestern erträumten dreitägigen Ruhe
geworden?
Die Dampfpinasse wird mit einem andern Boot im Schlepptau vorausgeschickt,
läuft zwar an dem ihr bezeichneten Eingange vorbei, hört die Signalschüsse
nicht mehr und verschwindet um die nächste Ecke, sie wird aber
zurückkehren, wenn sie das Schiff nicht folgen sieht, da dem Führer die
erhaltenen Ordres ja bald sagen müssen, daß er zu weit gegangen ist. Um 4
Uhr nachmittags wird in dem nächsten, „Halt-Bay“ genannten Hafen geankert
und dort gleich wieder mit Holzfällen und Wassereinnehmen begonnen. Dieser
Hafen ist auch wieder eine köstliche kleine Idylle, das Ausbleiben der
Dampfpinasse macht mir aber so viel Sorge, daß die Naturschönheiten jetzt
ohne Reiz für mich sind. Das Holz ist gut, das Trinkwasser vorzüglich,
ein Fischzug ergibt 146 Stück großer fetter Makrelen. Die Nacht bricht
herein, der Himmel über dem Gray-Hafen ist von dem mächtigen Waldbrande
blutroth gefärbt, und die Sorge um die verirrten Boote raubt mir den
Schlaf. Das Schiff ist so mit Signallaternen behängt, daß es von außerhalb
des Hafens gesehen werden muß, zum Ueberfluß lassen wir noch in gewissen
Zwischenräumen eine Rakete steigen.
Beim ersten Tagesgrauen wird mir die Meldung gemacht, daß die Boote nicht
zurückgekehrt seien; ich muß also mit dem Schiffe sie suchen gehen, da
sie ohne Waffen und ohne Proviant zweifellos in Gefahr sind. Ich bin
in sehr großer Sorge. Es ist zu häufig schon vorgekommen, daß in diesen
Gegenden einzelne Boote von Indianern angegriffen, die Insassen ermordet
und die Boote dann, um alle Spuren zu verwischen, vollständig vernichtet
wurden; dies konnte also auch unsern Booten passiren. Um 4 Uhr morgens
verläßt das Schiff den Hafen wieder und befindet sich in einer Stunde
vor der nächsten tiefen Bucht, von welcher keine Karten existiren, in
die ich daher ohne großen Zeitverlust und mögliche Gefahr für das Schiff
auch nicht einlaufen kann. Der erste Offizier erhält daher den Auftrag,
mit zwei bewaffneten Booten die Bucht abzusuchen, und das Schiff geht,
nachdem Zeit und Ort der Wiedervereinigung angeordnet ist, weiter, um
an der nächstgelegenen Küste nach den Verirrten zu suchen. Ich bin in
wirklich ernster Sorge; sechs Menschen und zwei Boote auf solche Weise zu
verlieren ist wahrlich keine Kleinigkeit. Das Schiff läuft kreuz und quer,
alle Ferngläser sind in Thätigkeit, die obersten Sitze auf den Masten
sind mit zuverlässigen und wegen ihrer scharfen Augen bekannten Männern
besetzt, halbstündlich wird ein Signalschuß abgefeuert; doch alles ist
vergebens, um 10 Uhr sind wir wieder ohne Resultat vor der erstgenannten
Bucht, aus welcher auch bald die dahin entsandten Boote zurückkehren, ohne
eine Spur von den Vermißten gefunden zu haben. Es waren zwar Fußspuren
und verlassene Hütten von Indianern gefunden, die Fußspuren auch in das
Innere verfolgt worden, doch wurden keinerlei Anzeichen gefunden, welche
auf unsere Boote oder auf einen stattgehabten Kampf hätten deuten können.
So blieb denn kein Zweifel, daß unsere verlorenen Boote hier und in
dem Umkreis von 10 Seemeilen, welche das Schiff durchsucht hatte, nicht
waren. Nun kam eine neue Sorge, nämlich die, daß, wenn die Boote weiter
gegangen waren, sie leicht in ein 25 Seemeilen von Halt-Bay entferntes
Labyrinth von unerforschten Kanälen eingelaufen sein konnten, weil von
unserm Standort aus die Küste bis dahin keine Buchten mehr aufwies, die
Boote also nur dort einen Liegeplatz finden konnten. Waren sie wirklich
bis dahin gekommen und in jene unbekannten Straßen eingelaufen, dann waren
sie meiner Ansicht nach verloren und mir blieb dann nur die Alternative,
entweder mit großer Vergeudung von Zeit ein hoffnungsloses Suchen
fortzusetzen, oder aber Menschen und Boote im Stich und ihrem Schicksal
zu überlassen, weil ihnen meiner Ueberzeugung nach keine Rettung mehr
zu bringen war. Nur eine Hoffnung war übrig. Der in der Dampfpinasse
gewesene Kohlenvorrath konnte nach der Berechnung und unter Zugrundelegung
der günstigsten Stromverhältnisse nur bis zum Eingang jenes Labyrinths
gereicht haben, Holzfeuerung ist für diese Art Dampfkessel nicht
geeignet; hat also nicht etwa ein tückischer Zufall die Geschwindigkeit
der Boote beschleunigt, dann müssen sie noch vor der gefürchteten Stelle
bewegungslos geworden sein und in irgendeinem kleinen Winkel an der Küste
liegen.
Zu meiner Stimmung, welche ich wol nicht näher zu schildern brauche,
paßt auch das Wetter. Im Laufe des Vormittags hat sich die ortsübliche
Witterung eingestellt, es weht ein Sturm. Die ganze Straße ist in
Wasserdampf eingehüllt; die vor dem Sturm hinjagenden Wolken legen sich
schwer bis aufs Wasser und hüllen alles in dichten Nebel. Der Wind fegt
die Straße allerdings so oft auf Augenblicke rein, daß man mit dem Schiffe
sicher vorwärts gehen kann, immerhin ist solches Wetter aber schlecht
geeignet, um weite Strecken, in welche das Schiff nicht eindringen kann,
durch Boote absuchen zu lassen. Endlich um 12 Uhr mittags bin ich an der
Stelle angelangt, wo es sich entscheiden soll, ob die verlorenen Boote
gefunden oder aufgegeben werden. Die beiden Kutter werden fertig gemacht,
mit Proviant und Waffen versehen und sollen eben von dem Schiffe absetzen,
als aus der Takelage ein Boot unter Land in Sicht gemeldet wird und zwar
in der Richtung zum Eingang in die unerforschten Kanäle. Das Schiff dampft
gleich, soweit die Sicherheit dies erlaubt, näher heran und bald wird in
dem Boot unsere Jolle recognoscirt, welche mit aller Anstrengung aber ohne
Erfolg gegen Wind, Wellen und Strom anrudert. Hier waren also richtig die
Boote festgelegt! Es ist keine Möglichkeit, daß die Jolle auf diese Weise
zum Schiff herankommen kann; die Manöver des Schiffes, um das Boot zum
Abhalten zu bewegen, werden auch nicht verstanden; so muß denn ein Kutter
unter Segel hin, um das Boot zu holen und mit ihm, der empfangenen Weisung
gemäß, mit dem Wind und dem Strom hinter eine Insel in ruhiges Wasser zu
laufen, wo das Schiff sie aufnehmen wird.
Ich enthalte mich einer nähern Beschreibung der Mühen mit welchen die
Herbeischaffung der Boote bei dem schlechten Wetter verknüpft war; der
Umstand, daß die Jolle erst um 3 Uhr und die Dampfpinasse erst abends um 6
Uhr im Schlepptau eines Kutters zum Schiff zurückkehrte, sagt wol genug.
Boote und Leute habe ich also gottlob! unversehrt wieder, nach dem in
Aussicht genommenen Hafen kann ich aber wegen der vorgerückten Tageszeit
nicht mehr kommen. Vielleicht ist es möglich, vor vollständiger Dunkelheit
noch einen näher gelegenen Ankerplatz (Connor-Cove) zu erreichen. Also
vorwärts mit dem Schiffe!
Bei Dämmerung wird noch die Stelle festgestellt, wo der Eingang zu dem
kleinen Hafen liegen muß, und mit Volldampf geht es darauf los. In dunkler
Nacht stehen wir vor einer hohen Wand, weder ein Eingang ist zu sehen,
noch die am Eingang liegende, noch die in dem Hafen liegende kleine
Insel. Soll ich umdrehen? Eine im Fahrwasser verborgene blinde Klippe
macht den Aufenthalt dort bei Nacht gefährlich; noch ein Blick auf die
dunkle Wand läßt eine leichte Senkung in den obern Contouren erkennen,
darunter wird der Eingang wol liegen. Der Navigationsoffizier sitzt auf
dem Bugspriet, um zu melden, wenn dieses die vor uns liegende Felsenwand
berühren will. Das Schiff geht langsam vorwärts, immer dunkler wird
es, das Vordertheil des Schiffes scheint sich schon in die Felsenwand
einzubohren, zu beiden Seiten haben wir schon feste schwarze Massen: da
meldet der Navigationsoffizier die kleine Insel am Eingang dicht voraus.
Ich schaue mich um und sehe hinter uns in der Dunkelheit einen dunkler
schattirten kleinen Fleck, welcher die Insel am Eingang, mithin die vorn
gemeldete die im Hafen liegende sein muß. Ein Rundblick sagt mir, daß
die Dunkelheit rund um uns her gleich tief ist, daß wir also nach allen
Seiten hin annähernd gleich weit vom Lande abliegen -- Fallen Anker!
Der Navigationsoffizier mißt noch in einem Boote mit einer Leine die
Entfernung nach vorn, hinten und beiden Seiten aus und bestätigt, daß
das Schiff ohne Gefahr so liegen bleiben kann, da es sich ziemlich in der
Mitte des Hafens befindet. -- Die Seefahrt in der Magelhaens-Straße hat
doch ihre ganz eigene Seite!
Stiller Ocean, 24. Januar.
Gestern morgens 5 Uhr verließen wir Connor-Cove wieder und ankerten nach
drei Stunden im Inselhafen, um dort noch etwas Holz zu fällen und unsern
Wasservorrath zu ergänzen. Heute nachmittags 3 Uhr war das Schiff nach
Beendigung der Arbeiten wieder seeklar, verließ den letzten Hafen in der
Magelhaens-Straße und steuerte abends 6 Uhr in den Stillen Ocean ein. Die
große Wasserfläche vor mir berührt mich fremdartig, es ist mir als gewänne
ich nach langer Einschließung die Freiheit wieder. Vor uns und zu beiden
Seiten freies Wasser, keine Aufregung, keine besondere Anstrengung mehr,
und hinter uns verschwindet in der hereinbrechenden Nacht allmählich das
mächtige Felsenthor, aus welchem wir vor wenig Stunden wieder in das freie
Leben eintraten.
Ein steifer Südwind treibt uns unter Segel mit 12 Seemeilen
Geschwindigkeit in der Stunde unserm nächsten Ziele entgegen; aber weder
diese schöne Fahrt, noch die auf ihren riesigen Schwingen hinter uns
herschwebenden Albatrosse haben mich an den Schreibtisch geführt, sondern
ein eigenthümlicher Wahn, welchem ich Ausdruck geben muß. Die Fahrt
durch die Magelhaens-Straße hat die fixe Idee in mir hinterlassen, daß
wir uns nunmehr schon auf dem Heimwege befinden. Die acht Tage, welche
ich in jenen Straßen zubrachte, fassen eine solche Fülle von Anstrengung
und Aufregung in sich, haben den für Erinnerung bestimmten Theil des
Gehirns mit so viel großartigen Naturschönheiten und interessanten
kleinen Zufällen angefüllt, daß es sorgsam vertheilt für ein ganzes Jahr
ausreichen würde. So nahe die Zeit noch liegt, so fern ist sie mir schon
gerückt; sie erscheint mir wie ein langes Ringen, nach welchem die Ruhe
folgen muß. Ich habe 11000 Seemeilen oder nahezu 3000 deutsche Meilen
jetzt schon zurückgelegt, der Weg durch den Stillen Ocean über Australien,
Indien, Suezkanal, durch das Mittelmeer, weist nur noch 18000 Seemeilen
auf, auf meiner eigentlichen Station werde ich höchstens sechs Monate
sein: so macht das vor mir Liegende auch fast nur den Eindruck einer
ununterbrochenen Reise nach der Heimat zu.
2.
Von Valparaiso nach Panama und Nicaragua.
Stiller Ocean, 9. Februar 1878.
Seit heute Mittag liegt auch Valparaiso hinter uns und damit eine
ununterbrochene Kette von Festlichkeiten und Vergnügungen, welche uns
dort während unsers neuntägigen Aufenthalts geboten wurden. Am letzten
Januar hatten wir vormittags im Hafen geankert. Schon mit Tagesanbruch
war das hohe, die Bai von Valparaiso umrahmende Bergland zu sehen,
welches allerdings im Vergleiche zu den im Hintergrunde liegenden Anden
so ziemlich verschwindet, obgleich wir diese nicht einmal in ihrer ganzen
Größe und Majestät zu Gesicht bekommen haben, da sowol auf dem 7000 m
hohen Aconcagua wie den übrigen Bergriesen während der ganzen Dauer unsers
Aufenthalts Wolken lagen, welche die Kuppen und Gipfel dieses mächtigen
Gebirgszugs unsern Augen entzogen.
Valparaiso bedeutet bekanntlich „das paradiesische Thal“, eine Benennung,
welche schwer zu verstehen ist, da die Stadt weder in einem Thale liegt,
noch der kahle Bergrücken, auf welchem sie erbaut ist, den Vergleich mit
einem Paradies beanspruchen kann. Allerdings soll in der Regenzeit das
ganze Land um die Stadt herum, der ganze Berg bis zu seinem Kamm, von
einer dichten Decke frischer saftiger Gräser, Moose und Kräuter überzogen
sein, welche die Feuchtigkeit aus der Erde hervorzaubert; jetzt aber war
alles kahl und dürr, da Wälder ganz fehlen. Deshalb verdankt der Name
seinen Ursprung wahrscheinlich den verschiedenen in der nächsten Umgebung
der Stadt gelegenen schönen und fruchtbaren Thälern, wenngleich auch sie
eine so überschwengliche Bezeichnung kaum verdienen.
Die Stadt ist am Fuße eines 400 m hohen, steilen Gebirgszuges, welcher,
wie schon angeführt, die Bai von Valparaiso umschließt, angelegt und
zwar auf Hügelwellen, welche dicht nebeneinander und rechtwinkelig zum
Ufer liegend nach oben zu allmählich mit der Hauptwand des Bergrückens
verlaufen. Die Stadt kann, wenngleich sie unten am Strande einige schöne
breite Straßen und einen großstädtischen Verkehr hat, doch nie den
vollen Eindruck einer Großstadt machen, weil die dazu erforderlichen
Gebäude fehlen. Denn Valparaiso steht auf einem so unsichern Boden, daß
die Regierungsgebäude, Kirchen und Privatpaläste niedrig gehalten und,
in der Regel nur aus einem Erdgeschoß bestehend, leicht gebaut sind, um
den häufigen Erdbeben besser widerstehen zu können oder beim Einsturz
möglichst wenig Schaden anzurichten. Einige stets vorhandene Häusertrümmer
und klaffende Risse in einzelnen Straßen zeigen, daß eigentlich
ununterbrochen solch kleinere Katastrophen eintreten. Die Menschen sind
sich der sie stets bedrohenden Gefahr auch wohl bewußt, gehen allabendlich
nur mit Sorge zu Bett, weil sie nicht wissen, was die Nacht ihnen
bringen wird. Wie der Soldat sich im Felde, ehe er zur Ruhe geht, stets
versichert, daß seine Waffe in Ordnung und ihm zur Hand ist, so geht in
Valparaiso niemand zu Bett, ohne sich vorher sein eigens für den Zweck
angefertigtes Erdbebengewand, in welches er nur hineinzuschlüpfen braucht,
an seinem Lager zurechtgelegt zu haben, um bei dem ersten Alarm gleich
auf den vor dem Schlafzimmer liegenden freien Hof eilen zu können. Diese
Umstände machen die Wohnungsverhältnisse trotz der leichten Bauart der
Häuser äußerst kostspielig, weil die vielen reichen Leute sich in der Zahl
ihrer Wohnräume nicht beschränken wollen und daher sehr viel Baugrund
für ihre Häuser beanspruchen. Oft ist ein solches Wohnhaus ein kleines
Stadtviertel für sich, und selten liegen mehr als vier Häuser, je von
einer Familie bewohnt, in einem von vier Straßen begrenzten Viertel.
Solche Wohnungen haben nun zwar den großen Vortheil, daß man innerhalb
seines Hauses keine Treppen zu steigen braucht, derselbe wird aber
dadurch aufgehoben, daß man bei dem Verkehr mit der Stadt fast immer
treppauf und treppab muß. Die untern am Strande gelegenen Straßen haben
allerdings gute Pferdebahn und auch eine Ringeisenbahn für den innern
Personenverkehr; da aber in diesen Straßen vorzugsweise nur öffentliche
Gebäude und Geschäftshäuser stehen und die Privatwohnungen höher hinauf
auf den Hügelwellen liegen, so kann man die Bahnen wol benutzen, um zu
dem Fuß der verschiedenen Hügel zu gelangen, muß aber von der Bahn bis
zur Wohnung, oder umgekehrt, Straßen passiren, die so steil sind, daß sie
vielfach in Treppen umgewandelt wurden, weil sie sonst überhaupt nicht
begangen werden könnten.
Einen durchaus großartigen Anblick bietet dagegen der Verkehr auf dem
Hafen, da Valparaiso wol mit zu den bedeutendsten Handelsplätzen der Erde
gerechnet werden muß. Die großen einheimischen und fremden Kriegsschiffe,
die vielen fast täglich hier ankommenden und abgehenden Passagier- und
Fracht-Dampfer, die große Zahl der Segelschiffe, welche noch immer den
Weg um das gefürchtete Cap Horn nehmen müssen und daher nur aus großen und
guten Schiffen bestehen, die vielen an der Landungsbrücke sich drängenden
Boote, der durch die dort versammelten Menschen verursachte Lärm, die
vorbeipassirenden Pferdebahnwagen und Eisenbahnzüge geben hier das Bild
des Getriebes einer Weltstadt.
Von der Stadt und ihren Bewohnern weiß ich sonst nichts zu erzählen, weil
ich von beiden zu wenig gesehen habe. Dienstgeschäfte am Tage und die
nicht zu umgehende Geselligkeit an den Abenden nahmen meine Zeit ganz in
Anspruch. Reizend waren die kleinen Feste in dem gastfreien Hause unsers
Generalconsuls, welches den geselligen Mittelpunkt für die deutschen
Familien bildet.
Eine Partie nach einem beliebten Ausflugsort, zu welcher unser
Generalconsul mich eingeladen hatte, führte uns in die Ebene, welche
zwischen dem Höhenzug an der Küste und dem Fuß der Anden liegt. Erst
hat man etwa eine Stunde mit der Eisenbahn zu fahren und dann noch ein
größeres Stück Weg zu Pferde oder Wagen zurückzulegen. Ein sehr geräumiges
gutes Gasthaus mit schönen Gartenanlagen bietet vielen Fremden Unterkunft,
und zur Zeit war das Haus gut besucht. Den Hauptanziehungspunkt
bildet wol die Bade- und Schwimmanstalt in dem kleinen Flusse, denn da
Valparaiso nur See- und keine Frischwasserbäder hat, der Mensch aber immer
dasjenige begehrt, was er nicht täglich haben kann, so geht jeder, der es
ermöglichen kann, auf einige Zeit hierher um zu baden.
Als eine Eigenthümlichkeit der Landschaft außerhalb der Stadt möchte ich
noch die vielen Pappelpflanzungen bezeichnen. Der Baum, welcher bei uns in
Acht und Bann gethan ist, gilt hier als eine gute Kapitalanlage und wird
daher mit Vorliebe in ganzen Wäldern angepflanzt.
Es war eine schöne, Körper und Geist erfrischende Zeit, die der letzten
vier Wochen, da wir auch in Valparaiso nur eine Temperatur fanden, welche
unserm deutschen Sommer entspricht, am Tage in den heißesten Stunden
zwischen 18 und 27° C. im Schatten und nachts stets nur zwischen 15 und
17°. In zwei bis drei Tagen allerdings werden wir uns wieder in den Tropen
und zwar in dem tropischen Hochsommer befinden, welcher an dieser Küste
unleidlich heiß ist, sodaß die inzwischen gewonnenen Kräfte bald wieder
dahingeschwunden sein werden.
Vor unserer Abreise von Valparaiso hatten wir übrigens noch die Freude,
unsere Fregatte „Leipzig“, welche ebenso wie wir nach Panama geht, zu
begrüßen.
Bai von Panama, 7. März 1878.
Das ganze Südamerika haben wir nun umschifft. Eine weite, von bewaldeten
Höhen umrahmte Wasserfläche liegt vor uns; heiß brennt die Sonne auf
die große Bai von Panama, welche, wie fast immer so auch heute, unter
vollständiger Windstille liegt. Die Hitze ist kaum zu ertragen und
doch muß dies geschehen; es ist unbeschreiblich, was wir in den letzten
vierzehn Tagen in dieser Beziehung auszustehen hatten. Am 14. Februar
traten wir mit einer Tageswärme von 27°-29° und einer Nachttemperatur
nicht unter 23° wieder in die Tropen ein und hatten, was das unangenehmste
war, anhaltend Windstille oder nur ganz leichten südlichen Wind, welchem
wir unter Dampf wegliefen, sodaß kein Lufthauch das Schiff durchstreichen
konnte. Eine kleine Erfrischung fanden wir allerdings in Callao, welches
wir anliefen, um frischen Proviant einzunehmen. Am 18. März nachmittags
kamen wir dort an, setzten aber schon am 21. morgens die Reise wieder
fort. Die kurze Zeit habe ich benutzt, um unserm Consul in Callao und dem
Ministerresidenten in Lima Besuche abzustatten. Da der letztere eben in
seine Villa in Miraflores am Meeresstrand übersiedelte, habe ich von Lima
nur wenig gesehen.
Eine wunderbare Frucht, von den Engländern „Alligator-Birne“ genannt,
von welcher ich schon viel gehört und die ich auch schon in Valparaiso
gegessen hatte, lernte ich hier recht schätzen. Nachdem man mit einem
Löffel das weiche gelbe Fleisch aus der kürbisartigen Hülle herausgeschält
und stark mit Pfeffer und Salz gewürzt hat, erinnert der Geschmack sehr
an gequirlte, ebenfalls mit Pfeffer und Salz gewürzte rohe Eier. Ich zog
diese Früchte bald allen andern hiesigen vor und bedauerte nur, daß sie
sich nicht lange genug halten, um in größern Mengen mitgenommen werden zu
können.
Die auf Callao folgenden Tage brachten uns das schlimmste an tropischer
Hitze, was ich je erlebt habe. Der gefürchtete trockene heiße Nordwestwind
an der brasilianischen Küste, welcher das Thermometer auf 34° treibt,
ist weniger angreifend als die feuchte Wärme, in welcher wir uns vom 23.
Februar bis zum 2. März befunden haben. In der Luft hatten wir während
der Tagesstunden durchschnittlich 33° und während der Nacht nicht unter
27°, während das Thermometer die Meereswärme Tag und Nacht dauernd zu 31°
angab. Schweres bleiernes Gewölk, das nach meiner Schätzung höchstens
200 m über dem Wasserspiegel lag, hing als feste Decke, welche keinen
Sonnenstrahl durchließ, über uns und verhinderte auch eine stärkere
Abkühlung während der Nächte. Die Luft war so mit Feuchtigkeit gesättigt,
daß der unaufhörlich aus unsern Poren strömende Schweiß nicht verdunsten
konnte, sodaß Haut und Kleidungsstücke während der ganzen Zeit triefend
naß blieben. Der erträglichste Platz war eigentlich im Heizraum vor den
Feuern. War die Hitze dort auch sehr viel größer als oben, so bewirkte
das Feuer doch eine Verdunstung und erfrischte in gewisser Beziehung den
Körper, und diesem Umstand schreibe ich es zu, daß die Heizer in diesen
Tagen nicht mehr und sogar vielleicht weniger litten als die übrige
Besatzung. Ich ließ den Leuten in dieser Zeit in Betreff ihrer Kleidung
volle Freiheit, da ich ihnen keine andere Erleichterung verschaffen
konnte, denn die Dampfspritzen konnten auch keine Erfrischung mehr
gewähren. Das 31° warme Wasser floß in der warmen Dunstatmosphäre über den
Körper hin, ohne irgendeine erfrischende Wirkung auf die Haut auszuüben,
und der Salzgehalt desselben reizte nur den Rothen Hund, welchen wir alle
hatten, bis zur Unerträglichkeit. Ich trug in meiner Kajüte bei offenen
Thüren und Fenstern auch nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen, weil
ich kein Kleidungsstück auf dem Körper vertragen konnte. Auch nicht einmal
der ab und zu leicht niederrieselnde Regen brachte uns Erfrischung, weil
die auf den Körper fallenden Tropfen, deren Wärmegrad ich leider nicht
gemessen habe, im Vergleich zu der sonstigen Hitze so kalt erschienen,
daß sie auf der gereizten Haut die Wirkung von leichten Peitschenschlägen
hatten. Ich habe es wiederholt versucht, ein solches Regenbad zu nehmen,
mußte mich aber immer sogleich wieder zurückziehen, weil der Schmerz auf
der Haut zu groß war.
Am ersten Tage dieser fürchterlichen Zeit hatte ich auch noch einige
Offiziere, welche ich schon vorher geladen hatte, zu Tisch. Ich wollte den
Herren anfänglich absagen lassen, bedachte aber doch noch, daß es in ihrer
Messe noch schlimmer sei als in meiner an und für sich luftigen Kajüte,
und sodann hatte mein Eisschrank für den Tag auch noch so viel Vorrath
an Eis, daß ich wenigstens kalte Getränke anbieten konnte. Doch bat ich
die Herren, ehe wir uns zu Tisch setzten, um die Erlaubniß, uns aller
überflüssigen Kleidungsstücke entledigen zu dürfen, welchem Vorschlag sie
freudig zustimmten. So ging es mit Hülfe von Fächern einigermaßen.
7. März abends.