In die entstandene Pause hinein sagt eine junge Knabenstimme:
»Der, wenn er mit in den Karpathen gewesen wär’, der hätt’ ihn
gefunden.«
Ganz begeistert sagt es die junge Stimme. Sie gehört dem
Kriegsfreiwilligen Rau, einem frischen, blonden Buben, den die
Kameraden mit einer gewissen Zärtlichkeit »Bürschle« heißen.
Er steckt in Gips bis über die Hüften, aber er ist vergnügt, daß er
wenigstens die Hände frei hat. In den Händen hat er immer entweder eine
Mundharmonika oder einen Band Gottfried Keller.
So eine dämmerige Plauderstunde aber ist ihm noch lieber als ein Buch.
»Mein Bruder ist auch in den Karpathen. Er ist Arzt,« fährt Bürschle
fort, »und er hat mir geschrieben, -- ach was, es ist gleich, halt auch
von einem Hund.«
Denn auf einmal kommt es ihm vor, als ob das, was der Bruder
geschrieben habe, nicht ganz direkt auf die geheimnisvoll-dunkle
Geschichte des Möschenmosers hin zu genießen sei.
»Sag’s doch, Bürschle, wirst dich doch net schenieren,« ermunterte ihn
sein Nebenmann. »Jetzt hast gegackert, jetzt mußt auch legen.«
Da nimmt er einen neuen Anlauf.
»Von einem Sanitätshund hat er geschrieben, der ganz neu zu seiner
Sanitätskolonne gekommen ist.
Es war an einem späten Abend, da waren sie alle, die Ärzte und die
Sanitäter, sehr müde, und draußen stürmte es, als ob der Wind ihre
Baracke wegtragen wollte. Und sie meinten, sie wären für heute fertig.
Aber der neue Hund wollte durchaus noch einmal hinaus und begehrte sehr
heftig, daß jemand mit ihm gehe. Da waren zwei Sanitätsmänner, an denen
war die Reihe für den Nachtdienst, die gingen mit, aber nicht gern,
und mein Bruder ging auch mit, weil es ihn interessierte, was da noch
lebendig sei heute nacht.
Der Hund führte sie durch dichtes Gestrüpp und dann einen steilen Hang
hinunter, und wieder hinauf, und endlich blieb er bellend an einem
tiefen Graben stehen. Und in dem Graben lag ein verwundeter Mann, der
streckte flehentlich die Hände nach ihnen aus.
Der eine von den Sanitätern aber war mißgelaunt aus irgend einem Grund
und ärgerte sich über den späten Weg und sagte, als er in den Graben
sah: »’s ist ein falscher, ein Russ’. Der dumm’ Kerle kennt sie noch
nicht auseinander.«
Da sagte der andere: »Sei still, schimpf nicht. Der wird recht, der
Hund. Der hat’s wie unser Herrgott, der ist auf diese Weis’ auch
neutral.««
So weit das Bürschle.
Sie loben es aber um seine Geschichte, denn sie haben es auch wie
der Hund und der Herrgott. Gegen verwundete Leut’, die ihre Hände
ausstrecken, sind sie auch neutral.
Davon wüßte ein jeder zu sagen.
Aber eh’ noch ein Wort fällt, geht die Tür auf und die Schwester kommt
herein mit der Lampe, und hinter ihr der Doktor.
Der spürt den frischen Lufthauch vom Fenster her, in dem der
Pfeifenrauch sich sachte verdünnt und verzogen hat, und sieht in lauter
blinzelnde, zufriedene Gesichter, und sagt -- er ist ein Bayer --:
»Habts an Guat’n g’raucht, ihr Leut’?«
Und fängt an, pflichtlich von Bett zu Bett zu gehen.