Märchen-Almanach auf das Jahr 1828
Wilhelm Hauff
Inhalt
Das Wirtshaus im Spessart (Rahmenerzählung)
Die Sage vom Hirschgulden
Das kalte Herz I
Saids Schicksale
Die Höhle von Steenfoll—Eine schottländische Sage
Das kalte Herz II
Das Wirtshaus im Spessart
Vor vielen Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht so
häufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Burschen durch diesen
Wald. Der eine mochte achtzehn Jahre alt sein und war ein
Zirkelschmied, der andere, ein Goldarbeiter, konnte nach seinem
Aussehen kaum sechzehn Jahre haben und tat wohl jetzt eben seine erste
Reise in die Welt. Der Abend war schon heraufgekommen, und die Schatten
der riesengroßen Fichten und Buchen verfinsterten den schmalen Weg, auf
dem die beiden wanderten. Der Zirkelschmied schritt wacker vorwärts und
pfiff ein Lied, schwatzte auch zuweilen mit Munter, seinem Hund, und
schien sich nicht viel darum zu kümmern, daß die Nacht nicht mehr fern,
desto ferner aber die nächste Herberge sei; aber Felix, der
Goldarbeiter, sah sich oft ängstlich um. Wenn der Wind durch die Bäume
rauschte, so war es ihm, als höre er Tritte hinter sich; wenn das
Gesträuch am Wege hin und her wankte und sich teilte, glaubte er
Gesichter hinter den Büschen lauern zu sehen.
Der junge Goldschmied war sonst nicht abergläubisch oder mutlos. In
Würzburg, wo er gelernt hatte, galt er unter seinen Kameraden für einen
unerschrockenen Burschen, dem das Herz am rechten Fleck sitze; aber
heute war ihm doch sonderbar zumute. Man hatte ihm vom Spessart so
mancherlei erzählt; eine große Räuberbande sollte dort ihr Wesen
treiben, viele Reisende waren in den letzten Wochen geplündert worden,
ja man sprach sogar von einigen greulichen Mordgeschichten, die vor
nicht langer Zeit dort vorgefallen seien. Da war ihm nun doch etwas
bange für sein Leben, denn sie waren ja nur zu zweit und konnten gegen
bewaffnete Räuber gar wenig ausrichten. Oft gereute es ihn, daß er dem
Zirkelschmied gefolgt war, noch eine Station zu gehen, statt am Eingang
des Waldes über Nacht zu bleiben.
„Und wenn ich heute nacht totgeschlagen werde und um Leben und alles
komme, was ich bei mir habe, so ist’s nur deine Schuld, Zirkelschmied;
denn du hast mich in den schrecklichen Wald hereingeschwätzt.“
„Sei kein Hasenfuß“, erwiderte der andere, „ein rechter
Handwerksbursche soll sich eigentlich gar nicht fürchten. Und was
meinst du denn? Meinst du, die Herren Räuber im Spessart werden uns die
Ehre antun, uns zu überfallen und totzuschlagen? Warum sollten sie sich
diese Mühe geben? Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich im Ranzen
habe, oder wegen des Zehrpfennigs von einem Taler? Da muß man schon mit
Vieren fahren, in Gold und Seide gekleidet sein, wenn sie es der Mühe
wert finden, einen totzuschlagen.“
„Halt! Hörst du nicht etwas pfeifen im Wald?“ rief Felix ängstlich.
„Das war der Wind, der um die Bäume pfeift, geh nur rasch vorwärts,
lange kann es nicht mehr dauern.“
„Ja, du hast gut reden wegen des Totschlagens“, fuhr der Goldarbeiter
fort. „Dich fragen sie, was du hast, durchsuchen dich und nehmen dir
allenfalls den Sonntagsrock und den Gulden und dreißig Kreuzer; aber
mich, mich schlagen sie gleich anfangs tot, nur weil ich Gold und
Geschmeide mit mir führe. „
„Ei, warum sollten sie dich totschlagen deswegen? Kämen jetzt vier oder
fünf dort aus dem Busch mit geladenen Büchsen, die sie auf uns
anlegten, und fragten ganz höflich: „Ihr Herren, was habt ihr bei
euch?“ und „Machet es euch bequem, wir wollen’s euch tragen helfen“,
und was dergleichen anmutige Redensarten sind; da wärest du wohl kein
Tor, machtest dein Ränzchen auf und legtest die gelbe Weste, den blauen
Rock, zwei Hemden und alle Halsbänder und Armbänder und Kämme, und was
du sonst noch hast, höflich auf die Erde und bedanktest dich fürs
Leben, das sie dir schenkten.“
„So, meinst du“, entgegnete Felix sehr eifrig, „den Schmuck für meine
Frau Pate, die vornehme Gräfin, soll ich hergeben? Eher mein Leben;
eher laß ich mich in kleine Stücke zerschneiden. Hat sie nicht
Mutterstelle an mir vertreten und seit meinem zehnten Jahr mich
aufziehen lassen? Hat sie nicht die Lehre für mich bezahlt und Kleider
und alles? Und jetzt, da ich sie besuchen darf und etwas mitbringe von
meiner eigenen Arbeit, das sie beim Meister bestellt hat, jetzt, da ich
ihr an dem schönen Geschmeide zeigen könnte, was ich gelernt habe,
jetzt soll ich das alles hergeben und die gelbe Weste dazu, die ich
auch von ihr habe? Nein, lieber sterben, als daß ich den schlechten
Menschen meiner Frau Pate Geschmeide gebe!“
„Sei kein Narr!“ rief der Zirkelschmied. „Wenn sie dich totschlagen,
bekommt die Frau Gräfin den Schmuck dennoch nicht. Drum ist es besser,
du gibst ihn her und erhältst dein Leben.“
Felix antwortete nicht; die Nacht war jetzt ganz heraufgekommen, und
bei dem ungewissen Schein des Neumonds konnte man kaum auf fünf
Schritte vor sich sehen; er wurde immer ängstlicher, hielt sich näher
an seinen Kameraden und war mit sich uneinig, ob er seine Reden und
Beweise billigen sollte oder nicht. Noch eine Stunde beinahe waren sie
fortgegangen, da erblickten sie in der Ferne ein Licht. Der junge
Goldschmied meinte aber, man dürfe nicht trauen, vielleicht könnte es
ein Räuberhaus sein, aber der Zirkelschmied belehrte ihn, daß die
Räuber ihre Häuser oder Höhlen unter der Erde haben, und dies müsse das
Wirtshaus sein, das ihnen ein Mann am Eingang des Waldes beschrieben.
Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Karren stand davor, und
nebenan im Stalle hörte man Pferde wiehern. Der Zirkelschmied winkte
seinen Gesellen an ein Fenster, dessen Laden geöffnet waren. Sie
konnten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, die Stube übersehen. Am
Ofen in einem Armstuhl schlief ein Mann, der seiner Kleidung nach ein
Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der Türe sein konnte.
An der andern Seite des Ofens saßen ein Weib und ein Mädchen und
spannen; hinter dem Tisch an der Wand saß ein Mensch, der ein Glas Wein
vor sich, den Kopf in die Hände gestützt hatte, so daß sie sein Gesicht
nicht sehen konnten. Der Zirkelschmied aber wollte aus seiner Kleidung
bemerken, daß es ein vornehmer Herr sein müsse.
Als sie so noch auf der Lauer standen, schlug ein Hund im Hause an.
Munter, des Zirkelschmieds Hund, antwortete, und eine Magd erschien in
der Türe und schaute nach den Fremden heraus.
Man versprach, ihnen Nachtessen und Betten geben zu können; sie traten
ein und legten die schweren Bündel, Stock und Hut in die Ecke und
setzten sich zu dem Herrn am Tische. Dieser richtete sich bei ihrem
Gruße auf, und sie erblickten einen feinen jungen Mann, der ihnen
freundlich für ihren Gruß dankte.
„Ihr seid spät auf der Bahn“, sagte er, „habt Ihr Euch nicht
gefürchtet, in so dunkler Nacht durch den Spessart zu reisen? Ich für
meinen Teil habe lieber mein Pferd in dieser Schenke eingestellt, als
daß ich nur noch eine Stunde geritten wäre.“
„Da habt Ihr allerdings recht gehabt, Herr!“ erwiderte der
Zirkelschmied. „Der Hufschlag eines schönen Pferdes ist Musik in den
Ohren dieses Gesindels und lockt sie auf eine Stunde weit; aber wenn
ein paar arme Burschen wie wir durch den Wald schleichen, Leute,
welchen die Räuber eher selbst etwas schenken könnten, da heben sie
keinen Fuß auf!“
„Das ist wohl wahr“, entgegnete der Fuhrmann, der, durch die Ankunft
der Fremden erweckt, auch an den Tisch getreten war, „einem armen Mann
können sie nicht viel anhaben seines Geldes willen; aber man hat
Beispiele, daß sie arme Leute nur aus Mordlust niederstießen oder sie
zwangen, unter die Bande zu treten und als Räuber zu dienen.“
„Nun, wenn es so aussieht mit diesen Leuten im Wald“, bemerkte der
junge Goldschmied, „so wird uns wahrhaftig auch dieses Haus wenig
Schutz gewähren. Wir sind nur zu viert und mit dem Hausknecht fünf;
wenn es ihnen einfällt, zu zehnt uns zu überfallen, was können wir
gegen sie? Und überdies“, setzte er leise und flüsternd hinzu, „wer
steht uns dafür, daß diese Wirtsleute ehrlich sind?“
„Da hat es gute Wege“, erwiderte der Fuhrmann. „Ich kenne diese
Wirtschaft seit mehr als zehn Jahren und habe nie etwas Unrechtes darin
verspürt. Der Mann ist selten zu Hause, man sagt, er treibe Weinhandel;
die Frau aber ist eine stille Frau, die niemand Böses will; nein,
dieser tut Ihr unrecht, Herr!“
„Und doch“, nahm der junge vornehme Herr das Wort, „doch möchte ich
nicht so ganz verwerfen, was er gesagt. Erinnert Euch an die Gerüchte
von jenen Leuten, die in diesem Wald auf einmal spurlos verschwunden
sind. Mehrere davon hatten vorher gesagt, sie würden in diesem
Wirtshaus übernachten, und als man nach zwei oder drei Wochen nichts
von ihnen vernahm, ihrem Weg nachforschte und auch hier im Wirtshaus
nachfragte, da soll nun keiner gesehen worden sein; verdächtig ist es
doch.“
„Weiß Gott“, rief der Zirkelschmied, „da handelten wir ja vernünftiger,
wenn wir unter dem nächsten Baum unser Nachtlager nähmen als hier in
diesen vier Wänden, wo an kein Entspringen zu denken ist, wenn sie
einmal die Türe besetzt haben; denn die Fenster sind vergittert.“
Sie waren alle durch diese Reden nachdenklich geworden. Es schien gar
nicht unwahrscheinlich, daß die Schenke im Wald, sei es gezwungen oder
freiwillig, im Einverständnis mit den Räubern war. Die Nacht schien
ihnen daher gefährlich; denn wie manche Sage hatten sie gehört von
Wanderern, die man im Schlaf überfallen und gemordet hatte; und sollte
es auch nicht an ihr Leben gehen, so war doch ein Teil der Gäste in der
Waldschenke von so beschränkten Mitteln, daß ihnen ein Raub an einem
Teil ihrer Habe sehr empfindlich gewesen wäre. Sie schauten
verdrießlich und düster in ihre Gläser. Der junge Herr wünschte, auf
seinem Roß durch ein sicheres, offenes Tal zu traben, der Zirkelschmied
wünschte sich zwölf seiner handfesten Kameraden, mit Knütteln
bewaffnet, als Leibgarde, Felix, der Goldarbeiter, trug bange mehr um
den Schmuck seiner Wohltäterin als um sein Leben; der Fuhrmann aber,
der einigemal den Rauch seiner Pfeife nachdenklich vor sich
hingeblasen, sprach leise: „Ihr Herren, im Schlaf wenigstens sollen sie
uns nicht überfallen. Ich für meinen Teil will, wenn nur noch einer mit
mir hält, die ganze Nacht wach bleiben.“
„Das will ich auch“—„ich auch“, riefen die drei übrigen; „schlafen
könnte ich doch nicht“, setzte der junge Herr hinzu.
„Nun, so wollen wir etwas treiben, daß wir wach bleiben“, sagte der
Fuhrmann, „ich denke, weil wir doch gerade zu viert sind, könnten wir
Karten spielen, das hält wach und vertreibt die Zeit.“
„Ich spiele niemals Karten“, erwiderte der junge Herr, „darum kann ich
wenigstens nicht mithalten.“
„Und ich kenne die Karten gar nicht“, setzte Felix hinzu.
„Was können wir denn aber anfangen, wenn wir nicht spielen“, sprach der
Zirkelschmied, „singen? Das geht nicht und würde nur das Gesindel
herbeilocken; einander Rätsel und Sprüche aufgeben zum Erraten? Das
dauert auch nicht lange. Wißt ihr was? Wie wäre es, wenn wir uns etwas
erzählten? Lustig oder ernsthaft, wahr oder erdacht, es hält doch wach
und vertreibt die Zeit so gut wie Kartenspiel.“
„Ich bin’s zufrieden, wenn Ihr anfangen wolltet“, sagte der junge Herr
lächelnd. „Ihr Herren vom Handwerk kommt in allen Ländern herum und
könnet schon etwas erzählen; hat doch jede Stadt ihre eigenen Sagen und
Geschichten.“
„Ja, ja, man hört Manches“, erwiderte der Zirkelschmied, „dafür
studieren Herren wie Ihr fleißig in den Büchern, wo gar wundervolle
Sachen geschrieben stehen; da wüßtet Ihr noch Klügeres und Schöneres zu
erzählen als ein schlichter Handwerksbursche wie unsereiner. Mich müßte
alles trügen, oder Ihr seid ein Student, ein Gelehrter.“
„Ein Gelehrter nicht“, lächelte der junge Herr, „wohl aber ein Student
und will in den Ferien nach der Heimat reisen; doch was in unsern
Büchern steht, eignet sich weniger zum Erzählen, als was Ihr hier und
dort gehöret. Darum hebet immer an, wenn anders diese da gerne
zuhören!“
„Noch höher als Kartenspiel“, erwiderte der Fuhrmann, „gilt bei mir,
wenn einer eine schöne Geschichte erzählt. Oft fahre ich auf der
Landstraße lieber im elendesten Schritt und höre einem zu, der
nebenhergeht und etwas Schönes erzählt; manchen habe ich schon im
schlechten Wetter auf den Karren genommen, unter der Bedingung, daß er
etwas erzähle, und einen Kameraden von mir habe ich, glaube ich, nur
deswegen so lieb, weil er Geschichten weiß, die sieben Stunden lang und
länger dauern.“
„So geht es auch mir“, setzte der junge Goldarbeiter hinzu, „erzählen
höre ich für mein Leben gerne, und mein Meister in Würzburg mußte mir
die Bücher ordentlich verbieten, daß ich nicht zuviel Geschichten las
und die Arbeit darüber vernachlässigte. Darum gib nur etwas Schönes
preis, Zirkelschmied, ich weiß, du könntest erzählen von jetzt an, bis
es Tag wird, ehe dein Vorrat ausginge.“
Der Zirkelschmied trank, um sich zu seinem Vortrag zu stärken, und hub
alsdann also an:
Die Sage vom Hirschgulden
In Oberschwaben stehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die einst
die stattlichste der Gegend war, Hohenzollern. Sie erhebt sich auf
einem runden, steilen Berg, und von ihrer schroffen Höhe sieht man weit
und frei ins Land. So weit und noch viel weiter, als man diese Burg im
Land umher sehen kann, ward das tapfere Geschlecht der Zollern
gefürchtet, und ihren Namen kannte und ehrte man in allen deutschen
Landen. Nun lebte vor vielen hundert Jahren, ich glaube, das
Schießpulver war noch nicht einmal erfunden, auf dieser Feste ein
Zollern, der von Natur ein sonderbarer Mensch war. Man konnte nicht
sagen, daß er seine Untertanen hart gedrückt oder mit seinen Nachbarn
in Fehde gelebt hätte, aber dennoch traute ihm niemand über den Weg ob
seinem finsteren Auge, seiner krausen Stirne und seinem einsilbigen,
mürrischen Wesen. Es gab wenige Leute außer dem Schloßgesinde, die ihn
je hatten ordentlich sprechen hören wie andere Menschen, denn wenn er
durch das Tal ritt, einer ihm begegnete und schnell die Mütze abnahm,
sich hinstellte und sagte: „Guten Abend, Herr Graf, heute ist es schön
Wetter“, so antwortete er „dummes Zeug“, oder „weiß schon“. Hatte aber
einer etwas nicht recht gemacht für ihn oder seine Rosse, begegnete ihm
ein Bauer im Hohlweg mit dem Karren, daß er auf seinem Rappen nicht
schnell genug vorüberkommen konnte, so entlud sich sein Ingrimm in
einem Donner von Flüchen; doch hat man nie gehört, daß er bei solchen
Gelegenheiten einen Bauern geschlagen hätte. In der Gegend aber hieß
man ihn „das böse Wetter von Zollern“.
„Das böse Wetter von Zollern“ hatte eine Frau, die der Widerpart von
ihm und so mild und freundlich war wie ein Maitag. Oft hatte sie Leute,
die ihr Eheherr durch harte Reden beleidigt hatte, durch freundliche
Worte und ihre gütigen Blicke wieder mit ihm ausgesöhnt; den Armen aber
tat sie Gutes, wo sie konnte, und ließ es sich nicht verdrießen, sogar
im heißen Sommer oder im schrecklichsten Schneegestöber den steilen
Berg herabzugehen, um arme Leute oder kranke Kinder zu besuchen.
Begegnete ihr auf solchen Wegen der Graf, so sagte er mürrisch: „Weiß
schon, dummes Zeug“.
Manch andere Frau hätte dieses mürrische Wesen abgeschreckt oder
eingeschüchtert; die eine hätte gedacht, was gehen mich die armen Leute
an, wenn mein Herr sie für dummes Zeug hält; die andere hätte
vielleicht aus Stolz oder Unmut die Liebe gegen einen so mürrischen
Gemahl erkalten lassen; doch nicht also Frau Hedwig von Zollern. Die
liebte ihn nach wie vor, suchte mit ihrer schönen weißen Hand die
Falten von seiner braunen Stirn zu streichen und liebte und ehrte ihn;
als aber nach Jahr und Tag der Himmel ein junges Gräflein zum Angebinde
bescherte, liebte sie ihren Gatten nicht minder, indem sie ihrem
Söhnlein dennoch alle Pflichten einer zärtlichen Mutter erzeigte. Drei
Jahre lang vergingen, und der Graf von Zollern sah seinen Sohn nur alle
Sonntage nach Tische, wo er ihm von der Amme dargereicht wurde. Er
blickte ihn dann unverwandt an, brummte etwas in den Bart und gab ihn
der Amme zurück. Als jedoch der Kleine „Vater“ sagen konnte, schenkte
der Graf der Amme einen Gulden—dem Kinde machte er kein fröhlicher
Gesicht.
An seinem dritten Geburtstag aber ließ der Graf seinem Sohn die ersten
Höslein anziehen und kleidete ihn prächtig in Samt und Seide; dann
befahl er, seinen Rappen und ein anderes schönes Pferd vorzufahren,
nahm den Kleinen auf den Arm und fing an, mit klirrenden Sporen die
Wendeltreppe hinabzusteigen. Frau Hedwig erstaunte, als sie dies sah.
Sie war sonst gewohnt, nicht zu fragen, wo aus und wann heim, wenn er
ausritt; aber diesmal öffnete die Sorge um ihr Kind ihre Lippen.
„Wollet Ihr ausreiten, Herr Graf?“ sprach sie.—Er gab keine Antwort.
„Wozu denn den Kleinen?“ fragte sie weiter. „Kuno wird mit mir
spazierengehen.“
„Weiß schon“, entgegnete das böse Wetter von Zollern und ging weiter;
und als er im Hof stand, nahm er den Knaben bei einem Füßlein, hob ihn
schnell in den Sattel, band ihn mit einem Tuch fest, schwang sich
selbst auf den Rappen und trabte zum Burgtore hinaus, indem er den
Zügel vom Rosse seines Söhnleins in die Hand nahm.
Dem Kleinen schien es anfangs großes Vergnügen zu gewähren, mit dem
Vater den Berg hinabzureiten. Er klopfte in die Hände, er lachte und
schüttelte sein Rößlein an den Mähnen, damit es schneller laufen
sollte, und der Graf hatte seine Freude daran, rief auch einigemal:
„Kannst ein wackerer Bursche werden!“
Als sie aber in die Ebene angekommen waren und der Graf statt Schritt
Trab anschlug, da vergingen dem Kleinen die Sinne; er bat anfangs ganz
bescheiden, sein Vater möchte langsamer reiten, als es aber immer
schneller ging und der heftige Wind dem armen Kuno beinahe den Atem
nahm, da fing er an, still zu weinen, wurde immer ungeduldiger und
schrie am Ende aus Leibeskräften.
„Weiß schon, dummes Zeug!“ fing jetzt sein Vater an. „Heult der Junge
beim ersten Ritt; schweig oder—“ Doch den Augenblick, als er mit einem
Fluche sein Söhnlein aufmuntern wollte, bäumte sich sein Roß; der Zügel
des andern entfiel seiner Hand, er arbeitete sich ab, Meister seines
Tieres zu werden, und als er es zur Ruhe gebracht hatte und sich
ängstlich nach seinem Kind umsah, erblickte er dessen Pferd, wie es
ledig und ohne den kleinen Reiter der Burg zulief.
So ein harter, finsterer Mann der Graf von Zollern sonst war, so
überwand doch dieser Anblick sein Herz; er glaubte nicht anders, als
sein Kind liege zerschmettert am Weg; er raufte sich den Bart und
jammerte. Aber nirgends, so weit er zurückritt, sah er eine Spur von
dem Knaben; schon stellte er sich vor, das scheu gewordene Roß habe ihn
in einen Wassergraben geschleudert, der neben dem Wege lag. Da hörte er
von einer Kinderstimme hinter sich seinen Namen rufen, und als er sich
flugs umwandte—sieh, da saß ein altes Weib unweit der Straße unter
einem Baum und wiegte den Kleinen auf ihren Knien.
„Wie kommst du zu dem Knaben, alte Hexe?“ schrie der Graf in großem
Zorn, „sogleich bringe ihn heran zu mir!“
„Nicht so rasch, nicht so rasch, Euer Gnaden!“ lachte die alte,
häßliche Frau. „Könntet sonst auch ein Unglück nehmen auf Eurem stolzen
Roß! Wie ich zu dem Junkerlein kam, fraget Ihr? Nun, sein Pferd ging
durch, und er hing nur noch mit einem Füßchen angebunden, und das Haar
streifte fast am Boden; da habe ich ihn aufgefangen in meiner Schürze.“
„Weiß schon!“ rief der Herr von Zollern unmutig, „gib ihn jetzt her;
ich kann nicht wohl absteigen; das Roß ist wild und könnte ihn
schlagen.“
„Schenket mir einen Hirschgulden!“ erwiderte die Frau, demütig bittend.
„Dummes Zeug!“ schrie der Graf und warf ihr einige Pfennige unter den
Baum.
„Nein, einen Hirschgulden könnte ich gut brauchen“, fuhr sie fort.
„Was, Hirschgulden! Bist selbst keinen Hirschgulden wert“, eiferte der
Graf. „Schnell das Kind her, oder ich hetze die Hunde auf dich!“
„So? Bin ich keinen Hirschgulden wert“, antwortete jene mit höhnischem
Lächeln, „na, man wird ja sehen, was von Eurem Erbe einen Hirschgulden
wert ist; aber da, die Pfennige behaltet für Euch!“ Indem sie dies
sagte, warf sie die drei kleinen Kupferstücke dem Grafen zu, und so gut
konnte die Alte werfen, daß alle drei ganz gerade in den kleinen
Lederbeutel fielen, den der Graf noch in der Hand hielt.
Der Graf wußte einige Minuten vor Staunen über diese wunderbare
Geschicklichkeit kein Wort hervorzubringen; endlich aber löste sich
sein Staunen in Wut auf. Er faßte seine Büchse, spannte den Hahn und
zielte dann auf die Alte. Diese herzte und küßte ganz ruhig den kleinen
Grafen, indem sie ihn so vor sich hin hielt, daß ihn die Kugel zuerst
hätte treffen müssen. „Bist ein guter, frommer Junge“, sprach sie,
„bleibe nur so, und es wird dir nicht fehlen.“ Dann ließ sie ihn los,
dräute dem Grafen mit dem Finger: „Zollern, Zollern, den Hirschgulden
bleibt Ihr mir noch schuldig“, rief sie und schlich, unbekümmert um die
Schimpfworte des Grafen, an einem Buchsbaumstäbchen in den Wald.
Konrad, der Knappe, aber stieg zitternd von seinem Roß, hob das
Herrlein in den Sattel, schwang sich hinter ihm auf und ritt seinem
Gebieter nach, den Schloßberg hinauf.
Es war dies das erste- und letztemal gewesen, daß das böse Wetter von
Zollern sein Söhnlein mitnahm zum Spazierenreiten; denn er hielt ihn,
weil er geweint und geschrien, als die Pferde im Trab gingen, für einen
weichlichen Jungen, aus dem nicht viel Gutes zu machen sei, sah ihn nur
mit Unlust an, und so oft der Knabe, der seinen Vater herzlich liebte,
schmeichelnd und freundlich zu seinen Knien kam, winkte er ihm,
fortzugehen und rief: „Weiß schon, dummes Zeug!“ Frau Hedwig hatte alle
bösen Launen ihres Gemahls gerne getragen; aber dieses unfreundliche
Benehmen gegen das unschuldige Kind kränkte sie tief; sie erkrankte
mehrere Male aus Schrecken, wenn der finstere Graf den Kleinen wegen
irgendeines geringen Fehlers hart abgestraft hatte, und starb endlich
in ihren besten Jahren, von ihrem Gesinde und der ganzen Umgegend, am
schmerzlichsten aber von ihrem Sohn, beweint.
Von jetzt an wandte sich der Sinn des Grafen nur noch mehr von dem
Kleinen ab; er gab ihn seiner Amme und dem Hauskaplan zur Erziehung und
sah nicht viel nach ihm um, besonders, da er bald darauf wieder ein
reiches Fräulein heiratete, die ihm nach Jahresfrist Zwillinge, zwei
junge Gräflein, schenkte.
Kunos liebster Spaziergang war zu dem alten Weiblein, die ihm einst das
Leben gerettet hatte. Sie erzählte ihm immer vieles von seiner
verstorbenen Mutter, und wieviel Gutes diese an ihr getan habe. Die
Knechte und Mägde warnten ihn oft, er solle nicht soviel zu der Frau
Feldheimerin, so hieß die Alte, gehen, weil sie nichts mehr und nichts
weniger als eine Hexe sei, aber der Kleine fürchtete sich nicht, denn
der Schloßkaplan hatte ihn gelehrt, daß es keine Hexen gebe, und daß
die Sage, daß gewisse Frauen zaubern können und auf der Ofengabel durch
die Luft und auf den Brocken reiten, erlogen sei. Zwar sah er bei der
Frau Feldheimerin allerlei Dinge, die er nicht begreifen konnte; des
Kunststückchens mit den drei Pfennigen, die sie seinem Vater so
geschickt in den Beutel geworfen, erinnerte er sich noch ganz wohl,
auch konnte sie allerhand künstliche Salben und Tränklein bereiten,
womit sie Menschen und Vieh heilte, aber das war nicht wahr, was man
ihr nachsagte, daß sie eine Wetterpfanne habe, und wenn sie diese über
das Feuer hänge, komme ein schreckliches Donnerwetter. Sie lehrte den
kleinen Grafen mancherlei, was ihm nützlich war, zum Beispiel allerlei
Mittel für kranke Pferde, einen Trank gegen die Hundswut, eine
Lockspeise für Fische und viele andere nützliche Sachen. Die Frau
Feldheimerin war auch bald seine einzige Gesellschaft, denn seine Amme
starb, und seine Stiefmutter kümmerte sich nicht um ihn.
Als seine Brüder nach und nach heranwuchsen, hatte Kuno ein noch
traurigeres Leben als zuvor, sie hatten das Glück, beim ersten Ritt
nicht vom Pferd zu stürzen, und das böse Wetter von Zollern hielt sie
daher für ganz vernünftige und taugliche Jungen, liebte sie
ausschließlich, ritt alle Tage mit ihnen aus und lehrte sie alles, was
er selbst verstand. Da lernten sie aber nicht viel Gutes; Lesen und
Schreiben konnte er selbst nicht, und seine beiden trefflichen Söhne
sollten sich auch nicht die Zeit damit verderben; aber schon in ihrem
zehnten Jahre konnten sie so gräßlich fluchen wie ihr Vater, fingen mit
jedem Händel an, vertrugen sich unter sich selbst so schlecht wie ein
Hund und Kater, und nur wenn sie gegen Kuno einen Streich verüben
wollten, verbanden sie sich und wurden Freunde.
Ihrer Mutter machte dies nicht viel Kummer; denn sie hielt es für
gesund und kräftig, wenn sich die Jungen balgten, aber dem alten Grafen
sagte es eines Tags ein Diener, und der antwortete zwar: „Weiß schon,
dummes Zeug!“, nahm sich aber dennoch vor, für die Zukunft auf ein
Mittel zu sinnen, daß sich seine Söhne nicht gegenseitig totschlugen;
denn die Drohung der Frau Feldheimerin, die er in seinem Herzen für
eine ausgemachte Hexe hielt: „Na, man wird ja sehen, was von Eurem Erbe
einen Hirschgulden wert ist“—lag ihm noch immer in seinem Sinn.
Eines Tages, da er in der Umgegend seines Schlosses jagte, fielen ihm
zwei Berge ins Auge, die ihrer Form wegen wie zu Schlössern geschaffen
schienen, und sogleich beschloß er auch, dort zu bauen. Er baute auf
dem einen das Schloß Schalksberg, das er nach dem kleinern der
Zwillinge so nannte, weil dieser wegen allerlei böser Streiche längst
von ihm den Namen _„kleiner Schalk“_ erhalten hatte, das andere Schloß,
das er baute, wollte er anfänglich Hirschguldenberg nennen, um die Hexe
zu verhöhnen, weil sie sein Erbe nicht einmal eines Hirschguldens wert
achtete; er ließ es aber bei dem einfacheren Hirschberg bewenden, und
so heißen die beiden Berge noch bis auf den heutigen Tag, und wer die
Alb bereist, kann sie sich zeigen lassen.
Das böse Wetter von Zollern hatte anfänglich im Sinn, seinem ältesten
Sohn Zollern, dem _kleinen Schalk_ Schalksberg und dem andern
Hirschberg im Testament zu vermachen; aber seine Frau ruhte nicht eher,
bis er es änderte. „Der dumme Kuno“, so nannte diese den armen Knaben,
weil er nicht so wild und ausgelassen war wie ihre Söhne, „der dumme
Kuno ist ohnedies reich genug durch das, was er von seiner Mutter
erbte, und er soll auch noch das schöne, reiche Zollern haben? Und
meine Söhne sollen nichts bekommen als jeder eine Burg, zu welcher
nichts gehört als Wald?“
Vergebens stellte ihr der Graf vor, daß man Kuno billigerweise das
Erstgeburtsrecht nicht rauben dürfe, sie weinte und zankte so lange,
bis das böse Wetter, das sonst niemand sich fügte, des lieben Friedens
willen nachgab und im Testament dem kleinen Schalk Schalksberg, Wolf,
dem größeren Zwillingsbruder, Zollern, und Kuno Hirschberg mit dem
Städtchen Balingen verschrieb.
Bald darauf, nachdem er also verfügt hatte, fiel er auch in eine
schwere Krankheit. Zu dem Arzt, der ihm sagte, daß er sterben müsse,
sagte er: „Ich weiß schon“, und dem Schloßkaplan, der ihn ermahnte,
sich zu einem frommen Ende vorzubereiten, antwortete er: „Dummes Zeug“,
und er fluchte und raste fort und starb, wie er gelebt hatte, roh und
als ein großer Sünder.
Aber sein Leichnam war noch nicht beigesetzt, so kam die Frau Gräfin
schon mit dem Testament herbei, sagte zu Kuno, ihrem Stiefsohn,
spöttisch, er möchte jetzt seine Gelehrsamkeit beweisen und selbst
nachlesen, was im Testament stehe, nämlich, daß er in Zollern nichts
mehr zu tun habe, und freute sich mit ihren Söhnen über das schöne
Vermögen und die beiden Schlösser, die sie ihm, dem Erstgeborenen,
entrissen hatten.
Kuno fügte sich ohne Murren in den Willen des Verstorbenen, aber mit
Tränen nahm er Abschied von der Burg, wo er geboren worden, wo seine
gute Mutter begraben lag und wo der gute Schloßkaplan und nahe dabei
seine einzige alte Freundin, Frau Feldheimerin, wohnte. Das Schloß
Hirschberg war zwar ein schönes, stattliches Gebäude, aber es war ihm
doch zu einsam und öde, und er wäre bald krank vor Sehnsucht nach
Hohenzollern geworden.
Die Gräfin und die Zwillingsbrüder, die jetzt achtzehn Jahre alt waren,
saßen eines Abends auf dem Söller und schauten den Schloßberg hinab; da
gewahrten sie einen stattlichen Ritter, der zu Pferde heraufritt und
dem eine prachtvolle Sänfte, von zwei Maultieren getragen, und mehrere
Knechte folgten. Sie rieten lange hin und her, wer es wohl sein möchte;
da rief endlich der kleine Schalk: „Ei, das ist niemand anders als
unser Herr Bruder von Hirschberg.“
„Der dumme Kuno?“ sprach die Frau Gräfin verwundert. „Ei, der wird uns
die Ehre antun, uns zu sich einzuladen, und die schöne Sänfte hat er
für mich mitgebracht, um mich abzuholen nach Hirschberg; nein, soviel
Güte und Lebensart hätte ich meinem Herrn Sohn, dem dummen Kuno, nicht
zugetraut; eine Höflichkeit ist der andern wert, lasset uns
hinabsteigen an das Schloßtor, ihn zu empfangen; macht auch freundliche
Gesichter, vielleicht schenkt er uns in Hirschberg etwas, dir ein Pferd
und dir einen Harnisch, und den Schmuck seiner Mutter hätte ich schon
lange gerne gehabt.“
„Geschenkt mag ich nichts von dem dummen Kuno“, antwortete Wolf, „und
ein gutes Gesicht mach’ ich ihm auch nicht. Aber unserem seligen Herrn
Vater könnte er meinetwegen bald folgen, dann würden wir Hirschberg
erben und alles, und Euch, Frau Mutter, wollten wir den Schmuck um
billigen Preis ablassen.“
„So, du Range!“ eiferte die Mutter, „abkaufen soll ich euch den
Schmuck? Ist das der Dank dafür, daß ich euch Zollern verschafft habe?
Kleiner Schalk, nicht wahr, ich soll den Schmuck umsonst haben?“
„Umsonst ist der Tod, Frau Mutter!“ erwiderte der Sohn lachend, „und
wenn es wahr ist, daß der Schmuck soviel wert ist als manches Schloß,
so werden wir wohl nicht die Toren sein, ihn Euch um den Hals zu
hängen. Sobald Kuno die Augen schließt, reiten wir hinunter, teilen ab,
und meinen Part am Schmuck verkaufe ich. Gebt Ihr dann mehr als der
Jude, Frau Mutter, so sollt Ihr ihn haben.“
Sie waren unter diesem Gespräch bis unter das Schloßtor gekommen, und
mit Mühe zwang sich die Frau Gräfin, ihren Grimm über den Schmuck zu
unterdrücken, denn soeben ritt Graf Kuno über die Zugbrücke. Als er
seiner Stiefmutter und seiner Brüder ansichtig wurde, hielt er sein
Pferd an, stieg ab und grüßte sie höflich. Denn obgleich sie ihm viel
Leids angetan, bedachte er doch, daß es seine Brüder seien und daß
diese böse Frau sein Vater geliebt hatte.
„Ei, das ist ja schön, daß der Herr Sohn uns auch besucht“, sagte die
Frau Gräfin mit süßer Stimme und huldreichem Lächeln. „Wie geht es denn
auf Hirschberg? Kann man sich dort eingewöhnen? Und gar eine Sänfte hat
man sich angeschafft? Ei, und wie prächtig, es dürfte sich keine
Kaiserin daran schämen; nun wird wohl auch die Hausfrau nicht mehr
lange fehlen, daß sie darin im Lande umherreist.“
„Habe bis jetzt noch nicht daran gedacht, gnädige Frau Mutter“,
erwiderte Kuno, „will mir deswegen andere Gesellschaft zur Unterhaltung
ins Haus nehmen und bin deswegen mit der Sänfte hierhergereist.“
„Ei, Ihr seid gar gütig und besorgt“, unterbrach ihn die Dame, indem
sie sich verneigte und lächelte.
„Denn er kommt doch nicht mehr gut zu Pferde fort“, sprach Kuno ganz
ruhig weiter, „der Pater Joseph nämlich, der Schloßkaplan. Ich will ihn
zu mir nehmen, er ist mein alter Lehrer, und wir haben es so abgemacht,
als ich Zollern verließ. Will auch unten am Berg die alte Frau
Feldheimerin mitnehmen. Lieber Gott! Sie ist jetzt steinalt und hat mir
einst das Leben gerettet, als ich zum erstenmal ausritt mit meinem
seligen Vater; habe ja Zimmer genug in Hirschberg, und dort soll sie
absterben.“ Er sprach es und ging durch den Hof, um den Pater
Schloßkaplan zu holen.
Aber der Junker Wolf biß vor Grimm die Lippen zusammen, die Frau Gräfin
wurde gelb vor Ärger, und der _„kleine Schalk“_ lachte laut auf. „Was
gebt Ihr für meinen Gaul, den ich von ihm geschenkt kriege?“ sagte er.
„Bruder Wolf, gib mir deinen Harnisch, den er dir gegeben, dafür. Ha!
ha! ha! Den Pater und die alte Hexe will er zu sich nehmen? Das ist ein
schönes Paar, da kann er nun vormittags Griechisch lernen beim Kaplan
und nachmittags Unterricht im Hexen nehmen bei der Frau Feldheimerin.
Ei, was macht doch der dumme Kuno für Streiche.“
„Er ist ein ganz gemeiner Mensch!“ erwiderte die Frau Gräfin, „und du
solltest nicht darüber lachen, kleiner Schalk; das ist eine Schande für
die ganze Familie, und man muß sich ja schämen vor der ganzen Umgegend,
wenn es heißt, der Graf von Zollern hat die alte Hexe, die
Feldheimerin, abgeholt in einer prachtvollen Sänfte und Maulesel dabei
und läßt sie bei sich wohnen. Das hat er von seiner Mutter, die war
auch immer so gemein mit Kranken und schlechtem Gesindel; ach, sein
Vater würde sich im Sarg wenden, wüßte er es.“
„Ja“, setzte der kleine Schalk hinzu, „der Vater würde noch in der
Gruft sagen: „Weiß schon, dummes Zeug“.“
„Wahrhaftig! Da kommt er mit dem alten Mann und schämt sich nicht, ihn
selbst unter dem Arm zu fahren“, rief die Frau Gräfin mit Entsetzen,
„kommt, ich will ihm nicht mehr begegnen.“
Sie entfernten sich, und Kuno geleitete seinen alten Lehrer bis an die
Brücke und half ihm selbst in die Sänfte; unten aber am Berg hielt er
vor der Hütte der Frau Feldheimerin und fand sie schon fertig, mit
einem Bündel voller Gläschen und Töpfchen und Tränklein und anderem
Geräte nebst ihrem Buchsbaumstöcklein, einzusteigen.
Es kam übrigens nicht also, wie die Frau Gräfin von Zollern in ihrem
bösen Sinn hatte voraussehen wollen. In der ganzen Umgegend wunderte
man sich nicht über Ritter Kuno. Man fand es schön und löblich, daß er
die letzten Tage der alten Frau Feldheimerin aufheitern wollte, man
pries ihn als einen frommen Herrn, weil er den alten Pater Joseph in
sein Schloß aufgenommen hatte. Die einzigen, die ihm gram waren und auf
ihn schmähten, waren seine Brüder und die Gräfin; aber nur zu ihrem
eigenen Schaden, denn man nahm allgemein ein Ärgernis an so
unnatürlichen Brüdern, und zur Wiedervergeltung ging die Sage, daß sie
mit ihrer Mutter schlecht und in beständigem Hader leben und unter sich
selbst sich alles mögliche zuleide tun. Graf Kuno von
Zollern-Hirschberg machte mehrere Versuche, seine Brüder mit sich
auszusöhnen, denn es war ihm unerträglich, wenn sie oft an seiner Feste
vorbeiritten, aber nie einsprachen, wenn sie ihm in Wald und Feld
begegneten und ihn kälter begrüßten als einen Landfremden. Aber seine
Versuche schlugen meist fehl, und er wurde noch überdies von ihnen
verhöhnt. Eines Tages fiel ihm noch ein Mittel ein, wie er vielleicht
ihre Herzen gewinnen könnte, denn er wußte, sie waren geizig und
habgierig. Es lag ein Teich zwischen den drei Schlössern, beinahe in
der Mitte, jedoch so, daß er noch in Kunos Revier gehörte. In diesem
Teich befanden sich aber die besten Hechte und Karpfen der ganzen
Umgegend, und es war für die Brüder, die gerne fischten, ein nicht
geringer Verdruß, daß ihr Vater vergessen hatte, den Teich auf ihr Teil
zu schreiben. Sie waren zu stolz, um ohne Vorwissen ihres Bruders dort
zu fischen, und doch mochten sie ihm auch kein gutes Wort geben, daß er
es ihnen erlauben möchte. Nun kannte er aber seine Brüder, daß ihnen
der Teich am Herzen liege; er lud sie daher eines Tages ein, mit ihm
dort zusammenzukommen.
Es war ein schöner Frühlingsmorgen, als beinahe in demselben Augenblick
die drei Brüder von den drei Burgen dort zusammenkamen. „Ei, sieh da!“
rief der kleine Schalk, „das trifft sich ordentlich! Ich bin mit Schlag
sieben Uhr von Schalksberg weggeritten.“
„Ich auch—und ich“—antworteten die Brüder vom Hirschberg und vom
Zollern.
„Nun, da muß der Teich hier gerade in der Mitte liegen“, fuhr der
Kleine fort. „Es ist ein schönes Wasser.“
„Ja, und eben darum habe ich euch hierher beschieden. Ich weiß, ihr
seid beide große Freunde vom Fischen, und ob ich gleich auch zuweilen
gerne die Angel auswerfe, so hat doch der Weiher Fische genug für drei
Schlösser, und an seinen Ufern ist Platz genug für drei, selbst wenn
wir alle auf einmal zu angeln kämen. Darum will ich von heute an, daß
dieses Wasser Gemeingut für uns sei, und jeder von euch soll gleiche
Rechte daran haben wie ich.“
„Ei, der Herr Bruder ist ja gewaltig gnädig gesinnt“, sprach der kleine
Schalk mit höhnischem Lächeln, „gibt uns wahrhaftig sechs Morgen Wasser
und ein paar hundert Fischlein! Nu und was werden wir dagegen geben
müssen? Denn umsonst ist der Tod!“
„Umsonst sollt ihr ihn haben“, sagte Kuno. „Ach, ich möchte euch ja nur
zuweilen an diesem Teich sehen und sprechen! Sind wir doch eines Vaters
Söhne.“
„Nein!“ erwiderte der vom Schalksberg, „das ginge schon nicht, denn es
ist nichts Einfältigeres, als in Gesellschaft zu fischen, es verjagt
immer einer dem andern die Fische. Wollen wir aber Tage ausmachen, etwa
Montag und Donnerstag du, Kuno, Dienstag und Freitag Wolf, Mittwoch und
Sonnabend ich—so ist es mir ganz recht.“
„Mir nicht einmal dann“, rief der finstere Wolf. „Geschenkt will ich
nichts haben und will auch mit niemand teilen; du hast recht, Kuno, daß
du uns den Weiher anbietest; denn wir haben eigentlich alle drei
gleichen Anteil daran, aber lasset uns darum würfeln, wer ihn in
Zukunft besitzen soll; werde ich glücklicher sein als ihr, so könnt ihr
immer bei mir anfragen, ob ihr fischen dürfet.“
„Ich würfle nie“, entgegnete Kuno, traurig über die Verstocktheit
seiner Brüder.
„Ja, freilich“, lachte der kleine Schalk, „er ist ja gar fromm und
gottesfürchtig, der Herr Bruder, und hält das Würfelspiel für eine
Todsünde; aber ich will euch was anders vorschlagen, woran sich der
frömmste Klausner nicht schämen dürfte. Wir wollen uns Angelschnüre und
Haken holen; und wer diesen Morgen, bis die Glocke in Zollern zwölf Uhr
schlägt, die meisten Fische angelt, soll den Weiher eigen haben.“
„Ich bin eigentlich ein Tor“, sagte Kuno, „um das noch zu kämpfen, was
mir mit Recht als Erbe zugehört; aber damit ihr sehet, daß es mir mit
der Teilung ernst war, will ich mein Fischgeräte holen.“
Sie ritten heim, jeder nach seinem Schloß. Die Zwillinge schickten in
aller Eile ihre Diener aus, ließen alle alten Steine aufheben, um
Würmer zur Lockspeise für die Fische im Teich zu finden; Kuno aber nahm
sein gewöhnliches Angelzeug und die Speise, die ihn einst Frau
Feldheimerin zubereiten gelehrt, und war der erste, der wieder auf dem
Platz erschien. Er ließ, als die beiden Zwillinge kamen, diese die
besten und bequemsten Stellen auswählen und warf dann selbst eine Angel
aus. Da war es, als ob die Fische in ihm den Herrn des Teiches erkannt
hätten. Ganze Züge von Karpfen und Hechten zogen heran und wimmelten um
seine Angel; die ältesten und größten drängten die kleinen weg, jeden
Augenblick zog er einen heraus, und wenn er die Angel wieder ins Wasser
warf, sperrten schon zwanzig, dreißig Mäuler auf, um an den spitzigen
Haken anzubeißen. Es hatte noch nicht zwei Stunden gedauert, so lag der
Boden um ihn her voll der schönsten Fische. Da hörte er auf zu fischen
und ging zu seinen Brüdern, um zu sehen, was für Geschäfte sie machten.
Der kleine Schalk hatte einen kleinen Karpfen und zwei elende
Weißfische, Wolf drei Barben und zwei kleine Gründlinge, und beide
schauten trübselig in den Teich; denn sie konnten die ungeheure Menge,
die Kuno gefangen, gar wohl von ihrem Platze aus bemerken. Als Kuno an
seinen Bruder Wolf herankam, sprang dieser halbwütend auf, zerriß die
Angelschnur, brach die Rute in Stücke und warf sie in den Teich. „Ich
wollte, es wären tausend Haken, die ich hineinwerfe, statt des einen,
und an jedem müßte eine von diesen Kreaturen zappeln“, rief er; „aber
mit rechten Dingen geht es nimmer zu, es ist ein Zauberspiel und
Hexenwerk. Wie solltest du denn, dummer Kuno, mehr Fische fangen in
einer Stunde als ich in einem Jahr?“
„Ja, ja, jetzt erinnere ich mich“, fuhr der kleine Schalk fort, „bei
der Frau Feldheimerin, bei der schnöden Hexe, hat er das Fischen
gelernt, und wir waren Toren, mit ihm zu fischen, er wird doch bald
Hexenmeister werden.“
„Ihr schlechten Menschen!“ entgegnete Kuno unmutig. „Diesen Morgen habe
ich hinlänglich Zeit gehabt, euren Geiz, eure Unverschämtheit und eure
Roheit einzusehen. Gehet jetzt und kommet nie wieder hierher und
glaubet mir, es wär für eure Seelen besser, wenn ihr nur halb so fromm
und gut wäret als jene Frau, die ihr eine Hexe scheltet.“
„Nein, eine eigentliche Hexe ist sie nicht!“ sagte der Schalk,
spöttisch lachend. „Solche Weiber können wahrsagen, aber Frau
Feldheimerin ist so wenig eine Wahrsagerin, als eine Gans ein Schwan
werden kann; hat sie doch dem Vater gesagt: Von seinem Erbe werde man
einen guten Teil um einen Hirschgulden kaufen können, das heißt, er
werde ganz verlumpen, und doch hat bei seinem Tod alles ihm gehört, so
weit man von der Zinne von Zollern sehen kann! Geh, geh, Frau
Feldheimerin ist nichts als ein törichtes altes Weib, und du—der dumme
Kuno.“
Nach diesen Worten entfernte sich der Kleine eilig, denn er fürchtete
den starken Arm seines Bruders, und Wolf folgte ihm, indem er alle
Flüche hersagte, die er von seinem Vater gelernt hatte.
In tiefster Seele betrübt, ging Kuno nach Hause, denn er sah jetzt
deutlich, daß seine Brüder nie mehr mit ihm sich vertragen wollten. Er
nahm sich auch ihre harten Worte so sehr zu Herzen, daß er des andern
Tages sehr krank wurde, und nur der Trost des würdigen Pater Joseph und
die kräftigen Tränklein der Frau Feldheimerin retteten ihn vom Tode.
Als aber seine Brüder erfuhren, daß ihr Bruder Kuno schwer
daniederliegen hielten sie ein fröhliches Bankett, und im Weinmut
sagten sie sich zu, wenn der dumme Kuno sterbe, so solle der, welcher
es zuerst erfahre, alle Kanonen lösen, um es dem andern anzuzeigen, und
wer zuerst kanoniere, solle das beste Faß Wein aus Kunos Keller
vorwegnehmen dürfen. Wolf ließ nun von da an immer einen Diener in der
Nähe von Hirschberg Wache halten, und der kleine Schalk bestach sogar
einen Diener Kunos mit vielem Geld, damit er es ihm schnell anzeige,
wenn sein Herr in den letzten Zügen liege.
Dieser Knecht aber war seinem milden und frommen Herrn mehr zugetan als
dem bösen Grafen von Schalksberg; er fragte also eines Abends Frau
Feldheimerin teilnehmend nach dem Befinden seines Herrn, und als diese
sagte, daß es ganz gut mit ihm stehe, erzählte er ihr den Anschlag der
beiden Brüder und daß sie Freudenschüsse tun wollten auf des Grafen
Kunos Tod. Darüber ergrimmte die Alte sehr; sie erzählte es flugs
wieder dem Grafen, und als dieser an eine so große Lieblosigkeit seiner
Brüder nicht glauben wollte, so riet sie ihm, er solle die Probe machen
und aussprengen lassen, er sei tot, so werde man bald hören, ob sie
kanonieren, ob nicht. Der Graf ließ den Diener, den sein Bruder
bestochen, vor sich kommen, befragte ihn nochmals und befahl ihm, nach
Schalksberg zu reiten und sein nahes Ende zu verkünden.
Als nun der Knecht eilends den Hirschberg herabritt, sah ihn der Diener
des Grafen Wolf von Zollern, hielt ihn an und fragte, wohin er so
eilends zu reiten willens sei. „Ach“, sagte dieser, „mein armer Herr
wird diesen Abend nicht überleben, sie haben ihn alle aufgegeben.“
„So? Ist’s um diese Zeit?“ rief jener, lief nach seinem Pferd, schwang
sich auf und jagte so eilends nach Zollern und den Schloßberg hinan,
daß sein Pferd am Tore niederfiel und er selbst nur noch „Graf Kuno
stirbt!“ rufen konnte, ehe er ohnmächtig wurde. Da donnerten die
Kanonen von Hohenzollern herab; Graf Wolf freute sich mit seiner Mutter
über das gute Faß Wein und das Erbe, den Teich, über den Schmuck und
den starken Widerhall, den seine Kanonen gaben.
Aber was er für Widerhall gehalten, waren die Kanonen von Schalksberg,
und Wolf sagte lächelnd zu seiner Mutter: „So hat der Kleine auch einen
Spion gehabt, und wir müssen auch den Wein gleich teilen wie das übrige
Erbe.“ Dann aber saß er zu Pferde; denn er argwohnte, der kleine Schalk
möchte ihm zuvorkommen und vielleicht einig Kostbarkeiten des
Verstorbenen wegnehmen, ehe er käme.
Aber am Fischteiche begegneten sich die beiden Brüder, und jeder
errötete vor dem andern, weil beide zuerst nach Hirschberg hatten
kommen wollen. Von Kuno sprachen sie kein Wort, als sie zusammen ihren
Weg fortsetzten, sondern sie berieten sich brüderlich, wie man es in
Zukunft halten wolle und wem Hirschberg gehören solle. Wie sie aber
über die Zugbrücke in den Schloßhof ritten, da schaute ihr Bruder
wohlbehalten und gesund zum Fenster heraus; aber Zorn und Unmut
sprühten aus seinen Blicken. Die Brüder erschraken sehr, als sie ihn
sahen, hielten ihn anfänglich für ein Gespenst und bekreuzten sich; als
sie aber sahen, daß er noch Fleisch und Blut habe, rief Wolf: „Ei, so
wollt’ ich doch! Dummes Zeug, ich glaubte, du wärest gestorben.“
„Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, sagte der Kleine, der mit
giftigen Blicken nach seinem Bruder hinaufschaute.
Dieser aber sprach mit donnernder Stimme: „Von dieser Stunde an sind
alle Bande der Verwandtschaft zwischen uns los und ledig. Ich habe eure
Freudenschüsse wohl vernommen; aber sehet zu, auch ich habe fünf
Feldschlangen hier auf dem Hof stehen und habe sie euch zu Ehren scharf
laden lassen. Machet, daß ihr aus dem Bereich meiner Kugeln kommt, oder
ihr sollt erfahren, wie man auf Hirschberg schießt.“ Sie ließen es sich
nicht zweimal sagen; denn sie sahen ihm an, wie ernst es ihm war; sie
gaben also ihren Pferden die Sporen und hielten einen Wettlauf den Berg
hinunter, und ihr Bruder schoß eine Stückkugel hinter ihnen her, die
über ihren Köpfen wegsauste, daß sie beide zugleich eine tiefe und
höfliche Verbeugung machten; er wollte sie aber nur schrecken und nicht
verwunden.
„Warum hast du denn geschossen?“ fragte der kleine Schalk unmutig.
„Du Tor, ich schoß nur, weil ich dich hörte.“
„Im Gegenteil, frag nur die Mutter!“ erwiderte Wolf, „du warst es, der
zuerst schoß, und du hast diese Schande über uns gebracht, kleiner
Dachs.“
Der Kleine blieb ihm keinen Ehrentitel schuldig, und als sie am
Fischteich angekommen waren, gaben sie sich gegenseitig noch die vom
alten Wetter von Zollern geerbten Flüche zum besten und trennten sich
in Haß und Unlust.
Tags darauf aber machte Kuno sein Testament, und Frau Feldheimerin
sagte zum Pater: „Ich wollte was wetten, er hat keinen guten Brief für
die Kanoniere geschrieben.“ Aber so neugierig sie war und so oft sie in
ihren Liebling drang, er sagte ihr nicht, was im Testament stehe, und
sie erfuhr es auch nimmer, denn ein Jahr nachher verschied die gute
Frau, und ihre Salben und Tränklein halfen ihr nichts, denn sie starb
an keiner Krankheit, sondern am achtundneunzigsten Jahr, das auch einen
ganz gesunden Menschen endlich unter den Boden bringen kann. Graf Kuno
ließ sie bestatten, als ob sie nicht eine arme Frau, sondern seine
Mutter gewesen wäre, und es kam ihm nachher noch viel einsamer vor auf
seinem Schloß, besonders da der Pater Joseph der Frau Feldheimerin bald
folgte.
Doch diese Einsamkeit fühlte er nicht sehr lange; der gute Kuno starb
schon in seinem achtundzwanzigsten Jahr, und böse Leute behaupteten an
Gift, das ihm der kleine Schalk beigebracht hatte.
Wie dem aber auch sei, einige Stunden nach seinem Tod vernahm man
wieder den Donner der Kanonen, und in Zollern und Schalksberg tat man
fünfundzwanzig Schüsse. „Diesmal hat er doch dran glauben müssen“,
sagte der Schalk, als sie unterwegs zusammentrafen.
„Ja“, antwortete Wolf, „und wenn er noch einmal aufersteht und zum
Fenster herausschimpft wie damals, so hab’ ich eine Büchse bei mir, die
ihn höflich und stumm machen soll.“
Als sie den Schloßberg hinanritten, gesellte sich ein Reiter mit
Gefolge zu ihnen, den sie nicht kannten. Sie glaubten, es sei
vielleicht ein Freund ihres Bruders und komme, um ihn beisetzen zu
helfen. Daher gebärdeten sie sich kläglich, priesen vor ihm den
Verstorbenen, beklagten sein frühes Hinscheiden, und der kleine Schalk
preßte sich sogar einige Krokodilstränen aus. Der Ritter antwortete
ihnen aber nicht, sondern ritt still und stumm an ihrer Seite den
Hirschberg hinauf. „So, jetzt wollen wir es uns bequem machen, und Wein
herbei, Kellermeister, vom besten!“ rief Wolf, als er abstieg.