Es war ein sonderbarer Zufall, daß derjenige der jungen Männer, welcher

Said-Almansor mit den grimmigsten Blicken betrachtete und am

feindseligsten gegen ihn gesinnt schien, niemand anders war als der

Mann, den er vor einiger Zeit bei Kalum-Becks Bude niedergeworfen

hatte, als er gerade im Begriff war, dem unglücklichen Kaufmann den

Bart auszureißen. Dieser Mann betrachtete ihn immer aufmerksam und

neidisch. Said hatte ihn zwar schon einigemal besiegt, aber dies war

kein Grund zu solcher Feindseligkeit, und Said fürchtete schon, jener

möchte ihn an seinem Wuchs oder an der Stimme als Kalum-Becks

Ladendiener erkannt haben, eine Entdeckung, die ihn dem Spott und der

Rache dieser Leute aussetzen würde. Der Anschlag, welchen seine Neider

auf ihn gemacht hatten, scheiterte sowohl an seiner Vorsicht und

Tapferkeit als auch an der Freundschaft, womit ihm der Bruder des

Kalifen und der Sohn des Großwesirs zugetan waren. Als diese sahen, daß

er von wenigstens sechs umringt sei, die ihn vom Pferd zu werfen oder

zu entwaffnen suchten, sprengten sie herbei, jagten den ganzen Trupp

auseinander und drohten den jungen Leuten, welche so verräterisch

gehandelt hatten, sie aus der Kampfbahn zu stoßen. Mehr denn vier

Monate hatte Said auf diese Weise zum Erstaunen Bagdads seine

Tapferkeit erprobt, als er eines Abends beim Nachhausegehen von dem

Kampfplatz einige Stimmen vernahm, die ihm bekannt schienen. Vor ihm

gingen vier Männer, die sich langsamen Schrittes über etwas zu beraten

schienen. Als Said leise näher trat, hörte er, daß sie den Dialekt der

Horde Selims in der Wüste sprachen, und ahnte, daß die vier Männer auf

irgendeine Räuberei ausgingen. Sein erstes Gefühl war, sich von diesen

vieren zurückzuziehen; als er aber bedachte, daß er irgend etwas Böses

verhindern könnte, schlich er sich noch näher herzu, diese Männer zu

behorchen.

„Der Türsteher hat ausdrücklich gesagt, die Straße rechts vom Basar“,

sprach der eine, „dort werde und müsse er heute nacht mit dem Großwesir

durchkommen.“

„Gut“, antwortete ein anderer. „Den Großwesir fürchte ich nicht; er ist

alt und wohl kein sonderlicher Held, aber der Kalif soll ein gutes

Schwert fuhren, und ich traue ihm nicht; es schleichen ihm gewiß zehn

oder zwölf von der Leibwache nach.“

„Keine Seele“, entgegnete ihm ein dritter. „Wenn man ihn je gesehen und

erkannt hat bei Nacht, war er immer nur allein mit dem Wesir oder mit

dem Oberkämmerling. Heute nacht muß er unser sein, aber es darf ihm

kein Leid geschehen.“

„Ich denke, das beste ist“, sprach der erste, „wir werfen ihm eine

Schlinge über den Kopf; töten dürfen wir ihn nicht; denn für seinen

Leichnam würden sie ein geringes Lösegeld geben, und überdies wären wir

nicht sicher, es zu bekommen.“

„Also eine Stunde vor Mitternacht!“ sagten sie zusammen und schieden,

der eine hierhin, der andere dorthin.

Said war über diesen Anschlag nicht wenig erschrocken. Er beschloß,

sogleich zum Palast des Kalifen zu eilen und ihn von der Gefahr, die

ihm drohte, zu unterrichten. Aber als er schon durch mehrere Straßen

gelaufen war, fielen ihm die Worte der Fee bei, die ihm gesagt hatte,

wie schlecht er bei dem Kalifen angeschrieben sei; er bedachte, daß man

vielleicht seine Angabe verlachen oder als einen Versuch, bei dem

Beherrscher von Bagdad sich einzuschmeicheln, ansehen könnte, und so

hielt er seine Schritte an und achtete es für das beste, sich auf sein

gutes Schwert zu verlassen und den Kalifen persönlich aus den Händen

der Räuber zu retten.

Er ging daher nicht in Kalum-Becks Haus zurück, sondern setzte sich auf

die Stufen einer Moschee und wartete dort, bis die Nacht völlig

angebrochen war; dann ging er am Basar vorbei in jene Straße, welche

die Räuber bezeichnet hatten, und verbarg sich hinter dem Vorsprung

eines Hauses. Er mochte ungefähr eine Stunde dort gestanden sein, als

er zwei Männer langsam die Straße herabkommen hörte, anfänglich glaubte

er, es seien der Kalif und sein Großwesir, aber einer der Männer

klatschte in die Hand, und sogleich eilten zwei andere sehr leise die

Straße herauf vom Basar her. Sie flüsterten eine Weile und verteilten

sich dann; drei versteckten sich nicht weit von ihm, und einer ging in

der Straße auf und ab. Die Nacht war sehr finster, aber stille, und so

mußte sich Said auf sein scharfes Ohr beinahe ganz allein verlassen.

Wieder war etwa eine halbe Stunde vergangen, als man gegen den Basar

hin Schritte vernahm. Der Räuber mochte sie auch gehört haben; er

schlich an Said vorüber dem Basar zu. Die Schritte kamen näher, und

schon konnte Said einige dunkle Gestalten erkennen, als der Räuber in

die Hand klatschte, und in demselben Augenblicke stürzten die drei aus

dem Hinterhalt hervor. Die Angegriffenen mußten übrigens bewaffnet

sein; denn er vernahm den Klang von aneinander geschlagenen Schwertern.

Sogleich zog er seine Damaszenerklinge und stürzte sich mit dem Ruf:

„Nieder mit den Feinden des großen Harun!“ auf die Räuber, streckte mit

dem ersten Hieb einen zu Boden und drang dann auf zwei andere ein, die

eben im Begriff waren, einen Mann, um welchen sie einen Strick geworfen

hatten, zu entwaffnen. Er hieb blindlings auf den Strick ein, um ihn zu

zerschneiden, aber er traf dabei einen der Räuber so heftig über den

Arm, daß er ihm die Hand abschlug; der Räuber stürzte mit

fürchterlichem Geschrei auf die Knie. Jetzt wandte sich der vierte, der

mit einem andern Mann gefochten hatte, gegen Said, der noch mit dem

dritten im Kampf war; aber der Mann, um welchen man die Schlinge

geworfen hatte, sah sich nicht sobald frei, als er seinen Dolch zog und

ihn dem Angreifenden von der Seite in die Brust stieß. Als dies der

noch Übriggebliebene sah, warf er seinen Säbel weg und floh.

Said blieb nicht lange in Ungewißheit, wen er gerettet habe; denn der

größere der beiden Männer trat zu ihm und sprach: „Das eine ist so

sonderbar wie das andere, dieser Angriff auf mein Leben oder meine

Freiheit, wie die unbegreifliche Hilfe und Rettung. Wie wußtet Ihr, wer

ich bin? Habt Ihr von dem Anschlag dieser Menschen gewußt?“

„Beherrscher der Gläubigen“, antwortete Said, „denn ich zweifle nicht,

daß du es bist, ich ging heute abend durch die Straße EI Malek hinter

einigen Männern, deren fremden und geheimnisvollen Dialekt ich einst

gelernt habe. Sie sprachen davon, dich gefangenzunehmen und den

würdigen Mann, deinen Wesir, zu töten. Weil es nun zu spät war, dich zu

warnen, beschloß ich, an den Platz zu gehen, wo sie dir auflauern

wollten, um dir beizustehen.“

„Danke dir“, sprach Harun, „an dieser Stätte ist übrigens nicht gut

weilen; nimm diesen Ring und komm damit morgen in meinen Palast; wir

wollen dann mehr über dich und deine Hilfe reden und sehen, wie ich

dich am besten belohnen kann. Komm, Wesir, hier ist nicht gut bleiben;

sie können wiederkommen.“

Er sprach es und wollte den Großwesir fortziehen, nachdem er dem

Jüngling einen Ring an den Finger gesteckt hatte, dieser aber bat ihn,

noch ein wenig zu verweilen, wandte sich um und reichte dem

überraschten Jüngling einen schweren Beutel. „Junger Mann“, sprach er,

„mein Herr, der Kalif, kann dich zu allem machen, wozu er will, selbst

zu meinem Nachfolger, ich selbst kann wenig tun, und was ich tun kann,

geschieht heute besser als morgen; drum nimm diesen Beutel. Das soll

meinen Dank übrigens nicht abkaufen. So oft du irgendeinen Wunsch hast,

komm getrost zu mir!“

Ganz trunken vor Glück eilte Said nach Hause. Aber hier wurde er übel

empfangen; Kalum-Beck wurde über sein langes Ausbleiben zuerst unwillig

und dann besorgt; denn er dachte, er könnte leicht das schöne

Aushängeschild seines Gewölbes verlieren. Er empfing ihn mit

Schmähworten und tobte und raste wie ein Wahnsinniger. Aber Said, der

einen Blick in den Beutel getan und gefunden hatte, daß er lauter

Goldstücke enthalte, bedachte, daß er jetzt nach seiner Heimat reisen

könne, auch ohne die Gnade des Kalifen, die gewiß nicht geringer war

als der Dank seines Wesirs, und so blieb er ihm kein Wort schuldig,

sondern erklärte ihm rund und deutlich, daß er keine Stunde länger bei

ihm bleiben werde. Von Anfang erschrak Kalum-Beck hierüber sehr, dann

aber lachte er höhnisch und sprach: „Du Lump und Landläufer, du

ärmlicher Wicht! Wohin willst du denn deine Zuflucht nehmen, wenn ich

meine Hand von dir abziehe? Wo willst du ein Mittagessen bekommen und

wo ein Nachtlager?“

„Das soll Euch nicht bekümmern, Herr Kalum-Beck“, antwortete Said

trotzig, „gehabt Euch wohl, mich sehet Ihr nicht wieder!“

Er sprach es und lief zur Türe hinaus, und Kalum-Beck schaute ihm

sprachlos vor Staunen nach. Den andern Morgen aber, nachdem er sich den

Fall recht überlegt hatte, schickte er seine Packknechte aus und ließ

überall nach dem Flüchtling spähen. Lange suchten sie umsonst, endlich

aber kam einer zurück und sagte, er habe Said, den Ladendiener, aus

einer Moschee kommen und in eine Karawanserei gehen sehen. Er sei aber

ganz verändert, trage ein schönes Kleid, einen Dolch und Säbel und

einen prachtvollen Turban.

Als Kalum-Beck dies hörte, schwur er und rief: „Bestohlen hat er mich

und sich dafür gekleidet. Oh, ich geschlagener Mann!“ Dann lief er zum

Aufseher der Polizei, und da man wußte, daß er ein Verwandter von

Messour, dem Oberkämmerling, sei, so wurde es ihm nicht schwer, einige

Polizeidiener von ihm zu erlangen, um Said zu verhaften. Said saß vor

einer Karawanserei und besprach sich ganz ruhig mit einem Kaufmann, den

er da gefunden, über eine Reise nach Balsora, seiner Vaterstadt; da

fielen plötzlich einige Männer über ihn her und banden ihm trotz seiner

Gegenwehr die Hände auf den Rücken. Er fragte sie, was sie zu dieser

Gewalttat berechtige, und sie antworteten, es geschehe im Namen der

Polizei und seines rechtmäßigen Gebieters Kalum-Beck. Zugleich trat der

kleine, häßliche Mann herzu, verhöhnte und verspottete Said, griff in

seine Tasche und zog zum Staunen der Umstehenden und mit

Triumphgeschrei einen großen Beutel mit Gold heraus.

„Sehet! Das alles hat er mir nach und nach gestohlen, der schlechte

Mensch!“ rief er, und die Leute sahen mit Abscheu auf den Gefangenen

und riefen: „Wie! Noch so jung, so schön und doch so schlecht! Zum

Gericht, zum Gericht, damit er die Bastonade erhalte—“ So schleppten

sie ihn fort, und ein ungeheurer Zug Menschen aus allen Ständen schloß

sich an; sie riefen: „Sehet, das ist der schönste Ladendiener vom

Basar—er hat seinen Herrn bestohlen und ist entflohen—zweihundert

Goldstücke hat er gestohlen.“

Der Aufseher der Polizei empfing den Gefangenen mit finsterer Miene;

Said wollte sprechen, aber der Beamte gebot ihm zu schweigen und

verhörte nur den kleinen Kaufmann. Er zeigte ihm den Beutel und fragte

ihn, ob ihm dieses Gold gestohlen worden sei; Kalum-Beck beschwor es;

aber sein Meineid verhalf ihm zwar zu dem Gold, doch nicht zu dem

schönen Ladendiener, der ihm tausend Goldstücke wert war; denn der

Richter sprach: „Nach einem Gesetz, das mein großmächtigster Herr, der

Kalif, erst vor wenigen Tagen geschärft hat, wird jeder Diebstahl, der

hundert Goldstücke übersteigt und auf dem Basar begangen wird, mit

ewiger Verbannung auf eine wüste Insel bestraft. Dieser Dieb kommt

gerade zu rechter Zeit, er macht die Zahl von zwanzig solcher Burschen

voll; morgen werden sie auf eine Barke gepackt und in die See geführt.“

Said war in Verzweiflung; er beschwor den Beamten, ihn anzuhören, ihn

nur ein Wort mit dem Kalifen sprechenzulassen; aber er fand keine

Gnade. Kalum-Beck, der jetzt seinen Schwur bereute, sprach ebenfalls

für ihn, aber der Richter antwortete: „Du hast dein Gold und kannst

zufrieden sein, gehe nach Hause und verhalte dich ruhig, sonst strafe

ich dich für jeden Widerspruch um zehn Goldstücke.“ Kalum schwieg

bestürzt, der Richter aber winkte, und der unglückliche Said wurde

abgeführt.

Man brachte ihn in ein finsteres und feuchtes Gefängnis; neunzehn

elende Menschen lagen dort auf Stroh umher und empfingen ihn als ihren

Leidensgefährten mit rohem Gelächter und Verwünschungen gegen den

Richter und den Kalifen. So schrecklich sein Schicksal vor ihm lag, so

fürchterlich der Gedanke war, auf eine wüste Insel verbannt zu werden,

so fand er doch noch einigen Trost darin, schon am folgenden Tag aus

diesem schrecklichen Gefängnis erlöst zu werden. Aber er täuschte sich

sehr, als er glaubte, sein Zustand auf dem Schiff würde besser sein. In

den untersten Raum, wo man nicht aufrecht stehen konnte, wurden die

zwanzig Verbrecher hinabgeworfen, und dort stießen und schlugen sie

sich um die besten Plätze.

Die Anker wurden gelichtet, und Said weinte bittere Tränen, als das

Schiff, das ihn von seinem Vaterlande entfahren sollte, sich zu bewegen

anfing. Nur einmal des Tages teilte man ihnen ein wenig Brot und

Früchte und einen Trunk süßen Wassers aus, und so dunkel war es in dem

Schiffsraum, daß man immer Lichter herabbringen mußte, wenn die

Gefangenen speisen sollten. Beinahe alle zwei, drei Tage fand man einen

Toten unter ihnen, so ungesund war die Luft in diesem Wasserkerker, und

Said wurde nur durch seine Jugend und seine feste Gesundheit erhalten.

Vierzehn Tage waren sie schon auf dem Wasser, als eines Tages die

Wellen heftiger rauschten und ein ungewöhnliches Treiben und Rennen auf

dem Schiffe entstand.

Said ahnete, daß ein Sturm im Anzug sei; es war ihm sogar angenehm,

denn er hoffte dann zu sterben.

Heftiger wurde das Schiff hin und her geworfen, und endlich saß es mit

schrecklichem Krachen fest. Geschrei und Geheul scholl von dem Verdeck

herab und mischte sich mit dem Brausen des Sturmes. Endlich wurde es

wieder stille, aber zu gleicher Zeit entdeckte auch einer der

Gefangenen, daß das Wasser in das Schiff eindringe. Sie pochten an der

Falltüre nach oben, aber man antwortete ihnen nicht. Als daher das

Wasser immer heftiger eindrang, drängten sie sich mit vereinigten

Kräften gegen die Türe und sprengten sie auf.

Sie stiegen die Treppe hinan, aber oben fanden sie keinen Menschen

mehr. Die ganze Schiffsmannschaft hatte sich in Booten gerettet. Jetzt

gerieten die meisten Gefangenen in Verzweiflung; denn der Sturm wütete

immer heftiger, das Schiff krachte und senkte sich. Noch einige Stunden

saßen sie auf dem Verdeck und hielten ihre letzte Mahlzeit von den

Vorräten, die sie im Schiff gefunden; dann erneuerte sich auf einmal

der Sturm, das Schiff wurde von der Klippe, worauf es festsaß,

hinweggerissen und brach zusammen.

Said hatte sich am Mast angeklammert und hielt ihn, als das Schiff

geborsten war, noch immer fest. Die Wellen warfen ihn hin und her; aber

er hielt sich, mit den Füßen rudernd, immer wieder oben. So schwamm er

in immerwährender Todesgefahr eine halbe Stunde; da fiel die Kette mit

dem Pfeifchen wieder aus seinem Kleid, und noch einmal wollte er

versuchen, ob es nicht töne. Mit der einen Hand klammerte er sich fest,

mit der andern setzte er es an seinen Mund, blies, ein heller, klarer

Ton erscholl, und augenblicklich legte sich der Sturm, und die Wellen

glätteten sich, als hätte man Öl darauf ausgegossen. Kaum hatte er sich

mit leichterem Atem umgesehen, ob er nicht irgendwo Land erspähen

könnte, als der Mast unter ihm sich auf eine sonderbare Weise

auszudehnen und zu bewegen anfing, und zu seinem nicht geringen

Schrecken nahm er wahr, daß er nicht mehr auf Holz, sondern auf einem

ungeheuren Delphin reite; nach einigen Augenblicken aber kehrte seine

Fassung zurück, und da er sah, daß der Delphin zwar schnell, aber ruhig

und gelassen seine Bahn fortschwimme, schrieb er seine wunderbare

Rettung dem silbernen Pfeifchen und der gütigen Fee zu und rief seinen

feurigsten Dank in die Lüfte.

Pfeilschnell trug ihn sein wunderbares Pferd durch die Wogen, und noch

ehe es Abend wurde, sah er Land und erkannte einen breiten Fluß, in

welchen der Delphin auch sogleich einbog. Stromaufwärts ging es

langsamer, und um nicht verschmachten zu müssen, nahm Said, der sich

aus alten Zaubergeschichten erinnerte, wie man zaubern müsse, das

Pfeifchen heraus, pfiff laut und herzhaft und wünschte sich dann ein

gutes Mahl. Sogleich hielt der Fisch stille, und hervor aus dem Wasser

tauchte ein Tisch, so wenig naß, als ob er acht Tage an der Sonne

gestanden wäre, und reich besetzt mit köstlichen Speisen. Said griff

weidlich zu, denn seine Kost während seiner Gefangenschaft war schmal

und elend gewesen, und als er sich hinlänglich gesättigt hatte, sagte

er Dank; der Tisch tauchte nieder, er aber stauchte den Delphin in die

Seite, und sogleich schwamm dieser weiter den Fluß hinauf.

Die Sonne fing schon an zu sinken, als Said in dunkler Ferne eine große

Stadt erblickte, deren Minaretts ihm Ähnlichkeit mit denen von Bagdad

zu haben schienen. Der Gedanke an Bagdad war ihm nicht sehr angenehm;

aber sein Vertrauen auf die gütige Fee war so groß, daß er fest

glaubte, sie werde ihn nicht wieder in die Hände des schändlichen

Kalum-Beck fallen lassen. Zur Seite, etwa eine Meile von der Stadt und

nahe am Fluß, erblickte er ein prachtvolles Landhaus, und zu seiner

großen Verwunderung lenkte der Fisch nach diesem Hause hin.

Auf dem Dach des Hauses standen mehrere schön gekleidete Männer, und am

Ufer sah Said eine große Menge Diener, und alle schauten nach ihm und

schlugen vor Verwunderung die Hände zusammen. An einer Marmortreppe,

die vom Wasser nach dem Lustschloß hinaufführte, hielt der Delphin an,

und kaum hatte Said einen Fuß auf die Treppe gesetzt, so war auch schon

der Fisch spurlos verschwunden. Zugleich eilten einige Diener die

Treppe hinab und baten im Namen ihres Herrn, zu ihm hinaufzukommen, und

boten ihm trockene Kleider an. Er kleidete sich schnell um und folgte

dann den Dienern auf das Dach, wo er drei Männer fand, von welchen der

größte und schönste ihm freundlich und huldreich entgegenkam. „Wer bist

du, wunderbarer Fremdling“, sprach er, „der du die Fische des Meeres

zähmst und links und rechts leitest, wie der beste Reiter sein

Streitroß? Bist du ein Zauberer oder ein Mensch wie wir?“

„Herr!“ antwortete Said, „mir ist es in den letzten Wochen schlecht

ergangen; wenn Ihr aber Vergnügen daran findet, so will ich Euch

erzählen.“ Und nun hub er an und erzählte den drei Männern seine

Geschichte von dem Augenblick an, wo er seines Vaters Haus verlassen

hatte, bis zu seiner wunderbaren Rettung.

Oft wurde er von ihnen mit Zeichen des Staunens und der Verwunderung

unterbrochen; als er aber geendet hatte, sprach der Herr des Hauses,

der ihn so freundlich empfangen hatte: „Ich traue deinen Worten, Said!

Aber du erzähltest uns, daß du im Wettkampfe eine Kette gewonnen, und

daß dir der Kalif einen Ring geschenkt; kannst du wohl diese uns

zeigen?“

„Hier auf meinem Herzen habe ich beide verwahrt“, sprach der Jüngling,

„und nur mit meinem Leben hätte ich so teure Geschenke hergegeben; denn

ich achte es für die ruhmvollste und schönste Tat, daß ich den großen

Kalifen aus den Händen seiner Mörder befreite.“ Zugleich zog er Kette

und Ring hervor und übergab beides den Männern.

„Beim Bart des Propheten, er ist’s, es ist mein Ring!“ rief der hohe,

schöne Mann. „Großwesir“ laß uns ihn umarmen; denn hier steht unser

Retter!“

Said war es wie ein Traum, als diese zwei ihn umschlangen, aber

alsobald warf er sich nieder und sprach: „Verzeihe, Beherrscher der

Gläubigen, daß ich so vor dir gesprochen habe; denn du bist kein

anderer als Harun Al-Raschid, der große Kalif von Bagdad.“

„Der bin ich und dein Freund!“ antwortete Harun, „und von dieser Stunde

an sollen sich alle deine trüben Schicksale wenden. Folge mir nach

Bagdad, bleibe in meiner Umgebung und sei einer meiner vertrautesten

Beamten; denn wahrlich, du hast in jener Nacht gezeigt, daß dir Harun

nicht gleichgültig sei, und nicht jeden meiner treuesten Diener möchte

ich auf gleiche Probe stellen!“

Said dankte dem Kalifen; er versprach ihm, auf immer bei ihm zu

bleiben, wenn er zuvor eine Reise zu seinem Vater, der in großen Sorgen

um ihn sein müsse, gemacht haben werde, und der Kalif fand dies gerecht

und billig. Sie setzten sich bald zu Pferd und kamen noch vor

Sonnenuntergang in Bagdad an. Der Kalif ließ Said eine lange Reihe

prachtvoll geschmückter Zimmer in seinem Palast anweisen und versprach

ihm noch überdies, ein eigenes Haus für ihn erbauen zu lassen.

Auf die erste Kunde von diesem Ereignis eilten die alten Waffenbrüder

Saids, der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großwesirs, herbei; sie

umarmten ihn als Retter dieser teuren Männer und baten ihn, er möchte

ihr Freund werden. Aber sprachlos wurden sie vor Erstaunen, als er

sagte: „Euer Freund bin ich längst“, als er die Kette, die er als

Kampfpreis erhalten, hervorzog und sie an dieses und jenes erinnerte.

Sie hatten ihn immer nur schwärzlichbraun und mit langem Bart gesehen,

und erst, als er erzählte, wie und warum er sich entstellt habe, als er

zu seiner Rechtfertigung stumpfe Waffen herbeibringen ließ, mit ihnen

focht und ihnen den Beweis gab, daß er Almansor der Tapfere sei, erst

dann umarmten sie ihn mit Jubel von neuem und priesen sich glücklich,

einen solchen Freund zu haben.

Den folgenden Tag, als eben Said mit dem Großwesir bei Harun saß, trat

Messour, der Oberkämmerer, herein und sprach: „Beherrscher der

Gläubigen, so es anders sein kann, möchte ich dich um eine Gnade

bitten.“

„Ich will zuvor hören“, antwortete Harun.

„Draußen steht mein lieber leiblicher Vetter Kalum-Beck, ein berühmter

Kaufmann auf dem Basar“, sprach er, „der hat einen sonderbaren Handel

mit einem Mann aus Balsora, dessen Sohn bei Kalum-Beck diente, nachher

gestohlen hat, dann entlaufen ist, und niemand weiß, wohin. Nun will

aber der Vater seinen Sohn von Kalum haben, und dieser hat ihn doch

nicht. Er wünscht daher und bittet um die Gnade, du möchtest kraft

deiner großen Erleuchtung und Weisheit sprechen zwischen dem Mann aus

Balsora und ihm.“

„Ich will richten“, erwiderte der Kalif. „In einer halben Stunde möge

dein Herr Vetter mit seinem Gegner in den Gerichtssaal treten!“

Als Messour dankend gegangen war, sprach Harun: „Das ist niemand anders

als dein Vater, Said, und da ich nun glücklicherweise alles, wie es

ist, erfahren habe, will ich richten wie Salomo. Du, Said, verbirgst

dich hinter dem Vorhang meines Thrones, bis ich dich rufe, und du,

Großwesir, läßt mir sogleich den schlechten und voreiligen

Polizeirichter holen; ich werde ihn im Verhör brauchen.“

Sie taten beide, wie er befohlen. Saids Herz pochte stärker, als er

seinen Vater bleich und abgehärmt, mit wankenden Schritten in den

Gerichtssaal treten sah, und Kalum-Becks feines, zuversichtiges

Lächeln, womit er zu seinem Vetter Oberkämmerer flüsterte, machte ihn

so grimmig, daß er gerne hinter dem Vorhang hervor auf ihn losgestürzt

wäre. Denn seine größten Leiden und Kümmernisse hatte er diesem

schlechten Menschen zu danken.

Es waren viele Menschen im Saal, die den Kalifen Recht sprechen hören

wollten. Der Großwesir gebot, nachdem der Herrscher von Bagdad auf

seinem Thron Platz genommen hatte, Stille und fragte, wer hier als

Kläger vor seinem Herrn erscheine.

Kalum-Beck trat mit frecher Stimme vor und sprach: „Vor einigen Tagen

stand ich unter der Türe meines Gewölbes im Basar, als ein Ausrufer,

einen Beutel in der Hand und diesen Mann hier neben sich, durch die

Buden schritt und rief: „Einen Beutel Gold dem, der Auskunft geben kann

über Said aus Balsora. „ Dieser Said war in meinen Diensten gewesen,

und ich rief daher: „Hierher, Freund! Ich kann den Beutel verdienen.“

Dieser Mann, der jetzt so feindlich gegen mich ist, kam freundlich und

fragte, was ich wüßte. Ich antwortete: „Ihr seid wohl Benazar, sein

Vater?“ Und als er dies freudig bejahte, erzählte ich ihm, wie ich den

jungen Menschen in der Wüste gefunden, gerettet und gepflegt und nach

Bagdad gebracht habe. In der Freude seines Herzens schenkte er mir den

Beutel. Aber hört diesen unsinnigen Menschen; wie ich ihm nun weiter

erzählte, daß sein Sohn bei mir gedient habe, daß er schlechte Streiche

gemacht, gestohlen habe und davongegangen sei, will er es nicht

glauben, hadert schon seit einigen Tagen mit mir, fordert seinen Sohn

und sein Geld zurück, und beides kann ich nicht geben, denn das Geld

gebührt mir für die Nachricht, die ich ihm gab, und seinen ungeratenen

Burschen kann ich nicht herbeischaffen.“

Jetzt sprach auch Benazar; er schilderte seinen Sohn, wie edel und

tugendhaft er sei, und daß er nie habe so schlecht sein können zu

stehlen. Er forderte den Kalifen auf, streng zu untersuchen.

„Ich hoffe“, sprach Harun, „du hast, wie es Pflicht ist, den Diebstahl

angezeigt, Kalum-Beck?“

„Ei, freilich!“ rief jener lächelnd. „Vor den Polizeirichter habe ich

ihn geführt.“

„Man bringe den Polizeirichter!“ befahl der Kalif.

Zum allgemeinen Erstaunen erschien dieser sogleich, wie durch Zauberei

herbeigebracht. Der Kalif fragte ihn, ob er sich dieses Handelns

erinnere, und dieser gestand den Fall zu.

„Hast du den jungen Mann verhört, hat er den Diebstahl eingestanden?“

fragte Harun.

„Nein, er war sogar so verstockt, daß er niemand als Euch selbst

gestehen wollte!“ erwiderte der Richter.

„Aber ich erinnere mich nicht, ihn gesehen zu haben“, sagte der Kalif.

„Ei, warum auch! Da müßte ich alle Tage einen ganzen Pack solches

Gesindel zu Euch schicken, die Euch sprechen wollen.“

„Du weißt, daß mein Ohr für jeden offen ist“, antwortete Harun, „aber

wahrscheinlich waren die Beweise über den Diebstahl so klar, daß es

nicht nötig war, den jungen Menschen vor mein Angesicht zu bringen. Du

hattest wohl Zeugen, daß das Geld, das dir gestohlen wurde, dein

gehörte, Kalum?“

Märchen-Almanach auf das Jahr 1828 · 第 7 / 13 段