»Daß du das alles noch weißt und alles für mich aufgehoben hast,«
staunte der Kranke.
»Mir ist oft etwas eingefallen, eine Geschichte, die du mir erzählt
hast, oder ein Mensch oder ein Ding aus jener Zeit. Aber an der
Geschichte hat der Schluß gefehlt und an den Menschen etwa grad das
Gesicht oder der Name. Es war wie ein zerrissenes Bilderbuch. Deines
aber ist noch ganz und wie neu.
Träumst du denn auch noch so merkwürdig wie einst? und kannst es
nachher noch erzählen? das weiß ich noch besonders gut. Du hast es mir
immer erzählt, und gern, denn ich habe dies abgenommen wie eine Blume
oder einen Apfel. Sag?«
Da freute sich Jungfer Christiane aus ihrem Herzen heraus, daß er das
noch wußte.
»Ja,« sagte sie, »das hab’ ich an mir behalten. Darüber mag eins sagen
was es will, das ist halt so bei mir, daß ich absonderlich träume und
auch, daß ich’s oft noch weiß.« Und sie schmunzelte, wie eins, das mit
Mühe etwas zurückhält, das heraus will.
»Sag’s,« ermunterte er.
»Also zum Beispiel da neulich ist mir meine Großmutter im Traum
begegnet, ganz frisch und vergnügt und hat ein Fest angerichtet in
ihrem Haus. Und wie man so heiter beisammen ist, erfahr’ ich, daß sie
sich mit einem jungen Soldaten verlobt hat. Der ist auch dagewesen,
da bin ich schwer erschrocken und hab’ gesagt: ach ihr Zwei, tut doch
das nicht, es gibt ein Unglück und ist eine Unnatur. Meine Großmutter
aber hat mich ein bißchen spöttlich angelacht, und er auch, und er hat
gesagt: »es ist ein Kreuz, wenn man nichts sieht. Sie ist doch in der
Ewigkeit wieder jung geworden. Und jetzt freut sie’s halt wieder.««
Aber weil Jungfer Christiane jetzt schon am Erzählen war und weil um
den Mund ihres Bübleins so ein Lachen spielte, lud sie noch ein wenig
ab und berichtete noch einmal einen Traum, der war ihr erst vor ein
paar Nächten widerfahren, und sagte:
»Vor kurzem ist es so gewesen: es ist ein ganzer Strom von Menschen
miteinander ausgezogen, einem Berg zu, durch Wiesen und Felder
hindurch. Ich mittendrin. Auf einmal hab’ ich gewußt, daß wir alle
miteinander zu meiner Hinrichtung gehen, und daß ich soll geköpft
werden. Das ist mir befremdlich gewesen, denn ich bin es grad jetzt
erst inne geworden und habe keinen Schimmer gehabt, warum. Also ich
hab’ den Schultheißen gefragt, der ist neben mir gegangen. »Ach,« hat
er gesagt, »Jungfer Christiane, fraget mich nicht, denn ich darf’s
euch nicht sagen, es ist ein Geheimnis. Aber seid nur ganz getrost,
denn es wird eure Ehr’ und Ansehen durchaus nicht davon gestört. Es
betrifft das Vaterland.« Da ist es mir auch recht gewesen und ich
bin ganz getrost dahingewandelt. Es sind aber meine Leut aus der
Freundschaft hastig an mir vorbeigestürmt und wie ich gesagt habe, sie
sollen doch mit mir gehen, so haben sie vorausgedeutet, daß sie mich
dort erwarten und sich einen guten Platz erobern wollten zum Zusehen.
Überdem kommen wir an ein scharfes Eck am Wege und wer steht dahinter?
eine ganze Gesellschaft von Männern in roten Kitteln und Hosen, die
haben sich tief geneigt. »Darf ich, Jungfer Christiane,« sagte der
Schultheiß, »euch euer Henkerkollegium vorstellen?« Und will anfangen,
die Namen herzuzählen. »Ach,« sag’ ich, »lasset es gut sein, Herr
Schultheiß. Wenn mein Kopf jetzt dann herunterkommt, kann ich’s doch
nicht behalten.« Da ließ er’s.
Darauf nach einer Weile flammt ein helles Feuer auf einem Hügel auf.
»So soll ich dann verbrannt werden?« frag’ ich. »Ich habe doch
gemeint, enthauptet.« »Das sollet ihr auch,« sagt der Schultheiß. »Aber
weil ein kühler Morgen ist, so habe ich ein bißchen einbrennen lassen.«
Und so kommen wir mit der Weile an eine Wand, davor ist ein schräges
Brett gelegen und hat oben an einem Loch in der Wand geendigt. Auf das
Brett habe ich mich unverzagt hingelegt und den Kopf wie auf ein Kissen
in die Wand hinein und hab’ die Augen zugemacht. »Jetzt kommt’s,« hab’
ich gedacht. Da ist von innen etwas heruntergesaust und hat mir den
Kopf abgeschlagen. Den Schlag hab’ ich noch gespürt im Nacken, wie ich
aufgewacht war.«
Da kam dem Kranken ein Lachen von innen heraus, so mühsam und hart auch
sein armer Leib rasselte und klopfte und die Luft aus- und einzog, wie
durch ein rostiges, löcheriges Sieb. Es war doch noch schön auf der
Welt, es freute ihn, es lächerte ihn.
Er sah die Jungfer Christiane an und seine Lippen formten ein Wort, das
war ihm soeben aus einem tiefen Geheimfach heraus entgegengesprungen.
»G’schichtleslügere,« sagte er zärtlich und innig.
Wenn er gesund gewesen wäre und hätte einen Schatz gehabt und hätte zu
ihm gesagt »Herzensschatzele« oder »Seelenmockele«, er hätte es nicht
herzlicher und traulicher sagen können.
Und auch: es wäre ihm nicht freudiger abgenommen worden.
Das war das erstemal in Jungfer Christianens Leben, daß ihr das Wort
süß einging und gar keinen Stachel hatte und keine Ehrenkränkung war,
auch nicht die mindeste, obgleich es diesmal gar nicht paßte. Denn es
hatte ihr wirklich und wahrhaftig so geträumt, jedes Wort hell und
klar. Aber mochte sie doch so geträumt haben und mochte es doch wahr
sein, das kam ja hier gar nicht in Betracht. Fortan war ihr das Wort
innerstes Verstehen, Freude, Wundern und zärtliche Neckerei, alles in
einem, und ein Ehrentitel, ja Stempel auf ihre eigene Wesenheit.
Darauf geschah es bald, daß sich trotz der langen Ruhe in der
Eisenbahn ein Schlaf auf ihre Augenlider senkte und auch der Kranke,
die mütterliche Hand in der seinen, ein Weilchen in sich hinein
schlummerte, so daß die Nachtwache, als sie geräuschlos und mit
abgeblendetem Licht die Türe aufmachte und hereinsah, dieselbe still
wieder schloß, beiden den ruhigen Augenblick gönnend.
Er war ihnen auch zu gönnen und war nicht lang.
Jungfer Christiane kam jäh zu sich an einem Stöhnen, das in ihr Ohr
drang und sah ein hilfloses Leiden neben sich.
Ein Gesicht voller Angst und Grauen, ein stürmisch schlagendes Herz und
ein kämpfendes Atmen.
Das war erst so recht das Leiden und das heftig sich wehrende Leben.
Was sie bislang gesehen hatte, war eine sanfte Pause gewesen, eine
kleine freundliche Insel, an der das Schifflein ausruhend angelegt
hatte, eh’ es der Strommündung entgegenfuhr, die es in ihre brausenden
Wirbel zog.
Sie wollte läuten, die Nachtwache rufen.
»Nein, laß,« keuchte er. »Es läßt nach -- es ist im Schlaf gekommen --
es ist immer so. -- Ich muß dich etwas fragen -- sobald ich’s kann.
Bleib’.«
Da setzte sie sich wieder nieder und sah hilflos zu, und spürte auch
selber ihr angstvoll klopfendes Herz, das mitfühlte, als ob ihr ein
leibliches Kind litte.
Nach einer Weile wurde es ruhiger. Die krampfhaften Züge lösten sich
in einer großen Mattigkeit, alles war schlaff und lapp und große
Schweißtropfen standen auf der blassen Stirn.
Die trocknete sie ihm sorglich ab.
Draußen standen in hoher, stummer Herrlichkeit die Sterne am
Sommernachthimmel. In den Föhren rauschte es, es hätte können auch ein
Wasserrauschen sein für einen, der es in sich hatte, nach einem Wasser
hinzuverlangen.
»Ich meine, ich höre den See,« flüsterte geschlossenen Aug’s der Kranke.
»Ich habe ihn oft gehört im Schlaf. Es ist mir leid, daß ich ihn nicht
wieder gesehen habe. Ich wollte immer einmal hinfahren.
Ich habe so vieles tun wollen in meinem Leben. Davon ist nichts
geschehen. Ich habe noch gar nicht gelebt.«
Es kam alles so mühsam heraus, es war ihr, sie müsse ihn geschweigen,
wie einst als Kind, weil ihm das Sprechen schwere Arbeit war.
Aber sie tat es nicht. Sie neigte nur ihr Gesicht nah zu ihm hin. Er
mußte sie ja vollbringen, die Arbeit.
»Immer habe ich studiert. Das war alles Vorbereitung aufs Leben, noch
kein Tun, nur ein Aufnehmen. Dann kam der Krieg. Da war ich lauter
Begeisterung und wollte siegen helfen, in die Schlacht stürmen, alles.
Davon geschah auch nichts. Ich war in keiner Schlacht. Wir haben immer
nur Stellung gehalten. Die Granaten schlugen herein in unsere Gräben
und nahmen Kameraden weg. Die Hölle tobte über uns hin. Stehendes
Wasser war in den Gräben oft und lang, und Schmutz und Kälte. Alles
blieb zurück, was das Leben schön gemacht hatte, langsam, langsam
entglitt einem alles. Auszuhalten, o vieles, auch Schreckliches genug.
Aber keine Tat. Ich wurde krank und verbarg es und schleppte mich hin.
Und nun --« er stockte. Er hatte fragen wollen: sag’ mir, ob es wahr
ist, daß ich sterbe? ich spüre es, aber täusche ich mich, wenn ich
dennoch ans Gesundwerden glaube? oder täusche ich mich, wenn ich den
Tod in mir spüre?
Aber er fragte nun doch nicht. Ein scharfes Lüftlein war über ihn
hingefahren, vorhin, mitten im ärgsten Kampf und Krampf. Das hatte
irgendwo hergeblasen, wo er noch nie gewesen war. Aus einer weiten
Ferne, aus einer großen Tiefe oder Höhe. Das geschweigete ihm das Wort
im Munde. Ein hoher, gestrenger und bitterer Ernst trat unausweichlich
an ihn heran. Er durfte nicht fragen. Er mußte ihn zuerst anhören.
»Nun komme ich nicht mehr hin,« vollendete er seinen Satz.
»Nun kann ich von allem, was ich wollte, nichts mehr tun.«
Da übernahm es ihn, daß er um sein junges Leben weinen mußte.
Jungfer Christiane wußte ihm keinen Widerspruch. Allzutief verstand sie
seine große Not. Auch war sie, mochte sie nun G’schichtleslügere heißen
oder nicht, von großer Wahrhaftigkeit und hätte um keinen Preis ihr
liebes Kind belügen können, es werde schon bald wieder gesund sein und
dann an den schönen See gehen.
Sondern sie sagte zu ihm: »Komm, komm, sei ruhig, mach’ deine Augen zu.
Jetzt bin ich doch zu dir gekommen. Alles will ich dir sagen, wie es am
See aussieht und wie es da zugeht, dann ist dir’s, du sehest ihn und
seiest dran. Stellung halten, das ist auch geschafft. Das müssen viel
Leut. Die daheim müssen auch Stellung halten. Wär’ traurig, wenn das
für nichts gälte.«
Und sie nahm schöne, zarte und kräftig leuchtende Farben aus ihrem
Herzen heraus und malte ihm alles vor Augen.
Wie die Möven mit ihren weißen Schwingen über das blaue Wasser
hinfliegen und in der Sonne glänzen und wie sie schreien in den
frischen Morgen hinein.
Wie die Rebgelände so grün und lustig dastehen, und wie sie vor Kurzem
in der Blütezeit so starken Duft ausgehaucht haben, daß man meinen
mußte, ein Krankes, wenn es ihn einatme, müsse dran gesunden. Und wie
die Stöcke jetzt voller Trauben hangen, klein und grün noch, aber im
Herbst -- weißt du’s noch? -- durchsichtig, goldengrün und blauschwarz,
süß und kräftig.
Wie die Kornfelder, landeinzu, in schweren Ähren stehen. Wie eine
Mauer, noch nie sind sie so gestanden, jetzt sind sie gelb wie altes
Gold und erntereif.
Wie die Lindenbäume in Blüten sind und duften, stark und gewürzig und
wie vieltausend Bienen darin summen und konzertieren, dieweil sie den
Honig in ihre Stöcke sammeln.
Und als sie sah, daß die bittere Trauer und die scharfe, angstvolle
Spannung in dem jungen Gesicht sich milderte und ein liebes Aufhorchen
Platz nahm, da gewann sie größeren Mut und bessere Worte und sagte ihm
von den friedlichen Gassen, auf denen Nachts der Lichtschein aus den
Heimaten liegt, und von dem Kirchlein, um das sich die Schlafenden
unter ihren Gärtlein gesellen. Jetzt blühen da die Rosen, Lilien,
Rittersporn und Akeley. Von der hohen Mauer mit den Fensterbögen, durch
die man auf See und Himmel hinaussieht und von der goldenen Bahn der
sinkenden Sonne.
Von sonnigen Wiesen, Brunnen und Kindergeschrei. Ganz tief hinunter
langte sie in ihr Herz und Gemüt. Alle Sinne und Gedanken mußten ihm
dienen und Farben, Bilder und Worte herzutragen.
Wenn sie sich selber nicht ganz und gar vergessen hätte, sie hätte wohl
staunen müssen über sich selber und daß sie zu dieser Stunde mit allen
Dichtern in der Welt hätte Hand in Hand gehen können, und war doch
alles lautere Wahrheit, was sie sagte.
Sie hielt aber inne, als der Kranke auf einmal lächelte wie erlöst und
wie ein Mensch, von dem eine große Qual abgefallen ist.
»Das habe ich alles beschützen helfen,« sagte er glücklich.
»Daß das alles im Frieden liegt --«, er atmete befreit auf.
»Das ist doch auch der Mühe wert.«
Da hatte Jungfer Christiane nun ihren großen Wunsch erfüllt und aus
ihrem Herzen heraus etwas getan, was sonst niemand als sie tun konnte,
und es war ein Soldat gewesen, dem sie es getan hatte, ganz wie es sein
mußte. Und sie war in dieser Nacht in den Strom untergetaucht, dessen
Wellen aus rotem Herzblut bestehen, da war sie auch darin zu einer
Welle geworden und hatte auch ihr Büblein zu einer werden lassen.
Aber sie dachte nicht daran, daß es so sei und wußte es nicht. Doch
aber sah sie aus der Ferne das Schiff daherfahren, das den Sieg und
den Frieden bringt und sah das beides, Sieg und Frieden, noch einen
Tag lang sich in den Augen und auf dem Gesicht des jungen Kämpfers
ausbreiten, dem sie den schweren Stein aus dem Weg geschafft hatte.
Dann, als der nächste Abend niedersank, drückte sie ihm die Augen zu.
* * * * *
Es ging ein stiller Zug durch Wald und Wiesen und grünes Gelände
talabwärts zu einem Kirchhof, der lag an einer sonnigen Halde und war
anzusehen wie ein freundlicher Garten.
Kameraden trugen den Sarg, der war mit ein paar Kränzen geschmückt. Was
gehen konnte, ging mit. Mit den Schwestern ging Jungfer Christiane.
Im Tal unten gesellten sich Leute dazu, viele Frauen und auch ein
paar Männer und ein Lehrer mit Schulkindern, die sangen am Grabe ein
andächtig schönes Lied.
Neben ein paar frischen Hügeln war ein Bett gemacht, da hinein senkten
sie den Sarg. Es sei Heimatboden, sagte der Pfarrer und gedachte
auch derer, die draußen starben in der Fremde und im Feindesland. Da
hoben die Weiber an zu schluchzen, denn die Ehre, die sie dem Fremden
antaten, war auch den ihrigen vermeint. Es waren ihrer schon viele
gefallen, die hatten sie nicht zur Ruhe geleiten können. Nun ließen sie
ihr Herz walten und weinten über die Gräber der Unbekannten hin und
gelobten sich auch, sie zu pflegen. Das alles, und daß man über das
Grab hinschoß, Beten und Singen und Glockenläuten, und die Blumen, die
hinunterfielen, nahm Jungfer Christiane als einen reichen Zins ihrer
Reise und ein Erbe in sich hinein, da sie die Einzige war, die ihm nahe
stand, den man hier begrub mit Dank und Ehren.
Als sie aber vom Grab hinweggingen, hörte sie hinter sich eine Stimme
sagen: »Das wird, denk’ ich, die Mutter sein?« und eine andere
antworten: »Behüte, es sind keine Verwandten gekommen. Es ist, soviel
ich weiß, eine alte Kindsmagd oder Nachbarin von früher her, sie geht
ihn nicht näher an.«
Da hatte sie gleich ihr Teil und einen kleinen Stich ins Herz.
Der Lehrer kam aber zu ihr her und fragte, ob sie nicht wolle in die
Kirche kommen, es sei da eine schöne Musik zu hören auf der Orgel und
Gesang von einer Sängerin, lauter ernste, schöne Lieder, und es sei
noch Zeit vor dem Zug. So etwas höre man nicht alle Tage.
Da ging sie hinter den Leuten drein und saß andächtig unter ihnen und
die brausenden Orgeltöne strömten über sie hin.
»Das ist,« sagte sie zu sich selber, »vorhin gewesen, daß du nicht
hochmütig wirst.«
Und zog sich den Splitter aus dem Gemüte.
»Das tät dir passen, wenn man dich als die Mutter ansehen möchte. Oder
auch gar, wenn du sie wärest.«
Mit dem kam die Sängerin und sang mit einer Stimme wie eine Glocke ein
Halleluja übers andere in die Kirche hinein.
Und dann wieder die Orgel, ganz zart und fein und manchmal wie aus
weiter Ferne.
In diese linden Töne eingehüllt, zog Jungfer Christiane das Fazit ihrer
Kriegstätigkeit.
»Also es ist eine Gnad’ von Gott, daß ich hab’ dürfen dem Büblein
helfen seinen Abschied machen.
Soviel hätt’ ich mir gar nicht geschätzt.
Wir können nicht alle große Dinge tun.
Und jetzt geh’ ich heim an meinen Platz. Weil doch alle müssen helfen
Stellung halten.«
Über dem allem vergaß sie die Leute um sich her und auch ein wenig die
Musik, doch aber nicht so, daß ihr nicht etwas tröstlich und hoch den
Sinn erhoben hätte. Sie wurde es nur nicht so recht gewahr.
Es war auch wie ein Strom, der trug sie durch eine Stunde hindurch lind
auf seinen Wellen dahin.
Auf einmal aber brauste ein Jubelsturm von oben herunter und nach dem
Sturm gingen die Türen auf, da strömte Licht und Sonne hinein und die
Leute standen auf und verliefen sich.
Da stand auch Jungfer Christiane auf und ging durch die Leute hindurch
an die Bahn.
Dann kam der Zug, der trug sie heimzu.
Im gleichen Verlag sind von Anna Schieber erschienen:
Alle guten Geister ...
Roman. 43.--45. Aufl. Ungeb. Mk. 4.--, gebunden Mk. 5.--.
=Velhagen & Klasing’s Monatshefte=: »Mit heller Freude und daneben
mit einem verwunderten Kopfschütteln muß ich heute von einem Buche
erzählen, das anders ist als andere Bücher, das wie eine schöne Predigt
ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen vor uns hinstellt, die
wir zu Vätern, Brüdern, Schwestern, Freunden haben möchten, das alles
Gute in uns anspannt, das uns fröhlich und getrost macht, und das nach
diesem Leben, in dem die Geigen oft so unrein klingen, uns ein anderes
ahnen läßt, wo sie rein tönen. Wie ein Märchen aus einer schönen,
verlorenen Heimat ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute Märchen
voll der höchsten Wahrheit, und hinter ihm steht eine so tröstliche
Zuversicht, eine so tapfere Gewißheit, eine so klare Menschlichkeit,
daß unser Herz längst Ja und Amen zu dem Buche sagt, wenn der kritische
Verstand mit leisem Vorbehalt noch bei dem »Ja -- aber« ist!«
»... All denen, die sich an Raabe erquicken, die aus dem Jörn Uhl einst
»Mut des reinen Lebens« tranken, sei dieses Buch empfohlen, das gewiß
einen Abstand von den genannten Meisterwerken hält, aber verwandter Art
und einen Teil ihrer Kraft in sich hat.«
=Dr. C. Busse.=