Ihr wisset ja, Beherrscher der Gläubigen, daß ein Goldstück aussieht
wie das andere. Woher konnte ich denn Zeugen nehmen, daß diese hundert
Stücke in meiner Kasse fehlen.“
„An was erkanntest du denn, daß jene Summe gerade dir gehöre?“ fragte
der Kalif.
„An dem Beutel, in welchem sie war“, erwiderte Kalum.
„Hast du den Beutel hier?“ forschte jener weiter.
„Hier ist er“, sprach der Kaufmann, zog einen Beutel hervor und reichte
ihn dem Großwesir, damit er ihn dem Kalifen gebe.
Doch dieser rief mit verstelltem Erstaunen: „Beim Bart des Propheten!
Der Beutel soll dein sein, du Hund? Mir gehörte dieser Beutel, und ich
gab ihn, mit hundert Goldstücken gefüllt, einem braven jungen Mann, der
mich aus einer großen Gefahr befreite.“
„Kannst du darauf schwören?“ fragte der Kalife.
„So gewiß, als ich einst ins Paradies kommen will“, antwortete der
Wesir, „denn meine Tochter hat ihn selbst verfertigt.“ „Ei! ei!“ rief
Harun, „so wurdest du also falsch berichtet, Polizeirichter? Warum hast
du denn geglaubt, daß der Beutel diesem Kaufmann gehöre?“
„Er hat geschworen“, antwortete der Polizeirichter furchtsam.
„So hast du falsch geschworen!“ donnerte der Kalif den Kaufmann an, der
erbleichend und zitternd vor ihm stand.
„Allah, Allah!“ rief jener. „Ich will gewiß nichts gegen den Herrn
Großwesir sagen, er ist ein glaubwürdiger Mann, aber ach, der Beutel
gehörte doch mir, und der nichtswürdige Said hat ihn gestohlen. Tausend
Toman wollte ich geben, wenn er jetzt zur Stelle wäre.“
„Was hast du denn mit diesem Said angefangen?“ fragte der Kalif. „Sag
an, wohin man schicken muß, damit er vor mir Bekenntnis ablege!“
„Ich habe ihn auf eine wüste Insel geschickt“, sprach der
Polizeirichter.
„O Said! Mein Sohn, mein Sohn!“ rief der unglückliche Vater und weinte.
„So hat er also das Verbrechen bekannt?“ fragte Harun.
Der Polizeirichter erbleichte. Er rollte seine Augen hin und her, und
endlich sprach er: „Wenn ich mich noch recht erinnern kann—ja.“
„Du weißt es also nicht gewiß?“ fuhr der Kalif mit schrecklicher Stimme
fort, „so wollen wir ihn selbst fragen. Tritt hervor, Said, und du,
Kalum-Beck, zahlst vor allem tausend Goldstücke, weil er jetzt hier zur
Stelle ist!“
Kalum und der Polizeirichter glaubten ein Gespenst zu sehen. Sie
stürzten nieder und riefen: „Gnade! Gnade!“
Benazar, vor Freude halb ohnmächtig, eilte in die Arme seines
verlorenen Sohnes. Aber mit eiserner Strenge fragte jetzt der Kalif :
„Polizeirichter, hier steht Said, hat er eingestanden?“
„Nein, nein!“ heulte der Polizeirichter, „ich habe nur Kalums Zeugnis
gehört, weil er ein angesehener Mann ist.“
„Habe ich dich darum als Richter über alle bestellt, daß du nur den
Vornehmen hörest?“ rief Harun Al-Raschid mit edlem Zorn. „Auf zehn
Jahre verbanne ich dich auf eine wüste Insel mitten im Meere, da kannst
du über Gerechtigkeit nachdenken, und du, elender Mensch, der du
Sterbende erweckst, nicht um sie zu retten, sondern um sie zu deinen
Sklaven zu machen, du zahlst, wie schon gesagt, tausend Tomans, weil du
sie versprochen, wenn Said käme, um für dich zu zeugen.“
Kalum freute sich, so wohlfeil aus dem bösen Handel zu kommen, und
wollte eben dem gütigen Kalifen danken. Doch dieser fuhr fort: „Für den
falschen Eid wegen der hundert Goldstücke bekommst du hundert Hiebe auf
die Fußsohlen. Ferner hat Said zu wählen, ob er dein ganzes Gewölbe und
dich als Lastträger nehmen will, oder ob er mit zehn Goldstücken für
jeden Tag, welchen er dir diente, zufrieden ist.“
„Lasset den Elenden laufen, Kalif!“ rief der Jüngling, „ich will
nichts, das ihm gehörte.“
„Nein“, antwortete Harun, „ich will, daß du entschädigt werdest. Ich
wähle statt deiner die zehn Goldstücke für den Tag, und du magst
berechnen, wieviel Tage du in seinen Klauen warst. Jetzt fort mit
diesen Elenden!“
Sie wurden abgeführt, und der Kalif führte Benazar und Said in einen
andern Saal, dort erzählte er ihm selbst seine wunderbare Rettung durch
Said und wurde nur zuweilen durch das Geheul Kalum-Becks unterbrochen,
dem man soeben im Hof seine hundert vollwichtigen Goldstücke auf die
Fußsohlen zählte.
Der Kalif lud Benazar ein, mit Said bei ihm in Bagdad zu leben. Er
sagte es zu und reiste nur noch einmal nach Hause, um sein großes
Vermögen abzuholen. Said aber lebte in dem Palast, den ihm der dankbare
Kalif erbaut hatte, wie ein Fürst. Der Bruder des Kalifen und der Sohn
des Großwesirs waren seine Gesellschafter, und es war in Bagdad zum
Sprichwort geworden, ich möchte so gut und so glücklich sein als Said,
der Sohn Benazars.
„Bei solcher Unterhaltung käme mir kein Schlaf in die Augen, wenn ich
auch zwei, drei und mehrere Nächte wach bleiben müßte“, sagte der
Zirkelschmied, als der Jäger geendigt hatte. „Und oft schon habe ich
dies bewährt gefunden. So war ich in früherer Zeit als Geselle bei
einem Glockengießer. Der Meister war ein reicher Mann und kein
Geizhals; aber eben darum wunderten wir uns nicht wenig, als wir einmal
eine große Arbeit hatten, und er, ganz gegen seine Gewohnheit, so
knickerig als möglich erschien. Es wurde in die neue Kirche eine Glocke
gegossen, und wir Jungen und Gesellen mußten die ganze Nacht am Herd
sitzen und das Feuer hüten. Wir glaubten nicht anders, als der Meister
werde sein Mutterfäßchen anstechen und uns den besten Wein vorsetzen.
Aber nicht also. Er ließ nur alle Stunden einen Umtrank tun und fing
an, von seiner Wanderschaft, von seinem Leben allerlei Geschichten zu
erzählen; dann kam es an den Obergesellen, und so nach der Reihe, und
keiner von uns wurde schläfrig, denn begierig horchten wir alle zu. Ehe
wir uns dessen versahen, war es Tag. Da erkannten wir die List des
Meisters, daß er uns durch Reden habe wach halten wollen. Denn als die
Glocke fertig war, schonte er seinen Wein nicht und holte ein, was er
weislich in jener Nacht versäumte.“
„Das ist ein vernünftiger Mann“, erwiderte der Student, „gegen den
Schlaf, das ist gewiß, hilft nichts als Reden. Darum möchte ich diese
Nacht nicht einsam bleiben, weil ich mich gegen elf Uhr hin des
Schlafes nicht erwehren könnte.“
„Das haben auch die Bauersleute wohlbedacht“, sagte der Jäger, „wenn
die Frauen und Mädchen in den langen Winterabenden bei Licht spinnen,
so bleiben sie nicht einsam zu Hause, weil sie da wohl mitten unter der
Arbeit einschliefen, sondern sie kommen zusammen in den sogenannten
Lichtstuben, setzen sich in großer Gesellschaft zur Arbeit und
erzählen.“
„Ja“, fiel der Fuhrmann ein, „da geht es oft recht greulich zu, daß man
sich ordentlich fürchten möchte, denn sie erzählen von feurigen
Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den
Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen und Vieh ängstigen.“
„Da haben sie nun freilich nicht die beste Unterhaltung“, entgegnete
der Student. „Mir, ich gestehe es, ist nichts so verhaßt als
Gespenstergeschichten.“
„Ei, da denke ich gerade das Gegenteil“, rief der Zirkelschmied. „Mir
ist es recht behaglich bei einer rechten Schauergeschichte. Es ist
gerade wie beim Regenwetter, wenn man unter dem Dach schläft. Man hört
die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegel herunterrauschen und
fühlt sich recht warm im Trockenen. So, wenn man bei Licht und in
Gesellschaft von Gespenstern hört, fühlt man sich sicher und
behaglich.“
„Aber nachher?“ sagte der Student. „Wenn einer zugehört hat, der dem
lächerlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, wird er sich nicht
grauen, wenn er allein ist und im Dunkeln? Wird er nicht an alles das
Schauerliche denken, was er gehört? Ich kann mich noch heute über diese
Gespenstergeschichten ärgern, wenn ich an meine Kindheit denke. Ich war
ein munterer, aufgeweckter Junge und mochte vielleicht etwas unruhiger
sein, als meiner Amme lieb war. Da wußte sie nun kein anderes Mittel,
mich zum Schweigen zu bringen, als sie machte mich fürchten. Sie
erzählte mir allerlei schauerliche Geschichten von Hexen und bösen
Geistern, die im Hause spuken sollten, und wenn eine Katze auf dem
Boden ihr Wesen trieb, flüsterte sie mir ängstlich zu: „Hörst du,
Söhnchen? Jetzt geht er wieder Treppe auf, Treppe ab, der tote Mann. Er
trägt seinen Kopf unter dem Arm, aber seine Augen glänzen doch wie
Laternen; Krallen hat er statt der Finger, und wenn er einen im Dunkeln
erwischt, dreht er ihm den Hals um.“
Die Männer lachten über diese Geschichten, aber der Student fuhr fort:
„Ich war zu jung, als daß ich hätte einsehen können, dies alles sei
unwahr und erfunden. Ich fürchtete mich nicht vor dem größten Jagdhund,
warf jeden meiner Gespielen in den Sand; aber wenn ich ins Dunkle kam,
drückte ich vor Angst die Augen zu, denn ich glaubte, jetzt werde der
tote Mann heranschleichen. Es ging soweit, daß ich nicht mehr allein
und ohne Licht aus der Türe gehen wollte, wenn es dunkel war, und wie
manchmal hat mich mein Vater nachher gezüchtigt, als er diese Unart
bemerkte. Aber lange Zeit konnte ich diese kindische Furcht nicht
loswerden, und allein meine törichte Amme trug die Schuld.“
„Ja, das ist ein großer Fehler“, bemerkte der Jäger, „wenn man die
kindlichen Gedanken mit solchem Aberwitz füllt. Ich kann versichern,
daß ich brave, beherzte Männer gekannt habe, Jäger, die sich sonst vor
drei Feinden nicht fürchteten wenn sie nachts im Wald auf Wild lauern
sollten oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen oft plötzlich an Mut;
denn sie sahen einen Baum für ein schreckliches Gespenst, einen Busch
für eine Hexe und ein paar Glühwürmer für die Augen eines Ungetüms an,
das im Dunklen auf sie laure.“
„Und nicht nur für Kinder“, entgegnete der Student, „halte ich
Unterhaltungen dieser Art für höchst schädlich und töricht, sondern
auch für jeden; denn welcher vernünftige Mensch wird sich über das
Treiben und Wesen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur im Hirn
eines Toren wirklich sind. Dort spukt es, sonst nirgends. Doch am
allerschädlichsten sind diese Geschichten unter dem Landvolk. Dort
glaubt man fest und unabweichlich an Torheiten dieser Art, und dieser
Glaube wird in den Spinnstuben und in der Schenke genährt, wo sie sich
enge zusammensetzen und mit furchtbarer Stimme die allergreulichsten
Geschichten erzählen.“
„Ja, Herr!“ erwiderte der Fuhrmann. „Ihr möget nicht unrecht haben;
schon manches Unglück ist durch solche Geschichten entstanden, ist ja
doch sogar meine eigene Schwester dadurch elendiglich ums Leben
gekommen.“
„Wie das? An solchen Geschichten?“ riefen die Männer erstaunt.
„Jawohl, an solchen Geschichten“, sprach jener weiter. „In dem Dorf, wo
unser Vater wohnte, ist auch die Sitte, daß die Frauen und die Mädchen
in den Winterabenden zum Spinnen sich zusammensetzen. Die jungen
Burschen kommen dann auch und erzählen mancherlei. So kam es eines
Abends, daß man von Gespenstern und Erscheinungen sprach, und die
jungen Burschen erzählten von einem alten Krämer, der schon vor zehn
Jahren gestorben sei, aber im Grab keine Ruhe finde. Jede Nacht werfe
er die Erde von sich ab, steige aus dem Grab, schleiche langsam und
hustend, wie er im Leben getan, nach seinem Laden und wäge dort Zucker
und Kaffee ab, indem er vor sich hinmurmle:
„Drei Vierling, drei Vierling um Mitternacht
Haben bei Tag ein Pfund gemacht.“
Viele behaupteten, ihn gesehen zu haben, und die Mädchen und Weiber
fingen an, sich zu fürchten. Meine Schwester aber, ein Mädchen von
sechzehn Jahren, wollte klüger sein als die andern und sagte: „Das
glaube ich alles nicht; wer einmal tot ist, kommt nicht wieder!“ Sie
sagte es, aber leider ohne Überzeugung; denn sie hatte sich oft schon
gefürchtet. Da sagte einer von den jungen Leuten: „Wenn du dies
glaubst, so wirst du dich auch nicht vor ihm fürchten; sein Grab ist
nur zwei Schritte von Käthchens, die letzthin gestorben. Wage es
einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Käthchens Grab eine Blume
und bringe sie uns, so wollen wir glauben, daß du dich vor dem Krämer
nicht fürchtest!“
Meine Schwester schämte sich, von den andern verlacht zu werden, darum
sagte sie, „oh! das ist mir ein leichtes; was wollt ihr denn für eine
Blume?“
„Es blüht im ganzen Dorf keine weiße Rose als dort; darum bring’ uns
einen Strauß von diesen“, antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie stand
auf und ging, und alle Männer lobten ihren Mut; aber die Frauen
schüttelten den Kopf und sagten: „Wenn es nur gut abläuft!“ Meine
Schwester ging dem Kirchhof zu; der Mond schien hell, und sie fing an
zu schaudern, als es zwölf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte
öffnete.
Sie stieg über manchen Grabhügel weg, den sie kannte, und ihr Herz
wurde bange und immer banger, je näher sie zu Käthchens weißen Rosen
und zum Grab des gespenstigen Krämers kam.
Jetzt war sie da, zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen ab.
Da glaubte sie ganz in der Nähe ein Geräusch zu vernehmen; sie sah sich
um; zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grabe hinweg, und
langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor. Es war ein alter,
bleicher Mann mit einer weißen Schlafmütze auf dem Kopf. Meine
Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich zu überzeugen,
ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit näselnder Stimme anfing
zu sprechen: „Guten Abend, Jungfer; woher so spät?“ da erfaßte sie ein
Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang über die Gräber hin nach
jenem Hause, erzählte beinahe atemlos, was sie gesehen, und wurde so
schwach, daß man sie nach Hause tragen mußte. Was nützte es uns, daß
wir am andern Tage erfuhren, daß es der Totengräber gewesen sei, der
dort ein Grab gemacht und zu meiner armen Schwester gesprochen habe?
Sie verfiel, noch ehe sie dies erfahren konnte, in ein hitziges Fieber,
an welchem sie nach drei Tagen starb. Die Rosen zu ihrem Totenkranz
hatte sie sich selbst gebrochen.“
Der Fuhrmann schwieg, und eine Träne hing in seinen Augen, die andern
aber sahen teilnehmend auf ihn.
„So hat das arme Kind auch an diesem Köhlerglauben sterben müssen“,
sagte der junge Goldarbeiter, „mir fällt da eine Sage bei, die ich euch
wohl erzählen möchte und die leider mit einem solchen Trauerfall
zusammenhängt“:
Die Höhle von Steenfoll
Eine schottländische Sage
Auf einer der Felseninseln Schottlands lebten vor vielen Jahren zwei
Fischer in glücklicher Eintracht. Sie waren beide unverheiratet, hatten
auch sonst keine Angehörigen, und ihre gemeinsame Arbeit, obgleich
verschieden angewendet, nährte sie beide. Im Alter kamen sie einander
ziemlich nahe, aber von Person und an Gemütsart glichen sie einander
nicht mehr als ein Adler und ein Seekalb.
Kaspar Strumpf war ein kurzer, dicker Mensch mit einem breiten, fetten
Vollmondsgesicht und gutmütig lachenden Augen, denen Gram und Sorge
fremd zu sein schienen. Er war nicht nur fett, sondern auch schläfrig
und faul, und ihm fielen daher die Arbeiten des Hauses, Kochen und
Backen, das Stricken der Netze zum eigenen Fischfang und zum Verkaufe,
auch ein großer Teil der Bestellung ihres kleinen Feldes anheim. Ganz
das Gegenteil war sein Gefährte; lang und hager, mit kühner
Habichtsnase und scharfen Augen, war er als der tätigste und
glücklichste Fischer, der unternehmendste Kletterer nach Vögeln und
Daunen, der fleißigste Feldarbeiter auf den Inseln und dabei als der
geldgierigste Händler auf dem Markte zu Kirchwall bekannt; aber da
seine Waren gut und sein Wandel frei von Betrug war, so handelte jeder
gern mit ihm, und Wilm Falke (so nannten ihn seine Landsleute) und
Kaspar Strumpf, mit welchem ersterer trotz seiner Habsucht gerne seinen
schwer errungenen Gewinn teilte, hatten nicht nur eine gute Nahrung,
sondern waren auch auf gutem Wege, einen gewissen Grad von
Wohlhabenheit zu erlangen. Aber Wohlhabenheit allein war es nicht, was
Falkes habsüchtigem Gemüte zusagte; er wollte reich, sehr reich werden,
und da er bald einsehen lernte, daß auf dem gewöhnlichen Wege des
Fleißes das Reichwerden nicht sehr schnell vor sich ging, so verfiel er
zuletzt auf den Gedanken, er müßte seinen Reichtum durch irgendeinen
außerordentlichen Glückszufall erlangen, und da nun dieser Gedanke
einmal von seinem heftig wallenden Geiste Besitz genommen, fand er für
nichts anderes Raum darin, und er fing an, mit Kaspar Strumpf davon als
von einer gewissen Sache zu reden. Dieser, dem alles, was Falke sagte,
für Evangelium galt, erzählte es seinen Nachbarn, und bald verbreitete
sich das Gerücht, Wilm Falke hätte sich entweder wirklich dem Bösen für
Gold verschrieben, oder hätte doch ein Anerbieten dazu von dem Fürsten
der Unterwelt bekommen.
Anfangs zwar verlachte Falke diese Gerüchte, aber allmählich gefiel er
sich in dem Gedanken, daß irgendein Geist ihm einmal einen Schatz
verraten könne, und er widersprach nicht länger, wenn ihn seine
Landsleute damit aufzogen. Er trieb zwar noch immer sein Geschäft fort,
aber mit weniger Eifer, und verlor oft einen großen Teil der Zeit, die
er sonst mit Fischfang oder andern nützlichen Arbeiten zuzubringen
pflegte, in zwecklosem Suchen irgendeines Abenteuers, wodurch er
plötzlich reich werden sollte. Auch wollte es sein Unglück, daß, als er
eines Tages am einsamen Ufer stand und in unbestimmter Hoffnung auf das
bewegte Meer hinausblickte, als solle ihm von dorther sein großes Glück
kommen, eine große Welle unter einer Menge losgerissenen Mooses und
Gesteins eine gelbe Kugel—eine Kugel von Gold—zu seinen Füßen rollte.
Wilm stand wie bezaubert; so waren denn seine Hoffnungen nicht leere
Träume gewesen, das Meer hatte ihm Gold, schönes, reines Gold
geschenkt, wahrscheinlich die Überreste eines schweren Barrens, welchen
die Wellen auf dem Meeresgrund bis zur Größe einer Flintenkugel
abgerieben. Und nun stand es klar vor seiner Seele, daß einmal irgendwo
an dieser Küste ein reich beladenes Schiff gescheitert sein müsse, und
daß er dazu ersehen sei, die im Schoße des Meeres begrabenen Schätze zu
heben. Dies ward von nun an sein einziges Streben: Seinen Fund
sorgfältig, selbst vor seinem Freunde verbergend, damit nicht auch
andere seiner Entdeckung auf die Spur kämen, versäumte er alles andere
und brachte Tage und Nächte an dieser Küste zu, wo er nicht sein Netz
nach Fischen, sondern eine eigens dazu verfertigte Schaufel—nach Gold
auswarf. Aber er fand nichts als Armut, denn er selbst verdiente nichts
mehr, und Kaspars schläfrige Bemühungen reichten nicht hin, sie beide
zu ernähren. Im Suchen größerer Schätze verschwand nicht nur das
gefundene Gold, sondern allmählich auch das ganze Eigentum der
Junggesellen. Aber so wie Strumpf früher stillschweigend von Falke den
besten Teil seiner Nahrung hatte erwerben lassen, so ertrug er es auch
jetzt schweigend und ohne Murren, daß die zwecklose Tätigkeit desselben
sie ihm jetzt entzog; und gerade dieses sanftmütige Dulden seines
Freundes war es, was jenen nur noch stärker anspornte, sein rastloses
Suchen nach Reichtum weiter fortzusetzen. Was ihn aber noch tätiger
machte, war, daß, so oft er sich zur Ruhe niederlegte und seine Augen
sich zum Schlummer schlossen, etwas ihm ein Wort ins Ohr raunte, das er
zwar sehr deutlich zu vernehmen glaubte und das ihm jedesmal dasselbe
schien, das er aber niemals behalten konnte. Zwar wußte er nicht, was
dieser Umstand, so sonderbar er auch war, mit seinem jetzigen Streben
zu tun haben könne; aber auf ein Gemüt wie Wilm Falkes mußte alles
wirken, und auch dieses geheimnisvolle Flüstern half ihn in dem Glauben
bestärken, daß ihm ein großes Glück bestimmt sei, das er nur in einem
Goldhaufen zu finden hoffte.
Eines Tages überraschte ihn ein Sturm am Ufer, wo er den Goldbarren
gefunden hatte, und die Heftigkeit desselben trieb ihn an, in einer
nahen Höhle zuflucht zu suchen. Diese Höhle, welche die Einwohner die
Höhle von Steenfoll nennen, besteht aus einem langen unterirdischen
Gange, weicher sich mit zwei Mündungen gegen das Meer öffnet und den
Wellen einen freien Durchgang läßt, die sich beständig mit lautem
Brüllen schäumend durch denselben hinarbeiten. Diese Höhle war nur an
einer Stelle zugänglich, und zwar durch eine Spalte von oben her,
welche aber selten von jemand anderem als mutwilligen Knaben betreten
ward, indem zu den eigenen Gefahren des Ortes sich noch der Ruf eines
Geisterspuks gesellte. Mit Mühe ließ Wilm sich in denselben hinab und
nahm ungefähr zwölf Fuß tief von der Oberfläche auf einem
vorspringenden Stein und unter einem überhängenden Felsenstück Platz,
wo er mit den brausenden Wellen unter seinen Füßen und dem wütenden
Sturm über seinem Haupte in seinen gewöhnlichen Gedankenzug verfiel,
nämlich von dem gescheiterten Schiff, und was für ein Schiff es wohl
gewesen sein mochte; denn trotz aller seiner Erkundigungen hatte er
selbst von den ältesten Einwohnern von keinem an dieser Stelle
gescheiterten Fahrzeuge Nachricht erhalten können. Wie lange er so
gesessen, wußte er selbst nicht; als er aber endlich aus seinen
Träumereien erwachte, entdeckte er, daß der Sturm vorüber war; und er
wollte eben wieder emporsteigen, als eine Stimme sich aus der Tiefe
vernehmen ließ und das Wort Car-mil-han ganz deutlich in sein Ohr
drang. Erschrocken fuhr er in die Höhe und blickte in den leeren
Abgrund hinab. „Großer Gott!“ schrie er, „das ist das Wort, das mich in
meinem Schlafe verfolgt! Was, um Himmels willen, mag es bedeuten?“
„Carmilhan!“ seufzte es noch einmal aus der Höhle herauf, als er schon
mit einem Fuß die Spalte verlassen hatte, und er floh wie ein
gescheuchtes Reh seiner Hütte zu.
Wilm war indessen keine Memme; die Sache war ihm nur unerwartet
gekommen, und sein Geldgeiz war auch überdies zu mächtig in ihm, als
daß ihn irgendein Anschein von Gefahr hätte abschrecken können, auf
seinem gefahrvollen Pfade fortzuwandern. Einst, als er spät in der
Nacht beim Mondschein der Höhle von Steenfoll gegenüber mit seiner
Schaufel nach Schätzen fischte, blieb dieselbe auf einmal an etwas
hängen. Er zog aus Leibeskräften, aber die Masse blieb unbeweglich.
Inzwischen erhob sich der Wind, dunkle Wolken überzogen den Himmel,
heftig schaukelte das Boot und drohte umzuschlagen; aber Wilm ließ sich
nichts irren; er zog und zog, bis der Widerstand aufhörte, und da er
kein Gewicht fühlte, glaubte er, sein Seil wäre gebrochen. Aber gerade,
als die Wolken sich über dem Monde zusammenziehen wollten, erschien
eine runde schwarze Masse auf der Oberfläche, und es erklang das ihn
verfolgende Wort Carmilhan! Hastig wollte er nach ihr greifen, aber
ebenso schnell, als er den Arm danach ausstreckte, verschwand sie in
der Dunkelheit der Nacht, und der eben losbrechende Sturm zwang ihn,
unter den nahen Felsen Zuflucht zu suchen. Hier schlief er vor Ermüdung
ein, um im Schlafe, von einer ungezügelten Einbildungskraft gepeinigt,
aufs neue die Qualen zu erdulden, die ihn sein rastloses Streben nach
Reichtum am Tage erleiden ließ. Die ersten Strahlen der aufgehenden
Sonne fielen auf den jetzt ruhigen Spiegel des Meeres, als Falke
erwachte. Eben wollte er wieder hinaus an die gewohnte Arbeit, als er
von ferne etwas auf sich zukommen sah. Er erkannte es bald für ein Boot
und in demselben eine menschliche Gestalt; was aber sein größtes
Erstaunen erregte, war, daß das Fahrzeug sich ohne Segel oder Ruder
fortbewegte, und zwar mit dem Schnabel gegen das Ufer gekehrt, und ohne
daß die darin sitzende Gestalt sich im geringsten um das Steuer zu
bekümmern schien, wenn es ja eins hatte. Das Boot kam immer näher und
hielt endlich neben Wilms Fahrzeug stille. Die Person in demselben
zeigte sich jetzt als ein kleines, verschrumpftes, altes Männchen, das
in gelbe Leinwand gekleidet war und mit roter, in die Höhe stehender
Nachtmütze, mit geschlossenen Augen und unbeweglich wie ein
getrockneter Leichnam dasaß. Nachdem er es vergebens angerufen und
gestoßen hatte, wollte er eben einen Strick an dem Boot befestigen und
es wegfuhren, als das Männchen die Augen aufschlug und sich zu bewegen
anfing auf eine Weise, welche selbst den kühnen Fischer mit Grausen
erfüllte.