Falke, welcher von den holländischen Heringsfängern etwas von ihrer
Sprache gelernt hatte, nannte ihm den Namen der Insel und fragte, wer
er denn sei und was ihn hierhergebracht.
„Ich komme, um nach der Carmilhan zu sehen.“
„Der Carmilhan? Um Gottes willen! Was ist das?“ rief der begierige
Fischer.
„Ich gebe keine Antwort auf Fragen, die man mir auf diese Weise tut“,
erwiderte das Männchen mit sichtbarer Angst.
„Nun“, schrie Falke, „was ist die Carmilhan?“
„Die Carmilhan ist jetzt nichts, aber einst war sie ein schönes Schiff,
mit mehr Gold beladen, als je ein anderes Fahrzeug getragen.“
„Wo ging es zugrunde und wann?“
„Es war vor hundert Jahren; wo, weiß ich nicht genau; ich komme, um die
Stelle aufzusuchen und das verlorene Gold aufzufischen; willst du mir
helfen, so wollen wir den Fund miteinander teilen.“
„Mit ganzem Herzen; sag’ mir nur, was muß ich tun?“
„Was du tun mußt, erfordert Mut; du mußt dich gerade vor Mitternacht in
die wildeste und einsamste Gegend auf der Insel begeben, begleitet von
einer Kuh, die du dort schlachten und dich von jemand in ihre frische
Haut wickeln lassen mußt. Dein Begleiter muß dich dann niederlegen und
allein lassen, und ehe es ein Uhr schlägt, weißt du, wo die Schätze der
Carmilhan liegen.“
„Auf diese Weise fiel des alten Engrol Sohn mit Leib und Seele ins
Verderben!“ rief Wilm mit Entsetzen. „Du bist der böse Geist“, fuhr er
fort, indem er hastig davonruderte, „geh zur Hölle! Ich mag nichts mit
dir zu tun haben.“
Das Männchen knirschte, schimpfte und fluchte ihm nach; aber der
Fischer, welcher zu beiden Rudern gegriffen hatte, war ihm bald außer
Gehör und, nachdem er um einen Felsen gebogen, auch aus dem Gesichte.
Aber die Entdeckung, daß der böse Geist sich seinen Geiz zunutze zu
machen und mit Gold in seine Schlingen zu locken suchte, heilte den
verblendeten Fischer nicht, im Gegenteil, er meinte die Mitteilung des
gelben Männchens benützen zu können, ohne sich dem Bösen zu
überliefern, und indem er fortfuhr, an der öden Küste nach Gold zu
fischen, vernachlässigte er den Wohlstand, den ihm die reichen
Fischzüge in andern Gegenden des Meeres darboten, sowie alle andern
Mittel, auf die er ehemals seinen Fleiß verwendet, und versank von Tag
zu Tage nebst seinem Gefährten in tiefere Armut, bis es endlich oft an
den notwendigsten Lebensbedürfnissen zu fehlen anfing. Aber obgleich
dieser Verfall gänzlich Falkes Halsstarrigkeit und falscher Begierde
zugeschrieben werden mußte und die Ernährung beider jetzt Kaspar
Strumpf allein anheimfiel, so machte ihm doch dieser niemals den
geringsten Vorwurf; ja, er bezeugte ihm immer noch dieselbe
Unterwürfigkeit, dasselbe Vertrauen in seinen besseren Verstand als zur
Zeit, wo ihm seine Unternehmungen allezeit geglückt waren; dieser
Umstand vermehrte Falkes Leiden um ein Großes, aber trieb ihn noch
mehr, nach Gold zu suchen, weil er dadurch hoffte, auch seinen Freund
für sein gegenwärtiges Entbehren schadlos halten zu können. Dabei
verfolgte ihn das teuflische Geflüster des Wortes Carmilhan noch immer
in seinem Schlummer. Kurz, Not, getäuschte Erwartung und Geiz trieben
ihn zuletzt zu einer Art von Wahnsinn, so daß er wirklich beschloß, das
zu tun, was ihm das Männchen angeraten, obgleich er nach der alten Sage
wohl wußte, daß er sich damit den Mächten der Finsternis übergab.
Alle Gegenvorstellungen Kaspars waren vergebens. Falke ward nur um so
heftiger, je mehr jener ihn anflehte, von seinem verzweifelten Vorhaben
abzustehen, und der gute, schwache Mensch willigte endlich ein, ihn zu
begleiten und ihm seinen Plan ausfahren zu helfen. Beider Herzen zogen
sich schmerzhaft zusammen, als sie einen Strick um die Hörner einer
schönen Kuh, ihr letztes Eigentum, legten, die sie vom Kalbe aufgezogen
und die sie sich immer zu verkaufen geweigert hatten, weil sie’s nicht
übers Herz bringen konnten, sie in fremden Händen zu sehen. Aber der
böse Geist, welcher sich Wilms bemeisterte, erstickte jetzt alle
besseren Gefühle in ihm, und Kaspar wußte ihm in nichts zu widerstehen.
Es war im September, und die langen Nächte des schottländischen Winters
hatten angefangen. Die Nachtwolken wälzten sich schwer vor dem rauhen
Abendwinde und türmten sich wie Eisberge im Maelstrom; tiefer Schatten
füllte die Schluchten zwischen dem Gebirge und den feuchten
Torfsümpfen, und die trüben Bette der Ströme blickten schwarz und
furchtbar wie Höllenschlünde. Falke ging voran, und Strumpf folgte,
schaudernd über seine eigene Kühnheit, und Tränen füllten sein mattes
Auge, so oft er das arme Tier ansah, welches so vertrauensvoll und
bewußtlos seinem baldigen Tode entgegenging, der ihm von der Hand
werden sollte, die ihm bisher seine Nahrung gereicht. Mit Mühe kamen
sie in das enge, sumpfige Bergtal, welches hier und da mit Moos und
Heidekraut bewachsen, mit großen Steinen übersät war und von einer
wilden Gebirgskette umgeben lag, die sich in grauen Nebel verlor und
wohin der Fuß eines Menschen sich selten verstieg. Sie näherten sich
auf wankendem Boden einem großen Stein, welcher in der Mitte stand und
von welchem ein verscheuchter Adler krächzend in die Höhe flog. Die
arme Kuh brüllte dumpf, als erkenne sie die Schrecknisse des Ortes und
ihr bevorstehendes Schicksal. Kaspar wandte sich weg, um sich die
schnellfließenden Tränen abzuwischen. Er blickte hinab durch die
Felsenöffnung, durch welche sie heraufgekommen waren, von wo aus man
die ferne Brandung des Meeres hörte, und dann hinauf nach den
Berggipfeln, auf welche sich ein kohlschwarzes Gewölk gelagert hatte,
aus welchem man von Zeit zu Zeit ein dumpfes Murmeln vernahm. Als er
sich wieder nach Wilm umsah, hatte dieser bereits die arme Kuh an den
Stein gebunden und stand mit aufgehobener Axt im Begriff, das gute Tier
zu fällen.
Dies war zuviel für seinen Entschluß, sich in den Willen seines
Freundes zu fügen. Mit gesungenen Händen stürzte er sich auf die Knie.
„Um Gottes willen, Wilm Falke!“ schrie er mit der Stimme der
Verzweiflung, „schone dich, schone die Kuh! Schone dich und mich!
Schone deine Seele!—Schone dein Leben! Und mußt du Gott so versuchen,
so warte bis morgen und opfere lieber ein anderes Tier als unsere liebe
Kuh.“
„Kaspar, bist du toll?“ schrie Wilm wie ein Wahnsinniger, indem er noch
immer die Axt in die Höhe geschwungen hielt. „Soll ich die Kuh schonen
und verhungern?“
„Du sollst nicht verhungern“, antwortete Kaspar entschlossen. „Solange
ich Hände habe, sollst du nicht verhungern. Ich will vom Morgen bis in
die Nacht für dich arbeiten. Nur bring’ ich nicht um deiner Seele
Seligkeit und laß mir das arme Tier leben!“
„Dann nimm die Axt und spalte mir den Kopf“, schrie Falke mit
verzweifeltem Tone, „ich gehe nicht von diesem Fleck, bis ich habe, was
ich verlange.—Kannst du die Schätze der Carmilhan für mich heben?
Können deine Hände mehr erwerben als die elendesten Bedürfnisse des
Lebens?—Aber sie können meinen Jammer enden—komm und laß mich das Opfer
sein!“
„Wilm, töte die Kuh, töte mich! Es liegt mir nichts daran, es ist mir
ja nur um deine Seligkeit zu tun. Ach, dies ist ja der Piktenaltar, und
das Opfer, das du bringen willst, gehört der Finsternis.“
„Ich weiß von nichts dergleichen“, rief Falke, wild lachend wie einer,
der entschlossen ist, nichts wissen zu wollen, was ihn von seinem
Vorsatz abbringen könnte. „Kaspar, du bist toll und machst mich
toll—aber da“, fuhr er fort, indem er das Beil von sich warf und das
Messer vom Steine aufnahm, wie wenn er sich durchstoßen wollte, „da,
behalte die Kuh statt meiner!“
Kaspar war in einem Augenblicke bei ihm, riß ihm das Mordwerkzeug aus
der Hand, erfaßte das Beil, schwang es hoch in der Luft und ließ es mit
solcher Gewalt auf des geliebten Tieres Kopf fallen, daß es ohne zu
zucken und tot zu seines Herrn Füßen niederstürzte.
Ein Blitz, begleitet von einem Donnerschlage, folgte dieser raschen
Handlung, und Falke starrte seinen Freund mit den Augen an, womit ein
Mann ein Kind anstaunen würde, das sich das zu tun getrauet, was er
selbst nicht gewagt. Strumpf schien aber weder von dem Donner
erschreckt, noch durch das starre Erstaunen seines Gefährten außer
Fassung gebracht, sondern fiel, ohne ein Wort zu reden, über die Kuh
her und fing an, ihr die Haut abzuziehen. Als Wilm sich ein wenig
erholt hatte, half er ihm in diesem Geschäfte, aber mit so sichtbarem
Widerwillen, als er vorher begierig gewesen war, das Opfer vollendet zu
sehen. Während dieser Arbeit hatte sich das Gewitter zusammengezogen,
der Donner brüllte laut im Gebirge, und furchtbare Blitze schlängelten
sich um den Stein und über das Moos der Schlucht hin, während der Wind,
welcher diese Höhe noch nicht erreicht hatte, die untern Täler und das
Gestade mit wildem Heulen erfüllte. Und als die Haut endlich abgezogen
war, fanden beide Fischer sich schon bis auf die Haut durchnäßt. Sie
breiteten jene auf dem Boden aus, und Kaspar wickelte und band Falken,
so wie dieser es ihn geheißen, in derselben fest ein. Dann erst, als
dies geschehen war, brach der arme Mensch das lange Stillschweigen, und
indem er mitleidig auf seinen betörten Freund hinabblickte, fragte er
mit zitternder Stimme: „Kann ich noch etwas für dich tun, Wilm?“
„Nichts mehr“, erwiderte der andere, „lebe wohl!“
„Leb’ wohl“, erwiderte Kaspar, „Gott sei mit dir und vergebe dir, wie
ich es tue!“
Dies waren die letzten Worte, welche Wilm von ihm hörte; denn im
nächsten Augenblicke war er in der immer zunehmenden Dunkelheit
verschwunden. Und in demselben Augenblicke brach auch einer der
fürchterlichsten Gewitterstürme, die Wilm nur je gehört hatte, aus. Er
fing an mit einem Blitze, welcher Falken nicht nur die Berge und Felsen
in seiner unmittelbaren Nähe, sondern auch das Tal unter ihm mit dem
schäumenden Meere und den in der Bucht zerstreut liegenden Felseninseln
zeigte, zwischen welchen er die Erscheinung eines großen, fremdartigen
und entmasteten Schiffes zu erblicken glaubte, welches auch im
Augenblicke wieder in der schwärzesten Dunkelheit verschwand. Die
Donnerschläge wurden ganz betäubend. Eine Masse Felsenstücke rollte vom
Gebirge herab und drohte, ihn zu erschlagen. Der Regen ergoß sich in
solcher Menge, daß er in einem Augenblicke das enge Sumpftal mit einer
hohen Flut überströmte, welche bald bis zu Wilms Schultern
hinaufreichte; denn glücklicherweise hatte ihn Kaspar mit dem obern
Teile des Körpers auf eine Erhöhung gelegt, sonst hätte er auf einmal
ertrinken müssen. Das Wasser stieg immer höher, und je mehr Wilm sich
anstrengte, sich aus seiner gefahrvollen Lage zu befreien, desto fester
umgab ihn die Haut. Umsonst rief er nach Kaspar. Kaspar war weit weg.
Gott in seiner Not anzurufen, wagte er nicht, und ein Schauder ergriff
ihn, wenn er die Mächte anflehen wollte, deren Gewalt er sich
hingegeben fühlte.
Schon drang ihm das Wasser in die Ohren, schon berührte es den Rand der
Lippen. „Gott, ich bin verloren!“ schrie er, indem er einen Strom über
sein Gesicht hinstürzen fühlte—aber in demselben Augenblick drang ein
Schall wie von einem nahen Wasserfall schwach in sein Gehör, und
sogleich war auch sein Mund wieder unbedeckt. Die Flut hatte sich durch
das Gestein Bahn gebrochen; und da zu gleicher Zeit der Regen etwas
nachließ und das tiefe Dunkel des Himmels sich etwas verzog, so ließ
auch seine Verzweiflung nach, und es schien ihm ein Strahl der Hoffnung
zurückzukehren. Aber obgleich er sich wie von einem Todeskampfe
erschöpft fühlte und sehnlich wünschte, aus seiner Gefangenschaft
erlöst zu sein, so war doch der Zweck seines verzweifelten Strebens
noch nicht erreicht, und mit der verschwundenen unmittelbaren
Lebensgefahr kam auch die Habsucht mit all ihren Furien in seine Brust
zurück. Aber überzeugt, daß er in seiner Lage ausharren müsse, um sein
Ziel zu erreichen, hielt er sich ruhig und fiel vor Kälte und Ermüdung
in einen festen Schlaf.
Er mochte ungefähr zwei Stunden geschlafen haben, als ihn ein kalter
Wind, der ihm übers Gesicht fuhr, und ein Rauschen wie von
herannahenden Meereswogen aus seiner glücklichen Selbstvergessenheit
aufrüttelten. Der Himmel hatte sich aufs neue verfinstert. Ein Blitz
wie der, welcher den ersten Sturm herbeigeführt, erhellte noch einmal
die Gegend umher, und er glaubte abermals, das fremde Schiff zu
erblicken, das jetzt dicht vor der Steenfollklippe auf einer hohen
Welle zu hängen und dann jählings in den Abgrund zu schießen schien. Er
starrte noch immer nach dem Phantom; denn ein unaufhörliches Blitzen
hielt jetzt das Meer erleuchtet, als sich auf einmal eine berghohe
Wasserhose aus dem Tale erhob und ihn mit solcher Gewalt gegen einen
Felsen schleuderte, daß ihm alle Sinne vergingen. Als er wieder zu sich
selbst kam, hatte sich das Wetter verzogen, der Himmel war heiter; aber
das Wetterleuchten dauerte noch immer fort. Er lag dicht am Fuße des
Gebirges, welches dieses Tal umschloß, und er fühlte sich so
zerschlagen, daß er sich kaum zu rühren vermochte. Er hörte das
stillere Brausen der Brandung und mitten drinnen eine feierliche Musik
wie Kirchengesang. Diese Töne waren anfangs so schwach, daß er sie für
Täuschung hielt. Aber sie ließen sich immer wieder aufs neue vernehmen,
und jedesmal deutlicher und näher, und es schien ihm zuletzt, als könne
er darin die Melodie eines Psalms unterscheiden, die er im vorigen
Sommer an Bord eines holländischen Heringsfängers gehört hatte.
Endlich unterschied er sogar Stimmen, und es deuchte ihn, als vernehme
er sogar die Worte jenes Liedes; die Stimmen waren jetzt in dem Tale,
und als er sich mit Mühe zu einem Steine hingeschoben, auf den er den
Kopf legte, erblickte er wirklich einen Zug von menschlichen Gestalten,
von welchem diese Musik ausging und der sich gerade auf ihn zu bewegte.
Kummer und Angst lagen auf den Gesichtern der Leute, deren Kleider von
Wasser zu triefen schienen. Jetzt waren sie dicht bei ihm, und ihr
Gesang schwieg. An ihrer Spitze waren mehrere Musikanten, dann mehrere
Seeleute, und hinter diesen kam ein großer, starker Mann in
altväterlicher, reich mit Gold besetzter Tracht, mit einem Schwert an
der Seite und einem langen, dicken, spanischen Rohr mit goldenem Knopfe
in der Hand. Ihm zur Seite ging ein Negerknabe, welcher seinem Herrn
von Zeit zu Zeit eine lange Pfeife reichte, aus der er einige
feierliche Züge tat und dann weiterschritt. Er blieb kerzengerade vor
Wilm stehen, und ihm zu beiden Seiten stellten sich andere minder
prächtig gekleidete Männer, welche alle Pfeifen in den Händen hatten,
die aber nicht so kostbar schienen als die Pfeife, welche dem dicken
Manne nachgetragen wurde. Hinter diesen traten andere Personen auf,
worunter mehrere Frauenspersonen, von denen einige Kinder in den Armen
oder an der Hand hatten, alle in kostbarer, aber fremdartiger Kleidung.
Ein Haufen holländischer Matrosen schloß den Zug, deren jeder den Mund
voll Tabak und zwischen den Zähnen ein braunes Pfeifchen hatte, das sie
in düsterer Stille rauchten.
Der Fischer blickte mit Grausen auf diese sonderbare Versammlung; aber
die Erwartung dessen, was da kommen werde, hielt seinen Mut aufrecht.
Lange standen sie um ihn her, und der Rauch ihrer Pfeifen erhob sich
wie eine Wolke über sie, zwischen welcher die Sterne hindurchblinkten.
Der Kreis zog sich immer enger um Wilm her, das Rauchen ward immer
heftiger und dicker die Wolke, die aus Mund und Pfeifen hervorstieg.
Falke war ein kühner, verwegener Mann; er hatte sich auf
Außerordentliches vorbereitet—aber als er diese unbegreifliche Menge
immer näher auf sich eindringen sah, als wolle sie ihn mit ihrer Masse
erdrücken, da entsank ihm der Mut, dicker Schweiß trat ihm vor die
Stirne, und er glaubte, vor Angst vergehen zu müssen. Aber man denke
sich erst seinen Schrecken, als er von ungefähr die Augen wandte und
dicht an seinem Kopfe das gelbe Männchen steif und aufrecht sitzen sah,
als wie er es zum erstenmal erblickt, nur daß es jetzt, als wie zum
Spotte der ganzen Versammlung, auch eine Pfeife im Munde hatte. In der
Todesangst, die ihn jetzt ergriff, rief er, zu der Hauptperson
gewendet: „Im Namen dessen, dem Ihr dienet, wer seid Ihr? Und was
verlangt Ihr von mir?“
Der große Mann rauchte drei Züge, feierlicher als je, gab dann die
Pfeife seinem Diener und antwortete mit schreckhafter Kälte: „Ich bin
Aldret Franz Van der Swelder, Befehlshaber des Schiffes Carmilhan von
Amsterdam, welches auf dem Heimwege von Batavia mit Mann und Maus an
dieser Felsenküste zugrunde ging; dies sind meine Offiziere, dies meine
Passagiere und jenes meine braven Seeleute, welche alle mit mir
ertranken. Warum hast du uns aus unseren tiefen Wohnungen im Meere
hervorgerufen? Warum störtest du unsere Ruhe?“
„Ich möchte wissen, wo die Schätze der Carmilhan liegen.“
„Am Boden des Meeres.“
„Wo?“
„In der Höhle von Steenfoll.“
„Wie soll ich sie bekommen?“
„Eine Gans taucht in den Schlund nach einem Hering; sind die Schätze
der Camaan nicht ebensoviel wert?“
„Wieviel davon werd’ ich bekommen?“
„Mehr, als du je verzehren wirst.“ Das gelbe Männchen grinste, und die
ganze Versammlung lachte laut auf. „Bist du zu Ende?“ fragte der
Hauptmann weiter.
„Ich bin’s. Gehab dich wohl!“
„Leb’ wohl, bis aufs Wiedersehen“, erwiderte der Holländer und wandte
sich zum Gehen, die Musikanten traten aufs neue an die Spitze, und der
ganze Zug entfernte sich in derselben Ordnung, in welcher er gekommen
war, und mit demselben feierlichen Gesang, welcher mit der Entfernung
immer leiser und undeutlicher wurde, bis er sich nach einiger Zeit
gänzlich im Geräusche der Brandung verlor. Jetzt strengte Wilm seine
letzten Kräfte an, sich aus seinen Banden zu befreien, und es gelang
ihm endlich, einen Arm loszubekommen, womit er die ihn umwindenden
Stricke löste und sich endlich ganz aus der Haut wickelte. Ohne sich
umzusehen, eilte er nach seiner Hütte und fand den armen Kaspar Strumpf
in starrer Bewußtlosigkeit am Boden liegen. Mit Mühe brachte er ihn
wieder zu sich selbst, und der gute Mensch weinte vor Freude, als er
den verloren geglaubten Jugendfreund wieder vor sich sah. Aber dieser
beglückende Strahl verschwand schnell wieder, als er von diesem
vernahm, welch verzweifeltes Unternehmen er jetzt vorhatte.
„Ich wollte mich lieber in die Hölle stürzen als diese nackten Wände
und dieses Elend länger ansehen. Folge mir oder nicht, ich gehe.“ Mit
diesen Worten faßte Wilm eine Fackel, ein Feuerzeug und ein Seil und
eilte davon. Kaspar eilte ihm nach, so schnell er’s vermochte, und fand
ihn schon auf dem Felsstück stehen, auf welchem er vormals gegen den
Sturm Schutz gefunden, und bereit, sich an dem Stricke in den
brausenden, schwarzen Schlund hinabzulassen. Als er fand, daß alle
seine Vorstellungen nichts über den rasenden Menschen vermochten,
bereitete er sich, ihm nachzusteigen; aber Falke befahl ihm, zu bleiben
und den Strick zu halten. Mit furchtbarer Anstrengung, wozu nur die
Mindeste Habsucht den Mut und die Stärke geben konnte, kletterte Falke
in die Höhle hinab und kam endlich auf ein vorspringendes Felsenstück
zu stehen, unter welchem die Wogen, schwarz und mit weißem Schaum
bekräuselt, brausend dahineilten. Er blickte begierig umher und sah
endlich etwas gerade unter ihm im Wasser schimmern. Er legte die Fackel
nieder, stürzte sich hinab und erfaßte etwas Schweres, das er auch
heraufbrachte. Es war ein eisernes Kästchen voller Goldstücke. Er
verkündigte seinem Gefährten, was er gefunden, wollte aber durchaus
nicht auf sein Flehen hören, sich damit zu begnügen und wieder
heraufzusteigen. Falke meinte, dies wäre nur die erste Frucht seiner
langen Bemühungen. Er stürzte sich noch einmal hinab—es erscholl ein
lautes Gelächter aus dem Meere, und Wilm Falke ward nie wieder gesehen.
Kaspar ging allein nach Hause, aber als ein anderer Mensch. Die
seltsamen Erschütterungen, die sein schwacher Kopf und sein
empfindsames Herz erlitten, zerrütteten ihm die Sinne. Er ließ alles um
sich her verfallen und wanderte Tag und Nacht gedankenlos vor sich
starrend umher, von allen seinen vorigen Bekannten bedauert und
gemieden. Ein Fischer will Wilm Falke in einer stürmischen Nacht mitten
unter der Mannschaft der Carmilhan am Ufer erkannt haben, und in
derselben Nacht verschwand auch Kaspar Strumpf.
Man suchte ihn allenthalben, allein nirgends hat man eine Spur von ihm
finden können. Aber die Sage geht, daß er oft nebst Falke mitten unter
der Mannschaft des Zauberschiffes gesehen worden sei, welches seitdem
zu regelmäßigen Zeiten an der Höhle von Steenfoll erschien.
„Mitternacht ist längst vorüber“, sagte der Student, als der junge
Goldarbeiter seine Erzählung geendigt hatte, „jetzt hat es wohl keine
Gefahr mehr, und ich für meinen Teil bin so schläfrig, daß ich allen
raten möchte, niederzuliegen und getrost einzuschlafen.“
„Vor zwei Uhr morgens möcht’ ich doch nicht trauen“, entgegnete der
Jäger, „das Sprichwort sagt, von elf bis zwei Uhr ist Diebes Zeit.“
„Das glaube ich auch“, bemerkte der Zirkelschmied, „denn wenn man uns
etwas anhaben will, ist wohl keine Zeit gelegener als die nach
Mitternacht. Darum meine ich, der Studiosus könnte an seiner Erzählung
fortfahren, die er noch nicht ganz vollendet hat.“
„Ich sträube mich nicht“, sagte dieser, „obgleich unser Nachbar, der
Herr Jäger, den Anfang nicht gehört hat.“
„Ich muß ihn mir hinzudenken, fanget nur an!“ rief der Jäger.
„Nun denn“, wollte eben der Student beginnen, als sie durch das
Anschlagen eines Hundes unterbrochen wurden. Alle hielten den Atem an
und horchten; zugleich stürzte einer der Bediensteten aus dem Zimmer
der Gräfin und rief, daß wohl zehn bis zwölf bewaffnete Männer von der
Seite her auf die Schenke zukämen.
Der Jäger griff nach seiner Büchse, der Student nach seiner Pistole,
die Handwerksburschen nach ihren Stöcken, und der Fuhrmann zog ein
langes Messer aus der Tasche. So standen sie und sahen ratlos einander
an.
„Laßt uns an die Treppe gehen!“ rief der Student, „zwei oder drei
dieser Schurken sollen doch zuvor ihren Tod finden, ehe wir überwältigt
werden.“ Zugleich gab er dem Zirkelschmied seine zweite Pistole und
riet, daß sie nur einer nach dem anderen schießen wollten. Sie stellten
sich an die Treppe; der Student und der Jäger nahmen gerade ihre ganze
Breite ein; seitwärts neben dem Jäger stand der mutige Zirkelschmied
und beugte sich über das Geländer, indem er die Mündung seiner Pistole
auf die Mitte der Treppe hielt: Der Goldarbeiter und der Fuhrmann
standen hinter ihnen, bereit, wenn es zu einem Kampf Mann gegen Mann
kommen sollte, das ihrige zu tun. So standen sie einige Minuten in
stiller Erwartung: Endlich hörte man die Haustüre aufgehen, sie
glaubten auch das Flüstern mehrerer Stimmen zu vernehmen.
Jetzt hörte man Tritte vieler Menschen der Treppe nahen; man kam die
Treppe herauf, und auf der ersten Hälfte zeigten sich drei Männer, die
wohl nicht auf den Empfang gefaßt waren, der ihnen bereitet war. Denn
als sie sich um die Pfeiler der Treppe wandten, schrie der Jäger mit
starker Stimme: „Halt! Noch einen Schritt weiter, und ihr seid des
Todes. Spannet die Hahnen, Freunde, und gut gezielt!“
Die Räuber erschraken, zogen sich eilig zurück und berieten sich mit
den übrigen. Nach einer Weile kam einer davon zurück und sprach: „Ihr
Herren! Es wäre Torheit von euch, umsonst euer Leben aufopfern zu
wollen, denn wir sind unserer genug, um euch völlig aufzureiben; aber
ziehet euch zurück, es soll keinem das Geringste zuleide geschehen; wir
wollen keines Groschen Wert von euch nehmen.“
„Was wollt ihr denn sonst?“ rief der Student. „Meint ihr, wir werden
solchem Gesindel trauen? Nimmermehr! Wollt ihr etwas holen, in Gottes
Namen, so kommet, aber den ersten, der sich um die Ecke wagt, brenne
ich auf die Stirne, daß er auf ewig keine Kopfschmerzen mehr haben
soll!“
„Gebt uns die Dame heraus, gutwillig!“ antwortete der Räuber. „Es soll
ihr nichts geschehen; wir wollen sie an einen sicheren und bequemen Ort
führen, ihre Leute können zurückreiten und den Herrn Grafen bitten, er
möge sie mit zwanzigtausend Gulden auslösen.“
„Solche Vorschläge sollen wir uns machen lassen?“ entgegnete der Jäger,
knirschend vor Wut, und spannte den Hahn. „Ich zähle drei, und wenn du
da unten nicht bei drei hinweg bist, so drücke ich los, eins, zwei—“