Abend in dem 150 Seemeilen entfernten Gray-Hafen zu ankern. Der vor uns
liegende Tag schließt den schwierigsten Theil der ganzen Fahrt durch die
Straßen in sich, da gerade hier zusammengedrängt die engsten Stellen
liegen und ein Theil der Straße noch dazu mit sehr vielen blinden wie
sichtbaren Klippen übersäet ist. Auch führt der vor uns liegende Weg durch
einen langen Kanal, welcher oft mit Treibeis, welches die Navigirung
erschwert, angefüllt sein soll. Die Morgenluft sieht gut aus und wir
dürfen wieder auf einen schönen Tag rechnen. Schon gegen 6 Uhr morgens
stehen wir vor einer der hervorragendsten Engen und sind von einer
Scenerie umgeben, welche lebhaft an die der schönen norwegischen Fjorde
erinnert. Das Schiff befindet sich bereits in einem ziemlich engen Kanal;
vor uns liegt eine Insel, welche sich in ihrer Grundform als regelmäßiger
Kegel aus dem Wasser erhebt, deren kahles Gestein nach oben zu aber
stufenförmig einfällt, sodaß der Berg den Namen Treppenberg erhalten hat.
Dieser mächtige Felsblock scheint den Weg zu verschließen, denn er lehnt
sich von unserm Standpunkt aus gesehen direct an die hinter ihm liegenden
800-1000 m hohen Felswände an. Das Schiff macht einen Bogen nach rechts
und läuft dann zurückdrehend um den Treppenberg in die sich links öffnende
und immer mehr verengende Straße ein, erreicht nach Zurücklegung von etwa
3 Seemeilen die engste Stelle und steuert dann nach Passirung derselben
in ein weites Wasserbecken von etwa 20 Seemeilen Breite. Hiermit ändert
sich auch ganz plötzlich der Charakter unserer Umgebung. Während wir
vorher zwischen hohen dunkeln Felswänden, welche mit ihren Schatten die
ganze Straße beherrschten, eingekeilt waren, befinden wir uns jetzt auf
freiem, von der Sonne hell beschienenen Wasser. Die Berge sind in weite
Ferne gerückt, das Land in unserer Nähe wird nur durch kleine niedrige,
mit dichtem Wald bewachsene Inseln repräsentirt. Das Wasser, welches
vorher keine Bewohner zu haben schien, ist auf einmal reich bevölkert,
die ganze Flut lebt. Große Scharen von Möven, Tauchern und Enten der
verschiedensten Gattungen schweben und fliegen kreuz und quer über das
Wasser hin oder sonnen sich, ruhig auf demselben schwimmend, um nur dann
aufzufliegen, wenn das Schiff nahe an sie herankommt. Große Heerden von
Seehunden folgen, wie in unsern Meeren die Delphine, hoch aus dem Wasser
herausspringend mit eleganten Sätzen dem Schiffe. Und trotz dieses Lebens
-- welche Grabesstille! Bei der herrschenden Windstille kann die Takelage
ihren uns so wohlbekannten Gesang nicht anstimmen; die spiegelglatte
Flut ist frei von dem Geräusch sich überstürzender Wellen, welches uns
sonst fast immer begleitet; alle Thiere gehen, ohne einen Laut von sich
zu geben, stumm ihrer Beschäftigung nach; alles ist stumm, denn auch vom
Lande her lassen weder Vögel noch anderes Gethier ihre Stimme vernehmen.
Diese sonntägliche Stille wird nur unterbrochen, wenn das Schiff in
zu große Nähe von Dampfschiffs-Enten kommt, welche in diesem Falle mit
geräuschvollem Geplätscher das Weite suchen.
Dieser Vogel kommt meines Wissens nur in den Gewässern der
Magelhaens-Straße vor; er gehört zu den Enten, ist klein, von sehr
zierlichem Bau und hat einen reizenden Kopf. Die Thierchen nehmen auf dem
Wasser dieselbe Stufe wie der Strauß auf dem Lande ein, d. h. sie können
nicht fliegen, sondern sind nur vorzügliche Schwimmer und Taucher. Wie
der Strauß beim schnellen Lauf seine kurzen Flügel mit benutzt, so thut
diese Ente dasselbe beim schnellen Schwimmen; wie die Schaufelräder eines
Schiffes schlagen die kleinen unentwickelten Flügel auf und in das Wasser.
Es sieht höchst possirlich aus, wenn sich eine Heerde dieser zierlichen
Thiere in schnelle Bewegung setzt. Die Köpfchen sind weit aus dem Wasser
gestreckt, die Flügel schlagen immer abwechselnd so schnell und kräftig
auf das Wasser, daß es hoch aufspritzt, von dem Arbeiten der Füße wird
das Wasser hinten ebenso wie von einer Schiffsschraube aufgeworfen. Sowol
aus diesem Grunde, wie auch wol wegen ihrer Schnelligkeit, hat man ihnen
ihren Namen gegeben; trotzdem wir mit 10 Knoten Geschwindigkeit gingen,
liefen uns diese kleinen plätschernden Dinger doch in ziemlich raschem
Tempo vorbei.
Hier will ich auch noch eines absonderlichen Vogels erwähnen, den wir
am 17. Januar an einer Stelle in der Magelhaens-Straße in großen Scharen
sahen. Es ist ein ganz kleiner Wasservogel von der Größe eines Sperlings
oder vielleicht besser gesagt der eines Reisvogels, weil er auch dessen
Farbe hat. Da man nicht gewohnt ist, so kleine Wasservögel zu sehen, so
kamen diese Thiere uns vollständig märchenhaft vor. Wir hatten uns kurz
vorher mit den riesigen Walfischen beschäftigt, hatten große Möven in
der Nähe, waren von mächtigen Gebirgszügen umgeben und sahen uns inmitten
dieser großartigen Natur, wo alles sich in großen Dimensionen hält, nun
plötzlich bei dem Einlaufen in einen großen Kessel von diesem kleinen
Volk umgeben, das wie die Heinzelmännchen in zauberartiger Schnelligkeit
das ganze Wasserfeld bedeckte und an der nächsten Ecke ebenso plötzlich
wieder verschwand. Höchst putzig sah es aus, wenn dieses winzige Gethier
von dem Schiffe aufgescheucht sich scharenweise gleichzeitig erhob, in
geschlossener Truppe einen großen Bogen abflog und dann plumps! wieder
regungslos auf dem Wasser saß, geradeso wie eine Heerde frecher Sperlinge,
welche von einem Kirschbaum aufgescheucht schnell und ohne weiteres
Besinnen sich auf dem nächsten niederläßt.
Als wir in das freiere Wasser einsteuern, steht vor uns fern am Horizont
dickes Gewölk, welches wol zu der Sorge berechtigt, ob uns das gute Wetter
erhalten bleibt. Bald wird in der verdächtigen Wolkenbank ein großes uns
entgegensteuerndes Schiff entdeckt, was mir zu der übermüthigen Bemerkung
Veranlassung gab, daß jetzt in Betreff des Wetters nichts mehr zu
befürchten sei, da es ja genug sei, wenn =ein= Schiff den Regen zu tragen
habe; denn ich konnte gar nicht daran glauben, daß das hier so seltene
herrliche Wetter nun auf einmal ein Ende haben sollte. Merkwürdig genug,
daß es wirklich so kommt. Um 7 Uhr morgens passiren wir unter trübem
Himmel dicht aneinander vorbei, um 8 Uhr schwimmen wir bereits wieder
unter wolkenlosem Himmel und erfreuen uns eines prächtigen, windstillen
Tages, während die amerikanische Corvette, mit welcher wir die übliche
Höflichkeitsform des Flaggenzeigens ausgetauscht hatten, in dickem Regen
hinter uns verschwindet. Da sich zur selben Zeit in unserer Nähe noch
ein kleines Segelschiff, welches wahrscheinlich auf Seehundsjagd ist,
befindet, so feiern wir ein gewiß seltenes Zusammentreffen in einer
Gegend, wo oft monatelang kein Schiff passirt. Gegen 10 Uhr vormittags,
nach Zurücklegung von etwa 30 Seemeilen seit dem Verlassen der Enge, rückt
das Land allmählich wieder zusammen, und bereits um 11 Uhr steuern wir in
den Wide-Kanal ein. Es ist dies ein 25 Seemeilen langer und 2-2½ Seemeilen
breiter Hohlweg, welcher durch fast senkrecht aus dem Wasser aufsteigende
nackte Felswände von etwa 300 m Höhe gebildet wird. Wie die ganze
Magelhaens-Straße mit ihren angrenzenden Kanälen reich an Ueberraschungen
ist, so stand uns auch hier eine bevor.
Mit dem Einlaufen in diesen Kanal kamen wir plötzlich in eine ganz andere
Welt. Die Landschaft, durch welche während der letzten Tage unser Weg
führte, hatte gewiß einen winterlichen Anstrich, die Temperatur war
verhältnißmäßig niedrig, so niedrig, daß wir trotz Sonne und Windstille
Winterkleider trugen; der empfangene Eindruck mahnte aber nicht an den
Winter, wir waren vielmehr uns dessen wohl bewußt, daß wir in dem Sommer
einer hohen Breite waren. Jetzt treten die schneebedeckten Gipfel zurück,
wir sehen nur die Felswände des Hohlwegs, welche ebenso wie die unter
Windstille liegende Flut von der vor und über uns im Mittag stehenden
Sonne warm beschienen werden; die Temperatur ist höher als während der
letzten Tage und hält sich auf 14° R.; wir befinden uns im Hochsommer
auf einer Breite, welche Heidelberg entspricht, sind heute auch leichter
bekleidet und trotzdem ist der Eindruck auf Auge und Gefühl eines jeden
von uns der eines schönen, sonnigen Wintertages. Die Umgebung bietet
nur wenig Abwechselung, und nur hin und wieder gestattet eine Schlucht
einen Blick auf die ferner liegenden Schneeberge. Wie im Schiffe so
herrscht überall sonntägliche Ruhe; einzelne hervortretende Punkte,
welche das Schiff in seinem gleichmäßigen raschen Laufe passirt, werden
zur Ortsbestimmung benutzt, die übrige Zeit gehört den Gedanken. Wo meine
Gedanken weilen ist nicht schwer zu errathen: in der Heimat bei Weib und
Kindern, welche nach ihrem Tageswerk jetzt wol beim Abendbrot sitzen.
Meine Augen ruhen ohne zu sehen und ohne sehen zu wollen auf dem vor uns
liegenden Bilde, das in seiner melancholischen Eintönigkeit den Menschen
abstößt und ihn auf seine Gedanken allein verweist. Ein schnurgerader
Hohlweg von solcher Länge, daß der Wasserhorizont noch vor den in weiter
Ferne für das Auge zusammenstoßenden Seitenwänden liegt, unter uns ein
schmaler Streifen blau-grauen spiegelglatten Wassers, zu beiden Seiten
nackte und düster gefärbte Felswände von gleicher Höhe, über uns ein
schmaler Streifen des wolkenlosen Himmels und in diesem die heißstrahlende
Sonne. Auf solcher Scenerie kann das Auge wol ruhen ohne zu sehen, und
doch ist plötzlich der Blick gefesselt, meine Gedanken kehren zum Schiffe
zurück. An der Wassergrenze vor uns tauchen weiße Flecken auf, welche in
grellem Contrast zu der hinter dem Horizont liegenden dunkeln Felsenwand
stehen; wir sind in dem Kanal, welcher häufig Treibeis haben soll, und die
neue Erscheinung kann nur Eis sein. Mit unserm Vorschreiten verwandeln
sich denn auch die Flecken in Eisschollen, und bald läuft das Schiff
in ein großes Eisfeld hinein, wirft die kleinen Schollen zur Seite,
geht den großen aber vorsichtig aus dem Wege. Der ganze Kanal ist hier
mit Treibeis der verschiedensten Formation bedeckt; einige Stücke sind
krystallklar, andere milchig; die große Mehrzahl allerdings hat die schöne
hellgrün-blaue Farbe der Gletscher. Einzelne dieser in phantastische
Formen zusammengeballten Eisschollen sind kleine Eisberge von 6-10 m Dicke
und wahre Prachtstücke in Bezug auf Formen und Schönheit ihrer Farben; ja
sie suchen mit dem Glanz eines Edelsteins zu wetteifern, sobald sie von
den Strahlen der Sonne getroffen werden.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das uns umgebende Eis sich von
einem in der Nähe befindlichen Gletscher losgelöst hat; wir finden diesen
auch bald in einer großen Bucht, welche er von den Bergen herunterkommend
ganz mit Eis angefüllt und dieses in einer gewiß 5 m dicken Lage bis an
den Hauptkanal vorgeschoben hat. Da wir nach Passirung dieses Gletschers
kein Eis mehr im Wasser finden, so muß er naturgemäß auch die Quelle der
treibenden Eisfelder gewesen sein.
Um 2½ Uhr nachmittags läuft das Schiff rechts in den Eiskanal ein und um
3½ Uhr mit einer scharfen Wendung nach links in den von hohen Felsen eng
eingeschlossenen Grappler-Kanal. In den Eiskanal mündet ein 40 Seemeilen
langer Sund, welcher, von ausgedehnten Gletschern umgeben, jedenfalls
infolge der dort lagernden kolossalen Eismassen die Ursache ist, daß in
dem Eiskanal eine von dem Sund herkommende regelmäßige kalte Luftströmung
beobachtet wird, wegen welcher er seinen Namen erhalten hat. Als wir in
den Eiskanal einsteuern, kommt uns ein leichter kalter Wind entgegen, die
Temperatur fällt um 1,2° und steigt sofort wieder um 1,5°, sobald wir von
hier in den Grappler-Kanal einlaufen.
Kurz nach 5 Uhr dampft die „Ariadne“ in eine Straße ein, die so voll
sichtbarer und blinder Klippen ist, daß die größte Vorsicht nothwendig
wird; die Fahrt des Schiffes wird daher sehr vermindert, um ein
eventuelles Auflaufen auf eine Klippe nach Möglichkeit unschädlich zu
machen. Hier im Indian-Kanal strandete auch vor Jahresfrist ein deutscher
Dampfer.
Endlich finden wir auch Gelegenheit, den Seehund dieser Gewässer, welcher
wegen seiner Größe gewöhnlich wol Seelöwe oder richtiger Seebär genannt
wird, aus nächster Nähe in seiner Freiheit zu beobachten. Zwischen
den vielen über Wasser liegenden Klippen, an welchen wir jetzt dicht
vorbeidampfen, hausen ganze Heerden dieser Thiere, zeigen keinerlei
Scheu vor dem Schiffe und lassen sich durch dasselbe nicht in ihrer
Beschäftigung stören. Etwa 200 Schritt von uns entfernt wälzt sich im
wahren Sinne des Wortes eine große Heerde in dem flachen Wasser, welches
die Klippen umgibt, während ein kleineres Rudel, neugierig nach dem
Schiffe hinsehend, unbeholfen auf den Klippen herumkriecht und kleine
Trupps sich in tiefem Wasser und auch dicht beim Schiffe herumtummeln.
Die in dem flachen Wasser spielenden Thiere bilden einen großen Knäuel
von Köpfen und Schwänzen, da sie wegen der zu geringen Wassertiefe immer
mit einem Theil ihres Körpers aus dem Wasser hervorschnellen müssen;
die in dem tiefen Wasser befindlichen Thiere wetteifern, wie schon
früher beschrieben, mit der Kunstfertigkeit der Tümmler; mit gekrümmten
Rücken springen sie hoch aus dem Wasser hinaus und in elegantem Bogen
wieder hinein. Waren wir vorher über die Identität dieser Thiere noch
im Zweifel, trotzdem wir den Seehundskopf mit dem Fernrohr deutlich
erkannt hatten, so mußten jetzt alle Zweifel schwinden; diese gelenkigen
und eleganten Wasserbewohner sind dieselben Seehunde, welche auf den
Klippen so grenzenlos plump und ungeschickt sind. Hier will ich noch
anführen, daß der Seehund der Magelhaens-Straße, welcher den unsrigen so
sehr an Körpergröße übertrifft, sich von diesem noch dadurch wesentlich
unterscheidet, daß er ebenso neugierig wie dieser scheu ist. Auf
diese stark ausgebildete Neugierde haben auch die Robbenschläger ihr
eigenthümliches Jagdsystem gegründet. Sie betreiben die Jagd nur in
kleinen Fahrzeugen, mit welchen sie dicht an und zwischen die Klippen
kommen können. Werden sie nun einer Seehundsheerde ansichtig, dann steuern
sie direct auf dieselbe los und machen dabei mit Pauken und Gongs so
starken Lärm als sie überhaupt hervorbringen können, während ein Theil
der Besatzung mit Repetirgewehren zum Schuß bereit steht. Der Seehund
läßt sich merkwürdigerweise von dem ankommenden lärmenden Fahrzeuge
nicht verjagen, sondern die ganze Heerde sammelt sich auf den Klippen,
um das kuriose Ding, was da ankommt, anzuschauen, und gibt den Jägern so
Gelegenheit, aus nächster Nähe so viele von ihnen niederzuschießen, als
Patronen in den Gewehren vorhanden sind.
Um 7 Uhr abends langt das Schiff vor dem schwierigsten Theil unserer
ganzen Kanalfahrt an. Wir stehen dicht vor der berüchtigten Enge ('English
narrows'), welche allein viele Schiffe abhält diese Kanäle zu benutzen
und in jedem Neuling ein wahres Grauen hervorbringen muß, da alle
Bücher Vorsicht über Vorsicht empfehlen und mündliche Nachrichten mit
Achselzucken begleitet werden, als ob der Berichterstatter sagen wolle:
„Versuchen Sie es, es geht, ich übernehme aber keine Verantwortung.“
Mit einem chilenischen Corvetten-Kapitän und dem deutschen Kapitän eines
chilenischen Dampfers, welch letzterer erst vor wenigen Tagen dort mitten
zwischen Klippen gelegen hatte und es nur einem glücklichen Zufall
zuschrieb, daß er ohne Schaden wieder freikam, hatte ich gesprochen.
Beide führten nur kleine Schiffe und hielten die Passage schon für
sehr bedenklich. Neuerdings ist sie auch den Postdampfern von ihren
betreffenden Gesellschaften verboten worden, und doch kann es nicht so
schlimm sein, da sie von englischen, französischen und amerikanischen
Kriegsschiffen jeder Größe schon benutzt worden ist und noch benutzt wird.
Hier tritt nun einer jener Momente ein, welche im Seeleben häufiger
vorkommen, als man vielleicht gemeinhin annimmt. Ein Moment, in welchem
der Commandant eines Kriegsschiffes etwas wagen muß, was ihn in Conflict
mit dem Strafgesetz bringt, sobald das unternommene Manöver unglücklich
ausfällt. Die mit der Stellung verknüpften Pflichten sind aber höhere
und verlangen die Uebernahme einer Verantwortung, welche man ablehnen
könnte. Denn wie sollen die Offiziere die wirkliche Leistungsfähigkeit
des Schiffes kennen lernen, wenn sie nicht Proben von derselben gesehen?
Wie soll die Mannschaft das für den Moment der wirklichen Gefahr durchaus
nothwendige Vertrauen zu ihrem Commandanten und ihren Offizieren erhalten,
wenn sie nicht vorher schon gesehen hat, daß ihre Befehlshaber auch in
schwierigen Lagen ihrer Aufgabe gewachsen sind?
Vor uns liegen durch eine kleine Insel getrennt zwei Passagen, die linke
nahezu 300 m breit und frei von Untiefen, die rechte nur 70 m breit und
durch eine unter Wasser liegende Sandbank so eng gemacht; mithin doppelt
gefährlich, weil man den Feind nicht sehen kann. Auch liegen jenseit der
engern rechten Passage Klippen in so geringer Entfernung, daß das Schiff
gleich hinter der Passage fast auf der Stelle drehen muß, während die
linke Seite einen bequemen Bogen gestattet. So sollte man meinen, daß
zweifellos die linke Passage zu wählen ist, und doch neigt sich aus den
vorher angegebenen die Wagschale nach der rechten Seite.
Mir ist höchst unbehaglich zu Muthe, denn es ist ein eigen Ding mit der
Verantwortung über ein Kriegsschiff. Mein Herz pulsirt schneller -- jetzt
muß es kommen. Mit einem kleinen Bogen sind wir plötzlich vor einem aus
vielen kleinen Inseln bestehenden Inselgewirre, welche sich an hohe,
die Natur hier abschließende Bergketten anlehnt. Die Sonne steht schon
so tief, daß sie die Schatten der Berge auf die Fluten wirft, wodurch
alles vor uns Liegende, die Inseln, der auf den Klippen wachsende Seetang
und das Wasser, eine übereinstimmende dunkelgrüne Farbe erhält: eine
Beleuchtung, welche jede Distanzschätzung außerordentlich erschwert.
Das Schiff dringt ganz langsam vorwärts; alles was gehen kann, ist auf
Deck und lugt über die Brustwehr, um die Fahrt durch dieses Labyrinth
mitanzusehen; die Offiziere schauen mehr nach der Commandobrücke als
nach der Umgebung; ich blicke nach der noch 1½ Seemeilen entfernten
kleinen Insel aus, welche als Wegweiser dient, und suche sie weit ab.
Die Beleuchtung mahnt zur Vorsicht, die Insel ist in der Ferne nicht zu
sehen, der scheinbar vor uns liegende kleine Humpel kann sie nur sein.
Hier heißt es schnell und entschieden handeln; die kleinste Verzögerung
kann die bedenklichsten Folgen haben. Der Mann, welcher eine Secunde
vorher mit gebeugtem Kopfe unruhig und sorgenvoll auf der Commandobrücke
hin- und hertrippelte, ängstlich nach der Karte schaute und dann wieder
das umliegende Land studierte, fühlt jetzt seinen Herzschlag nicht mehr,
die Beklemmungen sind geschwunden, er steht mit gehobenem Kopfe, gibt
ein kurzes Commando nach dem Ruder, ein Avertissement nach der Maschine
und ruft sorglos lachend den Offizieren zu: „Meine Herren, passen Sie
auf, wie das Schiff sich durchzwängen wird!“ Das Ruder wird gedreht,
der Bug wendet sich nach rechts, nach dem Fahrwasser, wo die Besatzung
sehen kann, was ein gutes Schiff zu leisten vermag. Wir laufen so dicht
an der kleinen Insel vorbei, daß die Raaen über dem Lande hängen; die
Schiffsseite ist nur 3-4 m von der steinigen Küste entfernt, die Zweige
der überhängenden Bäume können fast von dem Schiffe aus erreicht werden.
Die Insel ist nur klein, viel Zeit zum Nachdenken ist nicht gegeben; noch
während das Schiff an der Insel liegt, muß das Ruder schon gedreht werden,
um sobald das Hinterschiff frei von der Küste ist, seine volle Kraft zur
Geltung bringen zu können. Alles geht schnell und concentrirt sich auf
Augenblicke; die Maschine erhält den Befehl, mit voller Kraft zu gehen,
noch ehe das Schiff frei ist, hier müssen aber die Secunden, welche bis
zur Ausführung des Befehls verstreichen, mit in Berechnung gezogen werden.
Die Maschine schlägt mit voller Kraft an, das Schiff dreht sich wie ein
Kreisel, das Ruder wird zurückgelegt und das Schiff schießt an den Klippen
vorbei, um nach wenigen Minuten einen gleich scharfen Bogen zurückzumachen
und dann in freiem Fahrwasser nach dem naheliegenden Hafen zu dampfen.
Freies Fahrwasser? Unter gewöhnlichen Umständen würde man hier stets
einen Lootsen nehmen, wenn man einen bekommen könnte, und würde nur mit
langsamer Fahrt gehen. Nach dem, was heute hinter uns liegt, ist jedoch
das vor uns liegende Fahrwasser so frei, daß es mit Volldampf nach dem
Gray-Hafen geht, wo um 8½ Uhr abends unter einer dicht bewaldeten 6-700 m
hohen Felsenwand geankert wird.
Es ist ein wahrhaft poetischer Abend. Vor uns liegt die mit dichtem Urwald
bestandene hohe Felsenwand, welche das Himmelsgewölbe zu berühren scheint,
sie sendet uns lange nicht mehr genossenen Blumenduft entgegen. Eulen
lassen ihr geisterhaftes Geschrei vernehmen; mehrere über Felsen steil
herabfallende Bergbäche ergießen sich mit einschläferndem Gemurmel in
den Hafen, welcher, trotz der noch hellen Dämmerung, von der sich in den
Fluten spiegelnden Felsenwand schon in dunkle Schatten gelegt ist. Zur
Rechten öffnen sich die Berge und gestatten einen Blick auf einen weit
abliegenden schneebedeckten hohen Vulkan, dessen Gipfelgestalt deutlich
einen Krater erkennen läßt und dessen Schneedecke, wol durch übergestreute
Asche, grau gefärbt ist. Hinter uns wird der Hafen durch eine niedrige
dicht bewaldete Landzunge abgeschlossen, und über diese hinweg blickt
das Auge auf einen von hohen Bergen eingeschlossenen, in tiefem Schlaf
liegenden Alpensee, in welchem mit Genugthuung die Stelle erkannt wird,
welche vor einer Stunde mit so banger Sorge passirt werden sollte und mit
so frohem Gleichmuth passirt worden ist. Köstlicher Friede lagert über
diesem anziehenden, in großartiger Ruhe daliegenden Bilde. Wir wissen, daß
wir Hunderte von Meilen von menschlichen Ansiedelungen entfernt sind, daß
wir, ebenso wie während der letzten Tage, uns in vollkommenster Einsamkeit
befinden, und doch ist es hier anders -- die Natur lebt, Blumenduft,
Vogelstimmen und plätschernde Waldbäche athmen ein Leben aus, welches
dem Menschen das Gefühl des vollständigen Verlassenseins benimmt und
der Umgebung einen Zauberreiz verleiht, welcher sich wol empfinden aber
nicht beschreiben läßt. Dieser kleine Hafen, welcher mit seinen Reizen
zum Bleiben einladet, soll der letzte Halteplatz in diesen Straßen sein
und ich habe für denselben einen Aufenthalt von drei Tagen in Aussicht
genommen. Das noch vor uns liegende Fahrwasser bis zur freien See ist
einfach und klar, alle schwierigen Stellen liegen hinter uns, die Distanz
bis zum Ocean ist so gering, daß ein überfrühes Aufstehen nicht mehr
nöthig wird; so kann ich also mit dem Bewußtsein zu Bett gehen, daß die
Strapazen ihr Ende erreicht haben und einige Tage wohlthätiger Ruhe vor
mir liegen.
Schon früh am Tage am 21. geht ein Theil der Mannschaft zum Holzfällen
an Land. Ich beabsichtigte nach dem Frühstück auf den nächstgelegenen
höchsten Berggipfel zu steigen, um von dort einen freiern Ueberblick
über dieses noch so wenig erforschte, eigenthümlich wilde Land zu
erhalten. Eine nähere Untersuchung ließ indeß alle Hoffnung schwinden.
Die Bergwände sind so steil, daß sie nur mit Lebensgefahr und dann
auch erst nach mehrtägiger Anstrengung zu erklimmen sind; daneben sind
sie mit so dichtem Urwald, Gestrüpp und Schlingpflanzen bedeckt, daß
ein Versuch, ohne Gebrauch der Axt nur wenige Schritte vorzudringen,
als unausführbar aufgegeben werden muß. Ich entschließe mich daher,
einen andern in Aussicht genommenen kleinen Ausflug zur Ausführung zu
bringen. Einige Offiziere schließen sich an und bald sind wir in zwei
Booten unterwegs. Von dem Hafen aus gelangen wir in einen Süßwassersee
von einer Seemeile Ausdehnung, welcher sein Wasser von einem kleinen
Fluß erhält, der wiederum von einem großen Wasserfall gespeist wird,
welcher das Schneewasser von den Bergen in das Thal führt. Der See ist
in Uebereinstimmung mit dem Charakter des ganzen Landes mit kleinen
bewaldeten Inseln angefüllt, zwischen welchen einige Taucher hin-
und herfliegen. Bald gelangen wir in den kleinen Fluß, wo auf den mit
saftigem Laub bedeckten Ufern sich über hochrothen Blumen Schmetterlinge
wiegen, ein vereinzelter Kolibri umherschwirrt und aus dem Gebüsch einige
Papagaien ihre heisere Stimme vernehmen lassen. Auch finden sich hier
die gemeine Pferdefliege sowie eine kleine schwarze Stechfliege ein und
lechzen nach unserm Blute. Nach einer weitern Viertelstunde langen wir
an dem schönen, zwischen Felsen aus dichtem Baumgewirre sich ergießenden
Wasserfalle und damit an dem Ende unserer Fahrt an, da der Urwald ein
weiteres Vordringen unmöglich macht. Eine leere Sardinenbüchse und
ebensolche Mixed-Pickles-Flasche sind die einzigen menschlichen Spuren in
dieser Wildniß.