Es war am Morgen und noch grau um und um, als Jungfer Christiane Kies
am Klang ihrer eigenen Stimme zu sich kam, die Augen rieb und verdutzt
um sich sah, daß sie nicht draußen auf dem See, daß sie vielmehr in
ihrem Bett und Stübchen sich befand, und daß ihre Antwort nicht an ihr
Gegenüber im Fährboot, nicht einmal in den frischen Morgenwind, den
sie soeben noch gespürt hatte, sondern nur an die grüne Wand ihrer
Schlafkammer geredet war.
Sie sah den Haussegen über sich an der Wand hängen, wie von Alters her,
hörte draußen in der Dachrinne eine Amsel den ersten Schlag tun und den
Botenfuhrmann vor dem Nachbarhaus seine Gäule anschirren und sagte:
»Es hat mir geträumt, so deutlich, man könnte es mit Pelzhandschuhen
greifen.«
Darauf tat sie noch einmal die Augen zu und ließ den Traum an sich
vorübergehen, damit er ihr nicht insgeheim entschwinde auf einer
Morgenwolke, solange sie etwa unversehens noch einen Nachschlaf tue.
Das war ihr, da sie es stark mit dem Träumen hatte, schon hie und da
geschehen. Sie hatte aber alle Ursache, das Bild zu bewahren, das aus
den Schatten heraus zu ihr getreten war.
Denn sie hatte ja wahrhaftig den lieben Gott bei sich im Fährboot
gehabt und ihn ein Stück weit gerudert.
Zwar, wie er eingestiegen war, das wußte sie nicht mehr, da die Träume
meistens keinen Anfang haben.
Kurzum, sie sah sich im Nachen auf der Höhe des Sees, da, wo schon die
Berge vom andern Ufer herüberleuchten, und sah ohne große Verwunderung
einen schönen alten Herrn sich gegenüber sitzen auf der Bank, der ihr
mit freundlichen Augen zusah, wie sie rüstig die Ruder regte.
Er kam ihr bekannt vor.
Zwar wußte sie nicht recht, sah er mehr dem alten Kaiser Wilhelm
gleich, den sie freilich nur im Bilde kannte, oder mehr dem
Medizinalrat, der ihre Mutter einst behandelt hatte. Vielleicht war von
beiden etwas an ihm.
»Alleweil fleißig?« fragte er.
»Passiert,« sagte sie. »Es ist bis jetzt noch ruhig am See.
Luftkurgäste sind schier noch keine da. Kann sein, sie kommen heuer
überhaupt nicht. Es wird ihnen nicht so arg ums Verreisen sein.«
»So so,« sagte der alte Herr, »und was schaffst du alsdann den ganzen
Tag?«
Da spürte sie wieder den Druck, den sie schon aus dem Wachen mit in den
Schlaf herein genommen hatte.
»Ach,« sagte sie, »da sitz’ ich an der Badanstalt und stricke Socken.
Immer Socken fürs Militär. Kann sein, es kommt jemand zum Baden, kann
sein, es will jemand nach Lindau hinüber gerudert sein. Man muß halt da
sein. Die Männer sind im Krieg. Verzeih’ mir’s Gott, ich denk’ oft, die
haben’s gut, daß sie was Rechtes zu schaffen haben in so einer schweren
Zeit. Ich denk’ oft, ich sei grad für gar nichts da.«
»So hat gestern auch ein Landstürmer zu mir gesagt, der seit sechs
Wochen Bahnwache hat,« sagte der alte Herr sehr ernst. »Es muß ein
jedes an seinem Platz stehen, sonst kann ich euch nicht siegen lassen.
Aber ich weiß wohl, du denkst halt, du möchtest etwas verrichten, was
grad bloß du tun kannst, die Christiane Kies, wie sie ist mit ihrem
ganzen Gemüt.«
Da sagte sie:
»Der Herr siehet das Herz an; grad so ist’s bei mir, Majestät, oder wie
muß ich sagen?«
Der Fährgast lächelte groß und gut.
»Sag’ nur du zu mir. Alle Welt sagt du zu mir.«
Da merkte sie auf einmal, daß sie den lieben Gott bei sich im Nachen
hatte, und ein solches Staunen und eine solche Ehrfurcht ergriff sie,
daß sie die Ruder fallen ließ mitten im heftigsten Fahren und anfing zu
beten. Aber kaum hatte sie angefangen, so erwachte sie und hörte sich
noch sagen: »Ach du Herr und Gott, in die ewige Sockenstrickerei kann
ich mein Herz nicht hineinlegen.«
Als Jungfer Christiane ihren Traum so weit überdacht hatte, was bald
geschehen war, da er kurz und ohne Verwicklung geraten war, spann sie
den Faden, dessen Anfang dort hinein ging, aus ihrem Herzen heraus
weiter.
Wenn sie nicht des Glaubens gewesen wäre, daß der Herr so wie so das
Herz ansehe, es hätte sie reuen können, daß die Fahrt gar so kurz und
das Gespräch abgebrochen war, ehe sie recht nach der Schnur alles hatte
sagen können, was auf ihr lag. Denn sie machte viel mit sich durch die
Zeit daher, es hätte ihr gut getan, es einmal herauszureden.
»Er wird jetzt sein Teil über mich denken, daß ich so herausgeschwätzt
habe,« dachte sie bei sich selbst.
»Wenn eins auch vorbereitet wäre, man könnte sich die Sache besser
überlegen.
Ich hätte sagen können, daß es mir schwer fällt, daß ich kein Eigenes
im Krieg habe. Daß niemand ist, um den ich Sorgen und Angst haben und
auf den ich stolz sein kann.
Oder auch hätte ich sagen können, was ich die Zeit daher immer denke,
wenn ich am See draußen sitze: ich sehe einen großen Strom vor mir, der
ist aus lauter Herzblut zusammengesetzt. Die einen werfen sich selber
hinein, ihr Leben oder ihren gesunden Leib, und viel, viel Mühe und
Last, die sie tragen in Hitze und Frost, in Hunger und Durst und Wachen
und Feuer und Getöse. Und die anderen geben ihre Liebsten her, ihre
Männer und Brüder und Söhne, die wissen sie immer in Gefahr und Not bei
Tag und Nacht. Wenn die Sonne scheint und wenn es regnet und stürmt,
dann horchen sie hinaus ins Feld, wie es auch draußen sei; und wenn
es läutet auf den Türmen, weil ein Sieg gemeldet ist, so greifen sie
zuerst nach ihren Herzen, da fährt ein Schwert hindurch: ob die Unsern
dabei gewesen sind? und ob sie noch leben?
Und wenn einer das Eiserne Kreuz hat oder hat sich sonst tapfer
gehalten, so gehen die Seinen aufrecht einher und sind froh und stolz.
Und wenn eine Todesnachricht kommt, daß einer gefallen sei, so weinen
sie auch stolz, und frömmer und aufrechter ist noch nie ein Leid
getragen worden.
Das alles, ihre Liebe und ihre Angst und Freude und ihre traurigen
Schmerzen werfen sie alles auch in den Strom und jedes ist eine Welle
darin von lauter Herzblut.
Und auf dem Strom kommt dann schließlich und endlich das große Schiff
gefahren, das den Sieg und den Frieden bringt.
Aber ich stehe nebendraußen und habe nichts hineinzuwerfen. Das kränkt
mich im Herzen, je länger es dauert, desto mehr.
Dann, wenn mich der liebe Gott gefragt hätte: ja hast du denn gar
nichts, was du hineinwerfen kannst, daß es zu Herzblut wird? Dann
hätt’ ich sagen müssen: also ich will dir grad alles herlegen vor
Augen, dann kannst du’s selber sagen.
Ich schicke öfters einmal Feldpostpäckchen an Bekannte. Viele von ihnen
habe ich schon als Kinder gekannt. Die Kinder kommen gern zu mir an die
Schifflände, weil ich ihnen Geschichten erzähle. Wir sind gut Freund
miteinander.
Auch stricke ich immer Soldatensocken. Was ganz arme Leut sind, von
denen nehme ich nichts dafür. Die Birnen von meinem Baum habe ich
ferndig gedörrt und ans Rote Kreuz geschickt, heuer trägt er nicht
viel. In die Kriegsbetstunde geh’ ich auch alle Mittwoch, da singe und
bete ich andächtig mit. Zweihundert Mark Kriegsanleihe habe ich auch
genommen. Aber das ist doch alles nichts. Ich möchte gern etwas tun
ganz aus meinem Herzen heraus und wenn es auch nur ein einziges rotes
Tröpflein gäbe.«
Dann hätte der liebe Gott vielleicht gesagt. »Ja, muß es denn aber grad
ein Soldat sein, dem du das tun willst aus deinem Herzen heraus?«
Und dann hätt’ ich in Gott’snamen mein Herz in zwei Hände genommen und
hätt’ gesagt: »Ja, Herr und Gott, weil du doch einmal fragst, es muß
grad ein Soldat sein. So ist mir’s, ich mach’ mich nicht anders.«
Als Jungfer Christiane so weit gekommen war, klopfte es sachte an ihrer
Herzenstür an, und als sie aufmachte, stand ein Büblein davor, das sie
mit Freuden hereinließ. Sie kannte es schon von Mutterleibe an, es
war eines Lehrers Sohn und ihr nächstes Nachbarskind gewesen. Seine
Mutter war gestorben, als er sich von ihr hinweg die Tür in diese Welt
herein suchte. Eine Ahne hatte ihn aufgezogen, die war alt und müd von
Arbeit und Kummer gewesen und hatte nicht viel Kinderfreude mehr fassen
und austeilen können. Aber das Büblein war sonnenhungrig gewesen und
war aus seines Vaters Haustür gegangen, um einzufangen, so viel sein
Herzlein brauchte. Da war er auf Jungfer Christiane gestoßen, die hatte
damals noch eine Freude am Zeithaben und ein warmes, geruhiges Herz,
kein brennendes. Grad so eins, wie ein Kind es braucht. Und es war eine
Freundschaft entstanden: es gibt irgendwo ein schönes Bilderbuch, da
guckt eine dicke, runde, strahlende Frau Sonne über einen Gartenzaun,
und in dem Garten steht eine Sonnenblume und lacht ihr grad ins
Gesicht und sieht ihr so sonnenähnlich, grad als ob sie ihr Junges
wäre. So war die Freundschaft. Jungfer Christiane hatte immer einen
Schwanz von Kindern an sich hängen, aber das waren so Kinder, die kamen
und gingen, eine Geschichte und eine Birne holten, und im übrigen
mit einem kurzen Bändel am Herzen ihrer Mütter angebunden waren. Die
Mütter durften nur einen kleinen Zuck an dem Bändel tun, so sprangen
sie ihnen zu, von allem weg und auch von der Jungfer Christiane weg,
da war gar nichts zu wollen, und das mußte auch so sein. Aber so war
es mit dem Lehrersbüblein nicht. Sein Vater meldete sich vom See weg,
denn er war ihm zu traurig geworden, und das Büblein ließ er vorderhand
da; eigentlich ließ er es der Jungfer Christiane. Das war nicht die
Meinung, aber es machte sich so, da kam es auf die Meinung nicht an.
Sie pflanzten miteinander Frühjahrs- und Sommer- und Herbstblumen auf
das Muttergrab und auf noch ein paar andere Gräber, die der Jungfer
Christiane am Herzen lagen. Die hießen sie ihre Gärtlein. Da war ein
Muttergärtlein, das blühte den ganzen Sommer lang von Herzensgrund
wie ein lebendiges Mutterherz; und ein Herkules-Davidsgärtlein, das
gehörte einem alten Pfarrer. Von dem wußte Jungfer Christiane viel zu
erzählen, denn er war blind geworden und hatte als blind immer noch
gepredigt und sein Hund hatte ihn herumgeführt. In diesem Gärtlein
blühte Immergrün, das war ganz wie ein Teppich darüber hingezogen, und
ein paar weiße Lilienstengel wuchsen dazwischen heraus. Und da war noch
ein Urschelesgärtlein, das gehörte einem ganz kleinen, schneeweißen
Engelein, das war bloß ein einziges Jahr auf der Welt geblieben und
dann wieder fortgeflogen. Es bekam in jedem Frühling ein Teppichlein
von Vergißmeinnicht und Tausendschönchen, und in der Mitte saß ein
Busch mit fliegenden Herzen, die man Kinderherzen nennt. Und das mußte
alles so sein, wie es war, und alles hatte seinen guten Grund, warum
es so sein mußte. Den wußten sie miteinander. Das heißt, Jungfer
Christiane wußte ihn und sie erzählte alles, was drum und dran war,
ihrem Büblein. Wenn sie an schönen Sommerabenden ihre Gärtlein begossen
hatten, so saßen sie wohl noch eine Weile ins Dunkelwerden hinein auf
der Kirchhofsmauer. Die war hoch und fest und hatte breite Öffnungen
wie Fenster gegen den See hinaus. Darin saßen sie und hörten, wie das
Wasser leise gegen das Ufer hergezogen kam und wie die Wellchen mit dem
losen Kies spielten. Und sahen, wie die Sonne tief und tiefer sank und
das Wasser vergoldete. Eine lange, schimmernde Bahn zog sie darüber
hin, darauf hätte man in den purpurgoldenen Himmel hineinschreiten
können, wenn man ganz, ganz leichte Füße gehabt hätte. Ein Schifflein
schwamm vielleicht weit draußen und fuhr über die goldene Bahn hinüber.
Ein Dampfschiff kam gefahren und viele Menschen waren drauf, die fuhren
alle irgendwohin, heim etwa, aber wo war ihr Heim? Da gab es viel zu
berichten. Das Büblein hörte gläubig zu und zweifelte nie und war ihm
alles Wahrheit und lebendiges Leben. Und jenseitige Ufer glänzten
herüber. Wenn es dunkel wurde auf der Welt, brannten tausend Lichter
in die Nacht hinein. Dann fing irgendwo eine Glocke an zu läuten
über den See hin und rief eine andere an, die gab ihr Antwort. Eine
um die andere kam und auch die in dem Kirchlein, das in dem schönen
Totengarten stand, sang ein frommes Lied in den Abend hinein. Da sangen
die beiden Freunde auch eins, eh’ sie heimgingen. Sie hatten aber ein
Lieblingslied, das sangen sie Sommer wie Winter am öftesten, obgleich
es ein Sommerlied war und ganz in die helle Sonne gehörte und auch aus
ihr heraus entstanden war. Das war das Lied: Geh aus, mein Herz, und
suche Freud’. Das liebten sie sehr. Sie sangen aber nur die Verse, die
zum Sommer gehörten und ihn vor Augen malten, denn für die andern war
das Büblein noch zu klein. Jungfer Christiane hatte eine tiefe und
etwas rauhe Stimme, schier wie eine Männerstimme. Damit wurde sie viel
geneckt, daß sie einen veritablen Baß habe. Aber ihrem Büblein kam ihr
Singen schön vor und ihr Erzählen auch.
Ja, aber wo war es jetzt? und warum mußte es bei Nacht und aus weiter
Ferne her an ihr Herz treten und anklopfen?
Darüber ist nur zu sagen, daß Jungfer Christiane das mit dem Anklopfen
geträumt haben muß, denn es saß bei Tag und Nacht, Sommers und Winters
darin, doch aber in einer verschlossenen Kammer, denn es brauchte
keinen freien Aus- und Eingang, da es nur eine schöne und liebe
Erinnerung war seit langem.
Es lebte irgendwo auf der Welt, in Sachsen, wenn man es hier am See
recht wußte, und war ein junger Mann, wahrscheinlich schon ein beinah’
ausstudierter, und war wohl auch im Krieg. Da wußte man dann freilich
auch nicht, ob es noch lebte, das Büblein nämlich von ehedem.
Eines Tages, es war schon ein fleißiger Schüler gewesen, wurde im
Kirchhof ein neues Gärtlein angelegt, das gehörte der Ahne. Aber
Jungfer Christiane mußte es allein pflegen. Denn ehe noch die frischen
Kränze auf dem Hügel welk waren, fuhr ihr Büblein mit seinem Vater
auf dem Dampfschiff davon, denn es mußte jetzt eine rechte Erziehung
bekommen von Männerhand, es war höchste Zeit dazu. Es kam dann in
verschiedenen Männerhänden herum, denn der Vater starb auch bald. Man
wußte etwas von einem reichen Vetter in Sachsen, der es geholt hatte.
Dann waren noch ein paar Spuren da: Ansichtskarten von Ferienreisen,
die waren auch schon alt. Das letzte war ein Gruß, den hatte ein
Reisender gebracht, der war mit dem jungen Studenten irgendwo, in
Leipzig glaub’ ich, auf eine merkwürdige Weise zusammengetroffen vor
ein paar Jahren. Dem hatte er gesagt: ich muß wieder einmal an den See.
Sobald ich frei bin, komme ich. Aber er war nie gekommen.
Als Jungfer Christiane am andern Morgen erwachte, beschloß sie,
keiner Menschenseele, auch ihren Hausleuten nicht, ein Wort von ihrem
Nachterleben mitzuteilen. Denn sie hätte jetzt nicht mehr schwören
können, was Traum und was Wachen gewesen war, es war ihr untereinander
gekommen wie Samen aus aufgegangenem Säcklein. Bloß den ersten Anfang
hatte sie beizeiten auf die Seite getan und der war ihrer Meinung nach
nichts zum Erzählen.
Sie hatte einen guten Grund zur Vorsicht in diesen Dingen, denn sie
stand im Verdacht, daß sie hie und da aus eigenem dazutut, wenn sie
eine Sache wiedererzähle. Es werde unversehens eine Geschichte daraus.
Er sei ihr angeboren, ihre Großmutter habe es auch so gehabt, die habe
es aus dem Ärmel schütteln können. Es war schon lange ein Wort für sie
geprägt, das sie durch die Welt schleppen mußte. Das riefen ihr die
Alten und manchmal sogar die Kinder entgegen, wenn sie sich verstieg,
etwa ein verblaßtes Träumlein ein bißchen aufzufärben oder dergleichen.
»G’schichtleslügere,« riefen sie dann lachend und freuten sich sehr,
daß sie alles viel deutlicher und fadengerader wußten.
Das war, behüte Gott, nicht bös gemeint. Im Gegenteil, es lag ein
bißchen gutmütige Neckerei darin und ein bißchen Staunen: wie bringt
sie jetzt das auch alles zusammen? und eine Aufforderung: »Sag’s nur,
sag’ dein Sach’, man braucht’s ja nicht zu glauben.«
Aber das war dennoch alles der Jungfer nicht recht. Denn sie
träumte und erlebte, fühlte und dachte so manche Dinge, die ihr
ganz unzweifelhaft und gewißlich wahr erschienen, und die sie nicht
verspottet wissen wollte, auch nicht im Guten, gar und überhaupt nicht.
»Wenn nur ich weiß, was ich weiß,« dachte sie manchmal stolz für sich,
wenn ihr ein Absonderliches niemand von Grund aus glauben wollte. Aber
als sie sich das Stillschweigen vornahm an diesem Morgen, spürte sie
schon halb und halb, daß doch nichts daraus werde.
Es brauchte nur jemand zu fragen: »Gut geschlafen, Jungfer Nane?« oder
so, dann sah man es ihr schon auf hundert Schritte an, daß etwas mit
ihr umging. Denn sie hatte ein Gesicht wie ein Spiegel, sie konnte
nichts verstecken.
Zweitens aber beschloß sie, und das konnte eher etwas werden, nicht zu
rasten, bis sie die Adresse von ihrem Büblein habe, und wenn sie sie
habe, und es sei richtig im Feld, ihm ein Paar selbstgestrickte Socken
zu schicken. Denn es möge ein Mensch reich sein oder nicht, so brauchte
er Socken, und es sei dann noch die Frage, ob man auf allen gleich gut
laufe, auf gekauften wie auf selbergestrickten mit allen Segenswünschen
drin. Überhaupt sei jetzt eine andere Zeit als vordem. Man trete wieder
näher zusammen, wie die Berge bei einem Gewitter und -- Zeit hin, Zeit
her -- ihr Büblein und sie seien noch lang nicht die Entferntesten.
* * * * *
Es steht ein Haus auf einer weltfernen, waldigen Höhe. Still ist es
da, still. Wenn der Pfiff einer Lokomotive durch die klare Sommerluft
heraufgetragen wird, oder der ferne, fast verklingende Hall einer
Glocke oder das Schlagen einer Uhr von irgend einem Turm, so sagen
die Bewohner des Hauses zu einander: ’s gibt ander Wetter, es ist so
hörsam. Sie haben es gelernt, Luft, Wind und Wetter zu beobachten.
Lange genug sind sie unter freiem Himmel gewesen und haben ihre Sinne
geschärft vor dem Feind, die vielleicht vordem verkümmert waren in der
Fabrik, in Stuben, Werkstätten und Schulen. Wer unter ihnen hat vor
dem Krieg mit scharfem Aug’ die kleinste Bewegung auf einer kleinen
Bodenwelle wahrgenommen? oder einen sich verändernden Punkt auf einer
fernen Felskuppe? wessen Ohr hat das leiseste Knacken im Gebüsch
gemeldet oder ein kleines Summen in der Luft? vielleicht das der Jäger,
Wanderer oder Pfadfinder unter ihnen.
Aber derer sind nicht allzuviele.
Die hierher gebracht wurden, das sind die mit mürben Lungen und
versagenden Herzen, mit zitternden, zersägten, verbrauchten Nerven,
die, denen keine Kugel oder Granate ins Gebein fuhr und die dennoch
wund sind, totwund mancher unter ihnen. Die Sinne sind wohl scharf
geworden, bis zur Schmerzhaftigkeit, aber die Kräfte sind verbraucht.
Doch ist es ihnen schier zu still hier oben. Nur nach und nach
geschweiget sich die innere Unruhe, die noch aufs Horchen, Lauern,
Beobachten gespannt ist. Manch einer fährt aus dem Schlaf, wenn ein Uhu
schreit oder wenn das Käuzlein mit flatterndem Flügelschlag gegen die
Scheiben fährt, vom früh brennenden Nachtlicht angezogen.
»Hier« schreit er und sucht tastend nach der Waffe.
Zwei Gewalten sind es, die die Unruhe stillen und das Leben auf der
Höhe, in der großen, einsamen Weite, lieb machen: das wiederkehrende
Leben, dessen erstes Stadium, eine wohlig tiefe Müdigkeit, der leise
keimenden Kraft vorangeht und so sanft streichelt und den fernen
Höllenlärm vertosen läßt -- und der nahende Tod, der ungesehen von dem
einen, den er erlösen will, dennoch schattende Flügel über ihn breitet,
daß ihm Fernes und Nahes versinkt auf eine stille Weile, eh’ der
letzte, schwere Kampf anhebt.
Einer von ihnen, der letzteren einer, lag eines Tages am Rand der
sonnigen Waldwiese unter den rotleuchtenden Föhren. Sie hatten ihn hier
herausgetragen, weil er gemeint hatte, er könne hier draußen leichter
atmen als in der engen Stube.
»Es geht mir besser,« sagte er und ließ sich einen Sonnenstrahl, der
auf seiner Decke spielte, durch die Hände scheinen.
»Da doch das Fieber vorbei ist und das Bluten aufgehört hat. Nun geht
es wieder aufwärts, nicht?«
Die Schwester nickte ihm gut zu, mütterlich. Sie hatte die letzten
schweren Tage mit ihm durchlebt, er hatte ein Zutrauen zu ihr.
Sie hätte ihm sagen können: »Nein, es geht nicht aufwärts. Es ist die
Stille vor dem Sturm,« oder so etwas.
Aber das tat sie nicht. Wo sollte sie den Mut hernehmen, ihm die
leichte, linde Sonnenstunde zu verkürzen?
Ein paar Leute gingen auf dem schmalen Fußweg in der Nähe vorbei,
Touristen.
Man hörte sie reden und sah ihre Kleider, ihre leicht ausschreitenden
Füße.
»Sind das Verwundete da drüben?« fragte einer. »Die Soldaten dort?«
»Nein, es sind nur Kranke,« sagte der andere.
Dann waren sie vorüber.
Die Schwester sah ihren Kranken an. Der lächelte, ein wenig bitter
zwar, aber er lächelte doch.
»So etwas hätte mich früher rasend gemacht,« sagte er. »Nur Kranke! Ach
was, was wissen denn die? Am besten, man ist ganz still. Man kann’s
ihnen doch nicht in die Ohren schreien, was man durchgemacht hat. Ein
Fuß weg oder ein Arm -- es braucht nicht einmal so viel zu sein --
allen Respekt -- aber krank, das kann doch jeder werden, das ist noch
lang nichts. Na« -- er machte eine wegwischende Handbewegung.
»Sind dumme Leut,« sagte die Schwester. »Sie verstehen’s nicht besser.
Dumm und gleichgültig. Wer’s nicht in sich hat, den macht auch der
Krieg nicht anders. Lassen wir’s.
Aber was ich schon fragen wollte, Roland, haben Sie eigentlich keine
Verwandten, die Sie einmal besuchen könnten? Der Doktor erlaubt’s, daß
jemand kommt. Sie wissen, er ist Ihnen gut gesinnt. Er meint, es würde
Ihnen Freude machen.«
Der Kranke schüttelte leise den Kopf.
»Ich habe einen männlichen Verwandten, der kann nicht kommen. Es ist
ein Fabrikant weit weg in Sachsen. Er steckt bis über die Ohren im
Geschäft. Wissen Sie, Kriegslieferungen. Nein, ich wüßte niemand.«
Er hatte ein junges Gesicht; seit der Bart entfernt war, sah man erst,
wie jung. Aber es war schmal und hart und hatte gar nichts Frohes.
»Dummheit, woher soll es denn froh sein?« dachte die Schwester. »Er
ist totkrank und ganz aufgebraucht.« Aber sie vermißte es dennoch. Sie
hätte ihm gern irgendwo einen Arm voll Freude gelangt. Sie meinte, es
müßte leicht zu durchsonnen sein, wenn da etwas wäre, so recht zum
Freuen.
»Sind Sie denn in Sachsen daheim?« fragte sie.
»Ihre Sprache ist nicht so, daß man’s denkt. Ich weiß nicht recht, wo
ich Sie hintun soll.«
»Ich weiß es auch nicht,« sagte er.
»Nein, ich bin nicht in Sachsen daheim, und wo bin ich’s denn
eigentlich?
Wenn ich das Wort Heimat denke, dann denke ich an den Bodensee.
Dort hat mich meine Mutter auf den Boden gelegt und hat sich davon
gemacht.
Nein, nein, sie konnte nichts dafür,« -- er sah den schreckhaft
staunenden Blick der Schwester, -- »sie starb an meiner Geburt. Ich
habe schon gedacht, es wäre besser gewesen andersherum. Ich statt
ihrer. Aber das läßt sich scheint’s nicht ändern, so etwas. Das ist,
wie es ist.«
Er sagte das alles mit vielen Pausen, er hatte nicht sehr viel Atem zu
verbrauchen.
»Ich kann mich auch nicht beklagen,« fuhr er einmal fort.
»Es waren da Hände, die mich aufhoben. Eine alte Ahne, die mich immer
sehr warm anzog. Ich entsinne mich einer dicken wollenen Mütze, die
tief über die Ohren ging. Die schien ihr ein Schutzmittel gegen alle
Gefahren zu sein.
Einmal raffte ich mich zu einem Bubentrotz auf und warf sie in den See,
so sehr haßte ich sie. Aber sie ward wieder aufgefischt und getrocknet.
Man kann seinem Schicksal nicht entgehen.«
Die Schwester mußte ins Haus zurück. Da war noch viel Arbeit.
»Nein, warten Sie,« sagte der Kranke.
»Das muß ich noch sagen. Da war noch eine Nachbarin, das war die
Badefrau, sie versorgte die Seebadeanstalt.
Die hatte, scheint mir, etwas wie Mutterliebe für mich. Ich war fast
immer bei ihr. Ich hatte schreckliches Heimweh nach ihr, als ich vom
See fortkam.