»Nun müssen Sie still sein,« sagte die Schwester.
»Sonst wird’s zuviel. Und ich muß auch ins Haus. Sie wissen wohl, da
sind noch andere, die auf mich warten. Ich komme bald wieder.«
Er sah ihr nach, wie sie über die Waldwiese ging. Es war so etwas
Beruhigendes in ihrem Anblick, sogar von hinten noch, so etwas ganz und
gar Zuverlässiges, Festes, Tüchtiges. Es war, als könne sie sogar den
Tod abhalten.
Der war ihm nahe gewesen, das wußte er. Es war behaglich, jetzt so
dazuliegen in linder Schwäche; bald, dachte er, würde auch diese sich
heben. Dann kam das Leben wohl wieder dran.
Als die Schwester im Haus verschwunden war, ging sie stehenden Fußes
zum Doktor.
»Er hat niemanden, den er kommen lassen kann,« sagte sie. »Er steht so
ziemlich allein.«
»Ja, dann müssen wir ihm eben allein das Letzte tun,« sagte der Doktor.
»Er weiß es nicht?«
»Nein.« Sie machte eine zugreifende Bewegung mit beiden Händen, die der
Doktor an ihr kannte. Sie hatte die Schwerkranken.
Die Bewegung machte sie immer, wenn sie im Geist eine Sache ganz und
gar auf sich nahm.
Ihr Kranker spann derweil seine Gedankenfäden weiter.
Der Himmel war hoch und dunkelblau, ein paar Krähen flogen über die
Föhren hin, Falter wirbelten herum, Insektenvolk summte um blühendes
Heidekraut, ein paar Ameisen marschierten hintereinander drein an dem
Baum hinauf, unter dem der Liegestuhl stand.
»Sie wußte über alles eine Geschichte,« dachte er.
»Wenn ich sie gefragt hätte: was schaffen die Ameisen da droben? sie
hätte es gewußt.
Wohin fliegt die dicke Hummel?
Warum schreien die Raben so?
Nie hätte ich umsonst gefragt.
Wer weiß, sie wüßte mir jetzt auch Antwort auf so manches. Also sie
lebt noch. Sie hat mir ja Socken ins Feld geschickt, dicke, feste
Socken. Daß ich sie nicht mehr brauchen konnte, dafür kann sie nichts.
Sie kamen mir hierher nach.«
Da durchfuhr ihn ein Gedanke.
Wer weiß, sie käme mir auch nach, sie selber.
So ist sie, so war sie wenigstens, wenn ich mir’s noch recht denken
kann.
Wenn man ihr einen Gefallen tun will, muß man sie um etwas bitten.
Vielleicht bild’ ich mir’s auch ein.
Das macht jetzt, daß der Doktor mich fragen ließ, ob ich mir Besuch
wünsche.
Ja, ja, wünschen könnt’ ich mir’s wohl, Herr Doktor.
Es fällt aber keine Mutter vom nächsten Baum, auch keine aus dem blauen
Himmel.
Sie aber, die Spielmutter, sie käme vielleicht. Ich weiß noch, daß ich
zu ihr sagte: du sollst meine Mutter sein. Ich bin’s aber nicht, sagte
sie.
Also, dann spielen wir, du sollst sie sein, sagte ich. Grüß Gott,
Mutter.
»Denn ich hätte doch gern eine gehabt. Welches Kind hätte nicht gern
eine?«
Der Gedanke kam und ging.
Nein.
Ja.
Nein. Es ist so lang her. Nie mehr hast du ihr geschrieben. Nie bist du
an den lieben See gefahren.
Wie konnte ich? ich war doch nicht mein eigener Herr.
Und ich vergaß es auch bei Tag, daß ich nächtlicher Weile oft dort war.
Und ich erlebte so viel anderes. Menschen und Dinge waren da, Schulen
und Bücher und die junge Männlichkeit, und andere schöne Gegenden.
»Ja, aber keine Mütter und keine Heimaten.«
Als die Schwester kam mit dem Wärter, um ihn zu holen, sagte er, fast
verlegen:
»Ich möchte nun doch um einen Besuch bitten.
Es ist die frühere Nachbarin, von der ich Ihnen sagte. Ich habe mir’s
überlegt.