Mundbecher gibst du an die Lippen der Straßenläufer? Da, nimm deinen
Lohn!“ Frau Lisbeth stürzte zu seinen Füßen und bat um Verzeihung; aber
das steinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die Peitsche um, die
er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriff von Ebenholz so
heftig vor die schöne Stirne, daß sie leblos dem alten Mann in die Arme
sank. Als er dies sah, war es doch, als reute ihn die Tat auf der
Stelle; er bückte sich herab, zu schauen, ob noch Leben in ihr sei,
aber das Männlein sprach mit wohlbekannter Stimme: „Gib dir keine Mühe,
Kohlenpeter; es war die schönste und lieblichste Blume im Schwarzwald,
aber du hast sie zertreten, und nie mehr wird sie wieder blühen.“
Da wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: „Also Ihr seid es,
Herr Schatzhauser? Nun, was geschehen ist, ist geschehen, und es hat
wohl so kommen müssen. Ich hoffe aber, Ihr werdet mich nicht bei dem
Gericht anzeigen als Mörder.“
„Elender!“ erwiderte das Glasmännlein. „Was würde es mir frommen, wenn
ich deine sterbliche Hülle an den Galgen brächte? Nicht irdische
Gerichte sind es, die du zu fürchten hast, sondern andere und
strengere; denn du hast deine Seele an den Bösen verkauft.“
„Und hab’ ich mein Herz verkauft“, schrie Peter, „so ist niemand daran
schuld als du und deine betrügerischen Schätze; du tückischer Geist
hast mich ins Verderben geführt, mich getrieben, daß ich bei einem
anderen Hilfe suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung.“
Aber kaum hatte er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glasmännlein
und wurde hoch und breit, und seine Augen sollen so groß gewesen sein
wie Suppenteller, und sein Mund war wie ein geheizter Backofen, und
Flammen blitzten daraus hervor. Peter warf sich auf die Knie, und sein
steinernes Herz schützte ihn nicht, daß nicht seine Glieder zitterten
wie eine Espe. Mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeist im Nacken,
drehte ihn um, wie ein Wirbelwind dürres Laub, und warf ihn dann zu
Boden, daß ihm alle Rippen knackten. „Erdenwurm!“ rief er mit einer
Stimme, die wie der Donner rollte, „ich könnte dich zerschmettern, wenn
ich wollte; denn du hast gegen den Herrn des Waldes gefrevelt. Aber um
dieses toten Weibes willen, die mich gespeist und getränkt hat, gebe
ich dir acht Tage Frist. Bekehrst du dich nicht zum Guten, so komme ich
und zermalme dein Gebein, und du fährst hin in deinen Sünden.“
Es war schon Abend, als einige Männer, die vorbeigingen, den reichen
Peter Munk an der Erde liegen sahen. Sie wandten ihn hin und her und
suchten, ob noch Atem in ihm sei; aber lange war ihr Suchen vergebens.
Endlich ging einer in das Haus und brachte Wasser herbei und besprengte
ihn. Da holte Peter tief Atem, stöhnte und schlug die Augen auf,
schaute lange um sich her und fragte dann nach Frau Lisbeth; aber
keiner hatte sie gesehen. Er dankte den Männern für ihre Hilfe, schlich
sich in sein Haus und suchte überall; aber Frau Lisbeth war weder im
Keller noch auf dem Boden, und das, was er für einen schrecklichen
Traum gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er nun so ganz allein war, da
kamen ihm sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein
Herz war ja kalt; aber wenn er an den Tod seiner Frau dachte—kam ihm
sein eigenes Hinscheiden in den Sinn, und wie belastet er dahinfahren
werde, schwer belastet mit Tränen der Armen, mit tausend ihrer Flüche,
die sein Herz nicht erweichen konnten, mit dem Jammer der Elenden, auf
die er seine Hunde gehetzt, belastet mit der stillen Verzweiflung
seiner Mutter, mit dem Blute der schönen, guten Lisbeth; und konnte er
doch nicht einmal dem alten Mann, ihrem Vater, Rechenschaft geben, wenn
er käme und fragte: „Wo ist meine Tochter, dein Weib?“ Wie wollte er
einem anderen Frage stehen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge
gehören und die Leben der Menschen?
Es quälte ihn auch nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er auf
an einer süßen Stimme, die ihm zurief: „Peter, schaff dir ein wärmeres
Herz!“ Und wenn er erwacht war, schloß er doch schnell wieder die
Augen, denn der Stimme nach mußte es Frau Lisbeth sein, die ihm leise
diese Warnung zurief.
Den anderen Tag ging er ins Wirtshaus, um seine Gedanken zu zerstreuen,
und dort traf er den dicken Ezechiel. Er setzte sich zu ihm, sie
sprachen dies und jenes, vom schönen Wetter, vom Krieg, von den Steuern
und endlich auch vom Tod und wie da und dort einer so schnell gestorben
sei. Da fragte Peter den Dicken, was er denn vom Tod halte, und wie es
nachher sein werde. Ezechiel antwortete ihm, daß man den Leib begrabe,
die Seele aber fahre entweder auf zum Himmel oder hinab in die Hölle.
„Also begräbt man das Herz auch?“ fragte der Peter gespannt.
„Ei freilich, das wird auch begraben.“
„Wenn aber einer sein Herz nicht mehr hat?“ fuhr Peter fort.
Ezechiel sah ihn bei diesen Worten schrecklich an. „Was willst du damit
sagen? Willst du mich foppen? Meinst du, ich habe kein Herz?“
„Oh, Herz genug, so fest wie Stein“, erwiderte Peter. Ezechiel sah ihn
verwundert an, schaute sich um, ob es niemand gehört habe, und sprach
dann: „Woher weißt du es? Oder pocht vielleicht das deinige auch nicht
mehr?“
„Pocht nicht mehr, wenigstens nicht hier in meiner Brust!“ antwortete
Peter Munk. „Aber sag mir, da du jetzt weißt, was ich meine, wie wird
es gehen mit unseren Herzen?“
„Was kümmert dich dies, Gesell?“ fragte Ezechiel lachend. „Hast ja auf
Erden vollauf zu leben und damit genug. Das ist ja gerade das Bequeme
in unseren kalten Herzen, daß uns keine Furcht befällt vor solchen
Gedanken.“
„Wohl wahr, aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jetzt keine
Furcht mehr kenne, so weiß ich doch wohl noch, wie sehr ich mich vor
der Hölle gefürchtet, als ich noch ein kleiner, unschuldiger Knabe
war.“
„Nun—gut wird es uns gerade nicht gehen“, sagte Ezechiel. „Hab’ mal
einen Schulmeister darüber gefragt, der sagte mir, daß nach dem Tod die
Herzen gewogen werden, wie schwer sie sich versündigt hätten. Die
leichten steigen auf, die schweren sinken hinab, und ich denke, unsere
Steine werden ein gutes Gewicht haben.“
„Ach, freilich“, erwiderte Peter, „und es ist mir oft selbst unbequem,
daß mein Herz so teilnahmslos und ganz gleichgültig ist, wenn ich an
solche Dinge denke.“
So sprachen sie; aber in der nächsten Nacht hörte er fünf oder sechsmal
die bekannte Stimme in sein Ohr lispeln: „Peter, schaff dir ein
wärmeres Herz!“
Er empfand keine Reue, daß er sie getötet, aber wenn er dem Gesinde
sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer dabei: „Wohin mag
sie wohl gereist sein?“ Sechs Tage hatte er es so getrieben, und immer
hörte er nachts diese Stimme, und immer dachte er an den Waldgeist und
seine schreckliche Drohung; aber am siebenten Morgen sprang er auf von
seinem Lager und rief: „Nun ja, will sehen, ob ich mir ein wärmeres
schaffen kann; denn der gleichgültige Stein in meiner Brust macht mir
das Leben nur langweilig und öde.“ Er zog schnell seinen Sonntagsstaat
an und setzte sich auf sein Pferd und ritt dem Tannenbühl zu.
Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band sein Pferd
an und ging schnellen Schrittes dem Gipfel des Hügels zu, und als er
vor der dicken Tanne stand, hub er seinen Spruch an:
„Schatzhauser im grünen Tannenwald,
Bist viele hundert Jahre alt,
Dein ist all’ Land, wo Tannen stehen,
Läßt dich nur Sonntagskindern sehen.“
Da kam das Glasmännlein hervor, aber nicht freundlich und traulich wie
sonst, sondern düster und traurig; es hatte ein Röcklein an von
schwarzem Glas, und ein langer Trauerflor flatterte herab vom Hut, und
Peter wußte wohl, um wen er trauerte.
„Was willst du von mir, Peter Munk?“ fragte es mit dumpfer Stimme.
„Ich hab’ noch einen Wunsch, Herr Schatzhauser“, antwortete Peter mit
niedergeschlagenen Augen.
„Können Steinherzen noch wünschen?“ sagte jener. „Du hast alles, was du
für deinen schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich deinen
Wunsch erfüllen.“
„Aber Ihr habt mir doch drei Wünsche zugesagt; einen hab’ ich immer
noch übrig.“
„Doch kann ich ihn versagen, wenn er töricht ist“, fuhr der Waldgeist
fort, „aber wohlan, ich will hören, was du willst.“
„So nehmet mir den toten Stein heraus und gebet mir mein lebendiges
Herz“, sprach Peter.
„Hab’ ich den Handel mit dir gemacht?“ fragte das Glasmännlein, „bin
ich der Holländer-Michel, der Reichtum und kalte Herzen schenkt? Dort,
bei ihm mußt du dein Herz suchen.“
„Ach, er gibt es nimmer zurück“, antwortete Peter.
„Du dauerst mich, so schlecht du auch bist“, sprach das Männlein nach
einigem Nachdenken. „Aber weil dein Wunsch nicht töricht ist, so kann
ich dir wenigstens meine Hilfe nicht versagen. So höre. Dein Herz
kannst du mit keiner Gewalt mehr bekommen, wohl aber durch List, und es
wird vielleicht nicht schwerhalten; denn Michel bleibt doch nur der
dumme Michel, obgleich er sich ungemein klug dünkt. So gehe denn
geradewegs zu ihm hin und tue, wie ich dich heiße!“ Und nun
unterrichtete er ihn in allem und gab ihm ein Kreuzlein aus reinem
Glas: „Am Leben kann er dir nicht schaden, und er wird dich frei
lassen, wenn du ihm dies vorhalten und dazu beten wirst. Und hast du
denn, was du verlangt hast, erhalten, so komm wieder zu mir an diesen
Ort!“
Peter Munk nahm das Kreuzlein, prägte sich alle Worte ins Gedächtnis
und ging weiter nach Holländer-Michels Behausung. Er rief dreimal
seinen Namen, und alsobald stand der Riese vor ihm. „Du hast dein Weib
erschlagen?“ fragte er ihn mit schrecklichem Lachen. „Hätt’ es auch so
gemacht; sie hat dein Vermögen an das Bettelvolk gebracht. Aber du
wirst auf einige Zeit außer Landes gehen müssen, denn es wird Lärm
machen, wenn man sie nicht findet; und du brauchst wohl Geld und
kommst, um es zu holen?“
„Du hast’s erraten“, erwiderte Peter, „und nur recht viel diesmal, denn
nach Amerika ist’s weit.“
Michel ging voran und brachte ihn in seine Hütte; dort schloß er eine
Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Rollen Gold heraus.
Während er es so auf den Tisch hinzählte, sprach Peter: „Du bist ein
loser Vogel, Michel, daß du mich belogen hast, ich hätte einen Stein in
der Brust und du habest mein Herz!“
„Und ist es denn nicht so?“ fragte Michel staunend. „Fühlst du denn
dein Herz? Ist es nicht kalt wie Eis? Hast du Furcht oder Gram, kann
dich etwas reuen?“
„Du hast mein Herz nur stillstehen lassen, aber ich hab’ es noch wie
sonst in meiner Brust, und Ezechiel auch, der hat es mir gesagt, daß du
uns angelogen hast; du bist nicht der Mann dazu, der einem das Herz so
unbemerkt und ohne Gefahr aus der Brust reißen könnte; da müßtest du
zaubern können.“
„Aber ich versichere dir“, rief Michel unmutig, „du und Ezechiel und
alle reichen Leute, die es mit mir gehalten, haben solche kalten Herzen
wie du, und ihre rechten Herzen habe ich hier in meiner Kammer.“
„Ei, wie dir das Lügen von der Zunge geht!“ lachte Peter. „Das mach du
einem anderen weis! Meinst du, ich hab’ auf meinen Reisen nicht solche
Kunststücke zu Dutzenden gesehen? Aus Wachs nachgeahmt sind deine
Herzen hier in der Kammer. Du bist ein reicher Kerl, das geb’ ich zu;
aber zaubern kannst du nicht.“
Da ergrimmte der Riese und riß die Kammertüre auf. „Komm herein und
lies die Zettel alle, und jenes dort, schau, das ist Peter Munks Herz;
siehst du, wie es zuckt? Kann man das auch aus Wachs machen?“
„Und doch ist es aus Wachs“, antwortete Peter. „So schlägt ein rechtes
Herz nicht; ich habe das meinige noch in der Brust. Nein, zaubern
kannst du nicht!“
„Aber ich will es dir beweisen!“ rief jener ärgerlich. „Du sollst es
selbst fühlen, daß dies dein Herz ist.“ Er nahm es, riß Peters Wams auf
und nahm einen Stein aus seiner Brust und zeigte ihn vor. Dann nahm er
das Herz, hauchte es an und setzte es behutsam an seine Stelle, und
alsobald fühlte Peter, wie es pochte, und er konnte sich wieder darüber
freuen.
„Wie ist es dir jetzt?“ fragte Michel lächelnd.
„Wahrhaftig, du hast doch recht gehabt“, antwortete Peter, indem er
behutsam sein Kreuzlein aus der Tasche zog. „Hätt’ ich doch nicht
geglaubt, daß man dergleichen tun könne!“ „Nicht wahr? Und zaubern kann
ich, das siehst du; aber komm, jetzt will ich dir den Stein wieder
hineinsetzen.“
„Gemach, Herr Michel!“ rief Peter, trat einen Schritt zurück und hielt
ihm das Kreuzlein entgegen. „Mit Speck fängt man Mäuse, und diesmal
bist du der Betrogene.“ Und zugleich fing er an zu beten, was ihm nur
beifiel.
Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und wand sich
hin und her wie ein Wurm und ächzte und stöhnte, und alle Herzen umher
fingen an zu zucken und zu pochen, daß es tönte wie in der Werkstatt
eines Uhrmachers. Peter aber fürchtete sich, und es wurde ihm ganz
unheimlich zumut, er rannte zur Kammer und zum Haus hinaus und klimmte,
von Angst getrieben, die Felsenwand hinan; denn er hörte, daß Michel
sich aufraffte, stampfte und tobte und ihm schreckliche Flüche
nachschickte. Als er oben war, lief er dem Tannenbühl zu; ein
schreckliches Gewitter zog auf, Blitze fielen links und rechts an ihm
nieder und zerschmetterten die Bäume, aber er kam wohlbehalten in dem
Revier des Glasmännleins an.
Sein Herz pochte freudig, und nur darum, weil es pochte. Dann aber sah
er mit Entsetzen auf sein Leben zurück wie auf das Gewitter, das hinter
ihm rechts und links den schönen Wald zersplitterte. Er dachte an Frau
Lisbeth, sein schönes, gutes Weib, das er aus Geiz gemordet, er kam
sich selbst wie der Auswurf der Menschen vor, und er weinte heftig, als
er an Glasmännleins Hügel kam.
Schatzhauser saß schon unter dem Tannenbaum und rauchte aus einer
kleinen Pfeife; doch sah er munterer aus als zuvor. „Warum weinst du,
Kohlenpeter?“ fragte er. „Hast du dein Herz nicht erhalten? Liegt noch
das kalte in deiner Brust?“
„Ach, Herr!“ seufzte Peter, „als ich noch das kalte Steinherz trug, da
weinte ich nie, meine Augen waren so trocken wie das Land im Juli;
jetzt aber will es mir beinahe das alte Herz zerbrechen, was ich getan!
Meine Schuldner habe ich ins Elend gejagt, auf Arme und Kranke die
Hunde gehetzt, und Ihr wißt es ja selbst—wie meine Peitsche auf ihre
schöne Stirne fiel!“ „Peter! Du warst ein großer Sünder!“ sprach das
Männlein. „Das Geld und der Müßiggang haben dich verdorben, bis dein
Herz zu Stein wurde, nicht Freud’, nicht Leid, keine Reue, kein Mitleid
mehr kannte. Aber Reue versöhnt, und wenn ich nur wüßte, daß dir dein
Leben recht leid tut, so könnte ich schon noch was für dich tun.“
„Will nichts mehr“, antwortete Peter und ließ traurig sein Haupt
sinken. „Mit mir ist es aus, kann mich mein Lebtag nicht mehr freuen;
was soll ich so allein auf der Welt tun? Meine Mutter verzeiht mir
nimmer, was ich ihr getan, und vielleicht hab’ ich sie unter den Boden
gebracht, ich Ungeheuer! Und Lisbeth, meine Frau! Schlaget mich lieber
auch tot, Herr Schatzhauser; dann hat mein elend Leben mit einmal ein
Ende.“
„Gut“, erwiderte das Männlein, „wenn du nicht anders willst, so kannst
du es haben; meine Axt habe ich bei der Hand.“ Er nahm ganz ruhig sein
Pfeiflein aus dem Mund, klopfte es aus und steckte es ein. Dann stand
er langsam auf und ging hinter die Tannen. Peter aber setzte sich
weinend ins Gras, sein Leben war ihm nichts mehr, und er erwartete
geduldig den Todesstreich. Nach einiger Zeit hörte er leise Tritte
hinter sich und dachte: „Jetzt wird er kommen.“
„Schau dich noch einmal um, Peter Munk!“ rief das Männlein. Er wischte
sich die Tränen aus den Augen und schaute sich um und sah—seine Mutter
und Lisbeth, seine Frau, die ihn freundlich anblickten.
Da sprang er freudig auf: „So bist du nicht tot, Lisbeth; und auch Ihr
seid da, Mutter, und habt mir vergeben?“
„Sie wollen dir verzeihen“, sprach das Glasmännlein, „weil du wahre
Reue fühlst, und alles soll vergessen sein. Zieh jetzt heim in deines
Vaters Hütte und sei ein Köhler wie zuvor; bist du brav und bieder, so
wirst du dein Handwerk ehren, und deine Nachbarn werden dich mehr
lieben und achten, als wenn du zehn Tonnen Goldes hättest.“ So sprach
das Glasmännlein und nahm Abschied von ihnen.
Die drei lobten und segneten es und gingen heim.
Das prachtvolle Haus des reichen Peters stand nicht mehr; der Blitz
hatte es angezündet und mit all seinen Schätzen niedergebrannt; aber
nach der väterlichen Hütte war es nicht weit; dorthin ging jetzt ihr
Weg, und der große Verlust bekümmerte sie nicht.
Aber wie staunten sie, als sie an die Hütte kamen! Sie war zu einem
schönen Bauernhaus geworden, und alles darin war einfach, aber gut und
reinlich.
„Das hat das gute Glasmännlein getan!“ rief Peter.
„Wie schön!“ sagte Frau Lisbeth. „Und hier ist mir viel heimischer als
in dem großen Haus mit dem vielen Gesinde.“
Von jetzt an wurde Peter Munk ein fleißiger und wackerer Mann. Er war
zufrieden mit dem, was er hatte, trieb sein Handwerk unverdrossen, und
so kam es, daß er durch eigene Kraft wohlhabend wurde und angesehen und
beliebt im ganzen Wald. Er zankte nie mehr mit Frau Lisbeth, ehrte
seine Mutter und gab den Armen, die an seine Türe pochten. Als nach
Jahr und Tag Frau Lisbeth von einem schönen Knaben genas, ging Peter
nach dem Tannenbühl und sagte sein Sprüchlein. Aber das Glasmännlein
zeigte sich nicht. „Herr Schatzhauser!“ rief er laut, „hört mich doch;
ich will ja nichts anderes, als Euch zu Gevatter bitten bei meinem
Söhnlein!“ Aber es gab keine Antwort; nur ein kurzer Windstoß sauste
durch die Tannen und warf einige Tannenzapfen herab ins Gras. „So will
ich dies zum Andenken mitnehmen, weil Ihr Euch doch nicht sehen lassen
wollet“, rief Peter, steckte die Zapfen in die Tasche und ging nach
Hause; aber als er zu Hause das Sonntagswams auszog und seine Mutter
die Taschen umwandte und das Wams in den Kasten legen wollte, da fielen
vier stattliche Geldrollen heraus, und als man sie öffnete, waren es
lauter gute, neue badische Taler, und kein einziger falscher darunter.
Und das war das Patengeschenk des Männleins im Tannenwald für den
kleinen Peter.
So lebten sie still und unverdrossen fort, und noch oft nachher, als
Peter Munk schon graue Haare hatte, sagte er: „Es ist doch besser,
zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben und ein kaltes
Herz.“
Es mochten etwa schon fünf Tage vergangen sein, während Felix, der
Jäger und der Student noch immer unter den Räubern gefangen saßen. Sie
wurden zwar von dem Hauptmann und seinen Untergebenen gut behandelt,
aber dennoch sehnten sie sich nach Befreiung, denn je mehr die Zeit
fortrückte, desto höher stieg auch ihre Angst vor Entdeckung. Am Abend
des fünften Tages erklärte der Jäger seinen Leidensgenossen, daß er
entschlossen sei, in dieser Nacht loszubrechen, und wenn es ihn auch
das Leben kosten sollte. Er munterte seine Gefährten zum gleichen
Entschluß auf und zeigte ihnen, wie sie ihre Flucht ins Werk setzen
könnten. „Den, der uns zunächst steht, nehme ich auf mich; es ist
Notwehr, und Not kennt kein Gebot, er muß sterben.“
„Sterben!“ rief Felix entsetzt. „Ihr wollt ihn totschlagen?“
„Das bin ich fest entschlossen, wenn es darauf ankommt, zwei
Menschenleben zu retten. Wisset, daß ich die Räuber mit besorglicher
Miene habe flüstern hören, im Wald werde nach ihnen gestreift, und die
alten Weiber verrieten in ihrem Zorn die böse Absicht der Bande; sie
schimpften auf uns und gaben zu verstehen, wenn die Räuber angegriffen
würden, so müßten wir ohne Gnade sterben.“
„Gott im Himmel!“ schrie der Jüngling entsetzt und verbarg sein Gesicht
in die Hände.
„Noch haben sie uns das Messer nicht an die Kehle gesetzt“, fuhr der
Jäger fort, „drum laßt uns ihnen zuvorkommen! Wenn es dunkel ist,
schleiche ich auf die nächste Wache zu; sie wird anrufen; ich werde ihm
zuflüstern, die Gräfin sei plötzlich sehr krank geworden, und indem er
sich umsieht, stoße ich ihn nieder. Dann hole ich Euch ab, junger Mann,
und der zweite kann uns ebensowenig entgehen; und beim dritten haben
wir zu zweit leichtes Spiel.“
Der Jäger sah bei diesen Worten so schrecklich aus, daß Felix sich vor
ihm fürchtete. Er wollte ihn bereden, von diesem blutigen Gedanken
abzustehen, als die Türe leise aufging und schnell eine Gestalt
hereinschlüpfte. Es war der Hauptmann. Behutsam schloß er wieder zu und
winkte den beiden Gefangenen, sich ruhig zu verhalten. Er setzte sich
neben Felix nieder und sprach:
„Frau Gräfin, Ihr seid in schlimmer Lage. Euer Herr Gemahl hat nicht
Wort gehalten, er hat nicht nur das Lösegeld nicht geschickt, sondern
er hat auch die Regierungen umher aufgeboten; bewaffnete Mannschaft
streift von allen Seiten durch den Wald, um mich und meine Leute
auszuheben. Ich habe Eurem Gemahl gedroht, Euch zu töten, wenn er Miene
macht, uns anzugreifen; doch es muß ihm entweder an Eurem Leben wenig
liegen, oder er traut unseren Schwüren nicht. Euer Leben ist in unserer
Hand, ist nach unseren Gesetzen verwirkt. Was wollet Ihr dagegen
einwenden?“
Bestürzt sahen die Gefangenen vor sich nieder, sie wußten nicht zu
antworten, denn Felix erkannte wohl, daß ihn das Geständnis über seine
Verkleidung nur noch mehr in Gefahr setzen könnte.
Es ist mir unmöglich“, fuhr der Hauptmann fort, „eine Dame, die meine
vollkommene Achtung hat, also in Gefahr zu sehen. Darum will ich Euch
einen Vorschlag zur Rettung machen, es ist der einzige Ausweg, der Euch
übrig bleibt: Ich will mit Euch entfliehen.“
Erstaunt, überrascht blickten ihn beide an; er aber sprach weiter: „Die
Mehrzahl meiner Gesellen ist entschlossen, nach Italien zu ziehen und
unter einer weitverbreiteten Bande Dienste zu nehmen. Mir für meinen
Teil behagt es nicht, unter einem anderen zu dienen, und darum werde
ich keine gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen. Wenn Ihr mir nun
Euer Wort geben wolltet, Frau Gräfin, für mich gutzusprechen, Eure
mächtigen Verbindungen zu meinem Schutze anzuwenden, so kann ich Euch
noch freimachen, ehe es zu spät ist.“
Felix schwieg verlegen; sein redliches Herz sträubte sich, den Mann,
der ihm das Leben retten wollte, geflissentlich einer Gefahr
auszusetzen, vor welcher er ihn nachher nicht schützen könnte. Als er
noch immer schwieg, fahr der Hauptmann fort: „Man sucht gegenwärtig
überall Soldaten; ich will mit dem geringsten Dienst zufrieden sein.
Ich weiß, daß Ihr viel vermöget; aber ich will ja nichts weiter als
Euer Versprechen, etwas für mich in dieser Sache zu tun.“
„Nun denn“, antwortete Felix mit niedergeschlagenen Augen, „ich
verspreche Euch, was ich tun kann, was in meinen Kräften steht,
anzuwenden, um Euch nützlich zu sein. Liegt doch, wie es Euch ergehe,
ein Trost für mich darin, daß Ihr diesem Räuberleben Euch selbst
freiwillig entzogen habt.“
Gerührt küßte der Hauptmann die Hand dieser gütigen Dame, flüsterte ihr
noch zu, sich zwei Stunden nach Anbruch der Nacht bereitzuhalten, und
verließ dann ebenso vorsichtig, wie er gekommen war, die Hütte. Die
Gefangenen atmeten freier, als er hinweggegangen war. „Wahrlich!“ rief
der Jäger, „dem hat Gott das Herz gelenkt! Wie wunderbar sollen wir
errettet werden! Hätte ich mir träumen lassen, daß in der Welt noch
etwas dergleichen geschehen könnte und daß mir ein solches Abenteuer
begegnen sollte?“
„Wunderbar, allerdings!“ erwiderte Felix. „Aber habe ich auch recht
getan, diesen Mann zu betrügen? Was kann ihm mein Schutz frommen? Saget
selbst, Jäger, heißt es ihn nicht an den Galgen locken, wenn ich ihm
nicht gestehe, wer ich bin?“ „Ei, wie mögt Ihr solche Skrupel haben,
lieber Junge!“ entgegnete der Student. „Nachdem Ihr Eure Rolle so
meisterhaft gespielt! Nein, darüber dürft Ihr Euch nicht ängstigen, das
ist nichts anderes als erlaubte Notwehr. Hat er doch den Frevel
begangen, eine angesehene Frau schändlicherweise von der Straße
hinwegführen zu wollen, und wäret Ihr nicht gewesen, wer weiß, wie es
um das Leben der Gräfin stände? Nein, Ihr habt nicht unrecht getan;
übrigens glaube ich, er wird bei den Gerichten sich einen Stein im
Brett gewinnen, wenn er, das Haupt dieses Gesindels, sich selbst
ausliefert.“
Dieser letztere Gedanke tröstete den jungen Goldschmied. Freudig bewegt
und doch wieder voll banger Besorgnis über das Gelingen des Planes
durchlebten sie die nächsten Stunden. Es war schon dunkel, als der
Hauptmann auf einen Augenblick in die Hütte trat, ein Bündel Kleider
niederlegte und sprach: „Frau Gräfin, um unsere Flucht zu erleichtern,
müßt Ihr notwendig diese Männerkleidung anlegen. Machet Euch fertig! In
einer Stunde treten wir den Marsch an.“