Peter kratzte sich hinter den Ohren und sprach nach einigem Zögern:

„Nun, so wünsche ich mir die schönste und reichste Glashütte im ganzen

Schwarzwald mit allem Zubehör und Geld, sie zu leiten.“

„Sonst nichts?“ fragte der Kleine mit besorglicher Miene. „Peter, sonst

nichts?“

„Nun—Ihr könnet noch ein Pferd dazutun und ein Wägelchen—“

„Oh, du dummer Kohlenmunk-Peter!“ rief der Kleine und warf seine

gläserne Pfeife im Unmut an eine dicke Tanne, daß sie in hundert Stücke

sprang. „Pferde? Wägelchen? Verstand, sag’ ich dir, Verstand, gesunden

Menschenverstand und Einsicht hättest du wünschen sollen, aber nicht

Pferdchen und Wägelchen. Nun, werde nur nicht so traurig, wir wollen

sehen, daß es auch so nicht zu deinem Schaden ist; denn der zweite

Wunsch war im ganzen nicht töricht. Eine gute Glashütte nährt auch

ihren Mann und Meister; nur hättest du Einsicht und Verstand dazu

mitnehmen können, Wagen und Pferde wären dann wohl von selbst

gekommen.“

„Aber, Herr Schatzhauser“, erwiderte Peter, „ich habe ja noch einen

Wunsch übrig; da könnte ich ja Verstand wünschen, wenn er mir so nötig

ist, wie Ihr meinet.“

„Nichts da; du wirst noch in manche Verlegenheit kommen, wo du froh

sein wirst, wenn du noch _einen_ Wunsch frei hast; und nun mache dich

auf den Weg nach Hause. Hier sind“, sprach der kleine Tannengeist,

indem er ein kleines Beutelein aus der Tasche zog, „hier sind

zweitausend Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um Geld

zu fordern, denn dann müßte ich dich an die höchste Tanne aufhängen! So

hab’ ich’s gehalten, seit ich in dem Wald wohne. Vor drei Tagen aber

ist der alte Winkfritz gestorben, der die große Glashütte gehabt hat im

Unterwald. Dorthin gehe morgen frühe und mach ein Bot auf das Gewerbe,

wie es recht ist! Halt dich wohl, sei fleißig, und ich will dich

zuweilen besuchen und dir mit Rat und Tat an die Hand gehen, weil du

dir doch keinen Verstand erbeten. Aber, das sag’ ich dir ernstlich,

dein erster Wunsch war böse. Nimm dich in acht vor dem Wirtshauslaufen,

Peter! ’s hat noch bei keinem lange gut getan.“ Das Männlein hatte,

während es dies sprach, eine neue Pfeife vom schönsten Beinglas

hervorgezogen, sie mit gedörrten Tannenzapfen gestopft und in den

kleinen, zahnlosen Mund gesteckt. Dann zog es ein ungeheures Brennglas

hervor, trat in die Sonne und zündete seine Pfeife an. Als er damit

fertig war, bot er dem Peter freundlich die Hand, gab ihm noch ein paar

gute Lehren auf den Weg, rauchte und blies immer schneller und

verschwand endlich in einer Rauchwolke, die nach echtem holländischem

Tabak roch und, langsam sich kräuselnd, in den Tannenwipfeln

vorschwebte.

Als Peter nach Hause kam, fand er seine Mutter sehr in Sorgen um ihn;

denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn sei zum Soldaten

ausgehoben worden. Er aber war fröhlich und guter Dinge und erzählte

ihr, wie er im Walde einen guten Freund getroffen, der ihm Geld

vorgeschossen habe, um ein anderes Geschäft als Kohlenbrennen

anzufangen. Obgleich seine Mutter schon seit dreißig Jahren in der

Köhlerhütte wohnte und an den Anblick berußter Leute so gewöhnt war als

jede Müllerin an das Mehlgesicht ihres Mannes, so war sie doch eitel

genug, sobald ihr Peter ein glänzenderes Los zeigte, ihren früheren

Stand zu verachten und sprach: „Ja, als Mutter eines Mannes, der eine

Glashütte besitzt, bin ich doch was anderes als Nachbarin Grete und

Bete und setze mich in Zukunft vornehin in der Kirche, wo rechte Leute

sitzen.“

Ihr Sohn aber wurde mit den Erben der Glashütte bald handelseinig; er

behielt die Arbeiter, die er vorfand, bei sich und ließ nun Tag und

Nacht Glas machen. Anfangs gefiel ihm das Handwerk wohl; er pflegte

gemächlich in die Glashütte hinabzusteigen, ging dort mit vornehmen

Schritten, die Hände in die Taschen gesteckt, hin und her, guckte

dahin, guckte dorthin, sprach dies und jenes, worüber seine Arbeiter

oft nicht wenig lachten, und seine größte Freude war, das Glas blasen

zu sehen, und oft machte er sich selbst an die Arbeit und formte aus

der noch weichen Masse die sonderbarsten Figuren. Bald aber war ihm die

Arbeit entleidet, und er kam zuerst nur noch eine Stunde des Tages in

die Hütte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur einmal, und

seine Gesellen machten, was sie wollten.

Das alles kam aber nur vom Wirtshauslaufen. Den Sonntag, nachdem er vom

Tannenbühl zurückgekommen war, ging er ins Wirtshaus, und wer schon auf

dem Tanzboden sprang, war der Tanzbodenkönig, und der dicke Ezechiel

saß auch schon hinter der Maßkanne und knöchelte um Kronentaler. Da

fuhr Peter schnell in die Tasche, zu sehen, ob ihm das Glasmännlein

Wort gehalten, und siehe, seine Tasche strotzte von Silber und Gold.

Auch in seinen Beinen zuckte und drückte es, wie wenn sie tanzen und

springen wollten, und als der erste Tanz zu Ende war, stellte er sich

mit seiner Tänzerin oben an neben den Tanzbodenkönig, und sprang dieser

drei Schuh hoch, so flog Peter vier, und machte dieser wunderliche und

zierliche Schritte, so verschlang und drehte Peter seine Füße, daß alle

Zuschauer vor Lust und Verwunderung beinahe außer sich kamen. Als man

aber auf dem Tanzboden vernahm, daß Peter eine Glashütte gekauft habe,

als man sah, daß er, so oft er an den Musikanten vorbeitanzte, ihnen

einen Sechsbätzner zuwarf, da war des Staunens kein Ende. Die einen

glaubten, er habe einen Schatz im Walde gefunden, die anderen meinten,

er habe eine Erbschaft getan, aber alle verehrten ihn jetzt und hielten

ihn für einen gemachten Mann, nur weil er Geld hatte. Verspielte er

doch noch an demselben Abend zwanzig Gulden, und nichtsdestominder

rasselte und klang es in seiner Tasche, wie wenn noch hundert Taler

darin wären.

Als Peter sah, wie angesehen er war, wußte er sich vor Freude und Stolz

nicht zu fassen. Er warf das Geld mit vollen Händen weg und teilte es

den Armen reichlich mit, wußte er doch, wie ihn selbst einst die Armut

gedrückt hatte. Des Tanzbodenkönigs Künste wurden vor den

übernatürlichen Künsten des neuen Tänzers zuschanden, und Peter führte

jetzt den Namen Tanz-Kaiser. Die unternehmendsten Spieler am Sonntag

wagten nicht so viel wie er, aber sie verloren auch nicht so viel. Und

je mehr er verlor, desto mehr gewann er. Das verhielt sich aber ganz

so, wie er es vom kleinen Glasmännlein verlangt hatte. Er hatte sich

gewünscht, immer so viel Geld in der Tasche zu haben, wie der dicke

Ezechiel. Und gerade dieser war es, an welchen er sein Geld verspielte.

Und wenn er zwanzig, dreißig Gulden auf einmal verlor, so hatte er sie

alsbald wieder in der Tasche, wenn sie Ezechiel einstrich. Nach und

nach brachte er es aber im Schlemmen und Spielen weiter als die

schlechtesten Gesellen im Schwarzwald, und man nannte ihn öfter

Spielpeter als Tanzkaiser; denn er spielte jetzt auch beinahe an allen

Werktagen. Darüber kam aber seine Glashütte nach und nach in Verfall,

und daran war Peters Unverstand schuld. Glas ließ er machen, so viel

man immer machen konnte; aber er hatte mit der Hütte nicht zugleich das

Geheimnis gekauft, wohin man es am besten verschleißen könne. Er wußte

am Ende mit der Menge Glas nichts anzufangen und verkaufte es um den

halben Preis an herumziehende Händler, nur um seine Arbeiter bezahlen

zu können.

Eines Abends ging er auch wieder vom Wirtshaus heim und dachte trotz

des vielen Weines, den er getrunken, um sich fröhlich zu machen, mit

Schrecken und Gram an den Verfall seines Vermögens. Da bemerkte er auf

einmal, daß jemand neben ihm gehe; er sah sich um, und siehe da—es war

das Glasmännlein. Da geriet er in Zorn und Eifer, vermaß sich hoch und

teuer und schwur, der Kleine sei an all seinem Unglück schuld. „Was tu’

ich nun mit Pferd und Wägelchen?“ rief er. „Was nutzt mir die Hütte und

all mein Glas? Selbst als ich noch ein elender Köhlersbursch war, lebte

ich froher und hatte keine Sorgen. Jetzt weiß ich nicht, wann der

Amtmann kommt und meine Habe schätzt und versteigert, der Schulden

wegen!“

„So?“ entgegnete das Glasmännlein. „So? Ich also soll schuld daran

sein, wenn du unglücklich bist? Ist dies der Dank für meine Wohltaten?

Wer hieß dich so töricht wünschen? Ein Glasmann wolltest du sein und

wußtest nicht, wohin dein Glas verkaufen? Sagte ich dir nicht, du

solltest behutsam wünschen? Verstand, Peter, Klugheit hat dir gefehlt.“

„Was, Verstand und Klugheit!“ rief jener. „Ich bin ein so kluger

Bursche als irgendeiner und will es dir zeigen, Glasmännlein“, und bei

diesen Worten faßte er das Männlein unsanft am Kragen und schrie: „Hab’

ich dich jetzt, Schatzhauser im grünen Tannenwald? Und den dritten

Wunsch will ich jetzt tun, den sollst du mir gewähren. Und so will ich

hier auf der Stelle zweimalhunderttausend harte Taler und ein Haus und

o weh!“ schrie er und schüttelte die Hand; denn das Waldmännlein hatte

sich in glühendes Glas verwandelt und brannte in seiner Hand wie

sprühendes Feuer. Aber von dem Männlein war nichts mehr zu sehen.

Mehrere Tage lang erinnerte ihn seine geschwollene Hand an seine

Undankbarkeit und Torheit. Dann aber übertäubte er sein Gewissen und

sprach: „Und wenn sie mir die Glashütte und alles verkaufen, so bleibt

mir doch immer der dicke Ezechiel. So lange der Geld hat am Sonntag,

kann es mir nicht fehlen.“

Ja, Peter! Aber wenn er keines hat?—Und so geschah es eines Tages und

war ein wunderliches Rechenexempel. Denn eines Sonntags kam er

angefahren ans Wirtshaus, und die Leute streckten die Köpfe durch die

Fenster, und der eine sagte, da kommt der Spielpeter, und der andere,

ja, der Tanzkaiser, der reiche Glasmann, und ein dritter schüttelte den

Kopf und sprach: „Mit dem Reichtum kann man es machen, man sagt

allerlei von seinen Schulden, und in der Stadt hat einer gesagt, der

Amtmann werde nicht mehr lange säumen zum Auspfänden.“

Indessen grüßte der reiche Peter die Gäste am Fenster vornehm und

gravitätisch, stieg vom Wagen und schrie: „Sonnenwirt, guten Abend, ist

der dicke Ezechiel schon da?“

Und eine tiefe Stimme rief: „Nur herein, Peter! Dein Platz ist dir

aufbehalten, wir sind schon da und bei den Karten.“ So trat Peter Munk

in die Wirtsstube, fuhr gleich in die Tasche und merkte, daß Ezechiel

gut versehen sein müsse; denn seine Tasche war bis oben angefüllt. Er

setzte sich hinter den Tisch zu den anderen und gewann und verlor hin

und her, und so spielten sie, bis andere ehrliche Leute nach Hause

gingen, und spielten bei Licht, bis zwei andere Spieler sagten: „Jetzt

ist’s genug, und wir müssen heim zu Frau und Kind.“

Aber Spielpeter forderte den dicken Ezechiel auf zu bleiben. Dieser

wollte lange nicht, endlich aber rief er: „Gut, jetzt will ich mein

Geld zählen, und dann wollen wir knöchern, den Satz um fünf Gulden;

denn niederer ist es doch nur Kinderspiel.“ Er zog den Beutel und

zählte und fand hundert Gulden bar, und Spielpeter wußte nun, wieviel

er selbst habe, und brauchte es nicht erst zu zählen. Aber hatte

Ezechiel vorher gewonnen, so verlor er jetzt Satz für Satz und fluchte

greulich dabei. Warf er einen Pasch, gleich warf Spielpeter auch einen

und immer zwei Augen höher. Da setzte er endlich die letzten fünf

Gulden auf den Tisch und rief: „Noch einmal, und wenn ich auch den noch

verliere, so höre ich doch nicht auf; dann leihst du mir von deinem

Gewinn, Peter! Ein ehrlicher Kerl hilft dem anderen.“

„Soviel du willst, und wenn es hundert Gulden sein sollten“, sprach der

Tanzkaiser, fröhlich über seinen Gewinn, und der dicke Ezechiel

schüttelte die Würfel und warf fünfzehn.

„Pasch!“ rief er, „jetzt wollen wir sehen!“

Peter aber warf achtzehn, und eine heisere bekannte Stimme hinter ihm

sprach: „So, das war der letzte.“

Er sah sich um, und riesengroß stand der Holländer-Michel hinter ihm.

Erschrocken ließ er das Geld fallen, das er schon eingezogen hatte.

Aber der dicke Ezechiel sah den Waldmann nicht, sondern verlangte, der

Spielpeter sollte ihm zehn Gulden vorstrecken zum Spiel; halb im Traum

fuhr dieser mit der Hand in die Tasche, aber da war kein Geld, er

suchte in der anderen Tasche, aber auch da fand sich nichts, er kehrte

den Rock um, aber es fiel kein roter Heller heraus, und jetzt erst

gedachte er seines eigenen ersten Wunsches, immer soviel Geld zu haben

als der dicke Ezechiel. Wie Rauch war alles verschwunden.

Der Wirt und Ezechiel sahen ihn staunend an, als er immer suchte und

sein Geld nicht finden konnte, sie wollten ihm nicht glauben, daß er

keines mehr habe, aber als sie endlich selbst in seinen Taschen

suchten, wurden sie zornig und schwuren, der Spielpeter sei ein böser

Zauberer und habe all das gewonnene Geld und sein eigenes nach Hause

gewünscht. Peter verteidigte sich standhaft; aber der Schein war gegen

ihn. Ezechiel sagte, er wolle die schreckliche Geschichte allen Leuten

im Schwarzwald erzählen, und der Wirt versprach ihm, morgen mit dem

frühesten in die Stadt zu gehen und Peter Munk als Zauberer anzuklagen,

und er wolle es erleben, setzte er hinzu, daß man ihn verbrenne. Dann

fielen sie wütend über ihn her, rissen ihm das Wams vom Leib und warfen

ihn zur Tür hinaus.

Kein Stern schien am Himmel, als Peter trübselig seiner Wohnung

zuschlich; aber dennoch konnte er eine dunkle Gestalt erkennen, die

neben ihm herschritt und endlich sprach: „Mit dir ist’s aus, Peter

Munk, all deine Herrlichkeit ist zu Ende, und das hätt’ ich dir schon

damals sagen können, als du nichts von mir hören wolltest und zu dem

dummen Glaszwerg liefst. Da siehst du jetzt, was man davon hat, wenn

man meinen Rat verachtet. Aber versuch es einmal mit mir, ich habe

Mitleiden mit deinem Schicksal. Noch keinen hat es gereut, der sich an

mich wandte, und wenn du den Weg nicht scheust, morgen den ganzen Tag

bin ich am Tannenbühl zu sprechen, wenn du mich rufst.“ Peter merkte

wohl, wer so zu ihm spreche; aber es kam ihn ein Grauen an. Er

antwortete nichts, sondern lief seinem Haus zu.

Bei diesen Worten wurde der Erzähler durch ein Geräusch vor der Schenke

unterbrochen. Man hörte einen Wagen anfahren, mehrere Stimmen riefen

nach Licht, es wurde heftig an das Hoftor gepocht, und dazwischen

heulten mehrere Hunde. Die Kammer, die man dem Fuhrmann und den

Handwerksburschen angewiesen hatte, ging nach der Straße hinaus; die

vier Gäste sprangen auf und liefen dorthin, um zu sehen, was

vorgefallen sei. Soviel sie bei dem Schein einer Laterne sehen konnten,

stand ein großer Reisewagen vor der Schenke; soeben war ein großer Mann

beschäftigt, zwei verschleierte Frauen aus dem Wagen zu heben, und

einen Kutscher in Livree sah man die Pferde abspannen, ein Bediensteter

aber schnallte den Koffer los. „Diesen sei Gott gnädig“, seufzte der

Fuhrmann. „Wenn diese mit heiler Haut aus der Schenke kommen, so ist

mir für meinen Karren auch nicht mehr bange.“

„Stille!“ flüsterte der Student. „Mir ahnet, daß man eigentlich nicht

uns, sondern dieser Dame auflauert; wahrscheinlich waren sie unten

schon von ihrer Reise unterrichtet. Wenn man sie nur warnen könnte!

Doch halt! Es ist im ganzen Wirtshaus kein anständiges Zimmer für die

Damen als das neben dem meinigen. Dorthin wird man sie führen. Bleibet

ihr ruhig in dieser Kammer; ich will die Bediensteten zu unterrichten

suchen.“

Der junge Mann schlich sich auf sein Zimmer, löschte die Kerzen aus und

ließ nur das Licht brennen, das ihm die Wirtin gegeben. Dann lauschte

er an der Türe.

Bald kam die Wirtin mit den Damen die Treppe herauf und führte sie mit

freundlichen, sanften Worten in das Zimmer nebenan. Sie redete ihren

Gästen zu, sich bald niederzulegen, weil sie von der Reise erschöpft

sein würden; dann ging sie wieder hinab. Bald darauf hörte der Student

schwere männliche Tritte die Treppe heraufkommen. Er öffnete behutsam

die Türe und erblickte durch eine kleine Spalte den großen Mann,

welcher die Damen aus dem Wagen gehoben. Er trug ein Jagdkleid und

hatte einen Hirschfänger an der Seite und war wohl der

Reisestallmeister oder Begleiter der fremden Damen. Als der Student

merkte, daß dieser allein heraufgekommen war, öffnete er schnell die

Tür und winkte dem Mann, zu ihm einzutreten. Verwundert trat dieser

näher, und ehe er noch fragen konnte, was man von ihm wolle, flüsterte

ihm jener zu: „Mein Herr! Sie sind heute nacht in eine Räuberschenke

geraten.“

Der Mann erschrak; der Student zog ihn aber vollends in seine Türe und

erzählte ihm, wie verdächtig es in diesem Hause aussehe.

Der Jäger wurde sehr besorgt, als er dies hörte; er belehrte den jungen

Mann, daß die Damen, eine Gräfin und ihre Kammerfrau, anfänglich die

ganze Nacht durch haben fahren wollen; aber etwa eine halbe Stunde von

dieser Schenke sei ihnen ein Reiter begegnet, der sie angerufen und

gefragt habe, wohin sie reisen wollten. Als er vernommen, daß sie

gesonnen seien, die ganze Nacht durch den Spessart zu reisen, habe er

ihnen abgeraten, indem es gegenwärtig sehr unsicher sei. „Wenn Ihnen am

Rat eines redlichen Mannes etwas liegt“, habe er hinzugesetzt, „so

stehen Sie ab von diesem Gedanken; es liegt nicht weit von hier eine

Schenke; so schlecht und unbequem sie sein mag, so übernachten Sie

lieber daselbst, als daß Sie sich in dieser dunklen Nacht unnötig der

Gefahr preisgeben.“ Der Mann, der ihnen dies geraten, habe sehr ehrlich

und rechtlich ausgesehen, und die Gräfin habe in der Angst vor einem

Räuberanfall befohlen, an dieser Schenke stille zu halten.

Der Jäger hielt es für seine Pflicht, die Damen von der Gefahr, worin

sie schwebten, zu unterrichten. Er ging in das andere Zimmer, und bald

darauf öffnete er die Türe, welche von dem Zimmer der Gräfin in das des

Studenten führte. Die Gräfin, eine Dame von etwa vierzig Jahren, trat,

vor Schrecken bleich, zu dem Studenten heraus und ließ sich alles noch

einmal von ihm wiederholen. Dann beriet man sich, was in dieser

mißlichen Lage zu tun sei, und beschloß, so behutsam als möglich die

zwei Bediensteten, den Fuhrmann und die Handwerksburschen

herbeizuholen, um im Fall eines Angriffs wenigstens gemeinsame Sache

machen zu können.

Als dieses bald darauf geschehen war, wurde das Zimmer der Gräfin gegen

den Hausflur hin verschlossen und mit Kommoden und Stühlen verrammelt.

Sie setzte sich mit ihrer Kammerfrau aufs Bette, und die zwei

Bediensteten hielten bei ihr Wache. Die früheren Gäste aber und der

Jäger setzten sich im Zimmer des Studenten um den Tisch und

beschlossen, die Gefahr zu erwarten. Es mochte jetzt etwa zehn Uhr

sein, im Hause war alles ruhig und still, und noch machte man keine

Miene, die Gäste zu stören. Da sprach der Zirkelschmied: „Um wach zu

bleiben, wäre es wohl das beste, wir machten es wieder wie zuvor; wir

erzählten nämlich, was wir von allerlei Geschichten wissen, und wenn

der Herr Jäger nichts dagegen hat, so könnten wir weiter fortfahren.“

Der Jäger aber hatte nicht nur nichts dagegen einzuwenden, sondern um

seine Bereitwilligkeit zu zeigen, versprach er, selbst etwas zu

erzählen. Er hub an:

Saids Schicksale

Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein Mann

in Balsora, mit Namen Benazar. Er hatte gerade so viel Vermögen, um für

sich bequem und ruhig leben zu können, ohne ein Geschäft oder einen

Handel zu treiben. Auch als ihm ein Sohn geboren wurde, ging er von

dieser Weise nicht ab; „warum soll ich in meinem Alter noch schachern

und handeln“, sprach er zu seinen Nachbarn, „um vielleicht Said, meinem

Sohn, tausend Goldstücke mehr hinterlassen zu können, wenn es gut geht,

und geht es schlecht, tausend weniger? Wo zwei speisen, wird auch ein

dritter satt, sagt das Sprichwort, und wenn er nur sonst ein guter

Junge wird, soll es ihm an nichts fehlen.“ So sprach Benazar und hielt

Wort; denn er ließ auch seinen Sohn nicht zum Handel oder einem Gewerbe

erziehen, doch unterließ er nicht, die Bücher der Weisheit mit ihm zu

lesen, und da nach seiner Ansicht einen jungen Mann außer Gelehrsamkeit

und Ehrfurcht vor dem Alter nichts mehr zierte als ein gewandter Arm

und Mut, so ließ er ihn frühe in den Waffen unterweisen, und Said galt

bald unter seinen Altersgenossen, ja selbst unter älteren Jünglingen,

für einen gewaltigen Kämpfer, und im Reiten und Schwimmen tat es ihm

keiner zuvor.

Als er achtzehn Jahre alt war, schickte ihn sein Vater nach Mekka zum

Grab des Propheten, um an Ort und Stelle sein Gebet und seine

religiösen Übungen zu verrichten, wie es Sitte und Gebot erfordern. Ehe

er abreiste, ließ ihn sein Vater noch einmal vor sich kommen, lobte

seine Aufführung, gab ihm gute Lehren, versah ihn mit Geld und sprach

dann: „Noch etwas, mein Sohn Said! Ich bin ein Mann, der über die

Vorurteile des Pöbels erhaben ist. Ich höre zwar gerne Geschichten von

Feen und Zauberern erzählen, weil mir die Zeit dabei angenehm vergeht,

doch bin ich weit entfernt, daran zu glauben, wie so viele unwissende

Menschen tun, daß diese Genien, oder wer sie sonst sein mögen, Einfluß

auf das Leben und Treiben der Menschen haben. Deine Mutter aber, sie

ist jetzt zwölf Jahre tot, deine Mutter glaubte so fest daran als an

den Koran; ja, sie hat mir in einer einsamen Stunde, nachdem ich ihr

geschworen, es niemand als ihrem Kinde zu entdecken, vertraut, daß sie

selbst von ihrer Geburt an mit einer Fee in Berührung gestanden habe.

Ich habe sie deswegen ausgelacht, und doch muß ich gestehen, Said, daß

bei deiner Geburt einige Dinge vorfielen, die mich selbst in Erstaunen

setzten. Es hatte den ganzen Tag geregnet und gedonnert, und der Himmel

war so schwarz, daß man nichts lesen konnte ohne Licht. Aber um vier

Uhr nachmittags sagte man mir an, es sei mir ein Knäblein geboren. Ich

eilte nach den Gemächern deiner Mutter, um meinen Erstgeborenen zu

sehen und zu segnen; aber alle ihre Zofen standen vor der Türe, und auf

meine Fragen antworteten sie, daß jetzt niemand in das Zimmer treten

dürfe; Zemira, deine Mutter, habe alle hinausgehen heißen, weil sie

allein sein wolle. Ich pochte an die Türe, aber umsonst; sie blieb

verschlossen.

Während ich so halb unwillig unter den Zofen vor der Türe stand, klärte

sich der Himmel so plötzlich auf, wie ich es nie gesehen hatte, und das

Wunderbarste war, daß nur über unserer lieben Stadt Balsora eine reine

blaue Himmelswölbung erschien; ringsum aber lagen die Wolken schwarz

aufgerollt, und Blitze zuckten und schlängelten sich in diesem Umkreis.

Während ich noch dieses Schauspiel neugierig betrachtete, flog die Türe

meiner Gattin auf; ich aber ließ die Mägde noch außen harren und trat

allein in das Gemach, deine Mutter zu fragen, warum sie sich

eingeschlossen habe. Als ich eintrat, quoll mir ein so betäubender

Geruch von Rosen, Nelken und Hyazinthen entgegen, daß ich beinahe

verwirrt wurde. Deine Mutter brachte mir dich dar und deutete zugleich

auf ein silbernes Pfeifchen, das du um den Hals an einer goldenen

Kette, so fein wie Seide, trugst: „Die gütige Frau, von welcher ich dir

einst erzählte, ist dagewesen“, sprach deine Mutter, „sie hat deinem

Knaben dieses Angebinde gegeben. „—„Das war also die Hexe, die das

Wetter schön machte und diesen Rosen- und Nelkenduft hinterließ?“

sprach ich lachend und ungläubig. „Aber sie hätte etwas Besseres

bescheren können als dieses Pfeifchen, etwa einen Beutel voll Gold, ein

Pferd oder dergleichen!“ Deine Mutter beschwor mich, nicht zu spotten,

weil die Feen, leicht erzürnt, ihren Segen in Unsegen verwandeln.

Märchen-Almanach auf das Jahr 1828 · 第 4 / 13 段