Es waren »Neue« gekommen. Am Morgen hatte sich der Saal geleert; ein
Lazarettzug hatte alles, was transportabel war, nach irgend einem
Heimatlazarett geführt; jetzt, am Nachmittag, füllte er sich wieder.
Das ist nicht ganz so einfach, als es hier erzählt wird.
Es gäbe ein trauriges und blutiges Blatt, wenn geschildert werden
sollte, wie sie ankamen. »Auf Bahren und auf Wagen getragen und
geführt.«
Wie sie aussahen, ehe man ihnen die Kleider auszog oder auch nur vom
Leibe schnitt, ehe man sie wusch und bettete und verband, ehe man sie,
ermattet wie sie waren, speiste und tränkte.
Wie der Saal aussah, so lang das wirre Durcheinander von zerrissenen,
blutigen, bestaubten Dingen haufenweise den Boden und die Stühle
bedeckte.
Aber das soll hier nicht geschehen. Wozu das alles noch einmal
heraufholen? Das lag nun alles hinter ihnen.
Lärm, Feuer, Rauch und Blut, Stöhnen und Geschrei war draußen.
Nun hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen und es geschah ein
Aufatmen des Geborgenseins, trotz Schmerzen und Wunden.
Man darf sich nicht vorstellen, daß hier in diesem Saal viel gejammert
wurde. Das haben unsere Leute nicht im Brauch. Sie sähen es auch nicht
gern, wenn auf diesem Blatt viel von ihren Wunden die Rede wäre. Das
ist auch nicht die Absicht. Es soll von etwas ganz anderem erzählt
werden.
Zwar es beginnt mit dem schwersten und letzten der Erdendinge, mit dem
Tod.
Da lag ein schöner, blonder Jüngling, fast ein Knabe noch.
Bauchschuß. Er hatte nur noch Stunden zu leben.
Marmorbleich die Züge, merkwürdig hoch und klar die Stirn, feucht und
wirr das Kraushaar, um den jungen Mund ein Schmerzenszug.
Ab und zu hob er mühsam die Lider, dann leuchtete es tiefblau darunter
hervor; aber nur einen Augenblick, so fiel der Vorhang wieder zwischen
ihm und den andern.
Aus dem Saal nebenan kam einer herüber. Er wußte, die Neuen waren
Holsteiner und Jäger gleich ihm. Vielleicht daß er Kameraden fand.
Er war so jung wie der andere, der Schwerverwundete. Als er an dessen
Bett stand, ging ein jähes Erschrecken über sein Gesicht,
»Du?« sagte er, »das bist du?«
Der andere öffnete die Augen. Sie erkannten den Freund und versuchten
ein Grüßen. Das wollte nicht gelingen.
Die Schwester kam von einem andern Bett herüber.
»Sie kennen ihn, Düring?«
»Er ist mein bester Freund, mein -- mein Kamerad.« Er brachte es schwer
heraus, es würgte ihn im Halse.
Sie fragte ihn nichts mehr. Die andern auch nicht. Er setzte sich auf
den Bettrand und legte seine warme Hand auf die feuchte, kühle, blasse.
So tat er lange. Die andern schliefen in der Dämmerung ein, müde,
erschöpft. Hie und da schreckte einer auf, rief ein wirres und hastiges
Wort in die Stille hinein, man merkte, in seinen Träumen wogte der
Kampf.
Dann, auf ein beruhigendes Wort, ward wieder Stille.
Die Nacht kam herbei. Der Doktor sah die zwei Freunde beisammen.
»Lassen Sie mich hier sitzen,« bat der eine. Seine Augen sagten das
Übrige. Er tat keinen Wank von dem Bettrand weg.
Der Doktor nickte Gewähr. Er hatte hier selber nichts mehr zu tun; es
dauerte auch wohl nicht mehr lange.
Der Atem ging leicht und leise, das Herz tat zögernde Schläge.
Hie und da ein Flüstern; dann beugte sich der Kamerad zu dem blassen
Munde. Aber es war gleich wieder still.
Wie die Nacht vorrückte, ging auch der letzte Hauch in ihre große
Stille über.
»Hast du etwas gesagt, Richard?«
Des Wächters Gedanken waren einen Augenblick in ihre gemeinsame
Kinderheimat gegangen, in die sorglosen Sonnentage. Wie lang das wohl
her war? Drei waren sie gewesen. Der dritte Freund war noch daheim und
härmte sich, daß er noch nicht genommen wurde.
Als die Gedanken, von einem Ton in Hauchesstärke angerufen, köpflings
zurückkehrten, war es vorbei.
Am Morgen sah die Schwester mit Staunen, wie schön, trotzig-kühn und
sieghaft das Gesicht des jungen Schläfers war, und daß ein fast
heiteres Lächeln die schmerzlich gepreßten Lippen geteilt hatte. Und
auch mit Staunen sah sie, daß seines Freundes knabenhafte Züge über
Nacht ein Stück reifer und tiefernster Männlichkeit bekommen hatten.
* * * * *
Düring, der Kamerad, hatte Uhr und Brieftasche seines Freundes, und ein
Büchlein, das er in der Brusttasche getragen hatte, zusammengepackt,
um alles den Eltern zu schicken, und trug sich nun mit der Arbeit,
ihnen zu schreiben, was sie wissen mußten und was ihnen das Herz schwer
machen würde.
Er wußte, sie würden nicht kommen. Sie konnten sich die weite Reise
nicht gestatten.
Als er die herben und schweren Worte niederschrieb, mochte er nicht in
seinem Bericht fortfahren. Denn er sah wie mit Augen vor sich, wie die
beiden beraubten Alten, deren Jüngstes und letztes hier lag, in Jammer
ausbrechen würden, und sein Auftrag fiel ihm schwer.
Er schob das halbfertige Blatt zurück und fing einen Brief an den
gemeinsamen Freund an.
Da kam der Sanitäter herein. Er hatte einen beschriebenen Briefbogen
in der Hand, der war zerdrückt und blutbefleckt.
»Ich weiß nicht, ob das noch einen Wert hat?« fragte er und gab das
Blatt dem Freund. »Ich fand es in seiner Tasche.«
Es war ein Brief, dessen Anfang fehlte, er trug die Handschrift des
Verstorbenen.
»Heute, den dreiundzwanzigsten fahre ich fort, zu schreiben,« begann
das Blatt.
»Ich schreibe in der grauenden Morgenfrühe. Die andern schlafen noch;
mich hat in der Nachtwache der Gedanke begleitet, daß heute dein
Geburtstag sei; ich will diese eine, stille Morgenstunde bei Dir sein,
Maria. Wer weiß, wie es den Tag über sein wird? Ob Du es weißt, wie ich
an Dich denke? Ich wollte es Dir sagen, eh’ ich ging. Aber als ich im
Garten auf Dich wartete, kam Deine Mutter und war gütig und freundlich
mit mir und sagte fast zärtlich: Du bist noch solch ein Knabe, Richard,
und willst schon in den Krieg ziehen? kannst Du es gar nicht erwarten,
bis sie Dich rufen? Da dachte ich, auch Du würdest mich noch für einen
Knaben halten, und mich auslachen, wenn ich Dir von meiner Liebe sage.
Und ich tat es nicht. Aber, Maria, wenn ich an Deine Augen denke beim
Abschied, und an den Rosenstrauß, den Du mir gabst, und an Dein: komm’
wieder, komm’ gewiß wieder, dann wünsche ich fast, ich hätte es getan.
Nun muß ich warten, bis ich wieder komme. Und Du? vielleicht wartest
auch Du. Wir sind noch so jung, Maria, so jung. Alles Schöne wartet
noch auf uns. Und auch wir warten auf alles Schöne. Ich habe nicht
gewußt, daß das Leben so etwas Prachtvolles ist, bis jetzt, wo so viele
sterben.
Ich wollte, ich könnte Dir diesen Morgen zeigen. Hoch über der ...höhe
steht noch der funkelnde Morgenstern. Aber vom Osten her kommen kleine,
rosige Wölkchen gesegelt, dort bereitet sich schon etwas vor, und die
lange, flache Hügelreihe hat einen roten Saum.
Im Tal unten aber wogt der Nebel wie ein Meer. Wenn der Vorhang
aufgeht, ist der Krieg wieder da. Eigentlich ist er immer da, nur --
manchmal versucht man, ihn wegzudenken, nur auf eine Weile, versucht
das Schöne zu denken, das noch irgendwo ist, und einmal wieder
Gegenwart sein muß. Ich sage Dir, Maria (aber Du wirst diesen Brief
nicht bekommen) ich bin kein Knabe mehr. Ich -- ich sage Dir alles,
wenn ich heimkomme, am selben Tag noch, in derselben Stunde.
Im Blockhaus regt es sich, der Tag beginnt. Nun bin ich bei Dir gewesen
und Du weißt es nicht, Du wirst ...«
Hier war das Blatt zu Ende.
»Wer weiß, Maria, vielleicht bekommst Du ihn doch.«
Düring wußte, wen der Freund meinte.
Er hatte nicht von ihr geredet. Aber man kannte einander doch; man
brauchte doch nichts zu sagen, wenn man sich seit der frühesten
Kindheit kannte.
Sie wohnte in dem schönen, alten Hause, das einst ein Kloster gewesen
war und dessen Gartenmauer von einem einzigen uralten Rosenstock
übersponnen war.
Wenn er nun eines Tags in diesen Garten träte und ihr das blutige Blatt
brächte -- falls er nämlich selber zurückkäme -- und sagte: das ist das
Letzte, was mein Freund geschrieben hat und es ist für Sie, Maria.
Ob sie dann weinen würde? Sie war ein schönes, stolzes Mädchen und
trug den dunklen Kopf immer sehr hoch und aufrecht.
Hoffentlich würde sie weinen; hoffentlich tat es ihr weh und schuf es
ihr eine Wunde, daß er, der sie heimlich im Herzen trug, hinweg gemußt
hatte, eh’ er auch nur einen einzigen Schritt zu all’ dem Schönen hin
hatte machen können, zu dem Schönen, das er auf sich warten sah. Es
tat ihm wohl im Herzen, zu denken, sie sei dann tiefbetrübt und neige
ihr Haupt mit den schweren Zöpfen, und sage zu ihm, dem Freund ihres
Liebsten: o warum mußte gerade er es sein?
Als er solchergestalt seinen Gedanken nachhing, hörte er die andern
neben sich von einer Sache reden, die ihn aufhorchen ließ.
»Es hätt’ nicht sein müssen,« sagte der bärtige Unteroffizier. »Aber
wie es oft geht, er hatte den Rotenburger so ins Herz geschlossen und
wachte so über ihn, als ob er der Ältere wäre und der Rotenburger das
halbe Kind, nicht umgekehrt. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, dem
Mann, dem in den letzten Wochen daheim ein Bub geboren worden war,
dürfe nichts geschehen.«
»Und dann?« fragte die Schwester, die neben ihm den Jäger mit den
zerschossenen Armen fütterte.
»Dann? Am Abend vorher bekommt der Rotenburger mit der Feldpost einen
Brief von seinem Weib und ein Bild, auf dem sie, das Jüngste auf
dem Schoß, mit ihren Vieren abgebildet ist. Das Bild geht von Hand
zu Hand, und es ist wahr, sie sieht darauf aus wie eine Gluckhenne
mit ihrem Volk. Dem Jungen, dem Munk, aber zeigt er den Brief. Wie
die Weiber manchmal sind, es steht -- ich hab’s nicht gelesen, aber
allem nach ist es so der Fall -- viel von Heimweh drin und Sehnsucht
nach seinem Kommen, und Fragen, ob der Krieg nicht bald aus sei. Und
der Rotenburger läßt den Kopf hängen, wie die Leute das nach solchen
Briefen an sich haben -- der Kuckuck soll sie holen, wenn sie ins
Feld nichts anderes zu schreiben wissen, die Weiber. Aber der Junge
ist immer um ihn her und studiert an dem Bildchen herum und macht
Witze, daß der Kleinste die Nase seines Vaters habe, eine Nase, in
die es bequem hineinregnen könne, und daß das große Mädchen, das
Älteste, scheint’s aus dem Mohrenland stamme, wenn der Photograph nicht
beschummelt habe, so schwarz sei es. Und solche Sachen mehr, bis der
Rotenburger wieder aufgeräumt ist und mittut.
Soweit ist es also ganz gut.
Aber am andern Morgen kommt Befehl an uns, das Gehölz links am
Schrägabhang bei unserer Stellung nach feindlichen Truppen abzusuchen,
die sich dem Anschein nach drin versteckt halten. Und der Feldwebel
kommandiert mich mit meinem Zug dazu, da ist der Rotenburger auch
dabei, der Munk aber nicht.
Alles was wahr ist, so ein Gehölz ist nicht das sicherste Land. Denn
eh’ ihr euch verseht -- na ihr wißt’s ja, wie die Franzosenkerle auf
den Bäumen hangen und herunterpfeffern, und ihr wißt nicht, wohin ihr
schießen sollt, ihr seht sie nicht.
Die Leute machen ja auch ihre Sprüche darüber, wie sie sich richten zum
Antreten.
Und einer sagt zum andern: Also du weißt, wohin zu schreiben ist, wann
ich nicht mehr komme.
Da, wie wir schon beisammen sind, -- der Rotenburger fährt geschwind
noch in die Tasche und guckt sein Bildchen an, -- man kann ja nie
wissen -- kommt auf einmal der Junge herbei, der Munk, und meldet sich
zum Mitgehen. Der Rotenburger solle dableiben, das sei keine Sache
für den. Der Feldwebel fährt auf, kommandiert sei kommandiert und man
habe nicht nach Freiwilligen gefragt. Der Rotenburger fährt auch auf,
aber bloß schwach, der Munk solle keine Geschichten machen, er habe
auch bloß ein Leben. ›Das schon,‹ sagte der, ›aber du hast mehr als
eins, du hast fünf bis sechs.‹ Da ist der Rotenburger still und der
Junge steht stramm vor dem Feldwebel und sagt noch einmal, als ob noch
nichts geredet wäre: ›Melde mich ganz gehorsamst zum Mitgehen, Herr
Feldwebel,‹ und guckt den so an, na ihr wißt ja, wie, ihr habt ihn
ja gekannt. Er konnte so ein Gesicht machen, wie wenn er sagte: ›Du
schlägst mir ja doch nichts ab, du tust bloß so.‹
Also der Feldwebel winkt denn auch mit der Hand Gewähr und der
Rotenburger tritt zurück und der Junge ins Glied und marschiert mit ab.
Wie wir uns am Waldeingang verteilen, steht er grad neben mir und ich
sage, im Spaß -- aber ich hab’s im Ernst gemeint: Du, Munk, es kann
aber direkt lebensgefährlich werden.
Da schießt dem das Blut ins Gesicht und bis unters Haar und er funkelt
mich an mit seinen blauen Lichtern: ›eben drum.‹ Sonst nichts.