Sie gingen die Wendeltreppe hinauf und in den Saal; auch dahin folgte

ihnen der stumme Reiter, und als sich die Zwillinge ganz breit an den

Tisch gesetzt hatten, zog jener ein Silberstück aus dem Wams, warf es

auf den Schiefertisch, daß es umherrollte und klingelte, und sprach:

„So, und da habt ihr jetzt euer Erbe, und es wird just recht sein, ein

Hirschgulden.“ Da sahen sich die beiden Brüder verwundert an, lachten

und fragten ihn, was er damit sagen wolle.

Der Ritter aber zog ein Pergament hervor, mit hinlänglichen Siegeln;

darin hatte der dumme Kuno alle Feindseligkeiten aufgezeichnet, die ihm

die Brüder bei seinen Lebzeiten bewiesen, und am Ende hatte er

verordnet und bekannt, daß sein ganzes Erbe, Hab und Gut, außer dem

Schmuck seiner seligen Frau Mutter, auf den Fall seines Todes an

Württemberg verkauft sei, und zwar—um einen elenden Hirschgulden!< Um

den Schmuck aber solle man in der Stadt Balingen ein Armenhaus erbauen.

Da erstaunten nun die Brüder abermals, lachten aber nicht dazu, sondern

bissen die Zähne zusammen; denn sie konnten gegen Württemberg nichts

ausrichten, und so hatten sie das schöne Gut, Wald, Feld, die Stadt

Balingen und selbst den Fischteich verloren und nichts geerbt als einen

schlechten Hirschgulden. Den steckte Wolf in sein Wams, sagte nicht ja

und nicht nein, warf sein Barett auf den Kopf und ging trotzig und ohne

Gruß an dem württembergischen Kommissär vorbei, schwang sich auf sein

Roß und ritt nach Zollern.

Als ihn aber am andern Morgen seine Mutter mit Vorwürfen plagte, daß

sie Gut und Schmuck verscherzet haben, ritt er hinüber zum Schalk auf

der Schalksburg: „Wollen wir unser Erbe verspielen oder vertrinken?“

fragte er ihn.

„Vertrinken ist besser“, sagte der Schalk, „dann haben beide gewonnen.

Wir wollen nach Balingen reiten und uns den Leuten zum Trotz dort sehen

lassen, wenn wir auch gleich das Städtlein schmählich verloren.“

„Und im Lamm schenkt man Roten, der Kaiser trinkt ihn nicht besser“,

setzte Wolf hinzu.

So ritten sie miteinander nach Balingen ins Lamm und fragten, was die

Maß Roter koste, und tranken sich zu, bis der Hirschgulden voll war.

Dann stand Wolf auf, zog das Silberstück mit dem springenden Hirsch aus

dem Wams, warf es auf den Tisch und sprach: „Da habt Ihr Euern Gulden,

so wird’s richtig sein.“

Der Wirt aber nahm den Gulden, besah ihn links, besah ihn rechts und

sagte lächelnd: „Ja, wenn es kein Hirschgulden wär’; aber gestern nacht

kam der Bote von Stuttgart, und heute früh hat man es ausgetrommelt im

Namen des Grafen von Württemberg, dem jetzt das Städtlein eigen; die

sind abgeschätzt, und gebt mir nur anderes Geld!“

Da sahen sich die beiden Brüder erbleichend an: „Zahl aus!“ sagte der

eine.

„Hast du keine Münze?“ sagte der andere, und kurz, sie mußten den

Gulden schuldig bleiben im Lamm in Balingen.

Sie zogen schweigend und nachdenkend ihren Weg, als sie aber an den

Kreuzweg kamen, wo es rechts nach Zollern und links nach Schalksberg

ging, da sagte der Schalk: „Wie nun? Jetzt haben wir sogar weniger

geerbt als gar nichts, und der Wein war überdies schlecht.“

„Jawohl“, erwiderte sein Bruder. „Aber was die Feldheimerin sagte, ist

doch eingetroffen: „Seht zu, wieviel von seinem Erbe übrigbleiben wird,

um einen Hirschgulden!“ Jetzt haben wir nicht einmal ein Maß Wein dafür

kaufen können.“

„Weiß schon!“ antwortete der von der Schalksburg. „Dummes Zeug!“ sagte

der von Zollern und ritt zerfallen mit sich und der Welt seinem Schloß

zu.

„Das ist die Sage von dem Hirschgulden“, endete der Zirkelschmied, „und

wahr soll sie sein. Der Wirt in Dürrwangen, das nicht weit von den drei

Schlössern liegt, hat sie meinem guten Freund erzählt, der oft als

Wegweiser über die schwäbische Alb ging und immer in Dürrwangen

einkehrte.“

Die Gäste gaben dem Zirkelschmied Beifall. „Was man doch nicht alles

hört in der Welt“, rief der Fuhrmann. „Wahrhaftig, jetzt erst freut es

mich, daß wir die Zeit nicht mit Kartenspielen verderbten, so ist es

wahrlich besser; und gemerkt habe ich mir die Geschichte, daß ich sie

morgen meinen Kameraden erzählen kann, ohne ein Wort zu fehlen.“

„Mir fiel da, während Ihr so erzähltet, etwas ein“, sagte der Student.

„O erzählet, erzählet!“ baten der Zirkelschmied und Felix.

„Gut“, antwortete jener, „ob die Reihe jetzt an mich kommt oder später,

ist gleichviel; ich muß ja doch heimgehen, was ich gehört. Das, was ich

erzählen will, soll sich wirklich einmal begeben haben.“

Er setzte sich zurecht und wollte eben anheben zu erzählen, als die

Wirtin den Spinnrocken beiseitesetzte und zu den Gästen an den Tisch

trat. „Jetzt, ihr Herren, ist es Zeit, zu Bette zu gehen“, sagte sie,

„es hat neun Uhr geschlagen, und morgen ist auch ein Tag.“

„Ei, so gehe zu Bette!“ rief der Student, „setze noch eine Flasche Wein

für uns hierher, und dann wollen wir dich nicht länger abhalten.“

„Mitnichten“, entgegnete sie grämlich, „solange noch Gäste in der

Wirtsstube sitzen, können Wirtin und Dienstboten nicht weggehen. Und

kurz und gut, ihr Herren, machet, daß ihr auf eure Kammern kommet; mir

wird die Zeit lange, und länger als neun Uhr darf in meinem Hause nicht

gezecht werden.“

„Was fällt Euch ein, Frau Wirtin?“ sprach der Zirkelschmied staunend,

„was schadet es denn Euch, ob wir hier sitzen, wenn Ihr auch schon

längst schlafet; wir sind rechtliche Leute und werden Euch nichts

hinwegtragen, noch ohne Bezahlung fortgehen. Aber so lasse ich mir in

keinem Wirtshaus ausbieten.“

Die Frau rollte zornig die Augen: „Meint ihr, ich werde wegen jedem

Lumpen von Handwerksburschen, wegen jedem Straßenläufer, der mir zwölf

Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung ändern? Ich sag’ euch

jetzt zum letztenmal, daß ich den Unfug nicht leide!“

Noch einmal wollte der Zirkelschmied etwas entgegnen; aber der Student

sah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den übrigen. „Gut“,

sprach er, „wenn es denn die Frau Wirtin nicht haben will, so laßt uns

auf unsere Kammern gehen. Aber Lichter möchten wir gerne haben, um den

Weg zu finden.“

„Damit kann ich nicht dienen“, entgegnete sie finster, „die andern

werden schon den Weg im Dunkeln finden, und für Euch ist dies

Stümpfchen hier hinlänglich; mehr habe ich nicht im Hause.“

Schweigend nahm der junge Herr das Licht und stand auf. Die andern

folgten ihm, und die Handwerksburschen nahmen ihre Bündel, um sie in

der Kammer bei sich niederzulegen. Sie gingen dem Studenten nach, der

ihnen die Treppe hinanleuchtete.

Als sie oben angekommen waren, bat sie der Student, leise aufzutreten,

schloß sein Zimmer auf und winke ihnen herein. „Jetzt ist kein Zweifel

mehr“, sagte er, „sie will uns verraten; habt ihr nicht bemerkt, wie

ängstlich sie uns zu Bett zu bringen suchte, wie sie uns alle Mittel

abschnitt, wach und beisammen zu bleiben? Sie meint wahrscheinlich, wir

werden uns jetzt niederlegen und dann werde sie um so leichteres Spiel

haben.“

„Aber meint Ihr nicht, wir könnten noch entkommen?“ fragte Felix. „Im

Wald kann man doch eher auf Rettung denken als hier im Zimmer.“

„Die Fenster sind auch hier vergittert“, rief der Student, indem er

vergebens versuchte, einen der Eisenstäbe des Gitters loszumachen. „Uns

bleibt nur ein Ausweg, wenn wir entweichen wollen, durch die Haustüre;

aber ich glaube nicht, daß sie uns fortlassen werden.“

„Es käme auf den Versuch an“, sprach der Fuhrmann, „ich will einmal

probieren, ob ich bis in den Hof kommen kann. Ist dies möglich, so

kehre ich zurück und hole euch nach.“ Die übrigen billigten diesen

Vorschlag, der Fuhrmann legte die Schuhe ab und schlich sich auf den

Zehen nach der Treppe; ängstlich lauschten seine Genossen oben im

Zimmer; schon war er die eine Hälfte der Treppe glücklich und unbemerkt

hinabgestiegen; aber als er sich dort um einen Pfeiler wandte, richtete

sich plötzlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die Höhe, legte ihre

Tatzen auf seine Schultern und wies ihm, gerade seinem Gesicht

gegenüber, zwei Reihen langer, scharfer Zähne. Er wagte weder vor- noch

rückwärts auszuweichen; denn bei der geringsten Bewegung schnappte der

entsetzliche Hund nach seiner Kehle. Zugleich fing er an zu heulen und

zu bellen, und alsobald erschienen der Hausknecht und die Frau mit

Lichtern.

„Wohin, was wollt Ihr?“ rief die Frau.

„Ich habe noch etwas in meinem Karren zu holen“, antwortete der

Fuhrmann, am ganzen Leibe zitternd; denn als die Türe aufgegangen war,

hatte er mehrere braune, verdächtige Gesichter, Männer mit Büchsen in

der Hand, im Zimmer bemerkt.

„Das hättet Ihr alles auch vorher abmachen können“, sagte die Wirtin

mürrisch. „Fassan, daher! Schließ die Hoftüre zu, Jakob, und leuchte

dem Mann an seinen Karren!“ Der Hund zog seine greuliche Schnauze und

seine Tatzen von der Schulter des Fuhrmanns zurück und lagerte sich

wieder quer über die Treppe; der Hausknecht aber hatte das Hoftor

zugeschlossen und leuchtete dem Fuhrmann. An ein Entkommen war nicht zu

denken. Aber als er nachsann, was er denn eigentlich aus dem Karren

holen sollte, fiel ihm ein Pfund Wachslichter ein, die er in die

nächste Stadt überbringen sollte. „Das Stümpfchen Licht oben kann kaum

noch eine Viertelstunde dauern“, sagte er zu sich, „und Licht müssen

wir dennoch haben!“ Er nahm also zwei Wachskerzen aus dem Wagen,

verbarg sie in dem Ärmel und holte dann zum Schein seinen Mantel aus

dem Karren, womit er sich, wie er dem Hausknecht sagte, heute nacht

bedecken wolle.

Glücklich kam er wieder auf dem Zimmer an. Er erzählte von dem großen

Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den Männern, die er

flüchtig gesehen, von allen Anstalten, die man gemacht, um sich ihrer

zu versichern, und schloß damit, daß er seufzend sagte: „Wir werden

diese Nacht nicht überleben.“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte der Student, „für so töricht kann ich

diese Leute nicht halten, daß sie wegen des geringen Vorteils, den sie

von uns hätten, vier Menschen ans Leben gehen sollten. Aber verteidigen

dürfen wir uns nicht. Ich für meinen Teil werde wohl am meisten

verlieren; mein Pferd ist schon in ihren Händen, es kostete mich

fünfzig Dukaten noch vor vier Wochen; meine Börse, meine Kleider gebe

ich willig hin; denn mein Leben ist mir am Ende doch lieber als alles

dies.“

„Ihr habt gut reden“, erwiderte der Fuhrmann, „solche Sachen, wie Ihr

sie verlieren könnt, ersetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der

Bote von Aschaffenburg und habe allerlei Güter auf meinem Karren, und

im Stall zwei schöne Rosse, meinen einzigen Reichtum.“

„Ich kann unmöglich glauben, daß sie Euch ein Leides tun werden“,

bemerkte der Goldschmied, „einen Boten zu berauben, würde schon viel

Geschrei und Lärmen im Land machen. Aber dafür bin ich auch, was der

Herr dort sagt; lieber will ich gleich alles hergeben, was ich habe,

und mit einem Eid versprechen, nichts zu sagen, ja niemals zu klagen,

als mich gegen Leute, die Büchsen und Pistolen haben, um meine geringe

Habe wehren.“

Der Fuhrmann hatte während dieser Reden seine Wachskerzen

hervorgezogen. Er klebte sie auf den Tisch und zündete sie an. „So laßt

uns in Gottes Namen erwarten, was über uns kommen wird“, sprach er,

„wir wollen uns wieder zusammen niedersetzen und durch Sprechen den

Schlaf abhalten.“ „Das wollen wir“, antwortete der Student, „und weil

vorhin die Reihe an mir stehengeblieben war, will ich euch etwas

erzählen.“

Das kalte Herz

Ein Märchen

Erste Abteilung

Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in

den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, obgleich man

nicht überall solch unermeßliche Menge herrlich aufgeschossener Tannen

findet, sondern wegen der Leute, die sich von den andern Menschen

ringsumher merkwürdig unterscheiden. Sie sind größer als gewöhnliche

Menschen, breitschultrig, von starken Gliedern, und es ist, als ob der

stärkende Duft, der morgens durch die Tannen strömt, ihnen von Jugend

auf einen freieren Atem, ein klareres Auge und einen festeren, wenn

auch rauheren Mut als den Bewohnern der Stromtäler und Ebenen gegeben

hätte. Und nicht nur durch Haltung und Wuchs, auch durch ihre Sitten

und Trachten sondern sie sich von den Leuten, die außerhalb des Waldes

wohnen, streng ab. Am schönsten kleiden sich die Bewohner des

badenschen Schwarzwaldes; die Männer lassen den Bart wachsen, wie er

von Natur dem Mann ums Kinn gegeben ist; ihre schwarzen Wämser, ihre

ungeheuren, enggefalteten Pluderhosen, ihre roten Strümpfe und die

spitzen Hüte, von einer weiten Scheibe umgeben, verleihen ihnen etwas

Fremdartiges, aber etwas Ernstes, Ehrwürdiges. Dort beschäftigen sich

die Leute gewöhnlich mit Glasmachen; auch verfertigen sie Uhren und

tragen sie in der halben Welt umher.

Auf der andern Seite des Waldes wohnt ein Teil desselben Stammes, aber

ihre Arbeiten haben ihnen andere Sitten und Gewohnheiten gegeben als

den Glasmachern. Sie handeln mit ihrem Wald; sie fällen und behauen

ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar und von dem

oberen Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am

Meer kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; sie halten an

jeder Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten stolz, ob man ihnen

Balken und Bretter abkaufen werde; ihre stärksten und längsten Balken

aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers, welche Schiffe

daraus bauen. Diese Menschen nun sind an ein rauhes, wanderndes Leben

gewöhnt. Ihre Freude ist, auf ihrem Holz die Ströme hinabzufahren, ihr

Leid, am Ufer wieder heraufzuwandeln. Darum ist auch ihr Prachtanzug so

verschieden von dem der Glasmänner im andern Teil des Schwarzwaldes.

Sie tragen Wämser von dunkler Leinwand, einen handbreiten grünen

Hosenträger über die breite Brust, Beinkleider von schwarzem Leder, aus

deren Tasche ein Zollstab von Messing wie ein Ehrenzeichen

hervorschaut; ihr Stolz und ihre Freude aber sind ihre Stiefel, die

größten wahrscheinlich, welche auf irgendeinem Teil der Erde Mode sind;

denn sie können zwei Spannen weit über das Knie hinaufgezogen werden,

und die „Flözer“ können damit in drei Schuh tiefem Wasser umherwandeln,

ohne sich die Füße naß zu machen.

Noch vor kurzer Zeit glaubten die Bewohner dieses Waldes an

Waldgeister, und erst in neuerer Zeit hat man ihnen diesen törichten

Aberglauben benehmen können. Sonderbar ist es aber, daß auch die

Waldgeister, die der Sage nach im Schwarzwalde hausen, in diese

verschiedenen Trachten sich geteilt haben. So hat man versichert, daß

das „Glasmännlein“, ein gutes Geistchen von dreieinhalb Fuß Höhe, sich

nie anders zeige als in einem spitzen Hütlein mit großem Rand, mit Wams

und Pluderhöschen und roten Strümpfchen. Der Holländer-Michel aber, der

auf der anderen Seite des Waldes umgeht, soll ein riesengroßer,

breitschultriger Kerl in der Kleidung der Flözer sein, und mehrere, die

ihn gesehen haben wollen, versichern, daß sie die Kälber nicht aus

ihrem Beutel bezahlen möchten, deren Felle man zu seinen Stiefeln

brauchen würde. „So groß, daß ein gewöhnlicher Mann bis an den Hals

hineinstehen könnte“, sagten sie und wollten nichts übertrieben haben.

Mit diesen Waldgeistern soll einmal ein junger Schwarzwälder eine

sonderbare Geschichte gehabt haben, die ich erzählen will. Es lebte

nämlich im Schwarzwald eine Witwe, Frau Barbara Munkin; ihr Gatte war

Kohlenbrenner gewesen, und nach seinem Tode hielt sie ihren

sechzehnjährigen Knaben nach und nach zu demselben Geschäft an.

Der junge Peter Munk, ein schlanker Bursche, ließ es sich gefallen,

weil er es bei seinem Vater auch nicht anders gesehen hatte, die ganze

Woche über am rauchenden Meiler zu sitzen oder, schwarz und berußt und

den Leuten ein Abscheu, hinab in die Städte zu fahren und seine Kohlen

zu verkaufen. Aber ein Köhler hat viel Zeit zum Nachdenken über sich

und andere, und wenn Peter Munk an seinem Meiler saß, stimmten die

dunklen Bäume umher und die tiefe Waldesstille sein Herz zu Tränen und

unbewußter Sehnsucht. Es betrübte ihn etwas, es ärgerte ihn etwas, er

wußte nicht recht was. Endlich merkte er sich ab, was ihn ärgerte, und

das war—sein Stand. „Ein schwarzer, einsamer Kohlenbrenner!“ sagte er

sich. „Es ist ein elend Leben. Wie angesehen sind die Glasmänner, die

Uhrmacher, selbst die Musikanten am Sonntag abends! Und wenn Peter

Munk, rein gewaschen und geputzt, in des Vaters Ehrenwams mit silbernen

Knöpfen und mit nagelneuen roten Strümpfen erscheint, und wenn dann

einer hinter mir hergeht und denkt, wer ist wohl der schlanke Bursche?

und lobt bei sich die Strümpfe und meinen stattlichen Gang—sieh, wenn

er vorübergeht und schaut sich um, sagt er gewiß: ,Ach, es ist nur der

Kohlenmunk-Peter.‘“

Auch die Flözer auf der andern Seite waren ein Gegenstand seines

Neides. Wenn diese Waldriesen herüberkamen, mit stattlichen Kleidern,

und an Knöpfen, Schnallen und Ketten einen halben Zentner Silber auf

dem Leib trugen, wenn sie mit ausgespreizten Beinen und vornehmen

Gesichtern dem Tanz zuschauten, holländisch fluchten und wie die

vornehmsten Mynheers aus ellenlangen kölnischen Pfeifen rauchten, da

stellte er sich als das vollendetste Bild eines glücklichen Menschen

solch einen Flözer vor. Und wenn diese Glücklichen dann erst in die

Taschen fuhren, ganze Hände voll großer Taler herauslangten und um

Sechsbätzner würfelten, fünf Gulden hin, zehn her, so wollten ihm die

Sinne vergehen, und er schlich trübselig nach seiner Hütte; denn an

manchem Feiertagabend hatte er einen oder den andern dieser

„Holzherren“ mehr verspielen sehen, als der arme Vater Munk in einem

Jahr verdiente. Es waren vorzüglich drei dieser Männer, von welchen er

nicht wußte, welchen er am meisten bewundern sollte. Der eine war ein

dicker, großer Mann mit rotem Gesicht und galt für den reichsten Mann

in der Runde. Man hieß ihn den dicken Ezechiel. Er reiste alle Jahre

zweimal mit Bauholz nach Amsterdam und hatte das Glück, es immer um so

viel teurer als andere zu verkaufen, daß er, wenn die übrigen zu Fuß

heimgingen, stattlich herauffahren konnte. Der andere war der längste

und magerste Mensch im ganzen Wald, man nannte ihn den langen

Schlurker, und diesen beneidete Munk wegen seiner ausnehmenden

Kühnheit; er widersprach den angesehensten Leuten, brauchte, wenn man

noch so gedrängt im Wirtshaus saß, mehr Platz als vier der Dicksten;

denn er stützte entweder beide Ellbogen auf den Tisch oder zog eines

seiner langen Beine zu sich auf die Bank, und doch wagte ihm keiner zu

widersprechen, denn er hatte unmenschlich viel Geld. Der dritte war ein

schöner junger Mann, der am besten tanzte weit und breit und daher den

Namen _Tanzbodenkönig_ hatte. Er war ein armer Mensch gewesen und hatte

bei einem Holzherrn als Knecht gedient; da wurde er auf einmal

steinreich; die einen sagten, er habe unter einer alten Tanne einen

Topf voll Geld gefunden, die andern behaupteten, er habe unweit Bingen

im Rhein mit der Stechstange, womit die Flözer zuweilen nach den

Fischen stechen, einen Pack mit Goldstücken heraufgefischt, und der

Pack gehöre zu dem großen Nibelungenhort, der dort vergraben liegt;

kurz, er war auf einmal reich geworden und wurde von jung und alt

angesehen wie ein Prinz.

An diese drei Männer dachte Kohlenmunk-Peter oft, wenn er einsam im

Tannenwald saß. Zwar hatten alle drei einen Hauptfehler, der sie bei

den Leuten verhaßt machte, es war dies ihr unmenschlicher Geiz, ihre

Gefühllosigkeit gegen Schuldner und Arme; denn die Schwarzwälder sind

ein gutmütiges Völklein; aber man weiß, wie es mit solchen Dingen geht;

waren sie auch wegen ihres Geizes verhaßt, so standen sie doch wegen

ihres Geldes in Ansehen; denn wer konnte Taler wegwerfen wie sie, als

ob man das Geld von den Tannen schüttelte?

„So geht es nicht mehr weiter“, sagte Peter eines Tages schmerzlich

betrübt zu sich, denn tags zuvor war Feiertag gewesen und alles Volk in

der Schenke, „wenn ich nicht bald auf den grünen Zweig komme, so tu ich

mir etwas zuleid; wär’ich doch nur so angesehen und reich wie der dicke

Ezechiel oder so kühn und so gewaltig wie der lange Schlurker oder so

berühmt und könnte den Musikanten Taler statt Kreuzer zuwerfen wie der

_Tanzbodenkönig_! Wo nur der Bursche das Geld her hat?“ Allerlei Mittel

ging er durch, wie man sich Geld erwerben könne, aber keines wollte ihm

gefallen; endlich fielen ihm auch die Sagen von Leuten ein, die vor

alten Zeiten durch den Holländer-Michel und durch das Glasmännlein

reich geworden waren. Solang’ sein Vater noch lebte, kamen oft andere

arme Leute zu Besuch, und da wurde oft lang und breit von reichen

Menschen gesprochen, und wie sie reich geworden; da spielte nun oft das

Glasmännlein eine Rolle; ja, wenn er recht nachsann, konnte er sich

beinahe noch des Versleins erinnern, das man am Tannenbühl in der Mitte

des Waldes sprechen mußte, wenn es erscheinen sollte. Es fing an:

„Schatzhauser im grünen Tannenwald,

Bist schon viel hundert Jahre alt,

Dir gehört all Land, wo Tannen stehn—“

Aber er mochte sein Gedächtnis anstrengen, wie er wollte, weiter konnte

er sich keines Verses mehr entsinnen. Er dachte oft, ob er nicht diesen

oder jenen alten Mann fragen sollte, wie das Sprüchlein heiße; aber

immer hielt ihn eine gewisse Scheu, seine Gedanken zu verraten, ab,

auch schloß er, es müsse die Sage vom Glasmännlein nicht sehr bekannt

sein und den Spruch müssen nur wenige wissen; denn es gab nicht viele

reiche Leute im Wald, und—warum hatten denn nicht sein Vater und die

andern armen Leute ihr Glück versucht? Er brachte endlich einmal seine

Mutter auf das Männlein zu sprechen, und diese erzählte ihm, was er

schon wußte, kannte auch nur noch die erste Zeile von dem Spruch und

sagte ihm endlich, nur Leuten, die an einem Sonntag zwischen elf und

zwei Uhr geboren seien, zeige sich das Geistchen. Er selbst würde wohl

dazu passen, wenn er nur das Sprüchlein wüßte; denn er sei Sonntags

mittags zwölf Uhr geboren.

Als dies der Kohlenmunk-Peter hörte, war er vor Freude und vor

Begierde, dies Abenteuer zu unternehmen, beinahe außer sich. Es schien

ihm hinlänglich, einen Teil des Sprüchleins zu wissen und am Sonntag

geboren zu sein, und Glasmännlein mußten sich ihm zeigen. Als er daher

eines Tages seine Kohlen verkauft hatte, zündete er keinen neuen Meiler

an, sondern zog seines Vaters Staatswams und neue rote Strümpfe an,

setzte den Sonntagshut auf, faßte seinen fünf Fuß hohen

Schwarzdornstock in die Hand und nahm von der Mutter Abschied: „Ich muß

aufs Amt in die Stadt, denn wir werden bald spielen müssen, wer Soldat

wird, und da will ich dem Amtmann nur noch einmal einschärfen, daß Ihr

Witwe seid und ich Euer einziger Sohn.“ Die Mutter lobte seinen

Entschluß, er aber machte sich auf nach dem Tannenbühl. Der Tannenbühl

liegt auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes, und auf zwei Stunden im

Umkreis stand damals kein Dorf, ja nicht einmal eine Hütte; denn die

abergläubischen Leute meinten, es sei dort unsicher. Man schlug auch,

so hoch und prachtvoll dort die Tannen standen, ungern Holz in jenem

Revier; denn oft waren den Holzhauern, wenn sie dort arbeiteten, die

Äxte vom Stiel gesprungen und in den Fuß gefahren, oder die Bäume waren

schnell umgestürzt und hatten die Männer mit umgerissen und beschädigt

oder gar getötet; auch hätte man die schönsten Bäume von dorther nur zu

Brennholz brauchen können, denn die Floßherren nahmen nie einen Stamm

aus dem Tannenbühl unter ein Floß auf, weil die Sage ging, daß Mann und

Holz verunglücke, wenn ein Tannenbühler mit im Wasser sei. Daher kam

es, daß im Tannenbühl die Bäume so dicht und so hoch standen, daß es am

hellen Tag beinahe Nacht war, und Peter Munk wurde es ganz schaurig

dort zumute; denn er hörte keine Stimme, keinen Tritt als den seinigen,

keine Axt; selbst die Vögel schienen diese dichte Tannennacht zu

vermeiden.

Kohlenmunk-Peter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls

erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein

holländischer Schiffsherr an Ort und Stelle viele hundert Gulden

gegeben hätte. „Hier“, dachte er, „wird wohl der Schatzhauser wohnen“,

zog seinen großen Sonntagshut, machte vor dem Baum eine tiefe

Verbeugung, räusperte sich und sprach mit zitternder Stimme: „Wünsche

glückseligen Abend, Herr Glasmann.“ Aber es erfolgte keine Antwort, und

alles umher war so still wie zuvor. „Vielleicht muß ich doch das

Verslein sprechen“, dachte er weiter und murmelte:

Märchen-Almanach auf das Jahr 1828 · 第 2 / 13 段