Am 14. Januar abends liefen wir von dem Atlantischen Ocean aus in die

Magelhaens-Straße ein, mußten aber wegen der eingetretenen Dunkelheit

und der unberechenbaren starken Strömungen (der Unterschied zwischen

Hoch- und Niedrigwasser beträgt hier 13 m) dicht an deren Eingang ankern

und konnten erst am 15. morgens 2½ Uhr mit dem ersten Morgengrauen die

Fahrt fortsetzen. Der Morgen war klar und schön, wenn auch kalt, denn wir

hatten, da der hiesige Januar unserm Juli entspricht, im Hochsommer auf

einer gleichen Breite wie Leipzig nur 6-7° C. Das in Sicht befindliche

Land ist ohne Reiz, niedriges Sandland ohne Baum und Strauch, eine

endlose Wüste, welche nicht eine Spur von Menschen aufweist und nur an der

Meeresküste von unzähligen Scharen der verschiedensten Arten Wasservögel

bewohnt wird. So reizlos die ganze Umgebung für das menschliche Auge

ist, so interessant wird die Fahrt als solche für den Seemann. Jeder

Augenblick bringt Abwechselung, weil die Straße nicht nur fortgesetzt ihre

Richtung ändert, sondern auch noch viele Untiefen eine öftere Cursänderung

nothwendig machen, sodaß die gespannteste Aufmerksamkeit erforderlich

ist, zumal wenn das Schiff mit einer Geschwindigkeit von 12 Knoten

oder 3 deutschen Meilen in der Stunde durch das Wasser eilt. Zeitweise

befindet es sich auf einer großen Wasserfläche; nach einer halben Stunde

steuert es durch einen engen Kanal von nur 500 m Breite; dann wieder

zwischen dicht beieinander liegenden Inseln hindurch, geht danach mit

einem scharfen Bogen dicht unter die Küste des Festlandes und verläßt

nach einer kurzen Weile diese Seite wieder, um eine Insel anzusteuern,

unter deren Küste der Curs so nahe vorbeiführt, daß man ohne Anstrengung

einen Stein ans Land werfen könnte; und so geht es stunden-, in der Folge

gar tagelang fort. Der Seemann muß hier auf dem Platze sein, er findet

aber ein so reiches Feld vollster Thätigkeit und Aufregung, daß die mit

einer solchen Fahrt verbundenen Strapazen in den Hintergrund gedrängt

und nicht weiter beachtet werden. Denn eine Strapaze ist es wahrlich,

wenn man morgens um 2½ Uhr bei noch kaum durchbrechendem Tageslicht den

Ankerplatz verläßt und mit schneller Fahrt in ein unbekanntes Fahrwasser

hineinsteuert, welches mit dem Vorschreiten des Tages immer schwierigere

Passagen bringt, die dem Commandanten verbieten, die Commandobrücke

auch nur auf Augenblicke zu verlassen, und ihn zwingen, dort bis zum

Einbruch der Nacht, wo in irgendeinem kleinen Hafen geankert wird,

auszuharren. So steht man, ohne sich von der Stelle zu rühren, viele

Stunden ununterbrochen in ungewohnt frischer Luft, welche den in den

Tropen verweichlichten Körper stark angreift; die Augen ruhen entweder auf

dem fortwährend wechselnden Landpanorama oder auf der in einem Glaskasten

sicher untergebrachten Karte; alle Sinne sind in Thätigkeit, um den

richtigen Curs zu wählen, der Maschine den zweckmäßigsten Gang anzuweisen

und dem Ruder die richtige Lage zu geben. Die Mahlzeiten müssen auch auf

der Commandobrücke eingenommen werden, schmecken allerdings vortrefflich,

wenngleich man hierbei erst bemerkt, daß die Lippen von der scharfen Luft

schon aufgerissen sind, ohne dabei indeß zu ahnen, daß das ganze Gesicht

bereits halb wund ist. Ein scharfer Sturm weht uns entgegen und peitscht

uns den von dem Schiffe aufgeworfenen Salzwassergischt in das Gesicht;

glücklicherweise regnet es aber nicht, trotzdem es in dieser Gegend immer

regnen soll. Doch dies ist nicht richtig, es regnet allerdings vor uns,

hinter uns, links und rechts; nur wo die „Ariadne“ fährt, lacht die Sonne,

als ob sie wie bisher uns auch in dieser verrufenen Gegend nicht verlassen

wolle.

Um zu zeigen, daß das Wetter es wirklich gut mit uns meint, will ich hier

einige Stellen aus den Segelanweisungen, welche alle bisher gesammelten

Erfahrungen enthalten, ausziehen und einfügen; ein Vergleich zwischen

diesen Notizen und dem weitern Verlauf unserer Reise wird dann am besten

die Richtigkeit meiner Behauptung beweisen.

1. „August, September und October sind die kältesten Monate; westliche

Winde, Regen, Hagel und Schnee sind dann vorherrschend. December, Januar

und Februar sind die wärmsten Monate, die Tage sind lang und es kommt

zuweilen etwas gutes Wetter vor; aber westliche Winde, welche häufig

zu starken Stürmen anschwellen, mit heftigem Regen sind selbst während

dieser Jahreszeit vorherrschend, welche weniger Sommer mit sich führt wie

irgendein anderer Theil unserer Erde.

2. „Der Gipfel dieses ausgezeichneten Berges (Mount Burney), welcher gegen

1850 m hoch und mit ewigem Schnee bedeckt ist, ist selten sichtbar; sollte

aber ein Vorbeireisender glücklich genug sein, einen klaren Tag zu finden,

so wird er schwerlich je die Pracht dieses Panoramas vergessen.

3. „Das Charakteristische in dem Wetter dieser Kanäle ist weniger die

Stärke des Windes, als der fast unaufhörliche Regen. Tag um Tag, wenn der

Seemann unglücklicherweise länger hier verweilen sollte, wird er diesen

stetigen Niederfall zu erdulden haben, es sei denn, daß er so glücklich

ist, in einem jener seltenen Durchbrüche von lieblichem Wetter anzukommen,

welches zuweilen vorkommt. Dann allerdings wird er die interessanteste

Fahrt finden mit ruhigem Wasser, guten Ankerplätzen, umgeben von der

großartigsten ('most glorious') Scenerie; doch diese Fälle sind gar

selten, und er wird schon glücklich zu nennen sein, wenn er überhaupt

einmal den Regenrock ablegen kann, welchen er anzog, als er um Cap Tres

Montes ging. Eine Jahreszeit ist so gut, oder besser gesagt so schlecht

wie die andere, immerhin aber ist der Sommer wegen seiner geringern Kälte

und der längern Tage für diese Passagen vorzuziehen.“

Diese Schilderung verspricht gewiß viel, und ebenso läßt die „Vineta“,

welche vor zwei Jahren dieselbe Tour in beschränkterer Ausdehnung machte,

sich vernehmen und klagt über das anhaltend schlechte Wetter, das sie

zu erdulden hatte. Ein Vergleich dieser beiden Reisen zeigt auch in

eclatanter Weise, von welchem Einfluß das Wetter auf derartige Reisen

ist; denn zu derselben Strecke, welche die „Ariadne“ unter den günstigsten

Wetterverhältnissen in 6 Tagen zurücklegte, gebrauchte die „Vineta“ mühsam

gegen Wind und Wetter anringend 21 Tage. Doch zu unserer Reise.

Nachdem am 15. Januar etwa 80 Seemeilen zurückgelegt waren, vollzog

sich allmählich ein Wechsel in der Scenerie. Wir waren den Ausläufern

der Anden, des mächtigen Gebirgszuges, welcher mit seinen 7000 m hoch

gelegenen Felsen- und Schneerücken das platte Land Patagonien von Chile

und Peru trennt, näher gekommen und zeitweise entwickelten sich schon

aus den vorbeijagenden Wolkenfeldern einzelne schneebedeckte Gipfel.

Das untere Land zeigt jetzt auch einen andern Charakter: einzelne mit

grünem Gestrüpp bewachsene Hügel und Felsen werden sichtbar, das Land

hebt sich immer mehr und wächst langsam zunehmend bis zu 300 m hohen

Bergen an, welche mit dichtem Wald bedeckt sind. Auffallend ist, daß

in diesen frisch-grünen Wäldern kaum 150 m über dem Meeresspiegel

große Schneefelder verstreut liegen, und daß trotz der geringen Kraft,

welche die Sonne demnach im Hochsommer hier nur hat, große Scharen von

Papagaien und Kolibris in den Sommermonaten ihren Wohnsitz in dieser

Gegend aufschlagen. In Punta Arenas fanden wir diese Vögel allerdings noch

nicht, da sie erst 14 Tage später erwartet wurden, in einem der nächsten

Häfen trafen wir sie aber schon an. Würde man nur nach den hier lebenden

Eingeborenen, ohne Rücksichtnahme auf die herrschende rauhe Witterung zu

urtheilen haben, so wäre das Räthsel, wie diese buntgefiederten Bewohner

der brasilianischen Urwälder hierherkommen, leicht gelöst, denn diese

Menschen gehen ohne jede Kleidung vollkommen nackt, besitzen kein Heim,

leben in einem elenden offenen Boot oder tragen sich an dem Fleck, wo sie

gerade landen, aus Reisern eine Hütte in der Größe eines runden Tisches

von etwa 1½ m Durchmesser zusammen, wo Mann, Frau oder Frauen (es herrscht

Vielweiberei), große und kleine Kinder, oft 10-12 Personen, Unterkommen

für die Nacht finden, wie ein Rudel Thiere zusammengeschachtelt und sich

mit ihren Körpern gegenseitig erwärmend. Kälte, Wind und Regen machen

keinen Eindruck auf ihre Nerven, eine wunderbare Menschenrasse in ihrer

Art, da alle sonst in kalten Klimaten wohnenden Menschenstämme stets

warm bekleidet sind. Ich werde später noch Gelegenheit finden, auf diese

Eingeborenen zurückzukommen.

Bald nachdem das flache Land hinter uns lag, näherten wir uns der

chilenischen Colonie =Punta Arenas=, welche, früher als Verbrechercolonie

gegründet, in der Neuzeit durch den regern Dampfschiffsverkehr eine andere

Bedeutung erlangt hat. Die an der Küste steil aufsteigenden niedrigern

Gebirgszüge von 300-400 m Höhe versagen dem Auge zwar noch den Blick

auf die dahinter liegende mächtige Alpenwelt des Festlandes, das Auge

kann nun aber frei über die düstern, unfruchtbaren, bis zu 2000 m Höhe

aufsteigenden schwarzen Felsmassen des Insellandes Feuerland, welches

sich auf der andern Seite der Wasserstraße unheimlich aus der See erhebt,

schweifen: schwarzes, kaltes, zerklüftetes Gestein ohne eine Spur von

Leben und Pflanzenwuchs, welches dem Auge nirgends Ruhe gönnt, da keine

Linie zu finden ist, welche man festhalten könnte. Ein Pic steigt neben

dem andern empor, erhebt seinen Gipfel immer noch wilder und trotziger wie

sein Nachbar und erweist dem menschlichen Auge dann eine wahre Wohlthat,

wenn er mit Schnee bedeckt ist. So frostig der Anblick des Schnees

sonst macht, hier, inmitten dieses schwarzen Höllengesteins, um welches

unermeßliche schwere Wolkenbänke von tiefgrauer Farbe sich lagern und,

von dem heulenden Sturme getrieben, ihre Wasserballen in die unzähligen

tiefen Schluchten hineinzwängen, hier ist der Schnee erwärmend. Hätte

Dante dieses Stück Erde gekannt, seine Hölle wäre nach diesem Feuerland

gebildet worden, welches ja auch richtige Teufel in sich birgt. Der Name

„Feuerland“ ist allerdings nicht von vulkanischem Feuer hergeleitet,

sondern hat einen harmlosen Ursprung; er ist dem Umstande zuzuschreiben,

daß die ersten Entdecker überall am Lande kleine Rauchsäulen sahen, welche

nie erloschen. Die Eingeborenen dieses nassen Landes, wo die Erzeugung des

Feuers so sehr schwer ist, sind gezwungen, wo sie gehen und stehen, stets

ein Feuer zu unterhalten, wenn sie dieses wichtige Element nicht zeitweise

verlieren wollen; es wird also immer da, wo Menschen sich aufhalten, auch

die unentbehrliche Rauchsäule zu sehen sein. Daß hier, wie ich vorhin

sagte, auch wirkliche Teufel in Menschengestalt hausen, dürfte vielleicht

aus dem nachfolgenden Auszuge aus Darwin’s Reise um die Erde hervorgehen:

„Die verschiedenen Stämme sind Kannibalen, sobald sie miteinander in Fehde

leben. Dies beweist auch die Aussage Jemmy Button’s (ein Junge, welcher

während zweier Jahre auf Kosten eines englischen Seeoffiziers in England

erzogen und mit dem Schiffe, auf welchem Darwin war, dann zurückgebracht

wurde), wonach die Eingeborenen im Winter, wenn sie sehr unter dem Hunger

leiden, erst die alten Frauen schlachten und verschlingen, bevor die

Hunde an die Reihe kommen, denn die Hunde fangen Ottern, alte Frauen aber

nichts. Die Frauen werden derart getödtet, daß sie über Rauch gehalten

werden, bis sie erstickt sind. Der Junge ahmte auch mit sichtlichem

Vergnügen in spaßhafter Weise das Geschrei der Opfer nach und beschrieb

die Körpertheile, welche am besten schmecken. Oft sollen die alten

Frauen, sobald sie den Zeitpunkt gekommen wähnen, in die Berge flüchten,

sie werden aber von den Männern dann gejagt, um in ihre Hütte gebracht

und geschlachtet zu werden. -- Schrecklich, wie solch ein Tod durch

die Hand der Freunde und Verwandten sein muß; schmerzlicher noch ist es

daran zu denken, was diese Frauen empfinden müssen, wenn der Hunger sich

einzustellen beginnt.“

Nachmittags 3 Uhr am 15. Januar, nach Zurücklegung von 120 Seemeilen

an diesem Tage, ankerten wir vor Punta Arenas, dessen kleine Holzhäuser

kurz vorher als erste Zeichen menschlichen Lebens hinter einer kleinen

Landzunge zum Vorschein gekommen waren. Dieser weit vorgeschobene Posten

menschlichen Unternehmungsgeistes zeigte allerdings ein anderes Bild, als

wir nach den vorhandenen Beschreibungen erwarten konnten. Eine vor wenig

Wochen stattgehabte Soldatenemeute hatte traurige Spuren hinterlassen.

Die aus 100 Soldaten gebildete Garnison soll von ihrem Commandanten

so barbarisch behandelt worden sein, daß sie schließlich zum Aufstand

getrieben wurde. Sie tödteten und verstümmelten den Commandanten, rissen

ihm Augen und Zunge aus, schnitten Nasen und Ohren ab und zerstückten

den ganzen Körper. Darauf befreiten sie die Gefangenen (der Platz ist

noch Strafcolonie), etwa 80 an der Zahl, und fingen dann an zu brennen

und zu morden. Alle größern Gebäude wurden eingeäschert und etwa 80

Personen verloren ihr Leben. Nachdem die Meuterer auf diese Weise zwei

Tage gehaust hatten, wurden sie unsicher, da täglich ein in der Nähe

befindliches chilenisches Kanonenboot eintreffen konnte, und verließen

den verwüsteten Platz. Vorher aber bemächtigten sie sich aller Frauen und

Mädchen, deren sie habhaft werden konnten, und schleppten diese mit Gewalt

mit sich in die Pampas Patagoniens, wo ihnen mit den dortigen Indianern

jedenfalls ein Krieg bis aufs Messer bevorsteht. -- Wenige Tage vor unserm

Eintreffen hatte ein chilenisches Kriegsschiff die neue Garnison und eine

Untersuchungscommission gebracht.

Der kleine Ort liegt recht hübsch dicht am Ufer des hier stets wellenlosen

Meeres, lehnt sich im Rücken an den Fuß eines Berges an und ist umsäumt

von jungfräulichem Urwalde. Die in den Gebirgen lagernden großen

Schneemassen führen in kleinen Flüssen vorzügliches Wasser zum Strande,

wo in den geringern Tiefen des Meeres ein unerschöpflicher Reichthum

an wohlschmeckenden Fischen herrscht. Rindvieh und Schafe gedeihen

vortrefflich und finden auf dem herrenlosen Lande die saftigste Nahrung

im Ueberfluß. Auch Pferde sind fast mehr wie Menschen vorhanden, denn

hier in diesem kleinen Dorfe ist sogar der Bäckerjunge zu faul, das Brot

zu Fuße auszutragen, er setzt sich dazu aufs Pferd. Der Wald liefert

ein vorzügliches Holz, das vorläufig noch als werthlos betrachtet wird.

Die mächtigen Stämme -- ich habe solche von 4 Fuß Durchmesser gesehen

-- haben einen vollständigen Eisenkern; schwere Schmiedehämmer, welche

als Keile zum Auseinandertreiben des Holzes benutzt wurden, zersprangen

unter den wuchtigen Hieben eines noch schwerern Hammers in dem Holze,

ohne es zu spalten. Jeder kann sich soviel Holz nehmen wie er will; wir

haben an einem Tage 40 cbm Kernholz gefällt und an Bord geschafft, ohne

Zahlung dafür zu leisten, weil den Ansiedlern auf diese Weise das Land

ohne eigene Mühe urbar gemacht wird. Die Häuser, oder besser Holzhütten

bestehen selten aus mehr als zwei kleinen Zimmern; Comfort ist nirgends

zu finden. Ackerbau und Gartencultur fehlen vorläufig noch ganz, die

Leute leben nur von den durchkommenden Schiffen, denen sie vornehmlich

Fleisch verkaufen. Einige Meilen von diesem Ort entfernt ist noch eine

kleine Schweizercolonie, welche sich mit Landwirthschaft beschäftigt und

ihre Erzeugnisse hierher abliefert. Von diesen Producten erhielten wir

recht gute Butter und namentlich ganz vorzüglichen Kopfsalat. Für die

übrigen Erzeugnisse der Schweizercolonie, Gemüse und Kartoffeln, war die

Zeit der Reife noch nicht gekommen, sodaß wir uns von ihrer gerühmten

Vortrefflichkeit nicht selbst überzeugen konnten.

Der Totaleindruck dieses Ortes ist, von innen gesehen, ein öder,

schmutziger und wüster. Die Straßen sind allerdings regelmäßig und

breit, ja so großartig angelegt, daß sie einer großen Stadt Ehre machen

würden, die menschlichen Wohnungen zeigen aber sofort, daß nur mittellose

Abenteurer, welche kein anderes Streben als ihr Leben zu fristen kennen,

ihr zeitweiliges Heim hier aufgeschlagen haben. Natürlich sind die

Deutschen wie überall auch hier vertreten, bilden aber das beste Element.

In Punta Arenas wurde mir die große Enttäuschung zutheil, daß ich keine

Kohlen, auf die ich sicher gerechnet hatte, erhalten konnte. Es ist

eine Kohlengrube, welche sich in soliden englischen Händen befindet, in

nächster Nähe, die Meuterei hatte aber auch hier störend eingegriffen,

da die Soldaten, die mit Genehmigung der Regierung die Grubenarbeiter

gewesen waren, jetzt fehlten. So blieb mir nur übrig, mit meinen Kohlen

hauszuhalten und das Brennmaterial durch Holz zu ergänzen. Auch meine

Reisedisposition für die Straße erhielt dadurch eine Abänderung; ich

hatte vorher auf einen drei- bis viertägigen Aufenthalt in Punta Arenas

gerechnet, ließ mich aber jetzt nicht länger aufhalten, da ich in dem

herrenlosen Lande, durch welches ich noch 600 Seemeilen zurückzulegen

hatte, überall Holz schlagen konnte. Ich blieb daher nur noch den 16. in

Punta Arenas und benutzte diesen Tag zum Holzschlagen. Nachts 12 Uhr war

das Holz an Bord, am 17. morgens 2 Uhr war das Schiff fertig und weiter

ging die Reise aus der Nacht zum Tage.

Ich hatte einige Stunden geschlafen und stand nun in der rauhen Nachtluft

mit der Gewißheit auf der Commandobrücke, dieselbe vor 9 Uhr abends

nicht wieder verlassen zu können. Die Aufgabe, welche ich mir gestellt

hatte, war, bis zum Eintritt der Dunkelheit einen Hafen zu erreichen,

welcher von unserm Ausgangspunkt 170 Seemeilen entfernt lag. Der Weg

dahin führte durch eine enge Felsenstraße, in welcher der Sturm stets

mit der Gewalt eines Orkans wüthen soll; die in ihrer Großartigkeit

auf dieser Welt einzig dastehende Gebirgswelt soll fast immer bis zum

Wasserspiegel herunter in dichtes grauschwarzes Gewölk gehüllt sein,

aus welchem der Regen in Strömen herniederfällt; die Navigirung soll

nur dadurch möglich werden, daß der Sturm ab und zu das Gewölk auf

Augenblicke zertheilt und so dem Auge Gelegenheit gibt, den Curs bis

zur nächsten Zertheilung der Wolken festzustellen. Dies war der vor mir

liegende Tag mit seinen Aussichten. Fand ich wirklich solches Wetter,

dann war die Erfüllung meiner Aufgabe unmöglich und ich konnte höchstens

zwei Drittel des vorgenommenen Weges zurücklegen, mußte dann aber auch

für die ganze Passage etwa die doppelte der in Ansatz gebrachten Zeit

rechnen. Einigermaßen gruselig war mir zu Muthe, als ich meine Fahrt in

der dunkeln Nacht mit 10 Seemeilen Geschwindigkeit und mit der Aussicht

begann, nun während etwa 10 Tagen, wenn auch in sicherm Fahrwasser,

täglich 12-15 Stunden dem Regen und Sturm voll ausgesetzt auf der

Commandobrücke zuzubringen. Immerhin vertraute ich aber meinem guten Glück

und gab zunächst keinem Zweifel an dem Gelingen des festgesetzten Planes

Raum. Allerdings hatte ich noch einen vertrauenerweckenden Führer zur

Seite, nämlich den Bericht unserer Corvette „Vineta“, welche als erstes

deutsches Kriegsschiff die Passage durch die Magelhaens-Straße gemacht

hat. Wenn auch dieser Bericht die vorzüglichen englischen Segelanweisungen

als durchaus zuverlässig anerkennt, so vertraut man dem, was Kameraden

gesehen und erfahren haben, doch immer mehr; man fühlt sich dort, wo ein

Bruderschiff schon gewesen ist, eher heimisch.

Bis gegen 8 Uhr morgens bleibt der Curs in offenem Fahrwasser südlich und

durch die an der Westseite liegenden Berge gegen den erwarteten Weststurm

geschützt. Der Morgen läßt sich gut an, der Sonnenaufgang war zwar nicht

sehr vertrauenerweckend gewesen, die Sonne zeigt aber doch wenigstens ab

und zu ihr erwärmendes Gesicht. Zu unserer Rechten liegen weich geformte

Berge mit dichtem frischen Wald bestanden, aus dessen grünem Laub hier und

dort verstreut blendend weiße Schneefelder hervorlugen. Die Berge steigen

direct aus dem Wasser auf, bilden aber doch hin und wieder freundliche

kleine Einbuchtungen, welche den vorbeifahrenden Schiffen gute Ankerplätze

bieten, aber auch einen grell in die Augen springenden Beweis liefern, wie

alles Lebende, was die Natur hervorbringt, dazu dient, von dem Stärkern

wieder vernichtet zu werden. Hier in diesen geschützten lieblichen Baien

steigen die der Magelhaens-Straße eigenthümlichen mächtigen Wasserpflanzen

tief von dem Meeresgrunde bis zu einer Höhe von 10 m hoch aus und geben

mit ihren 6-7 dcm langen und 2 dcm breiten Blättern den kleinen niedern

Wasserthieren Schutz und Nahrung. In diesem Wasserpflanzenwald lebt

aber auch die junge Fischbrut, welche ihr Leben mit den kleinern Thieren

erhält, dieses aber auch sofort hingibt, sobald sie das schützende Dach

verläßt, denn außerhalb der Pflanzen stehen Scharen von Raubfischen,

welche jeden kleinen Wasserbewohner ihresgleichen erbarmungslos

verschlingen, sobald er sich aus seinem Versteck hinauswagt. Wieviel Mord

und Vernichtung spielt sich nicht an einem Tage in einem solch kleinen

Stück Wasser ab?

Zu unserer Linken liegt eine weite Wasserfläche, begrenzt durch in

blauen Dunst gehülltes Bergland, durch dessen weite Schluchten die noch

hinter den Bergen niedrig stehende Sonne ihre Strahlen wirft und das wild

geklüftete Alpenland magisch beleuchtet. Vor uns haben wir den Eingang zu

der berüchtigten Felsenpassage mit einem Aussehen, welches einen schlimmen

Tag verspricht. Das aus dem Wasser steil aufsteigende nackte Gestein

ist infolge des ewigen Regens von tiefschwarzer Farbe, welche nur selten

durch einige hellere Flecke unterbrochen wird. Sichtbar ist das Land dort

überhaupt nur bis etwa 100 m über dem Wasser, von da ab ist alles in dicht

übereinander geschichtete feste Wolkenmassen von tief blaugrauer Färbung

gehüllt, in Wolkenbänke, welche so tief liegen, daß man sie mit den

Mastenspitzen zu berühren glaubt und damit ihre Entladung herbeizuführen

befürchtet. Regen erwartet man von ihnen aber nicht, sondern das schärfste

Schneegestöber. Das Gewölk eines schweren Schneesturmes unserer Gegenden

ins Vielfache übertragen gibt ein ungefähres Bild von der vor uns

liegenden Wolkengestaltung und dem Aussehen der Luft. In diesen Sturm- und

Regenkessel muß man hinein. Was hilft’s! Mehr wie naß werden kann man ja

nicht, also frisch drauf los.

Einige mächtige Walfische von 14 bis 18 m Länge -- ich sehe im ganzen

vier -- spielen so harmlos in der Nähe des Schiffes, daß das Behagen,

welches sie athmen, sich unwillkürlich dem Menschen mittheilt und sein

Gemüth beruhigt. Hoch werfen sie aus ihren Spritzlöchern das Wasser in

die Luft, strecken ihren mächtigen Kopf aus dem Wasser oder heben ihren

kolossalen Rücken wie eine kleine Insel über die Wasserfläche, tauchen

dann in die Tiefe und schnellen dabei den riesigen Schwanz aus dem Wasser,

daß das hinterste Drittheil des Fisches für einen Augenblick senkrecht

in die Luft ragt. Solch ein harmloses Spiel übt eine beruhigende Wirkung

auf uns Zuschauer aus, die Gegend vor uns sieht sich schon gar nicht

mehr so erschreckend an. Ein tüchtiges warmes Frühstück war oben in der

frischen Luft mit köstlichem Appetit eingenommen; der kurze Rock, unter

welchem eine warme wollene Weste sitzt, wird fest zugeknöpft, die Mütze

fest in die Stirn gedrückt, der Kneifer auf der Nase zurechtgerückt und

dann um 8 Uhr um das verschriene Cap Froward herumgejagt. Jetzt soll

es kommen, Sturm und peitschender Regen! Ein frischer Sturm, welcher in

diese 100 Seemeilen lange unabsehbare Felsenstraße eingekeilt an Stärke

gewinnt, weht uns zwar in die Zähne, die Wolken über uns bilden eine feste

undurchdringliche Decke; unten aber ist es schön klar, kein Hagel und kein

Regen, kalte frische Luft und überall viel zu schauen. Was es zu sehen

gibt läßt sich aber nur schwer schildern.

Die Gestaltung des Landes ändert unausgesetzt. Hier springt ein hohes,

steiles Cap trotzig in die Straße vor und deckt die hinter ihm liegende

tiefe Bucht; dort läuft das Land in eine weit vorgeschobene flache

Spitze aus; an jener Stelle brechen aus den vorbeijagenden Wolken für

Augenblicke scharf gezackte Bergkämme hervor; hier steigt senkrecht

aus dem Wasser eine Felsenwand von dem Aussehen einer von Menschenhand

sorgsam aufgebauten Riesenmauer auf; dort ziehen sich mächtige Kanäle,

welche große Wasserstraßen nach einem andern Theil des Weltmeeres bilden,

hin; hier liegen kleine, in frischem Laub prangende Inseln oder einzelne

nur mit ihrer Spitze aus dem Wasser hervorragende Klippen, dort mehrere

Quadratmeilen umfassende Inseln. Das alles vermag das Auge wol für Stunden

und Tage, ja Wochen unausgesetzt zu fesseln, da es in seiner natürlichen

Großartigkeit immer Neues und Interessantes bietet, in der Beschreibung

wird es aber immer nur ein sehr verblaßtes Bild geben.

Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee · 第 2 / 56 段