„Höret zu, und ihr werdet mir recht geben“, antwortete Felix. „Mein

Vater war ein geschickter Goldarbeiter in Nürnberg, und meine Mutter

hatte früher bei einer vornehmen Frau gedient als Kammerfrau, und als

sie meinen Vater heiratete, wurde sie von der Gräfin, welcher sie

gedient hatte, trefflich ausgestattet. Diese blieb meinen Eltern immer

gewogen, und als ich auf die Welt kam, wurde sie meine Pate und

beschenkte mich reichlich. Aber als meine Eltern bald nacheinander an

einer Seuche starben und ich ganz allein und verlassen in der Welt

stand und ins Waisenhaus gebracht werden sollte, da vernahm die Frau

Pate unser Unglück, nahm sich meiner an und gab mich in ein

Erziehungshaus; und als ich alt genug war, schrieb sie mir, ob ich

nicht des Vaters Gewerbe lernen wollte. Ich war froh darüber und sagte

zu, und so gab sie mich meinem Meister in Würzburg in die Lehre. Ich

hatte Geschick zur Arbeit und brachte es bald so weit, daß mir der

Lehrbrief ausgestellt wurde und ich auf die Wanderschaft mich rüsten

konnte. Dies schrieb ich der Frau Pate, und flugs antwortete sie, daß

sie das Geld zur Wanderschaft gebe. Dabei schickte sie prachtvolle

Steine mit und verlangte, ich solle sie fassen zu einem schönen

Geschmeide, ich solle dann solches als Probe meiner Geschicklichkeit

selbst überbringen und das Reisegeld in Empfang nehmen. Meine Frau Pate

habe ich in meinem Leben nicht gesehen, und ihr könnet denken, wie ich

mich auf sie freute. Tag und Nacht arbeitete ich an dem Schmuck, er

wurde so schön und zierlich, daß selbst der Meister darüber erstaunte.

Als es fertig war, packte ich alles sorgfältig auf den Boden meines

Ränzels, nahm Abschied vom Meister und wanderte meine Straße nach dem

Schlosse der Frau Pate. Da kamen“, fuhr er in Tränen ausbrechend fort,

„diese schändlichen Menschen und zerstörten all meine Hoffnung. Denn

wenn Eure Frau Gräfin den Schmuck verliert oder vergißt, was ich ihr

sagte, und das schlechte Ränzchen wegwirft, wie soll ich dann vor meine

gnädige Frau Pate treten? Mit was soll ich mich ausweisen? Woher die

Steine ersetzen? Und das Reisegeld ist dann auch verloren, und ich

erscheine als ein undankbarer Mensch, der anvertrautes Gut so

leichtfertig weggegeben. Und am Ende—wird man mir glauben, wenn ich den

wunderbaren Vorfall erzähle?“

„Über das letztere seid getrost!“ erwiderte der Jäger. „Ich glaube

nicht, daß bei der Gräfin Euer Schmuck verlorengehen kann; und wenn

auch, so wird sie sicherlich ihn ihrem Retter wieder erstatten und ein

Zeugnis über diese Vorfälle ausstellen. Wir verlassen Euch jetzt auf

einige Stunden; denn wahrhaftig, wir brauchen Schlaf, und nach den

Anstrengungen dieser Nacht werdet Ihr ihn auch nötig haben. Nachher

laßt uns im Gespräch unser Unglück auf Augenblicke vergessen oder,

besser noch, auf unsere Flucht denken!“

Sie gingen; Felix blieb allein zurück und versuchte, dem Rat des Jägers

zu folgen.

Als nach einigen Stunden der Jäger mit dem Studenten zurückkam, fand er

seinen jungen Freund gestärkter und munterer als zuvor. Er erzählte dem

Goldschmied, daß ihm der Hauptmann alle Sorgfalt für die Dame empfohlen

habe, und in wenigen Minuten werde eines der Weiber, die sie unter den

Hütten gesehen hatten, der gnädigen Gräfin Kaffee bringen und ihre

Dienste zur Aufwartung anbieten. Sie beschlossen, um ungestört zu sein,

diese Gefälligkeit nicht anzunehmen, und als das alte, häßliche

Zigeunerweib kam, das Frühstück versetzte und mit grinsender

Freundlichkeit fragte, ob sie nicht sonst noch zu Diensten sein könnte,

winkte ihr Felix zu gehen, und als sie noch zauderte, scheuchte sie der

Jäger aus der Hütte. Der Student erzählte dann weiter, was sie sonst

noch von dem Lager der Räuber gesehen. „Die Hütte, die Ihr bewohnt,

schönste Frau Gräfin“, sprach er, „scheint ursprünglich für den

Hauptmann bestimmt. Sie ist nicht so geräumig, aber schöner als die

übrigen. Außer dieser sind noch sechs andere da, in welchen die Weiber

und Kinder wohnen; denn von den Räubern sind selten mehr als sechs zu

Hause. Einer steht nicht weit von dieser Hütte Wache, der andere unten

am Weg in der Höhe, und ein dritter hat den Lauerposten oben am Eingang

in die Schlucht. Von zwei zu zwei Stunden werden sie von den drei

übrigen abgelöst. Jeder hat überdies zwei große Hunde neben sich

liegen, und sie alle sind so wachsam, daß man keinen Fuß aus der Hütte

setzen kann, ohne daß sie anschlagen. Ich habe keine Hoffnung, daß wir

uns durchstehlen können.“

„Machet mich nicht traurig, ich bin nach dem Schlummer mutiger

geworden“, entgegnete Felix, „gebet nicht alle Hoffnung auf, und

fürchtet Ihr Verrat, so lasset uns lieber jetzt von etwas anderem reden

und nicht lange voraus schon kummervoll sein! Herr Student, in der

Schenke habt Ihr angefangen, etwas zu erzählen, fahret jetzt fort; denn

wir haben Zeit zum Plaudern.“

„Kann ich mich doch kaum erinnern, was es war“, antwortete der junge

Mann.

„Ihr erzähltet die Sage von dem kalten Herz und seid stehengeblieben,

wie der Wirt und der andere Spieler den Kohlenpeter aus der Türe

werfen.“

„Gut, jetzt entsinne ich mich wieder“, entgegnete er, „nun, wenn ihr

weiter hören wollet, will ich fortfahren“:

Das kalte Herz

Zweite Abteilung

Als Peter am Montagmorgen in seine Glashütte ging, da waren nicht nur

seine Arbeiter da, sondern auch andere Leute, die man nicht gerne

sieht, nämlich der Amtmann und drei Gerichtsdiener. Der Amtmann

wünschte Peter einen guten Morgen, fragte, wie er geschlafen, und zog

dann ein langes Register heraus, und darauf waren Peters Gläubiger

verzeichnet. „Könnt Ihr zahlen oder nicht?“ fragte der Amtmann mit

strengem Blick. „Und macht es nur kurz, denn ich habe nicht viel Zeit

zu versäumen, und in den Turm ist es drei gute Stunden.“ Da verzagte

Peter, gestand, daß er nichts mehr habe, und überließ es dem Amtmann,

Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu schätzen; und als

die Gerichtsdiener und der Amtmann umhergingen und prüften und

schätzten, dachte er, bis zum Tannenbühl ist’s nicht weit, hat mir der

Kleine nicht geholfen, so will ich es einmal mit dem Großen versuchen.

Er lief dem Tannenbühl zu, so schnell, als ob die Gerichtsdiener ihm

auf den Fersen wären, es war ihm, als er an dem Platz vorbeirannte, wo

er das Glasmännlein zuerst gesprochen, als halte ihn eine unsichtbare

Hand auf, aber er riß sich los und lief weiter bis an die Grenze, und

kaum hatte er „Holländer-Michel, Herr Holländer-Michel!“ gerufen, als

auch schon der riesengroße Flözer mit seiner Stange vor ihm stand.

„Kommst du?“ sprach dieser lachend, „haben sie dir die Haut abziehen

und deinen Gläubigern verkaufen wollen? Nu, sei ruhig! Dein ganzer

Jammer kommt, wie gesagt, von dem kleinen Glasmännlein, von dem

Separatisten und Frömmler her. Wenn man schenkt, muß man gleich recht

schenken, und nicht wie dieser Knauser. Doch komm, folge mir in mein

Haus; dort wollen wir sehen, ob wir handelseinig werden.“

„Handelseinig?“ dachte Peter. „Was kann er denn von mir verlangen, was

kann ich an ihn verhandeln? Soll ich ihm etwa dienen, oder was will

er?“ Sie gingen zuerst über einen steilen Waldsteig hinan und standen

dann mit einemmal an einer dunklen, tiefen, abschüssigen Schlucht;

Holländer-Michel sprang den Felsen hinab, wie wenn es eine sanfte

Marmortreppe wäre; aber bald wäre Peter in Ohnmacht gesunken, denn als

jener unten angekommen war, machte er sich so groß wie ein Kirchturm

und reichte ihm einen Arm, so lang als ein Weberbaum, und eine Hand

daran, so breit als der Tisch im Wirtshaus, und rief mit einer Stimme,

die heraufschallte wie eine tiefe Totenglocke, „setz dich nur auf meine

Hand und halte dich an den Fingern, so wirst du nicht fallen!“ Peter

tat zitternd, wie jener befohlen, nahm Platz auf der Hand und hielt

sich am Daumen des Riesen.

Es ging weit und tief hinab, aber dennoch ward es zu Peters

Verwunderung nicht dunkler, im Gegenteil, die Tageshelle schien sogar

zuzunehmen in der Schlucht, aber er konnte sie lange in den Augen nicht

ertragen. Der Holländer-Michel hatte sich, je weiter Peter herabkam,

wieder kleiner gemacht und stand nun in seiner früheren Gestalt vor

einem Haus, so gering oder gut, als es reiche Bauern auf dem

Schwarzwald haben. Die Stube, worein Peter geführt wurde, unterschied

sich durch nichts von den Stuben anderer Leute als dadurch, daß sie

einsam schien.

Die hölzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die breiten Bänke, die

Gerätschaften auf den Gesimsen waren hier wie überall. Michel wies ihm

einen Platz hinter dem großen Tisch an, ging dann hinaus und kam bald

mit einem Krug Wein und Gläsern wieder. Er goß ein, und nun schwatzten

sie, und Holländer-Michel erzählte von den Freuden der Welt, von

fremden Ländern, schönen Städten und Flüssen, daß Peter, am Ende große

Sehnsucht danach bekommend, dies auch offen dem Holländer sagte.

„Wenn du im ganzen Körper Mut und Kraft, etwas zu unternehmen, hattest,

da konnten ein paar Schläge des dummen Herzens dich zittern machen; und

dann die Kränkungen der Ehre, das Unglück, wozu soll sich ein

vernünftiger Kerl um dergleichen bekümmern? Hast du’s im Kopfe

empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten Kerl

nannte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich aus

dem Haus zu werfen? Was, sag an, was hat dir wehe getan?“

„Mein Herz“, sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust

preßte, denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her

wendete.

„Du hast, nimm es mir nicht übel, hundert Gulden an schlechte Bettler

und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es dir genützt? Sie haben dir

dafür Segen und einen gesunden Leib gewünscht; ja, bist du deswegen

gesünder geworden? Um die Hälfte des verschleuderten Geldes hättest du

einen Arzt gehalten. Segen, ja ein schöner Segen, wenn man ausgepfändet

und ausgestoßen wird! Und was war es, das dich getrieben, in die Tasche

zu fahren, so oft ein Bettelmann seinen zerlumpten Hut

hinstreckte?—Dein Herz, auch wieder dein Herz, und weder deine Augen

noch deine Zunge, deine Arme noch deine Beine, sondern dein Herz; du

hast dir es, wie man richtig sagt, zu sehr zu Herzen genommen.“

„Aber wie kann man sich denn angewöhnen, daß es nicht mehr so ist? Ich

gebe mir jetzt alle Mühe, es zu unterdrücken, und dennoch pocht mein

Herz und tut mir wehe.“

„Du freilich“, rief jener mit Lachen, „du armer Schelm, kannst nichts

dagegen tun; aber gib mir das kaum pochende Ding, und du wirst sehen,

wie gut du es dann hast.“

„Euch, mein Herz?“ schrie Peter mit Entsetzen, „da müßte ich ja sterben

auf der Stelle! Nimmermehr!“

„Ja, wenn dir einer Eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leibe

operieren wollte, da müßtest du wohl sterben; bei mir ist dies ein

anderes Ding; doch komm herein und überzeuge dich selbst!“ Er stand bei

diesen Worten auf, öffnete eine Kammertüre und führte Peter hinein.

Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle trat;

aber er achtete es nicht; denn der Anblick, der sich ihm bot, war

sonderbar und überraschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen

Gläser, mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt, und in jedem dieser

Gläser lag ein Herz; auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt und

Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des

Amtmanns in E, das Herz des dicken Ezechiel, das Herz des

Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von

Kornwucherern, acht von Werbeoffizieren, drei von Geldmaklern—kurz, es

war eine Sammlung der angesehensten Herzen in der Umgebung von zwanzig

Stunden.

„Schau!“ sprach Holländer-Michel, „diese alle haben des Lebens Ängste

und Sorgen weggeworfen, keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und

besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei, daß sie

den unruhigen Gast aus dem Hause haben.“

„Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?“ fragte Peter, den

dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln machte.

„Dies“, antwortete jener und reichte ihm aus einem Schubfach—ein

steinernes Herz.

„So?“ erwiderte er und konnte sich eines Schauers, der ihm über die

Haut ging, nicht erwehren. „Ein Herz von Marmelstein? Aber, horch

einmal, Herr Holländer-Michel, das muß doch gar kalt sein in der

Brust.“

„Freilich, aber ganz angenehm kühl. Warum soll denn ein Herz warm sein?

Im Winter nützt dir die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirschgeist

mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß

ist—du glaubst nicht, wie dann ein solches Herz abkühlt. Und wie

gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder törichtes Mitleiden noch

anderer Jammer pocht an solch ein Herz.“

„Und das ist alles, was Ihr mir geben könnet?“ fragte Peter unmutig,

„ich hoff’ auf Geld, und Ihr wollet mir einen Stein geben!“

„Nun, ich denke, an hunderttausend Gulden hättest du fürs erste genug.

Wenn du es geschickt umtreibst, kannst du bald ein Millionär werden.“

„Hunderttausend?“ rief der arme Köhler freudig. „Nun, so poche doch

nicht so ungestüm in meiner Brust! Wir werden bald fertig sein

miteinander. Gut, Michel; gebt mir den Stein und das Geld, und die

Unruh könnet Ihr aus dem Gehäuse nehmen!“

„Ich dachte es doch, daß du ein vernünftiger Bursche seiest“,

antwortete der Holländer, freundlich lächelnd, „komm, laß uns noch eins

trinken, und dann will ich das Geld auszahlen.“ So setzten sie sich

wieder in die Stube zum Wein, tranken und tranken wieder, bis Peter in

einen tiefen Schlaf verfiel.

Kohlenmunk-Peter erwachte beim fröhlichen Schmettern eines Posthorns,

und siehe da, er saß in einem schönen Wagen, fuhr auf einer breiten

Straße dahin, und als er sich aus dem Wagen bog, sah er in blauer Ferne

hinter sich den Schwarzwald liegen. Anfänglich wollte er gar nicht

glauben, daß er es selbst sei, der in diesem Wagen sitze; denn auch

seine Kleider waren gar nicht mehr dieselben, die er gestern getragen;

aber er erinnerte sich doch an alles so deutlich, daß er endlich sein

Nachsinnen aufgab und rief: „Der Kohlenmunk-Peter bin ich, das ist

ausgemacht, und kein anderer.“

Er wunderte sich über sich selbst, daß er gar nicht wehmütig werden

konnte, als er jetzt zum erstenmal aus der stillen Heimat, aus den

Wäldern, wo er so lange gelebt, auszog; selbst nicht, als er an seine

Mutter dachte, die jetzt wohl hilflos und im Elend saß, konnte er eine

Träne aus dem Auge pressen oder nur seufzen; denn es war ihm alles so

gleichgültig. „Ach, freilich“, sagte er dann, „Tränen und Seufzer,

Heimweh und Wehmut kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem

Holländer-Michel—das meine ist kalt und von Stein.“

Er legte seine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und

rührte sich nichts. „Wenn er mit den Hunderttausenden so gut Wort hielt

wie mit dem Herz, so soll es mich freuen“, sprach er und fing an,

seinen Wagen zu untersuchen. Er fand Kleidungsstücke von aller Art, wie

er sie nur wünschen konnte, aber kein Geld. Endlich stieß er auf eine

Tasche und fand viele tausend Taler in Gold und Scheinen auf

Handlungshäuser in allen großen Städten. „Jetzt hab’ ich’s, wie ich’s

wollte“, dachte er, setzte sich bequem in die Ecke des Wagens und fuhr

in die weite Welt.

Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und schaute aus seinem Wagen links

und rechts an den Häusern hinauf, schaute, wenn er anhielt, nichts als

das Schild seines Wirtshauses an, lief dann in der Stadt umher und ließ

sich die schönsten Merkwürdigkeiten zeigen. Aber es freute ihn nichts,

kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz; sein Herz von Stein nahm

an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren abgestumpft für

alles Schöne. Nichts war ihm mehr geblieben als die Freude an Essen und

Trinken und der Schlaf, und so lebte er, indem er ohne Zweck durch die

Welt reiste, zu seiner Unterhaltung speiste und aus Langeweile schlief.

Hier und da erinnerte er sich zwar, daß er fröhlicher, glücklicher

gewesen sei, als er noch arm war und arbeiten mußte, um sein Leben zu

fristen. Da hatte ihn jede schöne Aussicht ins Tal, Musik und Gesang

hatten ihn ergötzt, da hatte er sich stundenlang auf die einfache Kost,

die ihm die Mutter zu dem Meiler bringen sollte, gefreut. Wenn er so

über die Vergangenheit nachdachte, so kam es ihm ganz sonderbar vor,

daß er jetzt nicht einmal lachen konnte, und sonst hatte er über den

kleinsten Scherz gelacht. Wenn andere lachten, so verzog er nur aus

Höflichkeit den Mund, aber sein Herz—lächelte nicht mit. Er fühlte

dann, daß er zwar überaus ruhig sei; aber zufrieden fühlte er sich doch

nicht. Es war nicht Heimweh oder Wehmut, sondern Öde, Überdruß,

freudenloses Leben, was ihn endlich wieder zur Heimat trieb Als er von

Straßburg herüberfuhr und den dunklen Wald seiner Heimat erblickte, als

er zum erstenmal wieder jene kräftigen Gestalten, jene freundlichen,

treuen Gesichter der Schwarzwälder sah, als sein Ohr die heimatlichen

Klänge, stark, tief, aber wohltönend vernahm, da fühlte er schnell an

sein Herz; denn sein Blut wallte stärker, und er glaubte, er rnüsse

sich freuen und müsse weinen zugleich, aber—wie konnte er nur so

töricht sein, er hatte ja ein Herz von Stein; und Steine sind tot und

lächeln und weinen nicht.

Sein erster Gang war zum Holländer-Michel, der ihn mit alter

Freundlichkeit aufnahm. „Michel, sagte er zu ihm, „gereist bin ich nun

und habe alles gesehen“, ist aber alles dummes Zeug, und ich hatte nur

Langeweile. Überhaupt, Euer steinernes Ding, das ich in der Brust

trage, schützt mich zwar vor manchem; ich erzürne mich nie, bin nie

traurig; aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich nur

halb lebe. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig beweglicher machen?

Oder—gebt mir lieber mein altes Herz; ich hatte mich in fünfundzwanzig

Jahren daran gewöhnt, und wenn es zuweilen auch einen dummen Streich

machte, so war es doch munter und ein fröhliches Herz.“

Der Waldgeist lachte grimmig und bitter: „Wenn du einmal tot bist,

Peter Munk“, antwortete er, „dann soll es dir nicht fehlen, dann sollst

du dein weiches, rührbares Herz wieder haben, und du kannst dann

fühlen, was kommt, Freud’ oder Leid; aber hier oben kann es nicht mehr

dein werden! Doch, Peter, gereist bist du wohl, aber, so wie du

lebtest, konnte es dir nichts nützen—Setze dich jetzt hier irgendwo im

Wald, bau’ ein Haus, heirate, treibe dein Vermögen um, es hat dir nur

an Arbeit gefehlt, weil du müßig warst, hattest du Langeweile, und

schiebst jetzt alles auf dieses unschuldige Herz.“ Peter sah ein, daß

Michel recht habe, was den Müßiggang beträfe, und nahm sich vor, reich

und immer reicher zu werden. Michel schenkte ihm noch einmal

hunderttausend Gulden und entließ ihn als seinen guten Freund.

Bald vernahm man im Schwarzwald die Märe, der Kohlenmunk-Peter oder

Spielpeter sei wieder da und noch viel reicher als zuvor. Es ging auch

jetzt wie immer; als er am Bettelstab war, wurde er in der Sonne zur

Türe hinausgeworfen, und als er jetzt an einem Sonntagnachmittag seinen

ersten Einzug dort hielt, schüttelten sie ihm die Hand, lobten sein

Pferd, fragten nach seiner Reise, und als er wieder mit dem dicken

Ezechiel um harte Taler spielte, stand er in der Achtung so hoch als

je.

Er trieb jetzt aber nicht mehr das Glashandwerk, sondern den

Holzhandel, aber nur zum Schein. Sein Hauptgeschäft war, mit Korn und

Geld zu handeln. Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach

schuldig; aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente aus oder verkaufte

Korn an die Armen, die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen

Wert. Mit dem Amtmann stand er jetzt in enger Freundschaft, und wenn

einer Herrn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, so ritt der Amtmann

mit seinen Schergen hinaus, schätzte Haus und Hof, verkaufte flugs und

trieb Vater, Mutter und Kind in den Wald. Anfangs machte dies dem

reichen Peter einige Unlust; denn die armen Ausgepfändeten belagerten

dann haufenweise seine Türe, die Männer flehten um Nachsicht, die

Weiber suchten das steinerne Herz zu erweichen, und die Kinder

winselten um ein Stücklein Brot; aber als er sich ein paar tüchtige

Fleischerhunde angeschafft hatte, hörte diese Katzenmusik, wie er es

nannte, bald auf; er pfiff und hetzte, und die Bettelleute flogen

schreiend auseinander. Am meisten Beschwerde machte ihm das „alte

Weib“. Das war aber niemand anders als Frau Munkin, Peters Mutter. Sie

war in Not und Elend geraten, als man ihr Haus und Hof verkauft hatte,

und ihr Sohn, als er reich zurückgekehrt war, hatte nicht mehr nach ihr

umgesehen. Da kam sie nun zuweilen, alt, schwach und gebrechlich, an

einem Stock vor das Haus. Hinein wagte sie sich nimmer, denn er hatte

sie einmal weggejagt; aber es tat ihr wehe, von den Guttaten anderer

Menschen leben zu müssen, da der eigene Sohn ihr ein sorgenloses Alter

hätte bereiten können. Aber das kalte Herz wurde nimmer gerührt von dem

Anblicke der bleichen, wohlbekannten Züge, von den bittenden Blicken,

von der welken, ausgestreckten Hand, von der hinfälligen Gestalt;

mürrisch zog er, wenn sie sonnabends an die Türe pochte, einen

Sechsbätzner hervor, schlug ihn in ein Papier und ließ ihn

hinausreichen durch einen Knecht. Er vernahm ihre zitternde Stimme,

wenn sie dankte und wünschte, es möge ihm wohl gehen auf Erden, er

hörte sie hüstelnd von der Türe schleichen, aber er dachte weiter nicht

mehr daran, als daß er wieder sechs Batzen umsonst ausgegeben.

Endlich kam Peter auch auf den Gedanken zu heiraten. Er wußte, daß im

ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter geben werde;

aber er war schwierig in seiner Wahl; denn er wollte, daß man auch

hierin sein Glück und seinen Verstand preisen sollte; daher ritt er

umher im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der schönen

Schwarzwälderinnen deuchte ihm schön genug. Endlich, nachdem er auf

allen Tanzböden umsonst nach der Schönsten ausgeschaut hatte, hörte er

eines Tages, die Schöne und Tugendsamste im ganzen Wald sei eines armen

Holzbauers Tochter. Sie lebe still und für sich, besorge geschickt und

emsig ihres Vaters Haus und lasse sich nie auf dem Tanzboden sehen,

nicht einmal zu Pfingsten oder Kirmes. Als Peter von diesem Wunder des

Schwarzwaldes hörte, beschloß er, um sie zu werben, und ritt nach der

Hütte, die man ihm bezeichnet hatte. Der Vater der schönen Lisbeth

empfing den vornehmen Herrn mit Staunen und erstaunte noch mehr, als er

hörte, es sei dies der reiche Herr Peter und er wolle sein

Schwiegersohn werden. Er besann sich auch nicht lange, denn er meinte,

all seine Sorge und Armut werde nun ein Ende haben, sagte zu, ohne die

schöne Lisbeth zu fragen, und das gute Kind war so folgsam, daß sie

ohne Widerrede Frau Peter Munkin wurde.

Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt hatte. Sie

glaubte ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie konnte Herrn Peter

nichts zu Dank machen; sie hatte Mitleiden mit armen Leuten, und da ihr

Eheherr reich war, dachte sie, es sei keine Sünde, einem armen

Bettelweib einen Pfennig oder einem alten Mann einen Schnaps zu

reichen; aber als Herr Peter dies eines Tages merkte, sprach er mit

zürnenden Blicken und rauher Stimme: „Warum verschleuderst du mein

Vermögen an Lumpen und Straßenläufer? Hast du was mitgebracht ins Haus,

das du wegschenken könntest? Mit deines Vaters Bettelstab kann man

keine Suppe wärmen, und wirfst das Geld aus wie eine Fürstin? Noch

einmal laß dich betreten, so sollst du meine Hand fühlen!“ Die schöne

Lisbeth weinte in ihrer Kammer über den harten Sinn ihres Mannes, und

sie wünschte oft, lieber heim zu sein in ihres Vaters ärmlicher Hütte,

als bei dem reichen, aber geizigen, hartherzigen Peter zu hausen. Ach,

hätte sie gewußt, daß er ein Herz von Marmor habe und weder sie noch

irgendeinen Menschen lieben könne, so hätte sie sich wohl nicht

gewundert. So oft sie aber jetzt unter der Türe saß, und es ging ein

Bettelmann vorüber und zog den Hut und hub an seinen Spruch, so drückte

sie die Augen zu, das Elend nicht zu schauen, sie ballte die Hand

fester, damit sie nicht unwillkürlich in die Tasche fahre, ein

Kreuzerlein herauszulangen. So kam es, daß die schöne Lisbeth im ganzen

Wald verschrien wurde und es hieß, sie sei noch geiziger als Peter

Munk. Aber eines Tages saß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und spann

und murmelte ein Liedchen dazu; denn sie war munter, weil es schönes

Wetter und Herr Peter ausgeritten war über Feld. Da kommt ein altes

Männlein des Weges daher, das trägt einen großen, schweren Sack, und

sie hört es schon von weitem keuchen. Teilnehmend sieht ihm Frau

Lisbeth zu und denkt, einem so alten, kleinen Mann sollte man nicht

mehr so schwer aufladen.

Indes keucht und wankt das Männlein heran, und als es gegenüber von

Frau Lisbeth war, brach es unter dem Sacke beinahe zusammen. „Ach, habt

die Barmherzigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Wasser!“

sprach das Männlein. „Ich kam nicht weiter, muß elend verschmachten.“

„Aber Ihr solltet in Eurem Alter nicht mehr so schwer tragen“, sagte

Frau Lisbeth.

„Ja, wenn ich nicht Boten gehen müßte, der Armut halber und um mein

Leben zu fristen“, antwortete er, „ach, so eine reiche Frau wie Ihr

weiß nicht, wie wehe Armut tut und wie wohl ein frischer Trunk bei

solcher Hitze.“

Als sie dies hörte, eilte sie in das Haus, nahm einen Krug vom Gesims

und füllte ihn mit Wasser; doch als sie zurückkehrte und nur noch

wenige Schritte von ihm war und das Männlein sah, wie es so elend und

verkümmert auf dem Sack saß, da fühlte sie inniges Mitleid, bedachte,

daß ja ihr Mann nicht zu Hause sei, und so stellte sie den Wasserkrug

beiseite, nahm einen Becher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes

Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten. „So, und ein Schluck Wein

mag Euch besser frommen als Wasser, da Ihr schon so gar alt seid“,

sprach sie, „aber trinket nicht so hastig und esset auch Brot dazu!“

Das Männlein sah sie staunend an, bis große Tränen in seinen alten

Augen standen; es trank und sprach dann: „Ich bin alt geworden, aber

ich hab’ wenige Menschen gesehen, die so mitleidig wären und ihre Gaben

so schön und herzlich zu spenden wüßten wie Ihr, Frau Lisbeth. Aber es

wird Euch dafür auch recht wohl gehen auf Erden; solch ein Herz bleibt

nicht unbelohnt.“

„Nein, und den Lohn soll sie zur Stelle haben“, schrie eine

schreckliche Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr Peter mit

blutrotem Gesicht.

Märchen-Almanach auf das Jahr 1828 · 第 11 / 13 段