Sonne hat dir das Hirn verbrannt. Meinst du, ich glaube dir so aufs
Wort das ganze Märchen, das du mir in der Wüste erzähltest, daß dein
Vater ein reicher Mann in Balsora sei, du sein einziger Sohn, und den
Anfall der Araber und dein Leben in ihrer Horde und dies und jenes.
Schon damals ärgerte ich mich über deine frechen Lügen und deine
Unverschämtheit. Ich weiß, daß in Balsora alle reichen Leute Kaufleute
sind, habe schon mit allen gehandelt und müßte von einem Benazar gehört
haben, und wenn er nur sechstausend Tomans im Vermögen hätte. Es ist
also entweder erlogen, daß du aus Balsora bist, oder dein Vater ist ein
armer Schlucker, dessen hergelaufenem Jungen ich keine Kupfermünze
leihen mag. Sodann der Überfall in der Wüste! Wann hat man gehört, seit
der weise Kalif Harun die Handelswege durch die Wüste gesichert hat,
daß es Räuber gewagt haben, eine Karawane zu plündern und sogar
Menschen hinwegzuführen? Auch müßte es bekannt geworden sein, aber auf
meinem ganzen Weg, und auch hier in Bagdad, wo Menschen aus allen
Gegenden der Welt zusammenkommen, hat man nichts davon gesprochen. Das
ist die zweite Lüge, junger, unverschämter Mensch!“
Bleich vor Zorn und Unmut wollte Said dem kleinen bösen Mann in die
Rede fallen, jener aber schrie stärker als er und focht dazu mit den
Armen. „Und die dritte Lüge, du frecher Lügner, ist die Geschichte im
Lager Selims. Selims Name ist wohlbekannt unter allen, die jemals einen
Araber gesehen haben, aber Selim ist bekannt als der schrecklichste und
grausamste Räuber, und du wagst zu erzählen, du habest seinen Sohn
getötet und seiest nicht sogleich in Stücke gehauen worden; ja, du
treibest die Frechheit so weit, daß du das Unglaubliche sagst, Selim
habe dich gegen seine Horde beschützt, in sein eigenes Zelt aufgenommen
und ohne Lösegeld entlassen, statt daß er dich aufgehängt hätte an den
nächsten besten Baum, er, der oft Reisende gehängt hat, nur um zu
sehen, welche Gesichter sie machen, wenn sie aufgehängt sind. Oh, du
abscheulicher Lügner!“
„Und ich kann nichts weiter sagen“, rief der Jüngling, „als daß alles
wahr ist bei meiner Seele und beim Bart des Propheten!“
„Was, bei deiner Seele willst du schwören?“ schrie der Kaufmann, „bei
deiner schwarzen, lügenhaften Seele? Wer soll da glauben? Und beim Bart
des Propheten, du, der du selbst keinen Bart hast? Wer soll da trauen?“
„Ich habe freilich keinen Zeugen“, fuhr Said fort, „aber habt Ihr mich
nicht gefesselt und elend gefunden?“
„Das beweist mir gar nichts“, sprach jener, „du bist gekleidet wie ein
stattlicher Räuber, und leicht hast du einen angefallen, der stärker
war als du, dich überwand und band.“
„Den einzelnen oder sogar zwei möchte ich sehen“, entgegnete Said, „die
mich niederstrecken und binden, wenn sie mir nicht von hinten eine
Schlinge über den Kopf werfen. Ihr mögt in Eurem Basar freilich nicht
wissen, was ein einzelner vermag, wenn er in den Waffen geübt ist. Aber
Ihr habt mir das Leben gerettet, und ich danke Euch. Was wollt Ihr denn
aber jetzt mit mir beginnen? Wenn Ihr mich nicht unterstützet, so muß
ich betteln, und ich mag keinen meinesgleichen um eine Gnade anflehen;
an den Kalifen will ich mich wenden.“
„So?“ sprach der Kaufmann, höhnisch lächelnd. „An niemand anders wollt
Ihr Euch wenden als an unseren allergnädigsten Herrn? Das heiße ich
vornehm betteln! Ei, ei! Bedenket aber, junger vornehmer Herr, daß der
Weg zum Kalifen an meinem Vetter Messour vorbeigeht, und daß es mich
ein Wort kostet, den Oberkämmerer darauf aufmerksam zu machen, wie
trefflich Ihr lügen könnet. Aber mich dauert deine Jugend, Said. Du
kannst dich bessern, es kann noch etwas aus dir werden. Ich will dich
in mein Gewölbe im Basar nehmen, dort sollst du mir ein Jahr lang
dienen, und ist dies vorbei und willst du nicht bei mir bleiben, so
zahle ich dir deinen Lohn aus und lasse dich gehen, wohin du willst,
nach Aleppo oder Medina, nach Stambul oder nach Balsora, meinetwegen zu
den Ungläubigen. Bis Mittag gebe ich dir Bedenkzeit; willst du, so ist
es gut, willst du nicht, so berechne ich dir nach billigem Anschlag die
Reisekosten, die du mir machtest, und den Platz auf dem Kamel, mache
mich mit deinen Kleidern und allem, was du hast, bezahlt und werfe dich
auf die Straße; dann kannst du beim Kalifen oder beim Mufti, an der
Moschee oder im Basar betteln. „
Mit diesen Worten verließ der böse Mann den unglücklichen Jüngling.
Said blickte ihm voll Verachtung nach. Er war so empört über die
Schlechtigkeit dieses Menschen, der ihn absichtlich mitgenommen und in
sein Haus gelockt hatte, damit er ihn in seine Gewalt bekäme. Er
versuchte, ob er nicht entfliehen könnte, aber sein Zimmer war
vergittert und die Türe verschlossen. Endlich, nachdem sein Sinn sich
lange dagegen gesträubt hatte, beschloß er, fürs erste den Vorschlag
des Kaufmanns anzunehmen und ihm in seinem Gewölbe zu dienen. Er sah
ein, daß ihm nichts Besseres zu tun übrigbleibe; denn wenn er auch
entfloh, so konnte er ohne Geld doch nicht bis Balsora kommen. Aber er
nahm sich vor, sobald als möglich den Kalifen selbst um Schutz
anzuflehen.
Den folgenden Tag führte Kalum-Beck seinen neuen Diener in sein Gewölbe
im Basar. Er zeigte Said alle Schals und Schleier und andere Waren,
womit er handelte, und wies ihm seinen besonderen Dienst an. Dieser
bestand darin, daß Said, angekleidet wie ein Kaufmannsdiener und nicht
mehr im kriegerischen Schmuck, in der einen Hand einen Schal, in der
anderen einen prachtvollen Schleier, unter der Türe des Gewölbes stand,
die vorübergehenden Männer oder Frauen anrief, seine Ware vorzeigte,
ihren Preis nannte und die Leute zum Kaufen einlud; und jetzt konnte
sich Said auch erklären, warum ihn Kalum-Beck zu diesem Geschäft
bestimmt habe. Er war ein kleiner, häßlicher Alter, und wenn er selbst
unter dem Laden stund und anrief, so sagte mancher Nachbar oder auch
einer der Vorübergehenden ein witziges Wort über ihn, oder die Knaben
spotteten seiner, und die Frauen nannten ihn eine Vogelscheuche; aber
jedermann sah gerne den jungen schlanken Said, der mit Anstand die
Kunden anrief und Schal und Schleier geschickt und zierlich zu halten
wußte.
Als Kalum-Beck sah, daß sein Laden im Basar an Kunden zunahm, seitdem
Said unter der Türe stand, wurde er freundlicher gegen den jungen Mann,
speiste ihn besser als zuvor und war darauf bedacht, ihn in seiner
Kleidung immer schön und stattlich zu halten. Aber Said wurde durch
solche Beweise der milderen Gesinnungen seines Herrn wenig gerührt und
sann den ganzen Tag und selbst in seinen Träumen auf gute Art und
Weise, um in seine Vaterstadt zurückzukehren.
Eines Tages war im Gewölbe vieles gekauft worden, und alle Packknechte,
welche die Waren nach Hause trugen, waren schon versandt, als eine Frau
eintrat und noch einiges kaufte. Sie hatte bald gewählt und verlangte
dann jemand, der ihr gegen ein Trinkgeld die Waren nach Hause trage.
„In einer halben Stunde kann ich Euch alles schicken“, antwortete
Kalum-Beck, „nur so lange müßt Ihr Euch gedulden oder irgendeinen
anderen Packer nehmen.“
„Seid Ihr ein Kaufmann und wollet Euren Kunden fremde Packer mitgeben?“
rief die Frau. „Kann nicht ein solcher Bursche im Gedräng mit meinem
Pack davonlaufen? Und an wen soll ich mich dann wenden? Nein, Eure
Pflicht ist es nach Marktrecht, mir meinen Pack nach Hause tragen zu
lassen, und an Euch kann und will ich mich halten.“
„Aber nur eine halbe Stunde wartet, werte Frau!“ sprach der Kaufmann,
sich immer ängstlicher drehend. „Alle meine Packknechte sind
verschickt—“
„Das ist ein schlechtes Gewölbe, das nicht immer einige Knechte übrig
hat“, entgegnete das böse Weib. „Aber dort steht ja noch solch ein
junger Müßiggänger, komm, junger Bursche, nimm meinen Pack und trag ihn
mir nach!“
„Halt, halt!“ schrie Kalum-Beck. „Das ist mein Aushängeschild, mein
Ausrufer, mein Magnet! Der darf die Schwelle nicht verlassen!“
„Was da!“ erwiderte die alte Dame und steckte Said ohne weiteres ihren
Pack unter den Arm, „das sind ein schlechter Kaufmann und elende Waren,
die sich nicht selbst loben und erst noch solch einen müßigen Bengel
zum Schild brauchen. Geh, geh, Bursche, du sollst heute ein Trinkgeld
verdienen!“
„So lauf im Namen Arimans und aller bösen Geister“, murmelte Kalum-Beck
seinem Magnet zu, „und siehe zu, daß du bald wiederkommst; die alte
Hexe könnte mich ins Geschrei bringen auf dem ganzen Basar, wollte ich
mich länger weigern.“
Said folgte der Frau, die leichteren Schrittes, als man ihrem Alter
zutrauen sollte, durch den Markt und die Straßen eilte. Sie stand
endlich vor einem prachtvollen Hause still, pochte an, die Flügeltüren
sprangen auf, und sie stieg eine Marmortreppe hinan und winkte Said zu
folgen. Sie gelangten endlich in einen hohen, weiten Saal, der mehr
Pracht und Herrlichkeit enthielt, als Said jemals geschaut hatte. Dort
setzte sich die alte Frau erschöpft auf ein Polster, winkte dem jungen
Mann, seinen Pack niederzulegen, reichte ihm ein kleines Silberstück
und hieß ihn gehen.
Er war schon an der Türe, als eine helle, feine Stimme „Said“ rief;
verwundert, daß man ihn hier kenne, schaute er sich um, und eine
wunderschöne Dame, umgeben von vielen Sklaven und Dienerinnen, saß
statt der Alten auf dem Polster. Said, ganz stumm vor Verwunderung,
kreuzte seine Arme und machte eine tiefe Verbeugung.
„Said, mein lieber Junge“, sprach die Dame, „so sehr ich die Unfälle
bedaure, die dich nach Bagdad führten, so war doch dies der einzige vom
Schicksal bestimmte Ort, wo sich, wenn du vor dem zwanzigsten Jahr dein
Vaterhaus verließest, dein Schicksal lösen würde. Said, hast du noch
dein Pfeifchen?“
„Wohl hab’ ich es noch“, rief er freudig, indem er die goldene Kette
hervorzog, „und Ihr seid vielleicht die gütige Fee, die mir dieses
Angebinde gab, als ich geboren wurde?“
„Ich war die Freundin deiner Mutter“, antwortete die Fee, „und bin auch
deine Freundin, solange du gut bleibst. Ach, daß dein Vater, der
leichtsinnige Mann, meinen Rat befolgt hätte! Du würdest vielen Leiden
entgangen sein.“
„Nun, es hat wohl so kommen müssen!“ erwiderte Said. „Aber gnädigste
Fee, lasset einen tüchtigen Nordostwind an Euren Wolkenwagen spannen,
nehmet mich auf und fährt mich in ein paar Minuten nach Balsora zu
meinem Vater; ich will dann die sechs Monate bis zu meinem zwanzigsten
Jahre geduldig dort ausharren.“
Die Fee lächelte. „Du hast eine gute Weise, mit uns zu sprechen“,
antwortete sie, „aber, armer Said, es ist nicht möglich; ich vermag
jetzt, wo du außer deinem Vaterhause bist, nichts Wunderbares für dich
zu tun. Nicht einmal aus der Gewalt des elenden Kalum-Beck vermag ich
dich zu befreien. Er steht unter dem Schutze deiner mächtigen Feindin.“
„Also nicht nur eine gütige Freundin habe ich“, fragte Said, „auch eine
Feindin? Nun, ich glaube ihren Einfluß schon öfter erfahren zu haben.
Aber mit Rat dürfet Ihr mich doch unterstützen? Soll ich nicht zum
Kalifen gehen und ihn um Schutz bitten? Er ist ein weiser Mann, er wird
mich gegen Kalum-Beck beschützen.“
„Ja, Harun ist ein weiser Mann!“ erwiderte die Fee. „Aber leider ist er
auch nur ein Mensch. Er traut seinem Großkämmerer Messour soviel als
sich selbst, und er hat recht; denn er hat Messour erprobt und treu
gefunden. Messour aber traut deinem Freund Kalum-Beck auch wie sich
selbst, und darin hat er unrecht, denn Kalum ist ein schlechter Mann,
wenn er schon Messours Verwandter ist. Kalum ist zugleich ein
verschlagener Kopf und hat, sobald er hierherkam, seinem Vetter
Großkämmerer eine Fabel über dich erdichtet und angeheftet, und dieser
hat sie wieder dem Kalifen erzählt, so daß du, kämest du auch jetzt
gleich in den Palast Haruns, schlecht empfangen werden würdest, denn er
traute dir nicht. Aber es gibt andere Mittel und Wege, sich ihm zu
nahen, und es steht in den Sternen geschrieben, daß du seine Gnade
erwerben sollst.“
„Das ist freilich schlimm“, sagte Said wehmütig. „Da werde ich schon
noch einige Zeit der Ladenhüter des elenden Kalum-Beck sein müssen.
Aber eine Gnade, verehrte Frau, könnet Ihr mir doch gewähren. Ich bin
zum Waffenwerk erzogen, und meine höchste Freude ist ein Kampfspiel, wo
recht tüchtig gefochten wird mit Lanze, Bogen und stumpfem Schwert. Nun
halten die edelsten Jünglinge dieser Stadt alle Wochen ein solches
Kampfspiel. Aber nur Leute im höchsten Schmuck und überdies nur freie
Männer dürfen in die Schranken reiten, namentlich aber kein Diener aus
dem Basar. Wenn Ihr nun bewirken könntet, daß ich alle Wochen ein
Pferd, Kleider und Waffen haben könnte und daß man mein Gesicht nicht
so leicht erkennte—“
„Das ist ein Wunsch, wie ihn ein edler junger Mann wohl wagen darf“,
sprach die Fee, „der Vater deiner Mutter war der tapferste Mann in
Syrien, und sein Geist scheint sich auf dich vererbt zu haben. Merke
dir dies Haus; du sollst jede Woche hier ein Pferd und zwei berittene
Knappen, ferner Waffen und Kleider finden, und ein Waschwasser für dein
Gesicht, das dich für alle Augen unkenntlich machen soll. Und nun,
Said, lebe wohl! Harre aus und sei klug und tugendhaft! In sechs
Monaten wird dein Pfeifchen tönen, und Zulimas Ohr wird für seine Töne
offen sein.“
Der Jüngling schied von seiner wunderbaren Beschützerin mit Dank und
Verehrung; er merkte sich das Haus und die Straße genau und ging dann
wieder nach dem Basar.
Als Said in den Basar zurückkehrte, kam er gerade noch zu rechter Zeit,
um seinen Herrn und Meister Kalum-Beck zu unterstützen und zu retten.
Ein großes Gedränge war um den Laden, Knaben tanzten um den Kaufmann
her und verhöhnten ihn, und die Alten lachten. Er selbst stand vor Wut
zitternd und in großer Verlegenheit vor dem Laden, in der einen Hand
einen Schal, in der andern den Schleier. Diese sonderbare Szene kam
aber von einem Vorfall her, der sich nach Saids Abwesenheit ereignet
hatte. Kalum hatte sich statt seines schönen Dieners unter die Türe
gestellt und ausgerufen, aber niemand mochte bei dem alten häßlichen
Burschen kaufen. Da gingen zwei Männer den Basar herab und wollten für
ihre Frauen Geschenke kaufen. Sie waren suchend schon einigemal auf und
nieder gegangen, und eben jetzt sah man sie mit umherirrenden Blicken
wieder herabsehen.
Kalum-Beck, der dies bemerkte, wollte es sich zu Nutzen machen und
rief: „Hier, meine Herren, hier! Was suchet ihr? Schöne Schleier,
schöne Ware?“
„Guter Alter“, erwiderte einer, „deine Waren mögen recht gut sein, aber
unsere Frauen sind wunderlich, und es ist Sitte in der Stadt geworden,
die Schleier bei niemand zu kaufen als bei dem schönen Ladendiener
Said; wir gehen schon eine halbe Stunde umher, ihn zu suchen, und
finden ihn nicht; aber kannst du uns sagen, wo wir ihn etwa treffen, so
kaufen wir dir ein andermal ab.“
„Allahit, Allah!“ rief Kalum-Beck freundlich grinsend. „Euch hat der
Prophet vor die rechte Türe geführt. Zum schönen Ladendiener wollet
ihr, um Schleier zu kaufen? Nun tretet nur ein, hier ist sein Gewölbe.“
Der eine dieser Männer lachte über Kalums kleine und häßliche Gestalt
und seine Behauptung, daß er der schöne Ladendiener sei; der andere
aber glaubte, Kalum wolle sich über ihn lustig machen, blieb ihm nichts
schuldig, sondern schimpfte ihn weidlich. Dadurch kam Kalum-Beck außer
sich; er rief seine Nachbarn zu Zeugen auf, daß man keinen andern Laden
als den seinigen das Gewölbe des schönen Ladendieners nenne; aber die
Nachbarn, welche ihn wegen des Zulaufs, den er seit einiger Zeit hatte,
beneideten, wollten hiervon nichts wissen, und die beiden Männer gingen
nun dem alten Lügner, wie sie ihn nannten, ernstlich zu Leib. Kalum
verteidigte sich mehr durch Geschrei und Schimpfworte als durch seine
Faust, und so lockte er eine Menge Menschen vor sein Gewölbe; die halbe
Stadt kannte ihn als einen geizigen, gemeinen Filz, alle Umstehenden
gönnten ihm die Püffe, die er bekam, und schon packte ihn einer der
beiden Männer am Bart, als eben dieser am Arm gefaßt und mit einem
einzigen Ruck zu Boden geworfen wurde, so daß sein Turban herabfiel und
seine Pantoffeln weit hinwegflogen.
Die Menge, welche es wahrscheinlich gerne gesehen hätte, wenn
Kalum-Beck mißhandelt worden wäre, murrte laut, der Gefährte des
Niedergeworfenen sah sich nach dem um, der es gewagt hatte, seinen
Freund niederzuwerfen; als er aber einen hohen, kräftigen Jüngling mit
blitzenden Augen und mutiger Miene vor sich stehen sah, wagte er es
nicht, ihn anzugreifen, da überdies Kalum, dem seine Rettung wie ein
Wunder erschien, auf den jungen Mann deutete und schrie: „Nun, was
wollt ihr denn mehr? Da steht er ja, ihr Herren, das ist Said, der
schöne Ladendiener.“ Die Leute umher lachten, weil sie wußten, daß
Kalum-Beck vorhin unrecht geschehen war. Der niedergeworfene Mann stand
beschämt auf und hinkte mit seinem Genossen weiter, ohne weder Schal
noch Schleier zu kaufen.
„O du Stern aller Ladendiener, du Krone des Basars!“ rief Kalum, als er
seinen Diener in den Laden führte, „wahrlich, das heiße ich zu rechter
Zeit kommen, das nenne ich die Hand ins Mittel legen; lag doch der
Bursche auf dem Boden, als ob er nie auf den Beinen gestanden wäre, und
ich—ich hätte keinen Barbier mehr gebraucht, um mir den Bart kämmen und
salben zu lassen, wenn du nur zwei Minuten später kamst; womit kann ich
es dir vergelten?“
Es war nur das schnelle Gefühl des Mitleids gewesen, was Saids Hand und
Herz regiert hatte; jetzt, als dieses Gefühl sich legte, reute es ihn
fast, daß er die gute Züchtigung dem bösen Manne erspart hatte; ein
Dutzend Barthaare weniger, dachte er, hätten ihn auf zwölf Tage sanft
und geschmeidig gemacht; er suchte aber dennoch die günstige Stimmung
des Kaufmanns zu benützen und erbat sich von ihm zum Dank die Gunst,
alle Wochen einmal einen Abend für sich benützen zu dürfen zu einem
Spaziergang, oder zu was es auch sei. Kalum gab es zu; denn er wußte
wohl, daß sein gezwungener Diener zu vernünftig sei, um ohne Geld und
gute Kleider zu entfliehen.
Bald hatte Said erreicht, was er wollte. Am nächsten Mittwoch, dem Tag,
wo sich die jungen Leute aus den vornehmsten Ständen auf einem
öffentlichen Platz der Stadt versammelten, um ihre kriegerischen
Übungen zu halten, sagte er zu Kalum, er wolle diesen Abend für sich
benützen, und als dieser es erlaubt hatte, ging er in die Straße, wo
die Fee wohnte, pochte an, und sogleich sprang die Pforte auf. Die
Diener schienen auf seine Ankunft schon vorbereitet gewesen zu sein;
denn ohne ihn erst nach seinem Begehren zu fragen, führten sie ihn die
Treppe hinan in ein schönes Gemach; dort reichten sie ihm zuerst das
Waschwasser, das ihn unkenntlich machen sollte. Er benetzte sein
Gesicht damit, schaute dann in einen Metallspiegel und kannte sich
beinahe selbst nicht mehr; denn er war jetzt von der Sonne gebräunt,
trug einen schönen schwarzen Bart und sah zum mindesten zehn Jahre
älter aus, als er in der Tat zählte.
Hierauf führten sie ihn in ein zweites Gemach, wo er eine vollständige
und prachtvolle Kleidung fand, in welcher sich der Kalif von Bagdad
selbst nicht hätte schämen dürfen an dem Tag, wo er im vollen Glanze
seiner Herrlichkeit sein Heer musterte. Außer einem Turban vom feinsten
Gewebe mit einer Agraffe von Diamanten und hohen Reiherfedern, einem
Kleid von schwerem rotem Seidenzeug, mit silbernen Blumen durchwirkt,
fand Said einen Brustpanzer von silbernen Ringen, der so fein
gearbeitet war, daß er sich nach jeder Bewegung des Körpers schmiegte,
und doch zugleich so fest, daß ihn weder die Lanze noch das Schwert
durchdringen konnten. Eine Damaszenerklinge in reich verzierter Scheide
mit einem Griff, dessen Steine Said unschätzbar deuchten, vollendete
seinen kriegerischen Schmuck. Als er völlig gerüstet wieder aus der
Türe trat, überreichte ihm einer der Diener ein seidenes Tuch und sagte
ihm, daß die Gebieterin des Hauses ihm dieses Tuch schicke; wenn er
damit sein Gesicht abwische, so werden der Bart und die braune Farbe
verschwinden.
In dem Hof des Hauses standen drei schöne Pferde; das schönste bestieg
Said, die beiden andern seine Diener, und dann trabte er freudig dem
Platze zu, wo die Kampfspiele gehalten werden sollten. Durch den Glanz
seiner Kleider und die Pracht seiner Waffen zog er aller Augen auf
sich, und ein allgemeines Geflüster des Staunens entstand, als er in
den Ring, welchen die Menge umgab, einritt. Es war eine glänzende
Versammlung der tapfersten und edelsten Jünglinge Bagdads; selbst die
Brüder des Kalifen sah man ihre Rosse tummeln und die Lanzen schwangen.
Als Said heranritt und niemand ihn zu kennen schien, ritt der Sohn des
Großwesirs mit einigen Freunden auf ihn zu, grüßte ihn ehrerbietig, lud
ihn ein, an ihren Spielen teilzunehmen, und fragte ihn nach seinem
Namen und seinem Vaterland. Said gab vor, er heiße Almansor und komme
von Kairo, sei auf einer Reise begriffen und habe von der Tapferkeit
und Geschicklichkeit der jungen Edlen von Bagdad so vieles gehört, daß
er nicht gesäumt habe, sie zu sehen und kennenzulernen. Den jungen
Leuten gefielen der Anstand und das mutige Wesen Said-Almansors; sie
ließen ihm eine Lanze reichen und seine Partei wählen; denn die ganze
Gesellschaft hatte sich in zwei Parteien geteilt, um einzeln und in
Scharen gegeneinander zu fechten.
Aber hatte schon Saids Äußeres die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, so
staunte man jetzt noch mehr über seine ungewöhnliche Geschicklichkeit
und Behendigkeit. Sein Pferd war schneller als ein Vogel, und sein
Schwert schwirrte noch behender umher. Er warf die Lanze so leicht,
weit und sicher, als wäre sie ein Pfeil, den er von einem sicheren
Bogen abgeschnellt hätte. Die Tapfersten seiner Gegenpartei besiegte
er, und am Schluß der Spiele war er so allgemein als Sieger anerkannt,
daß einer der Brüder des Kalifen und der Sohn des Großwesirs, die auf
Saids Seite gekämpft hatten, ihn baten, auch mit ihnen zu streiten.
Ali, der Bruder des Kalifen, wurde von ihm besiegt, aber der Sohn des
Großwesirs widerstand ihm so tapfer, daß sie es nach langem Kampfe für
besser hielten, die Entscheidung für das nächstemal aufzusparen.
Den Tag nach diesen Spielen sprach man in ganz Bagdad von nichts als
dem schönen, reichen und tapfren Fremdling; alle, die ihn gesehen
hatten, ja selbst die von ihm besiegt waren, waren entzückt von seinen
edlen Sitten, und sogar vor seinen eigenen Ohren im Gewölbe Kalum-Becks
wurde über ihn gesprochen, und man beklagte nur, daß niemand wisse, wo
er wohne. Das nächstemal fand er im Hause der Fee ein noch schöneres
Kleid und noch köstlicheren Waffenschmuck. Diesmal hatte sich halb
Bagdad zugedrängt, selbst der Kalif sah von einem Balkon herab dem
Schauspiel zu; auch er bewunderte den Fremdling Almansor und hing ihm,
als die Spiele geendet hatten, eine große Denkmünze von Gold an einer
goldenen Kette um den Hals, um ihm seine Bewunderung zu bezeigen. Es
konnte nicht anders kommen, als daß dieser zweite, noch glänzendere
Sieg den Neid der jungen Leute von Bagdad aufregte. „Ein Fremdling“,
sprachen sie untereinander, „soll hierher kommen nach Bagdad, uns Ruhm,
Ehre und Sieg zu entreißen? Er soll sich an andern Orten damit brüsten
können, daß unter der Blüte von Bagdads Jünglingen keiner gewesen sei,
der es entfernt hätte mit ihm aufnehmen können?“ So sprachen sie und
beschlossen, beim nächsten Kampfspiel, als wäre es durch Zufall
geschehen, zu fünf oder sechs über ihn herzufallen.
Saids scharfen Blicken entgingen diese Zeichen des Unmuts nicht; er
sah, wie sie in der Ecke zusammenstanden, flüsterten und mit bösen
Mienen auf ihn deuteten; er ahnte, daß außer dem Bruder des Kalifen und
dem Sohn des Großwesirs keiner sehr freundlich gegen ihn gesinnt sein
möchte, und diese selbst wurden ihm durch ihre Fragen lästig, wo sie
ihn aufsuchen könnten, womit er sich beschäftige, was ihm in Bagdad
wohlgefallen habe und dergleichen.