nicht laut zu lachen. „Das wäre nun die zweite Verkleidung“, rief er,
„und ich wollte schwören, diese steht Euch noch besser als die erste!“
Sie öffneten das Bündel und fanden ein hübsches Jagdkleid mit allem
Zubehör, das Felix trefflich paßte. Nachdem er sich gerüstet, wollte
der Jäger die Kleider der Gräfin in einen Winkel der Hütte werfen,
Felix gab es aber nicht zu; er legte sie zu einem kleinen Bündel
zusammen und äußerte, er wolle die Gräfin bitten, sie ihm zu schenken,
und sie dann sein ganzes Leben hindurch zum Andenken an diese
merkwürdigen Tage aufbewahren.
Endlich kam der Hauptmann. Er war vollständig bewaffnet und brachte dem
Jäger die Büchse, die man ihm abgenommen, und ein Pulverhorn. Auch dem
Studenten gab er eine Flinte, und Felix reichte er einen Hirschfänger,
mit der Bitte, ihn auf den Fall der Not umzuhängen. Es war ein Glück
für die drei, daß es sehr dunkel war; denn leicht hätten die
leuchtenden Blicke, womit Felix diese Waffe empfing, dem Räuber seinen
wahren Stand verraten können. Als sie behutsam aus der Hütte getreten
waren, bemerkte der Jäger, daß der gewöhnliche Posten an der Hütte
diesmal nicht besetzt sei. So war es möglich, daß sie unbemerkt an den
Hütten vorbeischleichen konnten; doch schlug der Hauptmann nicht den
gewöhnlichen Pfad ein, der aus der Schlucht in den Wald hinausführte,
sondern er näherte sich einem Felsen, der ganz senkrecht und, wie es
schien, unzugänglich vor ihnen lag. Als sie dort angekommen waren,
machte der Hauptmann auf eine Strickleiter aufmerksam, die an dem
Felsen herabgespannt war. Er warf seine Büchse auf den Rücken und stieg
zuerst hinan; dann rief er der Gräfin zu, ihm zu folgen, und bot ihr
die Hand zur Hilfe, der Jäger stieg zuletzt herauf. Hinter diesem
Felsen zeigte sich ein Fußpfad, den sie einschlugen und rasch vorwärts
gingen.
„Dieser Fußpfad“, sprach der Hauptmann, „führt nach der Aschaffenburger
Straße. Dorthin wollen wir uns begeben; denn ich habe genau erfahren,
daß Ihr Gemahl, der Graf, sich gegenwärtig dort aufhält.“
Schweigend zogen sie weiter, der Räuber immer voran, die drei anderen
dicht hinter ihm. Nach drei Stunden hielten sie an; der Hauptmann lud
Felix ein, sich auf einen Baumstamm zu setzen, um auszuruhen. Er zog
Brot, eine Feldflasche mit altem Wein hervor und bot es den Ermüdeten
an. „Ich glaube, wir werden, ehe eine Stunde vergeht, auf den Kordon
stoßen, den das Militär durch den Wald gezogen hat. In diesem Fall
bitte ich Sie, mit dem Anführer der Soldaten zu sprechen und gute
Behandlung für mich zu verlangen.“
Felix sagte auch dies zu, obwohl er sich von seiner Verwendung geringen
Erfolg versprach. Sie ruhten noch eine halbe Stunde und brachen dann
auf. Sie mochten etwa wieder eine Stunde gegangen sein und näherten
sich schon der Landstraße; der Tag fing an heraufzukommen, und die
Dämmerung verbreitete sich schon im Wald, als ihre Schritte plötzlich
durch ein lautes: „Halt! Steht!“ gefesselt wurden. Sie hielten, und
fünf Soldaten rückten gegen sie vor und bedeuteten ihnen, sie müßten
folgen und vor dem kommandierenden Major sich über ihre Reise
ausweisen. Als sie noch etwa fünfzig Schritte gegangen waren, sahen sie
links und rechts im Gebüsch Gewehre blitzen, eine große Schar schien
den Wald besetzt zu haben. Der Major saß mit mehreren Offizieren und
anderen Männern unter einer Eiche. Als die Gefangenen vor ihn gebracht
wurden und er eben anfangen wollte, sie zu examinieren über das „Woher“
und „Wohin“, sprang einer der Männer auf und rief: „Mein Gott, was sehe
ich? Das ist ja Gottfried, unser Jäger!“
„Jawohl, Herr Amtmann!“ antwortete der Jäger mit freudiger Stimme, „da
bin ich, und wunderbar gerettet aus der Hand des schlechten Gesindels.“
Die Offiziere erstaunten, ihn hier zu sehen; der Jäger aber bat den
Major und den Amtmann, mit ihm auf die Seite zu treten, und erzählte in
kurzen Worten, wie sie errettet worden und wer der dritte sei, welcher
ihn und den jungen Goldschmied begleitete.
Erfreut über diese Nachricht, traf der Major sogleich seine Maßregeln,
den wichtigen Gefangenen weiter transportieren zu lassen; den jungen
Goldschmied aber führte er zu seinen Kameraden, stellte ihn als den
heldenmütigen Jüngling vor, der die Gräfin durch seinen Mut und seine
Geistesgegenwart gerettet habe, und alle schüttelten Felix freudig die
Hand, lobten ihn und konnten nicht satt werden, sich von ihm und dem
Jäger ihre Schicksale erzählen zu lassen.
Indessen war es völlig Tag geworden. Der Major beschloß, die Befreiten
selbst bis in die Stadt zu begleiten; er ging mit ihnen und dem Amtmann
der Gräfin in das nächste Dorf, wo sein Wagen stand, und dort mußte
sich Felix zu ihm in den Wagen setzen; der Jäger, der Student, der
Amtmann und viele andere Leute ritten vor und hinter ihnen, und so
zogen sie im Triumph der Stadt zu. Wie ein Lauffeuer hatte sich das
Gerücht von dem Überfall in der Waldschenke, von der Aufopferung des
jungen Goldarbeiters in der Gegend verbreitet, und ebenso reißend ging
jetzt die Sage von seiner Befreiung von Mund zu Mund. Es war daher
nicht zu verwundern, daß in der Stadt, wohin sie zogen, die Straßen
gedrängt voll Menschen standen, die den jungen Helden sehen wollten.
Alles drängte sich zu, als der Wagen langsam hereinfuhr. „Das ist er“,
riefen sie, „seht ihr ihn dort im Wagen neben dem Offizier! Es lebe der
brave Goldschmiedsjunge!“ Und ein tausendstimmiges „Hoch!“ füllte die
Lüfte.
Felix war beschämt, gerührt von der rauschenden Freude der Menge. Aber
noch ein rührenderer Anblick stand ihm auf dem Rathause der Stadt
bevor. Ein Mann von mittleren Jahren, in reichen Kleidern, empfing ihn
an der Treppe und umarmte ihn mit Tränen in den Augen. „Wie kann ich
dir vergelten, mein Sohn!“ rief er. „Du hast mir viel gegeben, als ich
nahe daran war, unendlich viel zu verlieren! Du hast mir die Gattin,
meinen Kindern die Mutter gerettet; denn ihr zartes Leben hätte die
Schrecken einer solchen Gefangenschaft nicht ertragen.“ Es war der
Gemahl der Gräfin, der diese Worte sprach. So sehr sich Felix sträuben
mochte, einen Lohn für seine Aufopferung zu bestimmen, so unerbittlich
schien der Graf darauf bestehen zu wollen. Da fiel dem Jüngling das
unglückliche Schicksal des Räuberhauptmanns ein; er erzählte, wie er
ihn gerettet, wie diese Rettung eigentlich der Gräfin gegolten habe.
Der Graf, gerührt nicht sowohl von der Handlung des Hauptmanns als von
dem neuen Beweis einer edlen Uneigennützigkeit, den Felix durch die
Wahl seiner Bitte ablegte, versprach, das Seinige zu tun, um den Räuber
zu retten.
Noch an demselben Tag aber führte der Graf, begleitet von dem wackeren
Jäger, den jungen Goldschmied nach seinem Schlosse, wo die Gräfin, noch
immer besorgt um das Schicksal des jungen Mannes, der sich für sie
geopfert, sehnsuchtsvoll auf Nachrichten wartete. Wer beschreibt ihre
Freude, als ihr Gemahl, den Retter an der Hand, in ihr Zimmer trat? Sie
fand kein Ende, ihn zu befragen, ihm zu danken; sie ließ ihre Kinder
herbeibringen und zeigte ihnen den hochherzigen Jüngling, dem ihre
Mutter so unendlich viel verdanke, und die Kleinen faßten seine Hände,
und der zarte Sinn ihres kindlichen Dankes, ihre Versicherungen, daß er
ihnen nach Vater und Mutter auf der ganzen Erde das Liebste sei, waren
ihm die schönste Entschädigung für manchen Kummer, für die schlaflosen
Nächte in der Hütte der Räuber.
Als die ersten Momente des frohen Wiedersehens vorüber waren, winkte
die Gräfin einem Diener, welcher bald darauf jene Kleider und das
wohlbekannte Ränzchen herbeibrachte, welche Felix der Gräfin in der
Waldschenke überlassen hatte. „Hier ist alles“, sprach sie mit gütigem
Lächeln, „was Ihr mir in jenen furchtbaren Augenblicken gegeben; es ist
der Zauber, womit Ihr mich umhüllt habt, um meine Verfolger mit
Blindheit zu schlagen. Es steht Euch wieder zu Diensten; doch will ich
Euch den Vorschlag machen, diese Kleider, die ich zum Andenken an Euch
aufbewahren möchte, mir zu überlassen und zum Tausch dafür die Summe
anzunehmen, welche die Räuber zum Lösegeld für mich bestimmten.“
Felix erschrak über die Größe dieses Geschenkes; sein edler Sinn
sträubte sich, einen Lohn für das anzunehmen, was er aus freiem Willen
getan. „Gnädige Frau“, sprach er bewegt, „ich kann dies nicht gelten
lassen. Die Kleider sollen Euer sein, wie Ihr es befehlet; jedoch die
Summe, von der Ihr sprechet, kann ich nicht annehmen. Doch, weil ich
weiß, daß Ihr mich durch irgend etwas belohnen wollet, so erhaltet mir
Eure Gnade statt anderen Lohnes, und sollte ich in den Fall kommen,
Eurer Hilfe zu bedürfen, so könnt Ihr darauf rechnen, daß ich Euch
darum bitten werde.“ Noch lange drang man in den jungen Mann; aber
nichts konnte seinen Sinn ändern. Die Gräfin und ihr Gemahl gaben
endlich nach, und schon wollte der Diener die Kleider und das Ränzchen
wieder wegtragen, als Felix sich an das Geschmeide erinnerte, das er im
Gefühl so vieler freudiger Szenen ganz vergessen hatte.
„Halt!“ rief er. „Nur etwas müßt Ihr mir noch aus meinem Ränzchen zu
nehmen erlauben, gnädige Frau; das übrige ist dann ganz und völlig
Euer.“
„Schaltet nach Belieben“, sprach sie, „obgleich ich gerne alles zu
Eurem Gedächtnis behalten hätte, so nehmet nur, was Ihr etwa davon
nicht entbehren wollet! Doch, wenn man fragen darf, was liegt Euch denn
so sehr am Herzen, daß Ihr es mir nicht überlassen möget?“
Der Jüngling hatte während dieser Worte sein Ränzchen geöffnet und ein
Kästchen von rotem Saffian herausgenommen. „Was mein ist, könnet Ihr
alles haben“, erwiderte er lächelnd, „doch dies gehört meiner lieben
Frau Pate; ich habe es selbst gefertigt und muß es ihr bringen. Es ist
ein Schmuck, gnädige Frau“, fuhr er fort, indem er das Kästchen öffnete
und ihr hinbot, „ein Schmuck, an welchem ich mich selbst versucht
habe.“
Sie nahm das Kästchen; aber nachdem sie kaum einen Blick darauf
geworfen, fuhr sie betroffen zurück.
„Wie? Diese Steine!“ rief sie. „Und für Eure Pate sind sie bestimmt,
sagtet Ihr?“
„Jawohl“, antwortete Felix, „meine Frau Pate hat mir die Steine
geschickt; ich habe sie gefaßt und bin auf dem Wege, sie selbst zu
überbringen.“
Gerührt sah ihn die Gräfin an; Tränen drangen aus ihren Augen. „So bist
du Felix Perner aus Nürnberg?“ rief sie.
„Jawohl! Aber woher wißt Ihr so schnell meinen Namen?“ fragte der
Jüngling und sah sie bestürzt an.
„Oh, wundervolle Fügung des Himmels!“ sprach sie gerührt zu ihrem
staunenden Gemahl. „Das ist ja Felix, unser Patchen, der Sohn unserer
Kammerfrau Sabine! Felix! Ich bin es ja, zu der du kommen wolltest; so
hast du deine Pate gerettet, ohne es zu wissen.“
„Wie? Seid denn Ihr die Gräfin Sandau, die so viel an mir und meiner
Mutter getan? Und dies ist das Schloß Mayenburg, wohin ich wandern
wollte? Wie danke ich dem gütigen Geschick, das mich so wunderbar mit
Euch zusammentreffen ließ; so habe ich Euch doch durch die Tat, wenn
auch in geringem Maße, meine große Dankbarkeit bezeugen können!“
„Du hast mehr an mir getan“, erwiderte sie, „als ich je an dir hätte
tun können; doch so lange ich lebe, will ich dir zu zeigen suchen, wie
unendlich viel wir alle dir schuldig sind. Mein Gatte soll dein Vater,
meine Kinder deine Geschwister und ich selbst will deine treue Mutter
sein, und dieser Schmuck, der dich zu mir führte in der Stunde der
höchsten Not, soll meine beste Zierde werden; denn er wird mich immer
an dich und deinen Edelmut erinnern.“
So sprach die Gräfin und hielt Wort. Sie unterstützte den glücklichen
Felix auf seinen Wanderungen reichlich. Als er zurückkam als ein
geschickter Arbeiter in seiner Kunst, kaufte sie ihm in Nürnberg ein
Haus, richtete es vollständig ein, und ein nicht geringer Schmuck in
seinem besten Zimmer waren schön gemalte Bilder, welche die Szenen in
der Waldschenke und Felix’ Leben unter den Räubern vorstellten.
Dort lebte Felix als ein geschickter Goldarbeiter; der Ruhm seiner
Kunst verband sich mit der wunderbaren Sage von seinem Heldenmut und
verschaffte ihm Kunden im ganzen Reiche. Viele Fremde, wenn sie durch
die schöne Stadt Nürnberg kamen, ließen sich in die Werkstatt des
berühmten Meisters Felix führen, um ihn zu sehen, zu bewundern, wohl
auch ein schönes Geschmeide bei ihm zu bestellen. Die angenehmsten
Besuche waren ihm aber der Jäger, der Zirkelschmied, der Student und
der Fuhrmann. So oft der letztere von Würzburg nach Fürth fuhr, sprach
er bei Felix ein; der Jäger brachte ihm beinahe alle Jahre Geschenke
von der Gräfin, der Zirkelschmied aber ließ sich, nachdem er in allen
Ländern umhergewandert war, bei Meister Felix nieder. Eines Tages
besuchte sie auch der Student. Er war indessen ein bedeutender Mann im
Staat geworden, schämte sich aber nicht, bei Meister Felix und dem
Zirkelschmied ein Abendessen zu verzehren. Sie erinnerten sich an alle
Szenen der Waldschenke; und der ehemalige Student erzählte, er habe den
Räuberhauptmann in Italien wiedergesehen; er habe sich gänzlich
gebessert und diene als braver Soldat dem König von Neapel.
Felix freute sich, als er dies hörte. Ohne diesen Mann wäre er zwar
vielleicht nicht in jene gefährliche Lage gekommen, aber ohne ihn hätte
er sich auch nicht aus Räuberhand befreien können. Und so geschah es,
daß der wackere Meister Goldschmied nur friedliche und freundliche
Erinnerungen hatte, wenn er zurückdachte an
_das Wirtshaus im Spessart_.