Von der stummen Kreatur

Ein Märzabend dämmert herunter. Der lange Saal liegt schon im Schatten,

nur vorne an den Fenstern sind noch ein paar Betten bleich beschienen

vom sinkenden Tageslicht. Es hängt eine Wolke in der Luft, sie webt hin

und her und will zum Fenster hinaus. Aber sie kann nicht. Die draußen

in den Schützengräben gelegen sind, lange Wintermonate hindurch, immer

in der freien Luft, die wollen jetzt in der warmen Stube, in der

Dämmerstunde, wo das Rauchen erlaubt ist, ihr Pfeifenrüchlein beisammen

behalten. Die Wolke wird immer dicker; es wäre entschieden gesünder,

wenn man ein Fenster aufmachte. Aber wenn’s ihnen so behaglich ist.

Sie haben genug Unbehagliches, um jetzt grad nicht mehr zu sagen,

erlebt. Es soll ihnen so wohl als möglich sein. Mit dem Doktor könnte

es allenfalls etwas setzen. Aber erstens vermeidet er weislich, um

diese Zeit zu kommen, und zweitens ist er kein Unmensch. Grad weil er

kein Unmensch ist, kommt er jetzt nicht. Sonst müßte er aus seinem

ärztlichen Gewissen heraus die Fenster aufreißen, daß die kalte, klare

Märzenluft hereinströmen könnte.

Licht wollen sie auch noch nicht. Es sei gemütlicher so. Der Schwester

kann’s recht sein; es ist ohnehin nicht mehr viel Petroleum da,

der Lazarettinspektor hat in allen Sälen herumgeschickt, man solle

äußerste Sparsamkeit walten lassen. Die Ofentür hat einer ein bißchen

aufgemacht, daß der Flackerschein vom Feuer auf den Boden fällt. Er

hat’s mit der linken Hand getan, denn die rechte ist nicht mehr da.

Unsereins könnte es alterieren, zuzusehen, wie er sich behilft bei

allen Verrichtungen. Aber er sagt, bei ihm mache es nicht so viel.

Er sei Briefträger, und die Postverwaltung nehme ihn wieder. Und

überhaupt. -- Ja, immer dieses überhaupt. Wenn man das in Worte fassen

könnte. Es ist nicht auszusagen, was dieses überhaupt alles sagt. Wer’s

spürt, der spürt’s. Die Saalschwester spürt’s. Sie macht sich im Saal

zu tun. Da vorne am Fenster liegt einer, dem sie den Fuß massieren muß.

Dazu ist’s gerade noch hell genug. In der Dämmerstunde, da ist allerlei

zu hören, was bei Tag nicht herauskommt, da spinnen sich Fäden hinaus

zu denen, die noch im Kampf stehen, und heim zu denen, die warten, bis

sie wiederkommen. Da kommt auch heraus, was überhaupt heißt. Es heißt:

»Ich leb’ doch noch. --

Und wenn ich nicht mehr lebte, so müßte doch Deutschland siegen.

Und es siegt auch.

Auf mich kommt’s nicht an.

Aber ich bin doch froh, daß ich noch lebe. Es ist noch gut gegangen.

Ja, es ist noch gut gegangen. Denn wie viele liegen draußen. Und viele

siechen langsam hin, oder sind blind, oder -- o Gott, nicht ausdenken

darf man, was gelitten wird.

Aber bei mir ist’s doch noch gut gegangen und hätte können schlimmer

sein.«

Und überhaupt.

Der Briefträger mit dem einen Arm und noch zwei aus dem Saal, die

»wenigstens gute Füß’« haben, sind heute bei einer Beerdigung gewesen.

Davon reden sie nun. Ein Hauptmann ist es gewesen, den man begraben

hat. Er hat keine Frau und keine Kinder hinterlassen, man weiß es für

gewiß. Er hat nur einen Bruder, der in Tsingtau gefangen genommen

wurde, und eine Schwester, die als Missionarsfrau irgendwo »unter

englischer Obhut« sitzt. Er hat schwer gelitten; es ist ihm gut

gegangen, daß er gestorben ist. Seine Geschwister wissen’s noch nicht.

Es trauert heut niemand um ihn.

Die Schwester gönnt sich und ihrem Patienten eine Pause und fragt,

schier zaghaft: »Niemand? er wird doch auch Freunde haben? und seine

Mannschaften? Die trauern doch um ihn?«

Es erbarmt sie immer so tief, wenn die Menschen da draußen sterben,

an der Reichsgrenze, schon im deutschen Land, und doch in der Fremde.

Die Kanonen donnern zum Grabgesang von den Vogesen her, und von den

Grenzgefechten jenseits der schwarz-weiß-roten Pfähle. Der Krieg

schreit noch hinein in ihre Stille, trotzdem sie ihm schon entronnen

sind. Und ihre Eigenen sitzen oft weit weg und können nicht kommen. Es

ist ihr dann, man müsse sie doppelt mit Liebe umgeben, die Toten, die

doch nichts mehr spüren, mit Kränzen, mit Grabgeleit, mit Tränen.

»Seine Freunde und seine Mannschaften steh’n draußen. Die wissen’s

nicht, daß er grad heut begraben wird. Die sind hart an der Arbeit, o

je.«

Was sich so eine Schwester wohl denkt?

»Ein Leidtragender ging aber doch hinter seinem Sarg her,« sagte der

Einarmige. Er heißt Christoph Volz.

»Ein Leidtragender! wer denn?«

»Ja. Er heißt Mingo. Er ist dunkelbraun und hat eine weiße Blässe vor

der Stirn. Sein Gaul.«

Sie nickten ernst mit dem Kopf. Es fällt keinem ein, das mit dem

Leidtragenden für einen unzeitigen Scherz zu nehmen.

»Ja, so ein Tier,« sagen sie.

Sie sehen es alle vor sich. Sie sehen den ganzen Leichenzug vor sich.

Sie hören die Trommel, die keiner mehr vergißt, der sie gehört hat.

Langsam, langsam fallen die Schläge. Jeder schlägt einem aufs Herz.

Drom drom, drrom dom dom, dom dom dom. Es ist wie eine Musik, die der

Tod selber macht.

Der Sarg schwankt hinterher. Die Träger bleiben im Schritt, den ihnen

die Trommel vorschreibt. Sie tragen schwer; es ist, als trügen sie

alles Herzeleid mit. Hinter dem Sarg kommt das Pferd. Der Bursche führt

es am Zügel. Es weiß es, o es weiß es gut, daß man da seinen Herrn

hinträgt, denselben, den es so oft auf seinem Rücken getragen hat. Es

ist nur alles so unbegreiflich. So eine stumme Kreatur kann niemanden

fragen. Niemand von den Leuten, die hinter dem Sarg herschreiten, nicht

den Pfarrer, nicht die Offiziere der Garnison, die gerade hier liegen

und dem Kameraden die letzte Ehre antun. Es weiß nicht, warum sich

Schüsse lösen an der Grube, in die sie den Herrn versenken, oder doch

das Etwas, das ganz sicher mit dem Herrn zusammenhängt. Die Schüsse

hallen lang nach, an den Bergen hin. Und alle Leute treten noch einmal

an die Grube und sehen hinunter, und auch Mingo steht nahe dabei und

reckt den Hals. Aber dann nimmt ihn der Bursche wieder am Zügel und

führt ihn von da hinweg.

Er läßt ein langes, unwilliges Wiehern hören. Aber es versteht’s kein

Mensch. Oder doch, ja, der Bursche versteht’s. Er legt seinen Kopf an

den schlanken, braunen Hals, als es niemand mehr sieht, und heult los.

Denn sie haben nun beide keinen Herrn mehr, und was werden sie für

einen neuen kriegen!

Aber der Bursche geht dann aus dem Stall und gesellt sich zu andern

Leuten, und nimmt einen braven Trunk zu sich und macht sich

vernünftige Gedanken. Dazu ist er ein Mensch.

Mingo aber bleibt allein, und er ist auch nicht so leicht beweglich.

Er kennt nur einen Herrn. Und es ist ihm mehr und mehr, als sei mit

diesem Herrn etwas gar nicht in Ordnung. Als habe der ihn ganz und gar

verlassen.

Das geht alles schnell und wie mit den Augen sichtbar an den Leuten

vorbei.

»Ja, so ein Tier,« sagt noch einmal einer nachdenklich.

Der Hauptmann hat noch von ihm Abschied genommen, sie haben es

erfahren. Er hat eine so große Unruhe in sich gehabt am letzten Tag

und der Doktor hat ihn gefragt, ob er einen besonderen Wunsch habe.

Da hat er gesagt: »Wenn es möglich wäre, möchte ich wohl mein Pferd

sehen.« Der Sanitäter, der dabei war, hat gemeint, er sei vielleicht

nicht ganz bei Bewußtsein, aber der Doktor hat’s gut verstanden und hat

gesagt: Das muß möglich sein. Da haben sie das Pferd hereingeführt;

sechs Stufen hoch ging’s vom Hof in den Saal. In dem Saal liegen

Mannschaften, und in einem kleinen Nebenzimmer der sterbende Hauptmann.

Das Pferd hatte keinen Raum dort drinnen. Es stand unter der offenen

Tür und sein Herr hob mühsam die Hand nach ihm hin. Da führten sie

es so weit hinein, daß er seine Nase und den schönen Hals streicheln

konnte. Das Pferd schnoberte an der blassen Hand herum und als sie müde

zurücksank, wieherte es leise.

Der Bursche soll gesagt haben, dem Herrn seien Tränen in den Bart

gelaufen. Und das Pferd -- wenn es nur gekonnt hätte -- aber so ein

Tier kann nicht weinen. »Es muß alles in sich hineindrücken,« soll der

Bursche gesagt haben.

Als sie es wieder hinausführten durch den Saal, schrie auf einmal ein

Ulan, der einen Kopfschuß hatte und eine Eisblase auf dem Kopf: »O

meine Lisel.« Die Lisel war ihm unter dem Leib weggeschossen worden,

aber sie war nur schwer verwundet, nicht tot. Und er hatte sie hinter

sich gelassen, um sein Leben zu retten. Nicht einmal einen Gnadenschuß

hatte er ihr gegeben, da schrie sie hinter ihm drein. Im ärgsten

Kugelregen glaubte er sie noch schreien zu hören.

Jetzt, seit er den Kopfschuß hatte, kam sie ihm immer im Fieber und in

Träumen vor. Wie einer, der seinen besten Kameraden hat müssen totwund

liegen lassen, kam er sich vor. Aber der Kamerad versteht’s doch, daß

man nichts anderes machen kann. Die Lisel jedoch -- kann das so ein

treues Tier begreifen --, daß man’s in der bitteren Not verläßt? in der

tobenden Hölle, in die es den Herrn hineintragen mußte?

Die Schwester kam und erneuerte das Eis.

Denn der Ulan sagte nun immer vor sich hin: »Das Tier hat ihn getragen,

bis daß es niederfiel« -- und konnte keinen Schluß von dem Vers finden.

Das alles erzählen die Leute, die bei dem Begräbnis gewesen waren,

und die Schwester weiß, daß sie nun zurücksehen in das, was im Krieg

am grausigsten und schrecklichsten ist: das Hinstürmen müssen über

die hinweg, die zu einem gehört haben. Als ob sie einem nichts mehr

angingen. Man muß bedenken: es ist bei ihnen noch nicht lang her, erst

kurze Tage, daß sie es in der Wahrheit miterlebt haben.

Aber der lustige Schübel-Max, der nicht lange bei traurigen Dingen

verweilen mag, weil sie einem, wie er sagt, »das Gemüt anfressen,«

bringt unverzüglich eine andere Saite zum Erklingen.

»Also so ein Tierle,« sagt er, »hat Menschenverstand.

Es kann’s bloß nicht sagen, daß es alles versteht. Aber es versteht

rein alles. Zum Beispiel mein Fuchs, wenn die Proviantwägen nicht

nachgekommen sind und wir haben beide Hunger gehabt, er und ich, und

ich hab’ ihn ein bißchen getätschelt und gesagt: ›Fuchs, heut ist’s

nichts mit der Verpflegung,‹ dann hat er mich vorher angeguckt, ob

ich’s im Spaß sag’ oder im Ernst und hat mit dem Maul an meinen Taschen

herumgeschnobert, ob nicht doch noch eine alte Brotrinde drin sei. Aber

dann hat er, wenn nichts drin war, ganz gottergeben mit dem Schwanz

gewedelt und das hat geheißen: Mag’s sein wie’s will, also du kannst

einmal nichts dafür. Soviel ist sicher.

Und anhänglich ist ein Gaul. Ein treuer Schatz kann nicht anhänglicher

sein.«

»Du hast ja gar kein’n, was weißt denn du?« wirft einer ein, der aus

dem gleichen Ort ist. Denn der Schübel-Max ist nicht fürs Weibliche.

Das heißt, er verehrt es schon, aber er kann nichts rechtes damit

anfangen, er »kriegt den Rang nicht,« wie er selber sagt.

Aber er läßt sich durch die Einrede nicht draus bringen.

»So?« sagt er. »Das mit den Schätzen, das weiß ich vom Zusehen; aber

das mit den Gäulen, das weiß ich vom Praktizieren. Da kann ich dann

auch wieder sagen: Du hast ja gar kein’n, was weißt denn du?«

Denn der Kamerad aus dem gleichen Ort ist ein Infanterist, ein

Sandhase, aber der Schübel-Max ist Kavallerist.

»Ich will gar nicht von mir sagen,« fährt er fort. »Von meinem Fuchs

und mir. Wiewohl, als ich bin verwundet worden und die ganze Nacht in

einem Graben am Waldrand gelegen, da ist er keinen Schritt von mir

weggegangen. Wir sind ganz allein gewesen, heißt das, was Lebendige

anbetrifft. Tote sind schon dagewesen,« er macht eine Handbewegung, als

ob er etwas wegwischen wollte. Denn von ihnen will er jetzt nicht reden.

»Ich hab’ mich nicht regen können, denn ich hab’ zu viel Blut verloren,

als ich bis zu dem Graben hingekrochen bin. »Fuchs, sag’ ich, armer

Kerle, du hast Hunger. Geh’ doch da ’nunter, an das Waldeck, da ist

eine Wiese mit schönem Gras.« Aber er tut keinen Ruck. »Und du? hast

du vielleicht keinen Hunger?« sagt er.

Der Infanterist aus dem gleichen Ort fährt auf: »Was lügst denn so?

kann vielleicht ein Gaul reden?«

»Du hast ja gar kein’n, was weißt denn du? Also ich hab’ ihn halt so

verstanden.«

Es ist eine kalte Nacht gewesen. Die Stern’ sind am Himmel gestanden

und haben mir zugewinkt, wenn ich mit den Augen geblinzelt hab’, wie

wenn sie sagen wollten: über deinem Dorf und über der Kirch’ und dem

Kirchhof scheinen wir auch. Aber du, du kommst nimmer heim. Wie man

halt ist,« der Schübel-Max gab schier ungern sein menschliches Gefühl

preis, »es hat mich doch erbarmen wollen, daß ich da draußen allein

verkommen soll. Da hat mich auf einmal mein Fuchs angestoßen mit seinem

Maul und hat an mir herumgeschnobert und hat gesagt« --

»Jetzt hältst aber dein Maul. Schwätz, was wahr ist und halt dich nicht

so mit Lügengeschichten auf,« sagt der Kamerad aus dem gleichen Ort.

»Also mir ist’s halt gewesen, er hab’ gesagt: bin ich vielleicht nicht

auch noch da? bin ich vielleicht nicht auch ein Mensch? -- bald hätt’

ich gesagt: ein Mensch -- also bin ich vielleicht nicht auch eine

lebendige Seele? Das hat mir gut getan in meiner Schwachheit.

Überdem ist der Morgen heraufgekommen und mich in meinem Graben hat ein

Streifen Sonne getroffen, da hab’ ich gedacht: kann sein, du kommst

doch noch einmal heraus. Wie man halt ist. Man hängt doch am Leben.

Mein Fuchs aber, der hat mehr gesehen als ich. Der hat über dem Viereck

drüben, am andern Waldrand, eine Patrouille reiten sehen; es sind von

den Unsern gewesen, und hat laut hinausgewiehert, drei- oder viermal.

Sind halt auch Kameraden von ihm dabei gewesen, das hat ihn gefreut.

Ich hab’ aus meinem Graben heraus mein Sacktuch geschwenkt. Und kurzum,

sie haben mich gefunden. Sonst, behüt dich Gott, Schübel-Max. Wo mein

Fuchs jetzt ist, das möcht’ ich wissen.«

Der Schübel-Max schweigt ein Weilchen. Dann sagt er: »Das hab’ ich

eigentlich gar nicht sagen wollen, das von mir und dem Fuchs. Es ist

mir nur so zwischenhinein gekommen, weil wir von der Anhänglichkeit

geredet haben.«

»Was hast denn sonst sagen wollen?« fragte der Landwehrmann Gröhl, der

sich gern gut unterhält, aber nur, wenn er selber nichts dazu tun muß.

Zuhören, das kann er stundenlang.

»Ach, da ist doch gestern ein Kamerad bei mir gewesen, dem hat’s seine

Frau geschrieben. Bei ihm daheim ist’s passiert, im Schwarzwald. Jetzt

mag er nicht mehr essen und nicht mehr schlafen. Bloß heim möcht’ er,

wie seine Gäul. Die sind, ein Gespann von Braunen, zwei Tage nach ihm

selber ausmarschiert, nach Frankreich, wie er auch.

Die Frau und der Bub sollen, als die Braunen fortkamen, ärger geweint

haben, als bei des Vaters Abschied.

Der eine von den Gäulen soll immer wieder den Kopf nach dem Hof

hingedreht haben, solang man ihn gesehen habe. Der Hof liegt auf einer

Höhe, nicht so gar weit von Oberndorf.

Also das war im August.

Jetzt, im Frühjahr, haben sie in Oberndorf Militärgäule versteigert,

gefangene Franzosen und Belgier, und auch eine Partie deutsche

Kriegsuntaugliche. Die Schragenbäuerin und ihr Bub sind auch zur

Versteigerung gegangen, weil sie gern wieder ein Gespann zum Ackern

gehabt hätten.

»Mutter, Franzosen nehmen wir keine,« sagt der Bub, der im Zorn noch

keinen Unterschied weiß zwischen einem französischen Mann und einem

französischen Gaul.

»Ha, das macht mir nichts aus,« sagte die Mutter.

»Hist und hott werden sie auch verstehen. Die Gäul haben den Krieg

nicht angefangen. Kann sein, man kriegt sie billig.«

Sie haben aber nicht gesehen, daß ein paar abgetriebene Braune unter

den deutschen Kriegsuntauglichen immer die Köpf’ zusammengestreckt und

untereinander verhandelt haben. Gespürt haben sie auch nicht, daß da

etwas um den Weg ist, was zu ihnen gehört.

Man kann’s ihnen nicht übel nehmen. Menschen haben keinen so feinen

Riecher, wie so ein Tierle.

Da ist auf einmal ein schwerer, klapperiger Schritt auf die zwei Leut’

zugekommen, und eh’ sie sich’s versehen haben, hat sich ein Kopf über

die Schranken geschoben, hinter denen sie gestanden sind, und hat sich

zwischen die Frau und den Buben gedrängt, wie wenn er alle beide auf

einmal begrüßen wollte. Da haben sie zu gleicher Zeit die Blässe in

Form eines Blattes auf der Stirn des Braunen, und die Art, wie er die

Nüstern aufgeblasen und wie er mit dem Fuß gescharrt hat, erkannt, und

gerufen: »Ja, Hans, o Hans, grüß Gott! ja, du bist’s und bist wieder da

aus dem Krieg?«

Der Braune aber hat sich schier in das Brusttuch der Frau verkrochen

vor lauter Zärtlichkeit und weil er sonst nichts hat sagen können.

Mittlerweile ist sein Mitgespann hinter ihm drein und auch

herzugekommen, mit hinkendem Schritt, denn er hat an der linken

Hinterhand eine tiefe, schlecht verheilte Narbe gehabt, und -- ihr

glaubet’s ja doch nicht, wenn ich’s auch sag’ -- und hat das Maul auf-

und zugemacht, wie wenn er die längste Red’ halten wollte über das, was

er derweil erlebt hat, und bloß nicht könnte.

Die Bäuerin hat einen um den andern umhalst wie einen Schatz, der

wieder gekommen ist und das ist ihrem Mann vermeint gewesen, oder, ich

weiß nicht, hat sie für die Gäule so ein Mutterherz gehabt; und der

Bub hat mit seiner Geißel geknallt, weil er nicht hat hinausjuchzen

können; denn das Schluchzen ist ihm im Hals gesteckt, er hat nicht

recht gewußt, warum.

Da haben sie bei der Versteigerung die zwei alten Familienglieder

erstanden und noch einen Franzosen dazu. Den haben sie hist und

hott gelehrt und an der Wagendeichsel eingefahren, daß es die

Kriegskameraden nicht so streng haben sollen.

Und seit der Schragenbauer das alles weiß, guckt er bloß noch heimzu.«

Soweit der Schübel-Max.

Die andern sind still. Vielleicht haben sie’s wie der Schragenbauer.

Die Schwester hat vor einer kleinen Weile, eh’ sie hinausging, sachte

das Fenster aufgemacht. Jetzt sehen sie auf einmal, daß draußen schon

die Sterne am Himmel stehen.

»Die scheinen auch über die Schlachtfelder, und auch über die Heimat.«

Die Heimat ist behütet und liegt im Frieden. Ganz deutlich sehen sie

sie vor sich. Stille Dorfgassen, Mütter, die Kinder ins Bett legen,

einen plätschernden Röhrenbrunnen, einen mächtigen Nußbaum an einer

alten Scheuer, Kühe im Stall, eine Schreibstube, einen gedeckten

Tisch, an dem eine blonde Frau sitzt, einen Zaun, an dem ein Mädchen

mit hängenden Zöpfen steht. Die behütete Heimat, das ist der Preis für

alles, für Mühe und Schweiß, für eisige Nächte im Freien, und tobendes,

höllisches Feuer im Gefecht, für brennende Wunden und versehrte

Manneskraft.

»Grüßet die daheim, ihr Sterne, grüßet die draußen. Einmal, einmal muß

doch wieder Friede sein.«

Das sagt keiner. Solche Sachen sagen sie nicht. Wenigstens nicht mit

solchen Worten. Aber wer sie kennt, versteht sie doch.

* * * * *

»Mein Tyras ist auch so ein Kerle.«

Kein Mensch fragt, was für ein Kerle der Tyras des Landsturmmannes

Möschenmoser aus Denglingen im badischen Oberland sei. Es wird schon

kommen, wenn man’s abwartet. Der Möschenmoser macht nicht leicht den

Mund auf. Es muß schon dunkel sein und es müssen die Sterne scheinen

und es muß von Tieren die Rede sein.

Im Frieden ist er nämlich Schäfer.

Wenn er etwas sagt, dann kommt es wie aus einem langen Gedankengang

heraus. Es wird wohl auch so sein.

Er ist noch nicht lang im Krieg gewesen. Zwei Brüder sind ihm schon

gefallen, einer in Rußland und einer in den Vogesen. Er ist der Letzte.

Im Februar ist er ausgerückt und im März verwundet.

Als ihn niemand frägt, hält er’s für ein Zeichen, daß er fortfahren

soll.

»Also es gibt nämlich Sachen, die kann kein Mensch erklären. Zum

Beispiel, wieso es kommt, daß ein Tier etwas von weitem spürt und

ein Mensch nicht. Und der Mensch soll doch das Höchste sein in der

Schöpfung. Aber er hat zuviel gelernt, das ist der Fehler, er ist zu

gescheit geworden. Er ist von der Natur entwöhnt.

Darum ist ihm der feine Merks verloren gegangen.

Ein Tier hingegen ist ganz Natur und hat gute Augen und Ohren und eine

scharfe Witterung.

Und ist auch treu und unveränderlich, weil es nicht so vielerlei

bedenkt und will, sondern bloß seinen einen Herrn und was dem recht und

lieb ist. Zum Beispiel mein Tyras -- jetzt gehört er mir, vorher hat

er meinem Kleinen gehört -- der hat, seit er von der Mutter weg ist,

seiner Lebtag nicht anders geguckt, als mein Kleiner gewollt hat.«

Soviel wußten alle im Saal von den Familienverhältnissen des

Möschenmosers, daß sein Kleiner der jüngste Bruder war, der in Rußland

gefallene. Möschenmoser hatte ihn aufgezogen, auch »von der Mutter weg«

und hatte ihm »sein Herz geschenkt.«

»Also, mein Kleiner ist doch auch Schäfer gewesen und hat immer mit dem

Tyras gehütet, seit der erzogen war.

Und er hat immer gesagt: ›Dieses Tier ist klüger als ein Mensch; es

versteht rein alles. Man muß es nicht einmal zu ihm sagen, es spürt,

was man will und wie es einem ums Herz ist. Es ist auch nicht stumm; es

kann reden; mit dem Schwanz und mit den Ohren kann es alles sagen.‹

Und also dann ist der Krieg gekommen. Am zweiten August ist mein

Kleiner abmarschiert, mitten in der Nacht. Ich hab’ ihn begleitet

bis an den Kreuzweg, Hirzenbach zu, und der Tyras war auch dabei.

Dort ist mein Kleiner mit den andern Burschen aus den Raithöfen

zusammengetroffen, da haben wir zwei umgekehrt, der Tyras und ich. Der

Hund hat gewinselt und gebettelt ums Mitdürfen. Aber sein Herr hat ihm

bloß den Kopf gestreichelt und hat gesagt: ›Du bleibst da und folgst

dem Xaver. Wenn ich wieder komm’, und sei’s mitten in der Nacht, so

kommst du mir wieder entgegen. Und somit b’hüet Gott.‹ Das b’hüet Gott

hat uns beiden gegolten.

Der Tyras ist langsam mit mir heimgegangen, aber er hat die Ohren

gehängt. Er hat nicht herumgesucht nach seinem Herrn. Er hat’s ja wohl

gewußt, daß er fort ist. Aber ein altes Schäferhemd von ihm hat er

hinten im Stall gefunden und von seinem Nagel herabgezerrt. Das ist

fortan immer sein Lager gewesen.

Die Zeit ist so herumgegangen.

Mein Philipp ist am Donon gefallen, und ich bin natürlich im Kummer

drum gewesen und hab’s auch dem Tyras gesagt. Da ist er einen ganzen

Tag lang nicht von mir weggegangen, weil er gespürt hat, daß ich eine

Teilnahm’ brauchen kann. Aber sonst ist er ruhig geblieben. Elend mager

ist er geworden gegen den Winter hin, und seine Kunststücke, die ihn

mein Kleiner gelehrt hat, hätt’ er um keine Wurst und keine Liebe mehr

gemacht.

Ich hab’ angefangen, auch mit ihm zu schwätzen, wenn wir an den

Winterabenden ganz allein am Ofen gesessen sind.

Wie man halt ist, man braucht eine Ansprach’.

Und der Hund hat doch meinem Kleinen gehört und ich hab’ gewußt, daß

er an ihn denkt. Wenn ich gesagt hab: ›Tyras, was macht jetzt auch

unser Kleiner?‹ dann hat er gewinselt und mit dem Schwanz auf den Boden

geklopft, wie wenn er sagen wollte: ›Ich wär’ selber froh, wenn ich’s

wüßte.‹

So ist der Januar gekommen. Ich hab’ schon ein paar Wochen keinen Brief

mehr aus Rußland gekriegt und hab’ mir viel Sorgen gemacht.

Aber der Tyras ist ganz ruhig geblieben. Da hab’ ich mir gedacht:

vielleicht dürfen sie bloß nicht schreiben. Oder die Feldpost kommt

nicht recht nach, oder es ist ein Brief verloren gegangen.

Da, am achtundzwanzigsten Januar, wie es Abend wird und ich will das

Haus und die Läden schließen und gehe außen ums Haus herum, hör’ ich

den Tyras von weitem bellen, wie er allemal gebellt hat, wenn sein Herr

heimgekommen ist. Sonst hat er einen ganz andern Ton gehabt. Mir hat

das Herz geschlagen bis an den Hals herauf.

Wenn’s jetzt auch möglich wär, daß er käm’, hab’ ich gedacht, und bin

dem Hund nachgegangen bis an den Kreuzweg, wo wir selbigesmal Abschied

genommen haben.

Da ist der Tyras gestanden und hat ins Tal hinunter gebellt. Aber auf

einmal ist es kein Bellen mehr gewesen, sondern ein Heulen, und er ist

fortgeschossen, an mir vorbei, nach einer andern Richtung, weit, bis an

den Wald.

Darauf ist er wieder gekommen und hat immer ein Geheul ausgestoßen,

wie im höchsten Schmerz, und wieder fort in einer Aufregung. Mir ist’s

ganz unheimlich gewesen. Ich hab’ gepfiffen, und als er wieder einmal

gekommen ist, hab’ ich ihn am Halsband gefaßt und auch richtig bis ans

Haus gebracht.

Aber hinein wär’ er um keinen Preis gegangen.

Ich hab’ ihm gut zugeredet, und als das nichts geholfen hat, hab’ ich

kurz befohlen: marsch jetzt, hinein.

Denn das Getue hat mich mehr aufgeregt, als ich sagen kann. Aber er

hat nicht gefolgt, so pflichtig er sonst gewesen ist. Es war, als ob

er sagen wollte: Begreifst du denn gar nichts? hast du denn gar keinen

Merker?

Aber ich hab’ in Gottesnamen nicht gewußt, was er hat und bin ohne ihn

ins Haus gegangen und später auch ins Bett. Aber geschlafen hab’ ich

nicht, denn das Tier hat die ganze Nacht fortgemacht mit Bellen und

Heulen und Suchen. Um ein Uhr bin ich wieder aufgestanden und ums Haus

herum gegangen. Da ist ein schöner, heller Sternenhimmel hoch über mir

gestanden und gerade auch der große Wagen. Den hat mein Kleiner immer

so gern gesehen und ich bin mit meinen Gedanken nach Rußland hinein

gegangen, heißt das, in die Karpathen, wo mein Kleiner gegen die Russen

gestanden ist, und hab’ gedacht: Am End’ wacht er auch und sieht die

Stern’ am Himmel, und denkt heim. Wer weiß?

Aber kein Gedanke, kein einziger hat mir gesagt, daß er in selbiger

Nacht ist schwerverwundet irgendwo im Schnee gelegen und hat vielleicht

gerufen nach einer Hilfe, und niemand hat ihn gehört, noch gewußt, wo

er ist.

Eine Woche später habe ich den Bescheid bekommen, daß er gefallen ist,

und ein Kamerad hat mir auch geschrieben, daß man ihn drei Tage nach

seiner Verwundung im tiefen Schnee gefunden hat, tot. Er ist erfroren,

er ist nicht verblutet.

Mein Tyras ist am selbigen Morgen nach der unruhigen Nacht

heimgekommen, matt und müd und ganz still. Von mir hat er gar nichts

gewollt, es ist gewesen, als ob er sein Sach hätt’ ganz allein erleben

müssen, weil wir zwei nicht haben miteinander hören und riechen und

fühlen können.

Er hat’s damals schon gewußt, sag’ ich.

Vielleicht hat er ihn rufen gehört, oder was weiß ich?

Er hat mich manchmal so angeguckt, als ob er sagen wollte: das muß

man noch erfinden, daß wir miteinander reden können; vorderhand hat’s

keinen Wert, wenn ich mich mit dir abgebe, denn du verstehst mich ja

doch nicht.

Jetzt ist mir’s immer, der Tyras sei noch näher verwandt mit meinem

Kleinen, als ich.

Heimat: Erzählungen · 第 21 / 31 题