Ich tat es ihr zu Gefallen und schwieg, weil sie krank war, wir

sprachen auch nicht mehr von dem sonderbaren Vorfall bis sechs Jahre

nachher, als sie fühlte, daß sie, so jung sie noch war, sterben müsse.

Da gab sie mir das Pfeifchen, trug mir auf, es einst, wenn du zwanzig

Jahre alt seiest, dir zu geben; denn keine Stunde zuvor dürfte ich dich

von mir lassen. Sie starb. Eher ist nun das Geschenk“, fuhr Benazar

fort, indem er ein silbernes Pfeifchen an einer langen goldenen Kette

aus einem Kästchen hervorsuchte, „und ich gebe es dir in deinem

achtzehnten statt in deinem zwanzigsten Jahre, weil du abreisest und

ich vielleicht, ehe du heimkehrst, zu meinen Vätern versammelt werde.

Ich sehe keinen vernünftigen Grund ein, warum du noch zwei Jahre hier

bleiben sollst, wie es deine besorgte Mutter wünschte. Du bist ein

guter und gescheiter Junge; führst die Waffen so gut als einer von

vierundzwanzig Jahren, daher kann ich dich heute ebensogut für mündig

erklären, als wärest du schon zwanzig. Und nun ziehe in Frieden und

denke im Glück und Unglück, vor welchem der Himmel dich bewahren wolle,

an deinen Vater!“

So sprach Benazar von Balsora, als er seinen Sohn entließ. Said nahm

bewegt von ihm Abschied, hing die Kette um den Hals, steckte das

Pfeifchen in den Gürtel, schwang sich aufs Pferd und ritt nach dem Ort,

wo sich die Karawane nach Mekka versammelte. In kurzer Zeit waren an

achtzig Kamele und viele hundert Reiter beisammen; die Karawane setzte

sich in Marsch, und Said ritt aus dem Tor von Balsora, seiner

Vaterstadt, die er in langer Zeit nicht mehr sehen sollte.

Das Neue einer solchen Reise und die mancherlei niegesehenen

Gegenstände, die sich ihm aufdrängten, zerstreuten ihn anfangs; als man

sich aber der Wüste näherte und die Gegend immer öder und einsamer

wurde, da fing er an, über manches nachzudenken und unter anderem auch

über die Worte, womit ihn Benazar, sein Vater, entlassen hatte.

Er zog das Pfeifchen hervor, beschaute es hin und her und setzte es

endlich an den Mund, um einen Versuch zu machen, ob es vielleicht einen

recht hellen und schönen Ton von sich gebe; aber siehe, es tönte nicht,

er blähte die Backen auf und blies aus Leibeskräften, aber er konnte

keinen Ton hervorbringen, und, unwillig über das nutzlose Geschenk,

steckte er das Pfeifchen wieder in den Gürtel. Aber bald richteten sich

alle seine Gedanken wieder auf die geheimnisvollen Worte seiner Mutter;

er hatte von Feen manches gehört; aber nie hatte er erfahren, daß

dieser oder jener Nachbar in Balsora mit einem übernatürlichen Genius

in Verbindung gestanden sei, sondern man hatte die Sagen von diesen

Geistern immer in weit entfernte Länder und alte Zeiten versetzt, und

so glaubte er, es gebe heutzutage keine solchen Erscheinungen mehr,

oder die Feen haben aufgehört, die Menschen zu besuchen und an ihren

Schicksalen teilzunehmen. Obgleich er aber also dachte, so war er doch

immer wieder von neuem versucht, an irgend etwas Geheimnisvolles und

Übernatürliches zu glauben, was mit seiner Mutter vorgegangen sein

könnte, und so kam es, daß er beinahe einen ganzen Tag wie ein

Träumender zu Pferde saß und weder an den Gesprächen der Reisenden

teilnahm, noch auf ihren Gesang oder ihr Gelächter achtete.

Said war ein sehr schöner Jüngling; sein Auge war mutig und kühn, sein

Mund voll Anmut, und so jung er war, so hatte er doch in seinem ganzen

Wesen schon eine gewisse Würde, die man in diesem Alter nicht so oft

trifft, und der Anstand, womit er leicht, aber sicher und in vollem

kriegerischem Schmuck zu Pferde saß, zog die Blicke manches der

Reisenden auf sich. Ein alter Mann, der an seiner Seite ritt, fand

Wohlgefallen an ihm und versuchte, durch manche Fragen auch seinen

Geist zu prüfen. Said, welchem Ehrfurcht gegen das Alter eingeprägt

worden war, antwortete bescheiden, aber klug und umsichtig, so daß der

Alte eine große Freude an ihm hatte. Da aber der Geist des jungen

Mannes schon den ganzen Tag nur mit einem Gegenstand beschäftigt war,

so geschah es, daß man bald auf das geheimnisvolle Reich der Feen zu

sprechen kam, und endlich fragte Said den Alten geradezu, ob er glaube,

daß es Feen, gute oder böse Geister geben könne, welche den Menschen

beschützen oder verfolgen.

Der alte Mann strich sich den Bart, neigte seinen Kopf hin und her und

sprach dann: „Leugnen läßt es sich nicht, daß es solche Geschichten

gegeben hat, obgleich ich bis heute weder einen Geisterzwerg, noch

einen Genius als Riesen, weder einen Zauberer, noch eine Fee gesehen

habe.“ Der Alte hub dann an und erzählte dem jungen Mann so viele und

wunderbare Geschichten, daß ihm der Kopf schwindelte und er nicht

anders dachte, als alles, was bei seiner Geburt vorgegangen, die

Änderung des Wetters, der süße Rosen- und Hyazinthenduft, sei von

großer und glücklicher Vorbedeutung, er selbst stehe unter dem

besonderen Schutz einer mächtigen, gütigen Fee, und das Pfeifchen sei

zu nichts Geringerem ihm geschenkt worden, als der Fee im Fall der Not

zu pfeifen. Er träumte die ganze Nacht von Schlössern, Zauberpferden,

Genien und dergleichen und lebte in einem wahren Feenreich.

Doch leider mußte er schon am folgenden Tag die Erfahrung machen, wie

nichtig all seine Träume im Schlafen oder Wachen seien. Die Karawane

war schon den größten Teil des Tages im gemächlichen Schritt

fortgezogen, Said immer an der Seite seines alten Gefährten, als man

dunkle Schatten am fernsten Ende der Wüste bemerkte; die einen hielten

sie für Sandhügel, die anderen für Wolken, wieder andere für eine neue

Karawane; aber der Alte, der schon mehrere Reisen gemacht hatte, rief

mit lauter Stimme, sich vorzusehen; denn es sei eine Horde räuberischer

Araber im Anzug. Die Männer griffen zu den Waffen, die Weiber und die

Waren wurden in die Mitte genommen, und alles war auf einen Angriff

gefaßt. Die dunkle Masse bewegte sich langsam über die Ebene her und

war anzusehen wie eine große Schar Störche, wenn sie in ferne Länder

ausziehen. Nach und nach kamen sie schneller heran, und kaum hatte man

Männer und Lanzen unterschieden, als sie auch schon mit Windeseile

herangekommen waren und auf die Karawane einstürmten.

Die Männer wehrten sich tapfer; aber die Räuber waren über vierhundert

Mann stark, umschwärmten sie von allen Seiten, töteten viele aus der

Ferne her und machten dann einen Angriff mit der Lanze. In diesem

furchtbaren Augenblick fiel Said, der immer unter den Vordersten wacker

gestritten hatte, sein Pfeifchen ein, er zog es schnell hervor, setzte

es an den Mund, blies und—ließ es schmerzlich wieder sinken; denn es

gab auch nicht den leisesten Ton von sich. Wütend über diese grausame

Enttäuschung, zielte er und schoß einen Araber, der sich durch seine

prachtvolle Kleidung auszeichnete, durch die Brust; jener wankte und

fiel vom Pferd.

„Allah! Was habt Ihr gemacht, junger Mensch!“ rief der Alte an seiner

Seite. „Jetzt sind wir alle verloren.“ Und so schien es auch; denn kaum

sahen die Räuber diesen Mann fallen, als sie ein schreckliches Geschrei

erhoben und mit solcher Wut eindrangen, daß die wenigen noch

unverwundeten Männer bald zersprengt wurden. Said sah sich in einem

Augenblick von fünf oder sechs umschwärmt. Er führte seine Lanze so

gewandt, daß keiner sich heranzunahen wagte; endlich hielt einer an,

legte einen Pfeil auf, zielte und wollte eben die Sehne schnellen

lassen, als ihm ein anderer winkte. Der junge Mann machte sich auf

einen neuen Angriff gefaßt; aber ehe er sich dessen versah, hatte ihm

einer der Araber eine Schlinge über den Kopf geworfen, und so sehr er

sich bemühte, das Seil zu zerreißen, so war doch alles umsonst; die

Schlinge wurde fester und immer fester angezogen, und Said war

gefangen.

Die Karawane war endlich entweder ganz aufgerieben oder gefangen

worden, und die Araber, welche nicht zu einem Stamm gehörten, teilten

jetzt die Gefangenen und die übrige Beute und zogen dann, der eine Teil

nach Süden, der andere nach Osten. Neben Said ritten vier Bewaffnete,

welche ihn oft mit bitterem Grimm anschauten und Verwünschungen über

ihn ausstießen; er merkte, daß es ein vornehmer Mann, vielleicht sogar

ein Prinz gewesen sei, welchen er getötet hatte. Die Sklaverei, welcher

er entgegensah, war noch härter als der Tod; darum wünschte er sich im

stillen Glück, den Grimm der ganzen Horde auf sich gezogen zu haben;

denn er glaubte nicht anders, als in ihrem Lager getötet zu werden. Die

Bewaffneten bewachten alle seine Bewegungen, und so oft er sich

umschaute, drohten sie ihm mit ihren Spießen; einmal aber, als das

Pferd des einen strauchelte, wandte er den Kopf schnell um und

erblickte zu seiner Freude den Alten, seinen Reisegefährten, welchen er

unter den Toten geglaubt hatte.

Endlich sah man in der Ferne Bäume und Zelte; als sie näher kamen,

strömte ein ganzer Schwall von Kindern und Weibern entgegen; aber kaum

hatten diese einige Worte mit den Räubern gewechselt, als sie in ein

schreckliches Geheul ausbrachen und alle nach Said hinblickten, die

Arme gegen ihn aufhoben und Verwünschungen ausstießen. „Jener ist es“,

schrien sie, „der den großen Almansor erschlagen hat, den tapfersten

aller Männer; er muß sterben, wir wollen sein Fleisch dem Schakal der

Wüste zur Beute geben.“ Dann drangen sie mit Holzstücken, Erdschollen

und was sie zur Hand hatten so furchtbar auf Said ein, daß sich die

Räuber selbst ins Mittel legen mußten.

„Hinweg, ihr Unmündigen, fort, ihr Weiber!“ riefen sie und trieben die

Menge mit den Lanzen auseinander, „er hat den großen Almansor

erschlagen im Gefecht, und er muß sterben, aber nicht von der Hand

eines Weibes, sondern vom Schwert der Tapferen.“

Als sie unter den Zelten auf einem freien Platz angelangt waren,

machten sie halt; die Gefangenen wurden je zwei und zwei

zusammengebunden, die Beute in die Zelte gebracht, Said aber wurde

einzeln gefesselt und in ein großes Zelt geführt. Dort saß ein alter,

prachtvoll gekleideter Mann, dessen ernste, stolze Miene verkündete,

daß er das Oberhaupt dieser Horde sei. Die Männer, welche Said führten,

traten traurig und mit gesenktem Haupt vor ihn hin. „Das Geheul der

Weiber sagt mir, was geschehen ist“, sprach der majestätische Mann,

indem er die Räuber der Reihe nach anblickte, „eure Mienen bestätigen

es—Almansor ist gefallen.“

„Almansor ist gefallen“, antworteten die Männer, „aber hier, Selim,

Beherrscher der Wüste, ist sein Mörder, und wir bringen ihn, damit du

ihn richtest; welche Todesart soll er sterben? Sollen wir ihn aus der

Ferne mit Pfeilen erschießen, sollen wir ihn durch eine Gasse von

Lanzen jagen, oder willst du, daß er an einem Strick aufgehängt oder

von Pferden zerrissen werde?“

„Wer bist du?“ fragte Selim, düster auf den Gefangenen blickend, der

zum Tod bereit, aber mutig vor ihm stand.

Said beantwortete seine Frage kurz und offen.

„Hast du meinen Sohn meuchlings umgebracht? Hast du ihn von hinten mit

einem Pfeil oder einer Lanze durchbohrt?“

„Nein, Herr!“ entgegnete Said. „Ich habe ihn in offenem Kampf beim

Angriff auf unsere Reihen von vorne getötet, weil er schon acht meiner

Genossen vor meinen Augen erschlagen hatte.“

„Ist es also, wie er sprach?“ fragte Selim die Männer, die ihn gefangen

hatten.

„Ja, Herr, er hat Almansor im offenen Kampfe getötet“, sprach einer von

den Gefragten.

„Dann hat er nicht mehr und nicht minder getan, als wir selbst getan

haben würden“, versetzte Selim, „er hat seinen Feind, der ihm Freiheit

und Leben rauben wollte, bekämpft und erschlagen; drum löset schnell

seine Bande!“

Die Männer sahen ihn staunend an und gingen nur zaudernd und mit

Widerwillen ans Werk. „So soll der Mörder deines Sohnes, des tapferen

Almansor, nicht sterben?“ fragte einer, indem er wütende Blicke auf

Said warf, „hätten wir ihn lieber gleich umgebracht!“

„Er soll nicht sterben!“ rief Selim, „und ich nehme ihn sogar in mein

eigenes Zelt auf, ich nehme ihn als meinen gerechten Anteil an der

Beute, er sei mein Diener!“

Said fand keine Worte, dem Alten zu danken, die Männer aber verließen

murrend das Zelt, und als sie den Weibern und Kindern, die draußen

versammelt waren und auf Saids Hinrichtung warteten, den Entschluß des

alten Selim mitteilten, erhoben sie ein schreckliches Geheul und

Geschrei und riefen, sie würden Almansors Tod an seinem Mörder rächen,

weil sein eigener Vater die Blutrache nicht üben wolle.

Die übrigen Gefangenen wurden an die Horden verteilt; einige entließ

man, um Lösegeld für die reicheren einzutreiben, andere wurden zu den

Herden als Hirten geschickt, und manche, die vorher von zehn Sklaven

sich bedienen ließen, mußten die niedrigsten Dienste in diesem Lager

versehen. Nicht so Said. War es sein mutiges, heldenmäßiges Aussehen

oder der geheimnisvolle Zauber einer gütigen Fee, was den alten Selim

für den Jüngling einnahm? Man wußte es nicht zu sagen, aber Said lebte

in seinem Zelt mehr als Sohn denn als Diener. Aber die unbegreifliche

Zuneigung des alten Mannes zog ihm die Feindschaft der übrigen Diener

zu; er begegnete überall nur feindlichen Blicken, und wenn er allein

durchs Lager ging, so hörte er ringsumher Schimpfworte und

Verwünschungen ausstoßen, ja, einigemal flogen Pfeile an seiner Brust

vorüber, die offenbar ihm gegolten hatten, und daß sie ihn nicht

trafen, schrieb er nur dem geheimnisvollen Pfeifchen zu, das er noch

immer auf der Brust trug und welchem er diesen Schutz zuschrieb. Oft

beklagte er sich bei Selim über diese Angriffe auf sein Leben, aber

vergebens suchte dieser die Meuchelmörder ausfindig zu machen, denn die

ganze Horde schien gegen den begünstigten Fremdling verbunden zu sein.

Da sprach eines Tages Selim zu ihm: „Ich hatte gehofft, du werdest mir

vielleicht den Sohn ersetzen, der durch deine Hand umgekommen ist; an

dir und mir liegt nicht die Schuld, daß es nicht sein konnte; alle sind

gegen dich erbittert, und ich selbst kann dich in Zukunft nicht mehr

schützen; denn was hilft es dir oder mir, wenn sie dich heimlich

getötet haben, den Schuldigen zur Strafe zu ziehen. Darum, wenn die

Männer von ihrem Streifzug heimkehren, werde ich sagen, dein Vater habe

mir Lösegeld geschickt, und ich werde dich durch einige treue Männer

durch die Wüste geleiten lassen.“

„Aber kann ich irgendeinem außer dir trauen?“ fragte Said bestürzt;

„werden sie mich nicht unterwegs töten?“

„Davor schützt dich der Eid, den sie mir schwören müssen, und den noch

keiner gebrochen hat“, erwiderte Selim mit großer Ruhe. Einige Tage

nachher kehrten die Männer ins Lager zurück, und Selim hielt sein

Versprechen. Er schenkte dem Jüngling Waffen, Kleider und ein Pferd,

versammelte die streitbaren Männer, wählte fünf zur Begleitung Saids

aus, ließ sie einen furchtbaren Eid ablegen, daß sie ihn nicht töten

wollten, und entließ ihn dann mit Tränen.

Die fünf Männer ritten finster und schweigend mit Said durch die Wüste;

der Jüngling sah, wie ungern sie den Auftrag erfüllten, und es machte

ihm nicht wenig Besorgnis, daß zwei von ihnen bei jenem Kampf zugegen

waren, wo er Almansor tötete. Als sie etwa acht Stunden zurückgelegt

hatten, hörte Said, daß sie untereinander flüsterten, und bemerkte, daß

ihre Mienen noch düsterer wurden als vorher. Er strengte sich an,

aufzuhorchen, und vernahm, daß sie sich in einer Sprache unterhielten,

die nur von dieser Horde und immer nur bei geheimnisvollen oder

gefährlichen Unternehmungen gesprochen wurde; Selim, der den Plan

gehabt hatte, den jungen Mann auf immer in seinem Zelte zu behalten,

hatte sich manche Stunde damit abgegeben, ihn diese geheimnisvollen

Worte zu lehren; aber es war nichts Erfreuliches, was er jetzt vernahm.

„Hier ist die Stelle“, sprach einer, „hier griffen wir die Karawane an,

und hier fiel der tapferste Mann von der Hand eines Knaben.“

„Der Wind hat die Spuren seines Pferdes verweht“, fuhr ein anderer

fort, „aber ich habe sie nicht vergessen.“

„Und zu unserer Schande soll der noch leben und frei sein, der Hand an

ihn legte? Wann hat man je gehört, daß ein Vater den Tod seines

einzigen Sohnes nicht rächte? Aber Selim wird alt und kindisch.“

„Und wenn es der Vater unterläßt“, sagte ein vierter, „so ist es

Freundes Pflicht, den gefallenen Freund zu rächen. Hier an dieser

Stelle sollten wir ihn niederhauen. So ist es Recht und Brauch seit den

ältesten Zeiten.“

„Aber wir haben dem Alten geschworen“, rief ein fünfter, „wir dürfen

ihn nicht töten, unser Eid darf nicht gebrochen werden.“

„Es ist wahr“, sprachen die anderen, „wir haben geschworen, und der

Mörder darf frei ausgehen aus den Händen seiner Feinde.“

„Halt!“ rief einer, der finsterste unter allen. „Der alte Selim ist ein

kluger Kopf, aber doch nicht so klug, als man glaubt; haben wir ihm

geschworen, diesen Burschen da- oder dorthin zu bringen? Nein, er nahm

uns den Schwur auf sein Leben ab, und dieses wollen wir ihm schenken.

Aber die brennende Sonne und die scharfen Zähne des Schakals werden

unsere Rache übernehmen. Hier an dieser Stelle wollen wir ihn gebunden

liegen lassen.“ So sprach der Räuber; aber schon seit einigen Minuten

hatte sich Said auf das Äußerste gefaßt gemacht, und indem jener noch

die letzten Worte sprach, riß er sein Pferd auf die Seite, trieb es mit

einem tüchtigen Hieb an und flog wie ein Vogel über die Ebene hin. Die

fünf Männer staunten einen Augenblick, aber wohlbewandert in solchen

Verfolgungen, teilten sie sich, jagten rechts und links nach, und weil

sie die Art und Weise, wie man in der Wüste reiten muß, besser kannten,

hatten zwei von ihnen den Flüchtling bald überholt, wandten sich gegen

ihn um, und als er auf die Seite floh, fand er auch dort zwei Gegner

und den fünften in seinem Rücken. Der Eid, ihn nicht zu töten, hielt

sie ab, ihre Waffen zu gebrauchen; sie warfen ihm auch jetzt wieder von

hinten eine Schlinge über den Kopf, zogen ihn vom Pferd, schlugen

unbarmherzig auf ihn los, banden ihn dann an Händen und Füßen und

legten ihn in den glühenden Sand der Wüste.

Said flehte sie um Barmherzigkeit an, er versprach ihnen schreiend ein

großes Lösegeld; aber lachend schwangen sie sich auf und jagten davon.

Noch einige Augenblicke lauschte er auf die leichten Tritte ihrer

Rosse, dann aber gab er sich verloren. Er dachte an seinen Vater, an

den Gram des alten Mannes, wenn sein Sohn nicht mehr heimkehre. Er

dachte an sein eigenes Elend, daß er so frühe sterben müsse; denn

nichts war ihm gewisser, als daß er in dem heißen Sand den martervollen

Tod des Verschmachtens sterben müsse oder daß er von einem Schakal

zerrissen werde. Die Sonne stieg immer höher und brannte glühend auf

seiner Stirne. Mit unendlicher Mühe gelang es ihm endlich, sich

aufzuwälzen; aber es gab ihm wenig Erleichterung. Das Pfeifchen an der

Kette war durch diese Anstrengung aus seinem Kleid gefallen. Er mühte

sich so lange, bis er es mit dem Mund fassen konnte; endlich berührten

es seine Lippen, er versuchte zu blasen, aber auch in dieser

schrecklichen Not versagte es den Dienst. Verzweiflungsvoll ließ er den

Kopf zurücksinken, und endlich beraubte ihn die stechende Sonne der

Sinne; er fiel in eine tiefe Betäubung.

Nach vielen Stunden erwachte Said von einem Geräusch in seiner Nähe; er

fühlte zugleich, daß seine Schulter gepackt wurde, und er stieß einen

Schrei des Entsetzens aus, denn er glaubte nichts anderes, als ein

Schakal sei herangekommen, ihn zu zerreißen. Jetzt wurde er auch an den

Beinen angefaßt, aber er fühlte, daß es nicht die Krallen eines

Raubtieres seien, die ihn umfaßten, sondern die Hände eines Mannes, der

sich sorgsam mit ihm beschäftigte und mit zwei oder drei anderen

sprach. „Er lebt“, flüsterten sie, „aber er hält uns für Feinde.“

Endlich schlug Said die Augen auf und erblickte über sich das Gesicht

eines kleinen, dicken Mannes mit kleinen Augen und langem Bart. Dieser

sprach ihm freundlich zu, half ihm sich aufrichten, reichte ihm Speise

und Trank und erzählte ihm, während er sich stärkte, er sei ein

Kaufmann aus Bagdad, heiße Kalum-Beck und handle mit Schals und feinen

Schleiern für die Frauen. Er habe eine Handelsreise gemacht, sei jetzt

auf der Rückkehr nach Hause begriffen und habe ihn elend und halb im

Sand liegen sehen. Sein prachtvoller Anzug und die blitzenden Steine

seines Dolches hätten ihn aufmerksam gemacht; er habe alles angewandt,

ihn zu beleben, und es sei ihm also gelungen. Der Jüngling dankte ihm

für sein Leben, denn er sah wohl ein, daß er ohne die Dazwischenkunft

dieses Mannes elend hätte sterben müssen; und da er weder Mittel hatte,

sich selbst fortzuhelfen, noch willens war, zu Fuß und allein durch die

Wüste zu wandern, so nahm er dankbar einen Sitz auf einem der schwer

beladenen Kamele des Kaufmanns an und beschloß fürs erste, mit nach

Bagdad zu ziehen, vielleicht könnte er dort sich an eine Gesellschaft,

die nach Balsora reisete, anschließen.

Unterwegs erzählte der Kaufmann seinem Reisegefährten manches von dem

trefflichen Beherrscher der Gläubigen, Harun Al-Raschid. Er erzählte

ihm von seiner Gerechtigkeitsliebe und seinem Scharfsinn, wie er die

wunderbarsten Prozesse auf einfache und bewundernswürdige Weise zu

schlichten wisse; unter anderem führte er die Geschichte von dem

Seiler, die Geschichte von dem Topf mit Oliven an, Geschichten, die

jedes Kind weiß, die aber Said sehr bewunderte. „Unser Herr, der

Beherrscher der Gläubigen“, fuhr der Kaufmann fort, „unser Herr ist ein

wunderbarer Mann. Wenn Ihr meinet, er schlafe, wie andere gemeine

Leute, so täuschet Ihr Euch sehr. Zwei, drei Stunden in der

Morgendämmerung ist alles. Ich muß das wissen, denn Messour, sein

erster Kämmerer, ist mein Vetter, und obgleich er so verschwiegen ist

wie das Grab, was die Geheimnisse seines Herrn anbelangt, so läßt er

doch, der guten Verwandtschaft zulieb, hin und wieder einen Wink

fallen, wenn er sieht, daß einer aus Neugierde beinahe vom Verstand

kommen könnte. Statt nun wie andere Menschen zu schlafen, schleicht der

Kalif nachts durch die Straßen von Bagdad, und selten verstreicht eine

Woche, worin er nicht ein Abenteuer aufstößt; denn Ihr müßt wissen, wie

ja auch aus der Geschichte mit dem Oliventopf erhellt, die so wahr ist

als das Wort des Propheten, daß er nicht mit der Wache und zu Pferd, in

vollem Putz und mit hundert Fackelträgern seine Runde macht, wie er

wohl tun könnte, wenn er wollte, sondern angezogen bald als Kaufmann,

bald als Schiffer, bald als Soldat, bald als Mufti geht er umher und

schaut, ob alles recht und in Ordnung sei.

Daher kommt es aber auch, daß man in keiner Stadt nachts so höflich

gegen jeden Narren ist, auf den man stößt, wie in Bagdad; denn es

könnte ebensogut der Kalif wie ein schmutziger Araber aus der Wüste

sein, und es wächst Holz genug, um allen Menschen in und um Bagdad die

Bastonade zu geben.“

So sprach der Kaufmann, und Said, so sehr ihn hin und wieder die

Sehnsucht nach seinem Vater quälte, freute sich doch, Bagdad und den

berühmten Harun Al-Raschid zu sehen.

Nach zehn Tagen kamen sie in Bagdad an, und Said staunte und bewunderte

die Herrlichkeit dieser Stadt, die damals gerade in ihrem höchsten

Glanz war. Der Kaufmann lud ihn ein, mit in sein Haus zu kommen, und

Said nahm es gerne an; denn jetzt erst unter dem Gewühl der Menschen

fiel es ihm ein, daß hier wahrscheinlich außer der Luft und dem Wasser

des Tigris und einem Nachtlager auf den Stufen einer Moschee nichts

umsonst zu haben sein werde.

Den Tag nach seiner Ankunft, als er sich eben angekleidet hatte und

sich gestand, daß er in diesem prachtvollen kriegerischen Aufzug sich

in Bagdad wohl sehen lassen könne und vielleicht manchen Blick auf sich

ziehe, trat der Kaufmann in sein Zimmer. Er betrachtete den schönen

Jüngling mit schelmischem Lächeln, strich sich den Bart und sprach

dann: „Das ist alles recht schön, junger Herr! Aber was soll denn nun

aus Euch werden? Ihr seid, kommt es mir vor, ein großer Träumer und

denket nicht an den folgenden Tag; oder habt Ihr so viel Geld bei Euch,

um dem Kleid gemäß zu leben, das Ihr traget?“

„Lieber Herr Kalum-Beck“, sprach der Jüngling verlegen und errötend,

„Geld habe ich freilich nicht, aber vielleicht strecket Ihr mir etwas

vor, womit ich heimreisen kann; mein Vater wird es gewiß richtig

erstatten.“

Märchen-Almanach auf das Jahr 1828 · 第 5 / 13 段