dann einen Blick in dieses eigenartige Gebirgsland, das noch im
Hochsommer seine ewig starren Gletscher bis zum Meeresrand hinabsendet
und gleichzeitig den an die Tropensonne gewöhnten Zugvögeln ein
begehrenswerthes Asyl gewährt. Der Grundton des sich entrollenden Bildes
ist Grau in Grau: eine grau erscheinende Wasserfläche als Vordergrund,
graues Gewölk als Hintergrund. Aus diesem unbestimmbaren, farblosen
und doch auf das Auge so mächtig wirkenden Grundton treten riesige
Steinmassen, tiefschwarz gefärbte oder mit einer blendenden Schneedecke
überzogene hohe Berge mit ihren entschiedenen und wilden Contouren scharf
heraus. Das massige Unterland entsendet ungezählte scharfgeschnittene
Pics in die Lüfte, welche bei annähernd gleicher Höhe scheinbar ganz
willkürlich theilweise mit ewigem Schnee überzogen sind, theilweise mit
vollkommenster Nacktheit prahlen und ebenso allen Unbilden des Wetters
trotzen, wie die an ihrem Fuß lebenden Eingeborenen, mit welchen sie so
große Charakterähnlichkeit haben. Zwischen jenen blendend weißen, zart
überhauchten Berggipfeln und diesen schwarzen rauhen Gesellen liegen
in tiefen unheimlichen Schluchten große, in ihrer ganzen Ausdehnung wol
noch von keinem Menschenauge berührte Schneefelder, welche sich bis zum
Meeresspiegel, bis dicht an die vorbeipassirenden Schiffe hinabsenken
und auf ihrer Wanderung dahin sich allmählich aus duftiger Schneedecke
von dem reinsten Weiß in starrende zerklüftete Gletscher von heller,
bläulich-grüner Farbe umbilden, deren Mächtigkeit nach unserer Schätzung
5-8 m beträgt. Und neben diesen Gletschern findet das Auge an geschützten
Stellen die üppigste Vegetation, den Urwald in seiner ganzen Schönheit
mit seinen herrlichen Laubkronen, seinen Schlinggewächsen, Parasiten,
elastischen Moosdecken und farbenprächtigen Blumen, über welchen in
denselben Sommermonaten, die den nebenliegenden Schnee nicht zu schmelzen
vermögen, nach glaubwürdigen Berichten die Kolibris über den Blumenkelchen
schwirrend ihr Vernichtungswerk gegen die Insekten betreiben. Weiterhin
öffnet sich die Wasserstraße, das Land tritt zurück, und man glaubt auf
einem großen Binnensee zu sein, welcher keinen Ausgang zeigt. Einige
Inseln vor uns scheinen den Abschluß zu bilden, auf diese ist der Bug des
Schiffes gerichtet. Dort angekommen geht das Schiff in scharfem Bogen um
eine derselben herum und läuft in einen von hohen Felswänden gebildeten
Hohlweg ein. Der größte Theil der Straße behält jetzt den Charakter eines
Hohlwegs von vorherrschend enormen Dimensionen.
Während der Fahrt versucht ein Boot mit Feuerländern das Schiff zu
erreichen, jedenfalls um gegen Bogen, Pfeile und Felle andere Sachen,
Taback und Eßwaaren einzutauschen. Da es die ersten Eingeborenen sind,
welche wir zu Gesicht bekommen, so entsteht eine allgemeine Aufregung in
dem Schiffe; die Offiziere drängen mich, auf das Boot zu warten, ich kann
ihnen aber, so groß auch meine eigene Neugierde ist, nicht willfahren,
da das Reiseprogramm in so enge Grenzen gezogen ist, daß ein kleiner
Aufenthalt das ganze Gebäude umwerfen kann. Ich lasse indeß das Schiff an
das Boot heranscheeren, um es dicht zu passiren und so einen flüchtigen
Blick zu erhalten. Zwei junge nackte Männer führen die Ruder, eine nackte
Frau das Steuer, die übrigen Insassen, mehrere Erwachsene und eine größere
Zahl kleiner Kinder sitzen oder vielmehr kauern in der Mitte des Bootes,
wo auch auf Steinen das nie fehlende Feuer unterhalten wird. Alle zusammen
schreien und heulen, mit den Armen gestikulirend, aus Leibeskräften, um
das Schiff zum Anhalten zu bewegen, aber wie schon erwähnt ohne Erfolg.
Abends 8 Uhr scheint es mir doch zweifelhaft, daß wir vor Eintritt der
Nacht den als Ziel gesetzten Hafen noch erreichen können; die Entfernung
ist zwar nicht zu groß, aber vor uns sieht es so dick und drohend aus
und der Seegang nimmt in der nun nach dem Stillen Ocean hin offenen
Straße so merklich zu, daß ich mich entschließe, nach dem kleinen
Hafen Port Angosto, welchen wir vor einer Viertelstunde passirt haben,
zurückzulaufen. Der Eingang, keine 40 m breit, ist bald gefunden, und
die „Ariadne“ geht, oft nur wenige Fuß von den Klippen entfernt, durch
eine schmale Gasse in einen Kessel, welcher gerade genug Platz bietet,
daß das Schiff ohne den Grund zu berühren sich vor dem Anker drehen
kann. Die steilen Bergwände sind dicht bewaldet, einige kleine und ein
größerer Wasserfall ergießen mit anheimelndem Geplätscher das geschmolzene
Schneewasser von den Höhen hinab. Der Abend ist schön und ruhig, aber ohne
Anziehungskraft für einen Mann, welcher 19 Stunden auf der Commandobrücke
zugebracht hat und nach Verlauf von 5 Stunden Ruhe wieder dahin berufen
wird, um das eben überstandene Tagewerk noch einmal durchzumachen.
Abends ging ich gleich, nachdem ich schnell einige Bissen zu mir genommen
hatte, zu Bett, um sofort in einen tiefen traum- und bewußtlosen Schlaf zu
verfallen. Um 2½ Uhr morgens wurde ich wieder geweckt -- ein kritischer
Moment. Niemand kann mich hier zur Eile treiben, mir vorschreiben, an
diesem Tage weiter zu gehen oder eine so große Distanz abzulaufen, wie
ich sie mir gesteckt habe; auch zwingen mich die natürlichen Verhältnisse
nicht zu einem so großen Pensum, da in den vor uns liegenden Kanälen alle
20-30 Meilen Häfen zu finden sind. Durch das Wetter begünstigt habe ich
an dem gestrigen Tage ein besonders großes Stück Weg zurückgelegt, ich
bin über alle Begriffe müde -- ein Wort und der Aufbruch wird verschoben
oder ganz aufgehoben. Der Gedanke „beschleunigte Segelordre“ durchzuckt
traumhaft mein Hirn und -- „Reveille und Ankerlichten“ ist die Antwort
auf den vielleicht schon mehrmals wiederholten Weckruf. Ich verlasse
mein Lager, mache unter Absehung von dem gewohnten kalten Bade die den
Verhältnissen entsprechende Toilette, nehme schnell ein warmes Frühstück
ein, welches mein vortrefflicher, aber im Punkte des Schlafens sonst
unverbesserlicher Diener heute ausnahmsweise schon bereit hat, und stehe
nach 15 Minuten auf der Brücke, um in dem Dunkel der noch herrschenden
Nacht die meinem Ruf willig gehorchende „Ariadne“ aus diesem kleinen
Felsenlabyrinth hinaus in ein 500 Meilen langes hineinzuführen. Die
Nachtluft ist kalt; die todten Bergmassen, von welchen her kein Ton
eines lebenden Wesens zu hören ist, werfen tiefe Schatten auf die unter
Windstille regungslos daliegende schwarze Flut und machen es unmöglich,
die schwarze Wasserfläche von dem schwarzen Lande zu unterscheiden.
Nichts ist zu hören als das dumpf nach oben schallende Arbeiten der
rastlosen mächtigen Schiffsmaschine und das monotone Rauschen des von dem
Schiffsbug aufgeworfenen Wassers, nur ab und zu unterbrochen von einem
kurzen Rudercommando aus meinem Munde, welches von den Leuten am Ruder
ebenso kurz erwidert wird. Die durchbrechende Tagesdämmerung nimmt dieser
Fahrt bald das Geisterhafte des Anfangs. Zur Linken liegt die jetzt schon
breite westliche Oeffnung der dort ihr Wasser mit dem des Stillen Oceans
bereits mischenden Magelhaens-Straße; vor uns öffnet sich der Smyth-Kanal,
in welchen unser Weg uns führt, theilweise noch versteckt im Morgendunst,
welcher auch das umliegende Land verhüllt. Eine halbe Stunde später --
die Sonne bricht mit einzelnen Strahlen durch die Wolken, gewinnt immer
mehr an Macht, hat bald die Nacht- und Morgennebel verzehrt und beschert
uns einen selten schönen Tag. Der über 1800 m hohe Mount Burney erhebt
sich als regelmäßiger Kegel mit abgestumpfter Spitze, welche jedoch
mit mehrern kleinen Pics geziert ist, majestätisch aus einer Ebene, die
halbkreisförmig von einem hohen Gebirgszuge umrahmt ist, dessen Gipfel in
ungezählte schneebedeckte Pics auslaufen. Die jetzt durch den wolkenlosen
Aether ungehindert durchstrahlende, noch tiefstehende Sonne übergießt das
vor uns liegende Bild mit einem seltenen Duft. Die in goldigem Schimmer
erglänzenden Lichtseiten der untern Partien heben sich nur unmerklich von
den Schattenseiten ab, da die Sonne kurz nach ihrem Aufgange nur zarte
Schatten zu erzeugen vermag. Die von ihrer erhabenen Höhe aus weithin
strahlenden jungfräulichen Gipfel spiegeln die Färbung des Aethers wieder
und schimmern in einem fast ins Weiße übergehenden duftig zarten Grün.
Die höher steigende Sonne bringt uns einen prachtvollen, windstillen und
wolkenlosen Sommertag, wie er für eine Vergnügungsreise nicht schöner
gewünscht werden könnte. Die Fahrt geht rastlos weiter, immer neue Bilder
vor uns aufrollend, enge Hohlwege, Klippenstraßen, mit Inseln gezierte
Alpenseen, freiere Passagen, welche den Blick weiter schweifen lassen
-- nur eins bleibt bis gegen Abend unverändert, das ist der herrliche
Mount Burney, welcher über alles hinwegragend in fortwährend wechselnder
und immer erhebend schöner Umgebung uns den Anblick seiner edeln Gestalt
gönnt.
Es ist zwecklos, auf die Fahrt dieses Tages näher einzugehen, da jede neue
Schilderung doch nur eine Wiederholung sein würde; aber ein uns an diesem
Tage in der Collingwood-Straße und dem Sarmiento-Kanal noch gebotener
Blick auf diese große Natur verdient doch besondere Beachtung. Das Bild
war das schönste unserer ganzen bisherigen Reise und von so großartig
wilder Schönheit, wie sie schwerlich in irgendeinem Theil unsers Erdballs
wiedergefunden wird. Obwol meiner Schwäche bewußt, will ich dennoch
versuchen, eine oberflächliche Skizze dieses erhabenen Naturbildes zu
entwerfen.
Vor uns und zu unserer Rechten liegen die Sarmiento-Cordilleren, zwei
regelmäßig hintereinander gereihte Gebirgsketten von etwa 25 Seemeilen
Länge und 1000-1500 m Höhe. Die uns zugekehrte vordere Kette steigt direct
aus dem Wasser auf, die zweite liegt so weit verschoben hinter der ersten,
daß man einen ziemlich weiten Blick in das von den beiden Bergzügen
gebildete Thal erhält. Die vielen Gipfel dieser mächtigen malerischen
Bergreihen streben in schönen und edeln Formen zu dem reinen Blau des
Himmelsgewölbes empor und sind mit ewigem, tadellos weißen Schnee bedeckt,
welcher nach unten hin unmerklich sich verändernd allmählich Gestalt und
Farbe eines Gletschers annimmt, sich auf den Thalseiten bis zur Thalsohle
hinabsenkt und dort ein ebenso unwegsames Eisfeld bildet, als die mit
Wasser angefüllten Thäler der tieferliegenden Bergketten dem Menschen
nutzbare Wasserstraßen bieten. Zu unserer Linken liegen niedrigere, steile
und nackte Felswände, und vor denselben dicht bewaldete Inselgruppen
mit saftigen, frischgrünen Bäumen, zwischen denen farbenreiche Blumen
hervorlugen. Dieses von der warmen Sonne mit einem eigenen Reiz
übergossene Bild erhält seinen würdigen Abschluß durch den Mount Burney,
welcher, seine Umgebung weit überragend, sich in unserm Rücken aus der von
ihm beherrschten Ebene, die mit Ausnahme der uns zugekehrten Seite jetzt
vollständig von hohen schneebedeckten Gebirgszügen umrahmt ist, gigantisch
emporhebt und in seiner majestätischen Größe das um ihn liegende gezackte,
mit unendlich vielen kleinen Pics gekrönte Berggewirre verspottet. Dieser
ausgezeichnete Berg, welcher nur ein riesengroßer Kegel ist, aber durch
seine einfachen edeln Linien alles Plumpe von sich weist und voll Grazie
nach dem unendlichen Weltall zeigt, muß auf dieser Erde einzig in seiner
Art sein und kann wol als ein würdiges Denkmal der urkräftigen Allgewalt
der Weltenschöpfung angesehen werden. Der in Japan auf der Insel Nipon
liegende und als heilig verehrte Berg Fusijama, welcher wegen seiner
reinen Formen einen hohen ihm auch gebührenden Ruf genießt, kann sich
in Bezug aus großartige Schönheit mit diesem Mount Burney nicht messen
und muß nach meinem Geschmack, trotz seiner doppelten Höhe, vor seinem
hiesigen Rivalen zurücktreten.
Abends gegen 9 Uhr, nach einem herrlichen, an Naturgenuß so reichen
Tage ankern wir in Puerto-Bueno, dem Hafen, welcher bei Aufstellung des
Reiseprogramms als Ziel des zweiten Tages in Aussicht genommen war;
wir haben somit die am gestrigen Tage verlorenen 20 Seemeilen wieder
eingeholt. Der kreisförmige kleine Hafen Puerto-Bueno, in welchen man
durch eine schmale Oeffnung einsteuert, bietet gerade ausreichenden Platz
für ein großes Schiff und ist rundherum von niedrigem Land eingeschlossen.
Er weist einen außerordentlichen Fischreichthum auf; auch kommt eine
eßbare sehr schmackhafte Muschel, welche wol mit der Kieler Mießmuschel
verwandt ist, häufig vor und kann bei Niedrigwasser ohne weitere Mühe in
großen Massen eingesammelt werden. So brachten vier Mann in einer halben
Stunde ein ausreichendes Gericht für die 200 Köpfe zählende Besatzung des
Schiffes zusammen. In zwei dicht aufeinander folgenden Fischzügen in einer
kleinen Bucht von etwa 12 m Breite und 10 m Tiefe des Hafens wurden mit
jedem Zuge in dem Netze je 120 Fische im Totalgewicht von 105 resp. 108 kg
gefangen. Die große Mehrzahl der Fische bestand aus vorzüglichen fetten,
bis zu 1¾ kg schweren Makrelen, der Rest aus einer Lachsforellenart bis
zu 2¾ kg Schwere. An der einen Seite des Hafens mündet cascadenartig
über Felsblöcke hinwegspringend ein Wasserlauf, welcher sich aus einem
dicht dahinter liegenden Süßwassersee ergießt. Leider ist das Wasser aber
wegen des moorigen Bodens im See schlecht und zum Trinken nicht recht
geeignet. Eine Recognoscirung des Sees, welche mit einem beschwerlichen
Wege durch den Urwald, über umgefallene Baumstämme und große Felsblöcke,
über Moosdecken, in die man oft bis unter die Arme einsinkt, durch dichtes
Gestrüpp u. s. w. verbunden ist, ließ uns auch die Spuren und die Losung
von Guanacos auffinden. Natürlich wurde in der nächsten Nacht von den
Jägern ein Jagdzug unternommen, um womöglich eins dieser seltenen Thiere,
welche zwischen dem Kamel und dem Lama liegen und ein vielbegehrtes
schönes Fell haben, zu erlegen, doch verlief die Jagd resultatlos.
Dieser Tag verschaffte uns auch die interessante Bekanntschaft mit einer
Indianerfamilie. Einer der hier gebräuchlichen großen, aus drei Bretern
zusammengesetzten Kähne kam in der gewöhnlichen Weise längsseit des
Schiffes, d. h. zwei Männer ruderten, eine Frau steuerte und die übrigen
Personen hockten in der Mitte. Der ganze Inhalt des Boots bestand aus
folgenden Personen: ein älterer Mann, durch ein weißbemaltes Gesicht als
Familienhaupt gekennzeichnet; zwei ältere Frauen, jedenfalls die Gattinnen
des Häuptlings; ein Mann von etwa 25 Jahren; ein halbwüchsiger auffallend
hübscher Bursche von 16-17 Jahren; ein ebenso hübsches gleichalteriges
Mädchen oder junge Frau, dem Burschen wie aus dem Gesicht geschnitten;
ein Junge von 12-13 Jahren; 5 oder 6 Kinder zwischen 5 und 10 Jahren.
Sämmtliche Personen waren von dunkler Kupferfarbe, mit einer dicken
Schmutzkruste überzogen, hatten hübsche regelmäßige Gesichter, schöne
sanfte dunkle Augen, großen Mund und waren von guter Mittelgröße. Die
Körperformen der Männer waren gut; die Frauen hatten schöne Nacken und
Schultern, schöne Arme, Hände und Fingernägel, und wußten Arme und Hände
mit Grazie zu gebrauchen. Der Leib der Frauen war stark, die Hüften
traten nicht hervor, waren daher ohne jede Taille, die Oberschenkel
waren auffallend schwach, Unterschenkel und Füße jedoch wohlgeformt. Die
Brüste der ältern Frauen hingen lang und schlaff herab, die des jungen
Frauenzimmers dagegen waren sehr üppig, aber doch nicht so fest wie es
ihrem Alter zukam. Der Leib des jungen Frauenzimmers war sehr stark, es
blieb aber fraglich, ob dies ein Zeichen noch großer Jugend war, da der
Leib aller Kinder infolge der mangelhaften Ernährung (die Leute leben
nur von Fisch, Kräutern und einer bestimmten Erdart) stark aufgetrieben
war. Die tiefschwarzen Haare waren nicht gepflegt, struppig, reich mit
Ungeziefer bevölkert und bei beiden Geschlechtern gleich lang bis auf
die Schultern herabreichend; Bartwuchs fehlte bei den Männern ganz. Der
Häuptling trug ein Seehundsfell auf dem Rücken und eins um die Hüften
geschlungen, die andern Personen hatten gleichmäßig nur ein Fell auf dem
Rücken und waren sonst ganz nackt, den kleinsten Kindern fehlte auch das
Rückenfell.
Gleich nach ihrer Ankunft begann das Tauschgeschäft. Für eine Cigarre,
etwas Taback, ein Stück Brot oder eine Schachtel Zündhölzer wurde aus dem
Boot eine aus Seehundsknochen gefertigte Lanzenspitze, ein ebensolcher
Dolch oder ein Albatros-Schnabel hinaufgereicht. Geschenkt nehmen diese
Leute, solange sie noch etwas zu geben haben, nichts, sondern reichen
für jede Gabe, wenn sie auch als Geschenk bezeichnet wird, einen Ersatz
hinauf und ruhen nicht eher, als bis ihnen der Gegenstand abgenommen ist.
Nach Erschöpfung des Vorraths der Indianer richtete sich der Sinn unserer
Offiziere auf die Seehundsfelle, und nun entwickelte sich eine höchst
lächerliche Scene. Mit Ausnahme des Häuptlings, welcher seine Kleidung
nicht hergab, haben die Männer ihre Kleidung bald gewechselt. Der Eine
trägt an Stelle seines Fells zwei alte Civilröcke übereinandergezogen,
ist unten aber nackt; der halbwüchsige Bursche hat eine Hose an und eine
zweite als Mantille über die Schultern gehängt; der dreizehnjährige Junge
prangt in einer alten blauen Cadettenjacke, unter welcher der braune
Unterkörper sich komisch ausnimmt. Das Verlangen nach Seehundsfellen
ist aber noch nicht gestillt, ein Offizier hat noch einen alten
Unterlieutenants-Frack zur Hand und will für diesen ein Fell haben. Das
europäische Schicklichkeitsgefühl verbietet ihm, eins der Frauenfelle
zu begehren, wenngleich diese gerade das nicht bedecken, was bei uns
als bedeckungswürdig angesehen wird, er zeigt daher auf ein mit noch
einem Fell versehenes Kind. Der Alte, welcher unmöglich glauben kann,
daß für den schönen Frack nur ein elendes Fell verlangt wird, nimmt den
von der Mutter bereits weggestoßenen Jungen am Wickel, macht ihm mit
einer Holzkohle einen schwarzen Strich quer über Backen und Nase und
stellt ihn zum Tausch. Als nun der Offizier, um sich verständlicher zu
machen, auf das Fell des jungen Frauenzimmers und dann wieder auf das
des Jungen zeigt, glaubt der Alte, er wolle beide haben, packt sie daher
auch am Genick, macht ihr auch einen schwarzen Strich über Backen und
Nase und stellt sie für den Frack ebenfalls zur Verfügung. Während dieser
Manipulation ist in den Gesichtern der Betheiligten keinerlei Erregung
zu bemerken; so wie alle gleichzeitig zu dem Schiff hinaufschwatzten,
plappert auch das junge Frauenzimmer, während der Alte sie zeichnet, ohne
Unterbrechung weiter fort und scheint mit demselben Gleichmuth in den
Besitz eines neuen Herrn übergehen zu wollen, mit dem sie vorher die ihr
zugeworfenen Brosamen auffing, und kokettirt mit ihren schönen sanften
Augen ohne wechselnden Ausdruck nach wie vor zu dem jungen Lieutenant
hinauf. Endlich fangen die Wilden an zu verstehen, um was es sich handelt,
und nun muß das Mädchen ihr Fell hergeben. Höchst lächerlich ist es
zu sehen, wie nun auf einmal ein gewisses Schamgefühl bei der Person
durchbricht. Da das Schamgefühl wol in dem Körpertheil sitzt, welcher
gewöhnlich bedeckt getragen wird, wie es ja bei den türkischen Frauen
z. B. im Gesicht liegen soll, so wird das Ding plötzlich unruhig, zieht
sich mit verängstigtem Gesicht hinter die andern im Boot befindlichen
Personen zurück und läßt sich erst dort ganz zusammengekauert das Fell von
ihrem uns abgewandten Rücken abnehmen. Das Fell kommt nach oben, der Frack
geht hinunter; nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt das Anziehen
dieses fremden Kleidungsstücks endlich, und nun haben wir das seltene
und prächtige Vergnügen, diese junge, nunmehr wieder vergnügte Schönheit
der Wildniß mit nur einem offenen Unterlieutenants-Frack bekleidet vor
uns stehen zu sehen. Die Erscheinung wird aber noch lächerlicher, als
die Kinder die für sie höchst merkwürdigen Taschen in den Frackschößen
entdecken; sie graben ihre Arme tief hinein, strecken beide Frackschöße
nach oben und seitwärts hoch hinaus und die Person steht vor uns wie ein
Pfau mit ausgespreiztem Rad.
Alle Gegenstände, welche von dem Schiffe aus in das Boot gelangten, wurden
mit Ausnahme der Kleidungsstücke, ohne lange betrachtet zu werden, gleich
der am Steuer sitzenden Frau zugereicht, welche sie in Verwahrung nahm.
Nur etwas Hartbrot und Zucker behielt die zweite ältere Frau für sich,
um ab und zu daran zu naschen. Eine Handvoll Rosinen, welche ich in das
Boot warf, wurde aufgesammelt, die Kinder naschten wol eine, den Rest aber
gaben sie ab. Das junge Frauenzimmer biß eine Rosine an, gab die zweite
Hälfte ab, griff in ihre Haare und verzehrte an Stelle der Rosine einen
ihrer Kopfbewohner, welchen sie wie ein Affe vorher genau betrachtete und
wol für essenswerther hielt. Ein als Geschenk hinuntergereichter kleiner
Spiegel ließ jeden, der hineinsah, ein so urkomisch dummes Gesicht machen,
daß man annehmen muß, daß Spiegel etwas bisher Unbekanntes waren. Die
zwei jungen Männer mußten auf Deck antreten; es wurde ihnen ein Cognak
vorgetrunken, worauf sie es nachmachen mußten. Der Cognak wurde getrunken
und beide standen gleichmäßig wie Statuen vor uns mit offenen Mäulern,
gehobenen Nasenflügeln und so sprechend lachenden Augen, daß wir uns
Gewalt anthun mußten, um nicht jedem eine derbe Ohrfeige zu geben und sie
damit aus ihrer Verzauberung zu reißen. Sie erhielten den zweiten Cognak
-- dieselbe Wirkung, den dritten Cognak -- der gleiche Erfolg; dann ließen
wir es genug sein.
Gleich zu Anfang während des Tauschgeschäfts kroch ein etwa 6 Jahre alter
Junge an seine Mutter heran, nahm die eine Brust, saugte daran, warf
sie aber zur Seite und nahm die zweite, welche ihm das Gesuchte zu geben
schien. Die Mutter, deren Gedanken nur nach dem Schiffe gerichtet waren,
schien diesen Vorgang gar nicht zu bemerken; ohne nur den Kopf zu drehen
oder ihre erhobenen Arme zu senken, schrie sie in derselben Weise nach dem
Schiff hinauf. Wir sehen doch unwillkürlich nach der Stelle hin, wo eine
Fliege uns belästigt, geschweige denn wenn ein Kind uns unerwartet auf
den Leib rückt, hier aber scheint fast jedes Gefühl am Körper zu fehlen.
Als ich abends in meinem Boote noch etwas segelte und zu der Hütte unserer
Indianerfamilie kam, sah ich die beiden jungen Männer auf einem Steine
sitzend in das Wasser stieren, der eine immer noch mit seinen zwei Röcken,
der andere mit seinen zwei Hosen; der dreizehnjährige Junge stolzirte
in seiner Jacke auf einem im Wasser liegenden großen Stein umher, beide
Hände in den Seitentaschen und damit die Jacke so knapp an den Rücken
holend, daß die untere nackte Partie um so besser hervortrat. Das Mädchen
stand am Ufer, aber wieder mit einem Fell auf dem Rücken; der Frack ziert
jedenfalls schon den alten Häuptling, welcher sich in diesem Staatskleid
in seinem Wigwam wol von seinen Frauen bewundern läßt.
Als Curiosum führe ich noch an, daß auf der „Leipzig“ in der eigentlichen
Magelhaens-Straße ein Besuch der Wilden den Matrosen Veranlassung gab, ein
junges Frauenzimmer in eine große Bütte mit Wasser zu setzen und sie mit
Bürsten und Seife gründlich zu waschen. Sie soll nach Schluß der Wäsche
ordentlich hell gewesen sein und ganz appetitlich ausgesehen haben.