einen wehrlosen Mann zu schießen, der mit euch friedlich unterhandelt?
Törichter Bursche, du kannst mich totschießen, und dann hast du erst
keine große Heldentat getan; aber hier stehen zwanzig meiner Kameraden,
die mich rächen werden. Was nützt es dann deiner Frau Gräfin, wenn ihr
tot oder verstümmelt auf dem Flur lieget? Glaube mir, wenn sie
freiwillig mitgeht, soll sie mit Achtung behandelt werden; aber wenn
du, bis ich drei zähle, nicht den Hahnen in Ruhe setzest, so soll es
ihr übel ergehen. Hahnen in Ruh’, eins, zwei, drei!“ „Mit diesen Hunden
ist nicht zu spaßen“, flüsterte der Jäger, indem er den Befehl des
Räubers befolgte, „wahrhaftig, an meinem Leben liegt nichts; aber wenn
ich einen niederschieße, könnten sie meine Dame um so härter behandeln.
Ich will die Gräfin um Rat fragen. Gebt uns“, fuhr er mit lauter Stimme
fort, „gebt uns eine halbe Stunde Waffenstillstand, um die Gräfin
vorzubereiten; sie würde, wenn sie es so plötzlich erfährt, den Tod
davon haben.“
„Zugestanden“, antwortete der Räuber und ließ zugleich den Ausgang der
Treppe mit sechs Männern besetzen.
Bestürzt und verwirrt folgten die unglücklichen Reisenden dem Jäger in
das Zimmer der Gräfin; es lag dieses so nahe, und so laut hatte man
verhandelt, daß ihr kein Wort entgangen war. Sie war bleich und
zitterte heftig; aber dennoch schien sie fest entschlossen, sich in ihr
Schicksal zu ergeben. „Warum soll ich nutzlos das Leben so vieler
braver Leute aufs Spiel setzen?“ fragte sie. „Warum euch zu einer
vergeblichen Verteidigung auffordern, euch, die ihr mich gar nicht
kennet? Nein, ich sehe, daß keine andere Rettung ist, als den Elenden
zu folgen.“
Man war allgemein von dem Mut und dem Unglück der Dame ergriffen; der
Jäger weinte und schwur, daß er diese Schmach nicht überleben könne.
Der Student aber schmähte auf sich und seine Größe von sechs Fuß. „Wäre
ich nur um einen halben Kopf kleiner“, rief er, „und hätte ich keinen
Bart, so wüßte ich wohl, was ich zu tun hätte; ich ließe mir von der
Frau Gräfin Kleider geben, und diese Elenden sollten spät genug
erfahren, welchen Mißgriff sie getan.“
Auch auf Felix hatte das Unglück dieser Frau großen Eindruck gemacht.
Ihr ganzes Wesen kam ihm so rührend und bekannt vor; es war ihm, als
sei es seine frühe verstorbene Mutter, die sich in dieser schrecklichen
Lage befände. Er fühlte sich so gehoben, so mutig, daß er gerne sein
Leben für das ihrige gegeben hätte. Doch als der Student jene Worte
sprach, da blitzte auf einmal ein Gedanke in seiner Seele auf; er
vergaß alle Angst, alle Rücksichten, und er dachte nur an die Rettung
dieser Frau. „Ist es nur dies“, sprach er, indem er schüchtern und
errötend hervortrat, „gehört nur ein kleiner Körper, ein bartloses Kinn
und ein mutiges Herz dazu, die gnädige Frau zu retten, so bin ich
vielleicht auch nicht zu schlecht dazu; ziehet in Gottes Namen meinen
Rock an, setzet meinen Hut auf Euer schönes Haar und nehmet mein Bündel
auf den Rücken und ziehet als Felix, der Goldarbeiter, Eure Straße!“
Alle waren erstaunt über den Mut des Jünglings, der Jäger aber fiel ihm
freudig um den Hals. „Goldjunge“, rief er, „das wolltest du tun?
Wolltest dich in meiner gnädigen Frau Kleider stecken lassen und sie
retten? Das hat dir Gott eingegeben; aber allein sollst du nicht gehen,
ich will mich mit gefangen geben, will bei dir bleiben an deiner Seite
als dein bester Freund, und solange ich lebe, sollen sie dir nichts
anhaben dürfen.“
„Auch ich ziehe mit dir, so wahr ich lebe!“ rief der Student.
Es kostete lange Überredung, um die Gräfin zu diesem Vorschlag zu
überreden. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ein fremder
Mensch für sie sich aufopfern sollte; sie dachte sich im Falle einer
späteren Entdeckung die Rache der Räuber, die ganz auf den
Unglücklichen fallen würde, schrecklich. Aber endlich siegten teils die
Bitten des jungen Menschen, teils die Überzeugung, im Falle sie
gerettet würde, alles aufbieten zu können, um ihren Retter wieder zu
befreien. Sie willigte ein. Der Jäger und die übrigen Reisenden
begleiteten Felix in das Zimmer des Studenten, wo er sich schnell
einige Kleider der Gräfin überwarf. Der Jäger setzte ihm noch zum
Überfluß einige falsche Haarlocken der Kammerfrau und einen Damenhut
auf, und alle versicherten, daß man ihn nicht erkennen würde. Selbst
der Zirkelschmied schwur, daß, wenn er ihm auf der Straße begegnete, er
flink den Hut abziehen und nicht ahnen würde, daß er vor seinem mutigen
Kameraden sein Kompliment mache.
Die Gräfin hatte sich indessen mit Hilfe ihrer Kammerfrau aus dem
Ränzchen des jungen Goldarbeiters mit Kleidern versehen. Der Hut, tief
in die Stirne gedrückt, der Reisestock in der Hand, das etwas leichter
gewordene Bündel auf dem Rücken machten sie völlig unkenntlich, und die
Reisenden würden,zu jeder anderen Zeit über diese komische Maskerade
nicht wenig gelacht haben. Der neue Handwerksbursche dankte Felix mit
Tränen und versprach die schleunigste Hilfe.
„Nur noch eine Bitte habe ich“, antwortete Felix, „in diesem Ränzchen,
das Sie auf dem Rücken tragen, befindet sich eine kleine Schachtel;
verwahren Sie diese sorgfältig! Wenn sie verlorenginge, wäre ich auf
immer und ewig unglücklich; ich muß sie meiner Pflegmutter bringen
und—“
„Gottfried, der Jäger, weiß mein Schloß“, entgegnete sie, „es soll Euch
alles unbeschädigt wieder zurückgestellt werden; denn ich hoffe, Ihr
kommet dann selbst, edler junger Mann, um den Dank meines Gatten und
den meinigen zu empfangen.“
Ehe noch Felix darauf antworten konnte, ertönten von der Treppe her die
rauhen Stimmen der Räuber; sie riefen, die Frist sei verflossen und
alles zur Abfahrt der Gräfin bereit. Der Jäger ging zu ihnen hinab und
erklärte ihnen, daß er die Dame nicht verlassen werde und lieber mit
ihnen gehe, wohin es auch sei, ehe er ohne seine Gebieterin vor seinem
Herrn erschiene. Auch der Student erklärte, diese Dame begleiten zu
wollen. Sie beratschlagten sich über diesen Fall und gestanden es
endlich zu unter der Bedingung, daß der Jäger sogleich seine Waffen
abgebe. Zugleich befahlen sie, daß die übrigen Reisenden sich ruhig
verhalten sollten, wenn die Gräfin hinweggeführt werde Felix ließ den
Schleier nieder, der über seinen Hut gebreitet war, setzte sich in eine
Ecke, die Stirne in die Hand gestützt, und in dieser Stellung eines
tief Betrübten erwartete er die Räuber. Die Reisenden hatten sich in
das andere Zimmer zurückgezogen, doch so, daß sie, was vorging,
überschauen konnten; der Jäger saß anscheinend traurig, aber auf alles
lauernd in der anderen Ecke des Zimmers, das die Gräfin bewohnt hatte.
Nachdem sie einige Minuten so gesessen, ging die Türe auf, und ein
schöner, stattlich gekleideter Mann von etwa sechsunddreißig Jahren
trat in das Zimmer. Er trug eine Art von militärischer Uniform, einen
Orden auf der Brust, einen langen Säbel an der Seite, und in der Hand
hielt er einen Hut, von welchem schöne Federn herabwallten. Zwei seiner
Leute hatten gleich nach seinem Eintritt die Türe besetzt.
Er ging mit einer tiefen Verbeugung auf Felix zu; er schien vor einer
Dame dieses Ranges etwas in Verlegenheit zu sein, er setzte mehrere
Male an, bis es ihm gelang, geordnet zu sprechen.
„Gnädige Frau“, sagte er, „es gibt Fälle, in die man sich in Geduld
schicken muß. Ein solcher ist der Ihrige. Glauben Sie nicht, daß ich
den Respekt vor einer so ausgezeichneten Dame auch nur auf einen
Augenblick aus den Augen setzen werde; Sie werden alle Bequemlichkeiten
haben, Sie werden über nichts klagen können als vielleicht über den
Schrecken, den Sie diesen Abend gehabt.“ Hier hielt er inne, als
erwartete er eine Antwort; als aber Felix beharrlich schwieg, fuhr er
fort: „Sehen Sie in mir keinen gemeinen Dieb, keinen Kehlenabschneider.
Ich bin ein unglücklicher Mann, den widrige Verhältnisse zu diesem
Leben zwangen. Wir wollen uns auf immer aus dieser Gegend entfernen;
aber wir brauchen Reisegeld. Es wäre uns ein leichtes gewesen,
Kaufleute oder Postwagen zu überfallen; aber dann hätten wir vielleicht
mehrere Leute auf immer ins Unglück gestürzt. Der Herr Graf, Ihr
Gemahl, hat vor sechs Wochen eine Erbschaft von fünfmalhunderttausend
Talern gemacht. Wir erbitten uns zwanzigtausend Gulden von diesem
Überfluß, gewiß eine gerechte und bescheidene Forderung. Sie werden
daher die Gnade haben, jetzt sogleich einen offenen Brief an Ihren
Gemahl zu schreiben, worin Sie ihm melden, daß wir Sie zurückgehalten,
daß er die Zahlung so bald als möglich leisten möge, widrigenfalls—Sie
verstehen mich, wir müßten dann etwas härter mit Ihnen selbst
verfahren. Die Zahlung wird nicht angenommen, wenn sie nicht unter dem
Siegel der strengsten Verschwiegenheit von einem einzelnen Manne
hierhergebracht wird.“
Diese Szene wurde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit von allen Gästen
der Waldschenke, am ängstlichsten wohl von der Gräfin beobachtet. Sie
glaubte jeden Augenblick, der Jüngling, der sich für sie geopfert,
könnte sich verraten. Sie war fest entschlossen, ihn um einen großen
Preis loszukaufen; aber ebenso fest stand ihr Gedanke, um keinen Preis
der Welt auch nur einen Schritt weit mit den Räubern zu gehen. Sie
hatte in der Rocktasche des Goldarbeiters ein Messer gefunden. Sie
hielt es geöffnet krampfhaft in der Hand, bereit, sich lieber zu töten
als eine solche Schmach zu erdulden. Jedoch nicht minder ängstlich war
Felix selbst. Zwar stärkte und tröstete ihn der Gedanke, daß es eine
männliche und würdige Tat sei, einer bedrängten, hilflosen Frau auf
diese Weise beizustehen; aber er fürchtete, sich durch jede Bewegung,
durch seine Stimme zu verraten. Seine Angst steigerte sich, als der
Räuber von einem Briefe sprach, den er schreiben sollte.
Wie sollte er schreiben? Welche Titel dem Grafen geben, welche Form dem
Briefe, ohne sich zu verraten?
Seine Angst stieg aber aufs höchste, als der Anführer der Räuber Papier
und Feder vor ihn hinlegte, ihn bat, den Schleier zurückzuschlagen und
zu schreiben.
Felix wußte nicht, wie hübsch ihm die Tracht paßte, in welche er
gekleidet war; hätte er es gewußt, er würde sich vor einer Entdeckung
nicht im mindesten gefürchtet haben. Denn als er endlich notgedrungen
den Schleier zurückschlug, schien der Herr in Uniform, betroffen von
der Schönheit der Dame und ihren etwas männlichen, mutigen Zügen, sie
nur noch ehrfurchtsvoller zu betrachten. Dem klaren Blick des jungen
Goldschmieds entging dies nicht; getrost, daß wenigstens in diesem
gefährlichen Augenblick keine Entdeckung zu fürchten sei, ergriff er
die Feder und schrieb an seinen vermeintlichen Gemahl nach einer Form,
wie er sie einst in einem alten Buche gelesen; er schrieb:
„Mein Herr und Gemahl!
Ich unglückliche Frau bin auf meiner Reise mitten in der Nacht
plötzlich angehalten worden, und zwar von Leuten, welchen ich keine
gute Absicht zutrauen kann. Sie werden mich solange zurückhalten, bis
Sie, Herr Graf, die Summe von 20 000 Gulden für mich niedergelegt
haben.
Die Bedingung ist dabei, daß Sie nicht im mindesten über die Sache sich
bei der Obrigkeit beschweren noch ihre Hilfe nachsuchen, daß Sie das
Geld durch einen einzelnen Mann in die Waldschenke im Spessart
schicken; widrigenfalls ist mir mit längerer und harter Gefangenschaft
gedroht.
Es fleht Sie um schleunige Hilfe an
Ihre unglückliche Gemahlin.“
Er reichte den merkwürdigen Brief dem Anführer der Räuber, der ihn
durchlas und billigte. „Es kommt nun ganz auf Ihre Bestimmung an“, fuhr
er fort, „ob Sie Ihre Kammerfrau oder Ihren Jäger zur Begleitung wählen
werden. Die eine dieser Personen werde ich mit dem Briefe an Ihren
Herrn Gemahl zurückschicken.“
„Der Jäger und dieser Herr hier werden mich begleiten“, antwortete
Felix.
„Gut“, entgegnete jener, indem er an die Türe ging und die Kammerfrau
herbeirief, „so unterrichten Sie diese Frau, was sie zu tun habe!“
Die Kammerfrau erschien mit Zittern und Beben. Auch Felix erblaßte,
wenn er bedachte, wie leicht er sich auch jetzt wieder verraten könnte.
Doch ein unbegreiflicher Mut, der ihn in jenen gefährlichen
Augenblicken stärkte, gab ihm auch jetzt wieder seine Reden ein. „Ich
habe dir nichts weiter aufzutragen“, sprach er, „als daß du den Grafen
bittest, mich sobald als möglich aus dieser unglücklichen Lage zu
reißen.“
„Und“, fuhr der Räuber fort, „daß Sie dem Herrn Grafen aufs genaueste
und ausdrücklichste empfehlen, daß er alles verschweige und nichts
gegen uns unternehme, bis seine Gemahlin in seinen Händen ist. Unsere
Kundschafter würden uns bald genug davon unterrichten, und ich möchte
dann für nichts stehen.“
Die zitternde Kammerfrau versprach alles. Es wurde ihr noch befohlen,
einige Kleidungsstücke und Linnenzeug für die Frau Gräfin in ein Bündel
zu packen, weil man sich nicht mit vielem Gepäcke beladen könne, und
als dies geschehen war, forderte der Anführer der Räuber die Dame mit
einer Verbeugung auf, ihm zu folgen. Felix stand auf, der Jäger und der
Student folgten ihm, und alle drei stiegen, begleitet von dem Anführer
der Räuber, die Treppe hinab.
Vor der Waldschenke standen viele Pferde; eines wurde dem Jäger
angewiesen, ein anderes, ein schönes kleines Tier, mit einem
Damensattel versehen, stand für die Gräfin bereit, ein drittes gab man
dem Studenten. Der Hauptmann hob den jungen Goldschmied in den Sattel,
schnallte ihn fest und bestieg dann selbst sein Roß. Er stellte sich
zur Rechten der Dame auf, zur Linken hielt einer der Räuber; auf
gleiche Weise waren auch der Jäger und der Student umgeben. Nachdem
sich auch die übrige Bande zu Pferde gesetzt hatte, gab der Anführer
mit einer helltönenden Pfeife das Zeichen zum Aufbruch, und bald war
die ganze Schar im Walde verschwunden.
Die Gesellschaft, die im oberen Zimmer versammelt war, erholte sich
nach diesem Auftritt allmählich von ihrem Schrecken. Sie wären, wie es
nach großem Unglück oder plötzlicher Gefahr zu geschehen pflegt,
vielleicht sogar heiter gewesen, hätte sie nicht der Gedanke an ihre
drei Gefährten beschäftigt, die man vor ihren Augen hinweggeführt
hatte. Sie brachen in Bewunderung des jungen Goldschmieds aus, und die
Gräfin vergoß Tränen der Rührung, wenn sie bedachte, daß sie einem
Menschen so unendlich viel zu verdanken habe, dem sie nie zuvor Gutes
getan, den sie nicht einmal kannte. Ein Trost war es für alle, daß der
heldenmütige Jäger und der wackere Student ihn begleitet hatten,
konnten sie ihn doch trösten, wenn sich der junge Mann unglücklich
fühlte, ja, der Gedanke lag nicht gar zu ferne, daß der verschlagene
Waidmann vielleicht Mittel zu ihrer Flucht finden könnte. Sie berieten
sich noch miteinander, was zu tun sei. Die Gräfin beschloß, da ja sie
kein Schwur gegen den Räuber binde, sogleich zu ihrem Gemahl
zurückzureisen und alles aufzubieten, den Aufenthalt der Gefangenen zu
entdecken, sie zu befreien; der Fuhrmann versprach, nach Aschaffenburg
zu reiten und die Gerichte zur Verfolgung der Räuber anzurufen. Der
Zirkelschmied aber wollte seine Reise fortsetzen.
Die Reisenden wurden in der Nacht nicht mehr beunruhigt; Totenstille
herrschte in der Waldschenke, die noch vor kurzem der Schauplatz so
schrecklicher Szenen gewesen war. Als aber am Morgen die Bediensteten
der Gräfin zu der Wirtin hinabgingen, um alles zur Abfahrt fertig zu
machen, kehrten sie schnell zurück und berichteten, daß sie die Wirtin
und ihr Gesinde in elendem Zustande gefunden hätten; sie lägen gebunden
in der Schenke und flehten um Beistand.
Die Reisenden sahen sich bei dieser Nachricht erstaunt an. „Wie?“ rief
der Zirkelschmied, „so sollten diese Leute dennoch unschuldig sein? So
hätten wir ihnen unrecht getan, und sie ständen nicht im Einverständnis
mit den Räubern?“
„Ich lasse mich aufhängen statt ihrer“, erwiderte der Fuhrmann, „wenn
wir nicht dennoch recht hatten. Dies alles ist nur Betrug, um nicht
überwiesen werden zu können. Erinnert ihr euch nicht der verdächtigen
Mienen dieser Wirtschaft? Erinnert ihr euch nicht, als ich hinabgehen
wollte, wie mich der abgerichtete Hund nicht losließ, wie die Wirtin
und der Hausknecht sogleich erschienen und mürrisch fragten, was ich
denn noch zu tun hätte? Doch sie sind unser, wenigstens der Frau Gräfin
Glück. Hätte es in der Schenke weniger verdächtig ausgesehen, hätte uns
die Wirtin nicht so mißtrauisch gemacht, wir wären nicht
zusammengestanden, wären nicht wach geblieben. Die Räuber hätten uns
überfallen im Schlafe, hätten zum wenigsten unsere Türe bewacht, und
diese Verwechslung des braven jungen Burschen wäre nimmer möglich
geworden.“
Sie stimmten mit der Meinung des Fuhrmanns alle überein und
beschlossen, auch die Wirtin und ihr Gesinde bei der Obrigkeit
anzugeben. Doch um sie desto sicherer zu machen, wollten sie sich jetzt
nichts merken lassen. Die Bediensteten und der Fuhrmann gingen daher
hinab in das Schenkzimmer, lösten die Bande der Diebeshehler auf und
bezeugten sich so mitleidig und bedauernd als möglich. Um ihre Gäste
noch mehr zu versöhnen, machte die Wirtin nur eine kleine Rechnung für
jeden und lud sie ein, recht bald wiederzukommen.
Der Fuhrmann zahlte seine Zeche, nahm von seinen Leidensgenossen
Abschied und fuhr seine Straße. Nach diesem machten sich die beiden
Handwerksburschen auf den Weg. So leicht das Bündel des Goldschmieds
war, so drückte es doch die zarte Dame nicht wenig. Aber noch viel
schwerer wurde ihr ums Herz, als unter der Haustüre die Wirtin ihre
verbrecherische Hand hinstreckte, um Abschied zu nehmen. „Ei, was seid
Ihr doch ein junges Blut“, rief sie beim Abschied des zarten Jungen,
„noch so jung und schon in die Welt hinaus! Ihr seid gewiß ein
verdorbenes Kräutlein, das der Meister aus der Werkstatt jagte. Nun,
was geht es mich an, schenket mir die Ehre bei der Heimkehr, glückliche
Reise!“
Die Gräfin wagte vor Angst und Beben nicht zu antworten, sie fürchtete,
sich durch ihre zarte Stimme zu verraten. Der Zirkelschmied merkte es,
nahm seinen Gefährten unter den Arm, sagte der Wirtin ade und stimmte
ein lustiges Lied an, während er dem Walde zuschnitt.
„Jetzt erst bin ich in Sicherheit!“ rief die Gräfin, als sie etwa
hundert Schritte entfernt waren. „Noch immer glaubte ich, die Frau
werde mich erkennen und durch ihre Knechte festnehmen. Oh, wie will ich
euch allen danken! Kommet auch Ihr auf mein Schloß, Ihr müßt doch Euern
Reisegenossen bei mir wieder abholen.“
Der Zirkelschmied sagte zu, und während sie noch sprachen, kam der
Wagen der Gräfin ihnen nachgefahren; schnell wurde die Türe geöffnet,
die Dame schlüpfte hinein, grüßte den jungen Handwerksburschen noch
einmal, und der Wagen fuhr weiter.
Um dieselbe Zeit hatten die Räuber und ihre Gefangenen den Lagerplatz
der Bande erreicht. Sie waren durch eine ungebahnte Waldstraße im
schnellsten Trab weggeritten; mit ihren Gefangenen wechselten sie kein
Wort, auch unter sich flüsterten sie nur zuweilen, wenn die Richtung
des Weges sich veränderte.
Vor einer tiefen Waldschlucht machte man endlich halt. Die Räuber saßen
ab, und ihr Anführer hob den Goldarbeiter vom Pferd, indem er sich für
den harten und eiligen Ritt entschuldigte und fragte, ob doch die
gnädige Frau nicht gar zu sehr angegriffen sei.
Felix antwortete ihm so zierlich als möglich, daß er sich nach Ruhe
sehne, und der Hauptmann bot ihm den Arm, ihn in die Schlucht zu
fuhren.
Es ging einen steilen Abhang hinab; der Fußpfad, welcher
hinunterführte, war so schmal und abschüssig, daß der Anführer oft
seine Dame unterstützen mußte, um sie vor der Gefahr, hinabzustürzen,
zu bewahren. Endlich langte man unten an. Felix sah vor sich beim
matten Schein des anbrechenden Morgens ein enges, kleines Tal von
höchstens hundert Schritten im Umfang, das tief in einem Kessel hoch
hinanstrebender Felsen lag. Etwa sechs bis acht kleine Hütten waren in
dieser Schlucht aus Brettern und abgehauenen Bäumen aufgebaut. Einige
schmutzige Weiber schauten neugierig aus diesen Höhlen hervor, und ein
Rudel von zwölf großen Hunden und ihren unzähligen Jungen umsprang
heulend und bellend die Ankommenden. Der Hauptmann führte die
vermeintliche Gräfin in die beste dieser Hütten und sagte ihr, diese
sei ausschließlich zu ihrem Gebrauch bestimmt; auch erlaubte er auf
Felix’ Verlangen, daß der Jäger und der Student zu ihm gelassen wurden.
Die Hütte war mit Rehfellen und Matten ausgelegt, die zugleich zum
Fußboden und Sitze dienen mußten. Einige Krüge und Schüsseln, aus Holz
geschnitzt, eine alte Jagdflinte und in der hintersten Ecke ein Lager,
aus ein paar Brettern gezimmert und mit wollenen Decken bekleidet,
welchem man den Namen eines Bettes nicht geben konnte, waren die
einzigen Geräte dieses gräflichen Palastes. Jetzt erst, allein gelassen
in dieser elenden Hütte, hatten die drei Gefangenen Zeit, über ihre
sonderbare Lage nachzudenken. Felix, der zwar seine edelmütige Handlung
keinen Augenblick bereute, aber doch für seine Zukunft im Falle einer
Entdeckung bange war, wollte sich in lauten Klagen Luft machen; der
Jäger aber rückte ihm schnell näher und flüsterte ihm zu: „Sei um
Gottes willen stille, lieber Junge; glaubst du denn nicht, daß man uns
behorcht?“
„Aus jedem Wort, aus dem Ton deiner Sprache könnten sie Verdacht
schöpfen“, setzte der Student hinzu. Dem armen Felix blieb nichts
übrig, als stille zu weinen.
„Glaubt mir, Herr Jäger“, sagte er, „ich weine nicht aus Angst vor
diesen Räubern oder aus Furcht vor dieser elenden Hütte; nein, es ist
ein ganz anderer Kummer, der mich drückt. Wie leicht kann die Gräfin
vergessen, was ich ihr schnell noch sagte, und dann hält man mich für
einen Dieb, und ich bin elend auf immer!“
„Aber was ist es denn, was dich so ängstigt?“ fragte der Jäger,
verwundert über das Benehmen des jungen Menschen, der sich bisher so
mutig und stark betragen hatte.