Bist schon viel hundert Jahre alt,
Dir gehört all Land, wo Tannen stehn—“
Indem er diese Worte sprach, sah er zu seinem großen Schrekken eine
ganz kleine, sonderbare Gestalt hinter der dicken Tanne hervorschauen;
es war ihm, als habe er das Glasmännlein gesehen, wie man es
beschrieben, das schwarze Wämschen, die roten Strümpfchen, das Hütchen,
alles war so, selbst das blasse, aber feine und kluge Gesichtchen,
wovon man erzählte, glaubte er gesehen zu haben. Aber ach, so schnell
es hervorgeschaut hatte, das Glasmännlein, so schnell war es auch
wieder verschwunden! „Herr Glasmann“, rief nach einigem Zögern Peter
Munk, „seid so gütig und haltet mich nicht zum Narren.—Herr Glasmann,
wenn Ihr meint, ich habe Euch nicht gesehen, so täuschet Ihr Euch sehr,
ich sah Euch wohl hinter dem Baum hervorgucken.“ Immer keine Antwort,
nur zuweilen glaubte er ein leises, heiseres Kichern hinter dem Baum zu
vernehmen. Endlich überwand seine Ungeduld die Furcht, die ihn bis
jetzt noch abgehalten hatte. „Warte, du kleiner Bursche“, rief er,
„dich will ich bald haben!“, sprang mit einem Satz hinter die Tanne,
aber da war kein Schatzhauser im grünen Tannenwald, und nur ein
kleines, zierliches Eichhörnchen jagte an dem Baum hinauf.
Peter Munk schüttelte den Kopf; er sah ein, daß er die Beschwörung bis
auf einen gewissen Grad gebracht habe und daß ihm vielleicht nur noch
ein Reim zu dem Sprüchlein fehle, so könne er das Glasmännlein
hervorlocken; aber er sann hin, er sann her, und fand nichts. Das
Eichhörnchen zeigte sich an den untersten Ästen der Tanne und schien
ihn aufzumuntern oder zu verspotten. Es putze sich, es rollte den
schönen Schweif, es schaute ihn mit klugen Augen an, aber endlich
fürchtete er sich doch beinahe, mit diesem Tier allein zu sein; denn
bald schien das Eichhörnchen einen Menschenkopf zu haben und einen
dreispitzigen Hut zu tragen, bald war es ganz wie ein anderes
Eichhörnchen und hatte nur an den Hinterfüßen rote Strümpfe und
schwarze Schuhe. Kurz, es war ein lustiges Tier; aber dennoch graute
Kohlenpeter; denn er meinte, es gehe nicht mit rechten Dingen zu.
Mit schnelleren Schritten, als er gekommen war, zog Peter wieder ab.
Das Dunkel des Tannenwaldes schien immer schwärzer zu werden, die Bäume
standen immer dichter, und ihm fing an so zu grauen, daß er im Trab
davonjagte, und erst, als er in der Ferne Hunde bellen hörte und bald
darauf den Rauch einer Hütte erblickte, wurde er wieder ruhiger. Aber
als er näher kam und die Tracht der Leute in der Hütte erblickte, fand
er, daß er aus Angst gerade die entgegengesetzte Richtung genommen und
statt zu den Glasleuten zu den Flözern gekommen sei. Die Leute, die in
der Hütte wohnten, waren Holzfäller; ein alter Mann, sein Sohn, der
Hauswirt und einige erwachsene Enkel. Sie nahmen Kohlenmunk-Peter, der
um ein Nachtlager bat, gut auf, ohne nach seinem Namen und Wohnort zu
fragen, gaben ihm Apfelwein zu trinken, und abends wurde ein großer
Auerhahn aufgesetzt.
Nach dem Nachtessen setzten sich die Hausfrau und ihre Töchter mit
ihren Kunkeln um den großen Lichtspan, den die Jungen mit dem feinsten
Tannenharz unterhielten, der Großvater, der Gast und der Hauswirt
rauchten und schauten den Weibem zu, die Burschen aber waren
beschäftigt, Löffel und Gabeln aus Holz zu schnitzeln. Draußen im Wald
heulte der Sturm und raste in den Tannen, man hörte da und dort sehr
heftige Schläge, und es schien oft, als ob ganze Bäume abgeknickt
würden und zusammenkrachten. Die furchtlosen Jungen wollten hinaus in
den Wald laufen und dieses furchtbar schöne Schauspiel mit ansehen, ihr
Großvater aber hielt sie mit strengem Wort und Blick zurück. „Ich will
keinem raten, daß er jetzt vor die Tür geht“, rief er ihnen zu, „bei
Gott, der kommt nimmermehr wieder; denn der Holländer-Michel haut sich
heute nacht ein neues G’stair (Floßgelenke) im Wald.“
Die Kleinen staunten ihn an; sie mochten von dem Holländer-Michel schon
gehört haben, aber sie baten jetzt den Ehni, einmal recht schön von
jenem zu erzählen. Auch Peter Munk, der vom Holländer-Michel auf der
anderen Seite des Waldes nur undeutlich hatte sprechen hören, stimmte
mit ein und fragte den Alten, wer und wo er sei. „Er ist der Herr
dieses Waldes, und nach dem zu schließen, daß Ihr in Eurem Alter dies
noch nicht erfahren, müßt Ihr drüben über dem Tannenbühl oder wohl gar
noch weiter zu Hause sein. Vom Holländer-Michel will ich Euch aber
erzählen, was ich weiß, und wie die Sage von ihm geht. Vor etwa hundert
Jahren, so erzählte es wenigstens mein Ehni, war weit und breit kein
ehrlicheres Volk auf Erden als die Schwarzwälder. Jetzt, seit so viel
Geld im Land ist, sind die Menschen unredlich und schlecht. Die jungen
Burschen tanzen und johlen am Sonntag und fluchen, daß es ein Schrecken
ist; damals war es aber anders, und wenn er jetzt zum Fenster dort
hereinschaute, so sag’ ich’s und hab’ es oft gesagt, der
Holländer-Michel ist schuld an all dieser Verderbnis. Es lebte also vor
hundert Jahren und drüber ein reicher Holzherr, der viel Gesind hatte;
er handelte bis weit in den Rhein hinab, und sein Geschäft war
gesegnet, denn er war ein frommer Mann. Kommt eines Abends ein Mann an
seine Türe, dergleichen er noch nie gesehen. Seine Kleidung war wie die
der Schwarzwälder Burschen, aber er war einen guten Kopf höher als
alle, und man hatte noch nie geglaubt, daß es einen solchen Riesen
geben könne. Dieser bittet um Arbeit bei dem Holzherrn, und der
Holzherr, der ihm ansah, daß er stark und zu großen Lasten tüchtig sei,
rechnet mit ihm seinen Lohn, und sie schlagen ein. Der Michel war ein
Arbeiter, wie selbiger Holzherr noch keinen gehabt. Beim Baumschlagen
galt er für drei, und wenn sechs an einem Ende schleppten, trug er
allein das andere. Als er aber ein halb Jahr Holz geschlagen, trat er
eines Tages vor seinen Herrn und begehrte von ihm: „Hab’ jetzt lang
genug hier Holz gehackt, und so möcht’ ich auch sehen, wohin meine
Stämme kommen, und wie wär’ es, wenn Ihr mich auch ’nmal auf das Floß
ließet?“
Der Holzherr antwortete: „Ich will dir nicht im Weg sein, Michel, wenn
du ein wenig hinaus willst in die Welt, und zwar beim Holzfällen
brauche ich starke Leute, wie du bist, auf dem Floß aber kommt es auf
Geschicklichkeit an, aber es sei für diesmal.“
Und so war es; das Floß, mit dem er abgehen sollte, hatte acht Glaich
(Glieder), und waren im letzten von den größten Zimmerbalken. Aber was
geschah? Am Abend zuvor bringt der lange Michel noch acht Balken ans
Wasser, so dick und lang, als man keinen je sah, und jeden trug er so
leicht auf der Schulter wie eine Flözerstange, so daß sich alles
entsetzte. Wo er sie gehauen, weiß bis heute noch niemand. Dem
Holzherrn lachte das Herz, als er dies sah; denn er berechnete, was
diese Balken kosten könnten; Michel aber sagte: „So, die sind für mich
zum Fahren; auf den kleinen Spänen dort kann ich nicht fortkommen.“
Sein Herr wollte ihm zum Dank ein paar Flözerstiefel schenken; aber er
warf sie auf die Seite und brachte ein Paar hervor, wie es sonst keine
gab; mein Großvater hat versichert, sie haben hundert Pfund gewogen und
seien fünf Fuß lang gewesen.
Das Floß fuhr ab, und hatte der Michel früher die Holzhauer in
Verwunderung gesetzt, so staunten jetzt die Flözer; denn statt daß das
Floß, wie man wegen der ungeheuern Balken geglaubt hatte, langsamer auf
dem Fluß ging, flog es, sobald sie in den Neckar kamen, wie ein Pfeil;
machte der Neckar eine Wendung und hatten sonst die Flözer Mühe gehabt,
das Floß in der Mitte zu halten, um nicht auf Kies oder Sand zu stoßen,
so sprang jetzt Michel allemal ins Wasser, rückte mit einem Zug das
Floß links oder rechts, so daß es ohne Gefahr vorüberglitt, und kam
dann eine gerade Stelle, so lief er aufs erste G’stair (Gelenk) vor,
ließ alle ihre Stangen beisetzen, steckte seinen ungeheuren Weberbaum
in den Kies, und mit einem Druck flog das Floß dahin, daß das Land und
Bäume und Dörfer vorbeizujagen schienen. So waren sie in der Hälfte der
Zeit, die man sonst brauchte, nach Köln am Rhein gekommen, wo sie sonst
ihre Ladung verkauft hatten; aber hier sprach Michel: „Ihr seid mir
rechte Kaufleute und versteht euren Nutzen! Meinet ihr denn, die Kölner
brauchen all dies Holz, das aus dem Schwarzwald kommt, für sich? Nein,
um den halben Wert kaufen sie es euch ab und verhandeln es teuer nach
Holland. Lasset uns die kleinen Balken hier verkaufen und mit den
großen nach Holland gehen; was wir über den gewöhnlichen Preis lösen,
ist unser eigener Profit.“
So sprach der arglistige Michel, und die anderen waren es zufrieden;
die einen, weil sie gerne nach Holland gezogen wären, es zu sehen, die
anderen des Geldes wegen. Nur ein einziger war redlich und mahnte sie
ab, das Gut ihres Herrn der Gefahr auszusetzen oder ihn um den höheren
Preis zu betrügen, aber sie hörten nicht auf ihn und vergaßen seine
Worte, aber der Holländer-Michel vergaß sie nicht. Sie fuhren auch mit
dem Holz den Rhein hinab, und Michel leitete das Floß und brachte sie
schnell bis nach Rotterdam. Dort bot man ihnen das Vierfache von dem
früheren Preis, und besonders die ungeheuren Balken des Michel wurden
mit schwerem Geld bezahlt. Als die Schwarzwälder so viel Geld sahen,
wußten sie sich vor Freude nicht zu fassen. Michel teilte ab, einen
Teil dem Holzherrn, die drei anderen unter die Männer. Und nun setzten
sie sich mit Matrosen und anderem schlechten Gesindel in die
Wirtshäuser, verschlemmten und verspielten ihr Geld; den braven Mann
aber, der ihnen abgeraten, verkaufte der Holländer-Michel an einen
Seelenverkäufer, und man hat nichts mehr von ihm gehört. Von da an war
den Burschen im Schwarzwald Holland das Paradies und Holländer-Michel
ihr König; die Holzherren erfuhren lange nichts von dem Handel, und
unvermerkt kamen Geld, Flüche, schlechte Sitten, Trunk und Spiel aus
Holland herauf.
Der Holländer-Michel war, als die Geschichte herauskam, nirgends zu
finden, aber tot ist er auch nicht; seit hundert Jahren treibt er
seinen Spuk im Wald, und man sagt, daß er schon vielen behilflich
gewesen sei, reich zu werden, aber—auf Kosten ihrer armen Seele, und
mehr will ich nicht sagen. Aber so viel ist gewiß, daß er noch jetzt in
solchen Sturmnächten im Tannenbühl, wo man nicht hauen soll, überall
die schönsten Tannen aussucht, und mein Vater hat ihn eine vier Schuh
dicke umbrechen sehen wie ein Rohr. Mit diesen beschenkt er die, welche
sich vom Rechten abwenden und zu ihm gehen; um Mitternacht bringen sie
dann die G’stair ins Wasser, und er rudert mit ihnen nach Holland. Aber
wäre ich Herr und König in Holland, ich ließe ihn mit Kartätschen in
den Boden schmettern; denn alle Schiffe, die von dem Holländer-Michel
auch nur einen Balken haben, müssen untergehen. Daher kommt es, daß man
von so vielen Schiffbrüchigen hört; wie könnte denn sonst ein schönes,
starkes Schiff, so groß als eine Kirche, zugrund gehen auf dem Wasser?
Aber so oft Holländer-Michel in einer Sturmnacht im Schwarzwald eine
Tanne fällt, springt eine seiner alten aus den Fugen des Schiffes; das
Wasser dringt ein, und das Schiff ist mit Mann und Maus verloren. Das
ist die Sage vom Holländer-Michel, und wahr ist es, alles Böse im
Schwarzwald schreibt sich von ihm her; o! Er kann einen reich machen“,
setzte der Greis geheimnisvoll hinzu, „aber ich möchte nichts von ihm
haben; ich möchte um keinen Preis in der Haut des _dicken Ezechiel_ und
des langen Schlurkers stecken; auch der _Tanzbodenkönig_ soll sich ihm
ergeben haben!“ Der Sturm hatte sich während der Erzählung des Alten
gelegt; die Mädchen zündeten schüchtern die Lampen an und gingen weg;
die Männer aber legten Peter Munk einen Sack voll Laub als Kopfkissen
auf die Ofenbank und wünschten ihm gute Nacht.
Kohlenmunk-Peter hatte noch nie so schwere Träume gehabt wie in dieser
Nacht; bald glaubte er, der finstere, riesige Holländer-Michel reiße
die Stubenfenster auf und reiche mit seinem ungeheuer langen Arm einen
Beutel voll Goldstücke herein, die er untereinander schüttelte, daß es
hell und lieblich klang; bald sah er wieder das kleine, freundliche
Glasmännchen auf einer ungeheuren grünen Flasche im Zimmer umherreiten,
und er meinte das heisere Lachen wiederzuhören wie im Tannenbühl; dann
brummte es ihm wieder ins linke Ohr:
„In Holland gibt’s Gold!
Könnet’s haben, wenn Ihr wollt
Um geringen Sold
Gold, Gold!“
Dann hörte er wieder in sein rechtes Ohr das Liedchen vom Schatzhauser
im grünen Tannenwald, und eine zarte Stimme flüsterte: „Dummer
Kohlenpeter, dummer Peter Munk, kannst kein Sprüchlein reimen auf
stehen, und bist doch am Sonntag geboren Schlag zwölf Uhr. Reime,
dummer Peter, reime!“
Er ächzte, er stöhnte im Schlaf, er mühte sich ab, einen Reim zu
finden, aber da er in seinem Leben noch keinen gemacht hatte, war seine
Mühe im Traume vergebens. Als er aber mit dem ersten Frührot erwachte,
kam ihm doch sein Traum sonderbar vor; er setzte sich mit verschränkten
Armen hinter den Tisch und dachte über die Einflüsterungen nach, die
ihm noch immer im Ohr lagen; „reime, dummer Kohlenmunk-Peter, reime“,
sprach er zu sich und pochte mit dem Finger an seine Stirn, aber es
wollte kein Reim hervorkommen. Als er noch so dasaß und trübe vor sich
hinschaute und an den Reim auf stehen dachte, da zogen drei Burschen
vor dem Hause vorbei in den Wald, und einer sang im Vorübergehen:
„Am Berge tat ich stehen,
Und schaute in das Tal,
Da hab’ ich sie gesehen
Zum allerletztenmal.“
Das fuhr wie ein leuchtender Blitz durch Peters Ohr, und hastig raffte
er sich auf, stürzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht gehört
zu haben, sprang den drei Burschen nach und packte den Sänger hastig
und unsanft beim Arm. „Halt, Freund!“ rief er, „was habt Ihr da auf
stehen gereimt, tut mir die Liebe und sprecht, was Ihr gesungen.“
„Was ficht’s dich an, Bursche?“ entgegnete der Schwarzwälder. „Ich kann
singen, was ich will, und laß gleich meinen Arm los, oder—“
„Nein, sagen sollst du, was du gesungen hast!“ schrie Peter beinahe
außer sich und packte ihn noch fester an; die zwei anderen aber, als
sie dies sahen, zögerten nicht lange, sondern fielen mit derben Fäusten
über den armen Peter her und walkten ihn derb, bis er vor Schmerzen das
Gewand des dritten ließ und erschöpft in die Knie sank. „Jetzt hast du
dein Teil“, sprachen sie lachend, „und merk dir, toller Bursche, daß du
Leute, wie wir sind, nimmer anfällst auf offenem Wege.“
„Ach, ich will mir es gewißlich merken!“ erwiderte Kohlenpeter
seufzend, „aber so ich die Schläge habe, seid so gut und saget
deutlich, was jener gesungen!“
Da lachten sie aufs neue und spotteten ihn aus; aber der das Lied
gesungen, sagte es ihm vor, und lachend und singend zogen sie weiter.
„Also sehen“, sprach der arme Geschlagene, indem er sich mühsam
aufrichtete, „sehen auf stehen—jetzt, Glasmännlein, wollen wir wieder
ein Wort zusammen sprechen.“ Er ging in die Hütte, holte seinen Hut und
den langen Stock, nahm Abschied von den Bewohnern der Hütte und trat
seinen Rückweg nach dem Tannenbühl an. Er ging langsam und sinnend
seine Straße, denn er mußte ja einen Vers ersinnen; endlich, als er
schon in dem Bereich des Tannenbühls ging und die Tannen höher und
dichter wurden, hatte er auch seinen Vers gefunden und machte vor
Freude einen Sprung in die Höhe. Da trat ein riesengroßer Mann in
Flözerkleidung und eine Stange so lang wie ein Mastbaum in der Hand
hinter den Tannen hervor. Peter Munk sank beinahe in die Knie, als er
jenen langsamen Schrittes neben sich wandeln sah; denn er dachte, das
ist der Holländer-Michel und kein anderer. Noch immer schwieg die
furchtbare Gestalt, und Peter schielte zuweilen furchtsam nach ihm hin.
Er war wohl einen Kopf größer als der längste Mann, den Peter je
gesehen; sein Gesicht war nicht mehr jung, doch auch nicht alt, aber
voll Furchen und Falten; er trug ein Wams von Leinwand, und die
ungeheuren Stiefel, über die Lederbeinkleider heraufgezogen, waren
Peter aus der Sage wohlbekannt.
„Peter Munk, was tust du im Tannenbühl?“ fragte der Waldkönig endlich
mit tiefer, dröhnender Stimme.
„Guten Morgen, Landsmann“, antwortete Peter, indem er sich
unerschrocken zeigen wollte, aber heftig zitterte, „ich will durch den
Tannenbühl nach Haus zurück.“
„Peter Munk“, erwiderte jener und warf einen stechenden, furchtbaren
Blick nach ihm herüber, „dein Weg geht nicht durch diesen Hain.“
„Nun, so gerade just nicht“, sagte jener, „aber es macht heute warm, da
dachte ich, es wird hier kühler sein.“
„Lüge nicht, du, Kohlenpeter!“ rief Holländer-Michel mit donnernder
Stimme, „oder ich schlag’ dich mit der Stange zu Boden; meinst, ich
hab’ dich nicht betteln sehen bei dem Kleinen?“ setzte er sanft hinzu.
„Geh, geh, das war ein dummer Streich, und gut ist es, daß du das
Sprüchlein nicht wußtest; er ist ein Knauser, der kleine Kerl, und gibt
nicht viel, und wem er gibt, der wird seines Lebens nicht froh. Peter,
du bist ein armer Tropf und dauerst mich in der Seele; so ein munterer,
schöner Bursche, der in der Welt was anfangen könnte, und sollst Kohlen
brennen! Wenn andere große Taler oder Dukaten aus dem Ärmel schütteln,
kannst du kaum ein paar Sechser aufwenden; ’s ist ein ärmlich Leben.“
„Wahr ist’s, und recht habt Ihr, ein elendes Leben.“
„Na, mir soll’s nicht drauf ankommen“, fuhr der schreckliche Michel
fort, „hab’ schon manchem braven Kerl aus der Not geholfen, und du
wärest nicht der erste. Sag’ einmal, wieviel hundert Taler brauchst du
fürs erste?“
Bei diesen Worten schüttelte er das Geld in seiner ungeheuren Tasche
untereinander, und es klang wieder wie diese Nacht im Traum. Aber
Peters Herz zuckte ängstlich und schmerzhaft bei diesen Worten, es
wurde ihm kalt und warm, und der Holländer-Michel sah nicht aus, wie
wenn er aus Mitleid Geld wegschenkte, ohne etwas dafür zu verlangen. Es
fielen ihm die geheimnisvollen Worte des alten Mannes über die reichen
Menschen ein, und von unerklärlicher Angst und Bangigkeit gejagt, rief
er: „Schönen Dank, Herr! Aber mit Euch will ich nichts zu schaffen
haben, und ich kenn’ Euch schon“, und lief, was er laufen konnte.
Aber der Waldgeist schritt mit ungeheuren Schritten neben ihm her und
murmelte dumpf und drohend: „Wirst’s noch bereuen, Peter, auf deiner
Stirne steht’s geschrieben, in deinem Auge ist’s zu lesen; du entgehst
mir nicht. Lauf nicht so schnell, höre nur noch ein vernünftges Wort,
dort ist schon meine Grenze!“
Aber als Peter dies hörte und unweit vor ihm einen kleinen Graben sah,
beeilte er sich nur noch mehr, über die Grenze zu kommen, so daß Michel
am Ende schneller laufen mußte und unter Flüchen und Drohungen ihn
verfolgte. Der junge Mann setzte mit einem verzweifelten Sprung über
den Graben; denn er sah, wie der Waldgeist mit seiner Stange ausholte
und sie auf ihn niederschmettern lassen wollte; er kam glücklich
jenseits an, und die Stange zersplitterte in der Luft, wie an einer
unsichtbaren Mauer, und ein langes Stück fiel zu, Peter herüber.
Triumphierend hob er es auf, um es dem groben Holländer-Michel
zuzuwerfen; aber in diesem Augenblick fühlte er das Stück Holz in
seiner Hand sich bewegen, und zu seinem Entsetzen sah er, daß es eine
ungeheure Schlange sei, was er in der Hand hielt, die sich schon mit
geifernder Zunge und mit blitzenden Augen an ihm hinaufbäumte. Er ließ
sie los; aber sie hatte sich schon fest um seinen Arm gewickelt und kam
mit schwankendem Kopfe seinem Gesicht immer näher; da rauschte auf
einmal ein ungeheurer Auerhahn nieder, packte den Kopf der Schlange mit
dem Schnabel, erhob sich mit ihr in die Lüfte, und Holländer-Michel,
der dies alles von dem Graben aus gesehen hatte, heulte und schrie und
raste, als die Schlange von einem Gewaltigeren entführt ward.
Erschöpft und zitternd setzte Peter seinen Weg fort; der Pfad wurde
steiler, die Gegend wilder, und bald befand er sich an der ungeheuren
Tanne. Er machte wieder seine Verbeugungen gegen das unsichtbare
Glasmännlein und hub dann an:
„Schatzhauser im grünen Tannenwald,
Bist schon viel hundert Jahre alt,
Dein ist all Land, wo Tannen stehn,
Läßt dich nur Sonntagskindern sehn.“
„Hast’s zwar nicht ganz getroffen; aber weil du es bist,
Kohlenmunk-Peter, so soll es hingehen“, sprach eine zarte, feine Stimme
neben ihm. Erstaunt sah er sich um, und unter einer schönen Tanne saß
ein kleines, altes Männlein in schwarzem Wams und roten Strümpfen und
den großen Hut auf dem Kopf. Er hatte ein feines, freundliches
Gesichtchen und ein Bärtchen so zart wie aus Spinnweben; er rauchte,
was sonderbar anzusehen war, aus einer Pfeife von blauem Glas, und als
Peter näher trat, sah er zu seinem Erstaunen, daß auch Kleider, Schuhe
und Hut des Kleinen aus gefärbtem Glas bestanden; aber es war
geschmeidig, als ob es noch heiß wäre; denn es schmiegte sich wie Tuch
nach jeder Bewegung des Männleins.
„Du bist dem Flegel begegnet, dem Holländer-Michel?“ sagte der Kleine,
indem er zwischen jedem Wort sonderbar hüstelte, „er hat dich recht
ängstigen wollen, aber seinen Kunstprügel habe ich ihm abgejagt, den
soll er nimmer wiederkriegen.“
„Ja, Herr Schatzhauser“, erwiderte Peter mit einer tiefen Verbeugung,
„es war mir recht bange. Aber Ihr seid wohl der Herr Auerhahn gewesen,
der die Schlange totgebissen; da bedanke ich mich schönstens. Ich komme
aber, um mir Rat zu holen bei Euch; es geht mir gar schlecht und
hinderlich; ein Kohlenbrenner bringt es nicht weit, und da ich noch
jung bin, dächte ich doch, es könnte noch was Besseres aus mir werden;
und wenn ich oft andere sehe, wie weit die es in kurzer Zeit gebracht
haben; wenn ich nur den Ezechiel nehme und den Tanzbodenkönig, die
haben Geld wie Heu.“
„Peter“, sagte der Kleine sehr ernst und blies den Rauch aus seiner
Pfeife weit hinweg; „Peter, sag mir nichts von _diesen_. Was haben sie
davon, wenn sie hier ein paar Jahre dem Schein nach glücklich und dann
nachher desto unglücklicher sind? Du mußt dein Handwerk nicht
verachten; dein Vater und Großvater waren Ehrenleute und haben es auch
getrieben, Peter Munk! Ich will nicht hoffen, daß es Liebe zum
Müßiggang ist, was dich zu mir führt.“
Peter erschrak vor dem Ernst des Männleins und errötete. „Nein“, sagte
er, „Müßiggang ist aller Laster Anfang, aber das könnet Ihr mir nicht
übelnehmen, wenn mir ein anderer Stand besser gefällt als der meinige.
Ein Kohlenbrenner ist halt so gar etwas Geringes auf der Welt, und die
Glasleute und Flözer und Uhrmacher und alle sind angesehener.“
„Hochmut kommt oft vor dem Fall“, erwiderte der kleine Herr vom
Tannenwald etwas freundlicher. „Ihr seid ein sonderbar Geschlecht, ihr
Menschen! Selten ist einer mit dem Stand ganz zufrieden, in dem er
geboren und erzogen ist, und was gilt’s, wenn du ein Glasmann wärest,
möchtest du gern ein Holzherr sein, und wärest du Holzherr, so stünde
dir des Försters Dienst oder des Amtmanns Wohnung an. Aber es sei: Wenn
du versprichst, brav zu arbeiten, so will ich dir zu etwas Besserem
verhelfen, Peter. Ich pflege jedem Sonntagskind, das sich zu mir zu
finden weiß, drei Wünsche zu gewähren. Die ersten zwei sind frei; den
dritten kann ich verweigern, wenn er töricht ist. So wünsche dir also
jetzt etwas; aber—Peter, etwas Gutes und Nützliches!“
„Heisa! Ihr seid ein treffliches Glasmännlein, und mit Recht nennt man
Euch Schatzhauser, denn bei Euch sind die Schätze zu Hause. Nu—und also
darf ich wünschen, wonach mein Herz begehrt, so will ich denn fürs
erste, daß ich noch besser tanzen könne als der Tanzbodenkönig; und
jedesmal noch einmal so viel Geld ins Wirtshaus bringe als er.“
„Du Tor!“ erwiderte der Kleine zürnend. „Welch ein erbärmlicher Wunsch
ist dies, gut tanzen zu können und Geld zum Spiel zu haben! Schämst du
dich nicht, dummer Peter, dich selbst so um dein Glück zu betrügen? Was
nützt es dir und deiner armen Mutter, wenn du tanzen kannst? Was nützt
dir dein Geld, das nach deinem Wunsch nur für das Wirtshaus ist und wie
das des elenden Tanzbodenkönigs dort bleibt? Dann hast du wieder die
ganze Woche nichts und darbst wie zuvor. Noch einen Wunsch gebe ich dir
frei; aber sieh dich vor, daß du vernünftiger wünschest!“