Düring war schon längst mit allen Sinnen bei der Sache.
Also das war gleich nach dem Brief gewesen. Gleich nachdem er
geschrieben hatte:
»Wir sind noch so jung, Maria. Alles Schöne wartet noch auf aus. Und
auch wir warten noch auf alles Schöne.«
Das ging ihm als Unterton immer durchs Herz.
»Wie ging es weiter?« fragte die Schwester, die »das Übrige« nur von
dem Augenblick an wußte, da sich der leere Saal gefüllt hatte, und da
der blonde Junge hier in dem Bett, das jetzt frei stand, lag.
Der Erzähler zauderte. Die »Neuen« sprechen frisch Erlebtes, das Graus
und Schrecken trug, nicht gern wieder durch. Es muß zuerst geschweigen
und verzittern, dann vielleicht.
»Er war am weitesten voran,« sagte er nach einer Weile.
»Er schlüpfte, schmal und rank, durch alles Buschwerk, schnitt Wege
ab und vermied Lichtungen, legte sich in einer engen, trockenen
Wasserrinne der Länge nach auf den Rücken und spähte nach links und
rechts alle Wipfel ab. Da ging auf einmal ein Geknatter los, richtig
von den Bäumen herunter. Ich sag’s ja, man sieht sie nicht, sie hangen
da oben wie die Eichhörnchen, die. Der ganze Wald war voll von ihnen.
Der Junge hatte auch gleich sein Teil.
Na, wir haben ihn ja herausgekriegt. Ein paar von denen haben wir
heruntergeschossen; ein paar von uns sind auch geblieben. Unsere
Meldung haben wir noch erstattet. Beim Säubern nachher,« er wies mit
dem Kopf nach den andern Betten hin -- »waren die dort dabei.«
Die letzten Sätze kamen immer karger heraus; man spürte, er hätte am
liebsten mittendrin aufgehört.
Was weiß so eine Schwester? Sie ist nie dazwischen gewesen, sonst wüßte
sie, daß man über alles eine Zeitlang schweigen muß, sonst steht es
wieder auf und fängt an, zu toben.
Sie ist immer da hinten, wo es still ist und sauber und geborgen.
Sie sieht bloß die Wunden, aber wie man sie empfing, -- nein, es ist
besser, man ist still.
Düring, der Freund, saß und sah vor sich hin. Er sah in das alles
hinein. Er wußte, das mußte alles so sein. Es wurde etwas ganz still
in ihm. Es sank etwas ganz tief hinunter, das war sein Eigenes, seine
Jugend, das, was man sich so ausgedacht hatte für die Zukunft. Der
Freund war da immer mit dabei gewesen. Der war nun tot. Und er hatte zu
dem andern gesagt: Nein, laß mich dahin, wo es gilt. Das mußte so sein,
er spürte es deutlich.
Es war eine neue Art von Dasein jetzt, das Vorige lag irgendwo weit
dahinten, da, wo man noch gesagt hatte: Dies freut mich und jenes
will ich oder will ich nicht. Man gehörte einem Ganzen an, nicht sich
selbst, das legte Beschlag auf einen, nicht nur äußerlich, nein, bis
tief innen hinein, und schuf Richtlinien in einem ...
»Das ist doch nichts Besonderes,« sagte er auf einmal laut und wußte
kaum, daß er es tat.
»Das macht man so, das ist doch deutsch-natürlich.«
Eigentlich wußten sie, was er meinte. Aber sie fragten doch: »Was ist
denn? was sagst du?«
»Ach, daß wir Jungen vorgehen und -- wir sind doch jung und ledig --
und auf uns kommt’s doch weniger an, als auf die Familienväter. Das
macht man so. Das ist so.«
Da nickten die andern und sagten nichts dazu.
Die Schwester aber entwischte mit guter Manier aus dem Saal.
Denn eine Schwester, der das Wasser aus den Augen läuft, bloß weil ein
junger Mensch sein Leben statt eines andern hergibt, wie eine Blume
vom Hut, nicht weil er muß, sondern weil er will, -- nein, weil das
»doch nichts Besonderes« ist, weil »man es doch so macht«, eine solche
Schwester käme den Leuten in Saal 37 doch als etwas Besonderes vor.
»O Deutschland, du reiche Mutter solcher Kinder,« sagte sie, und ein
glückliches Lachen trocknete schnell die paar Tränen der Herzbewegung
auf, »dich segnet Gott in allem Streit schon jetzt ins tiefste Herz
hinein.« --