Die Schuhmacherin rückte ein bißchen unruhig hin und her.
So arg es ist, es muß gestanden sein, daß sie dachte, jetzt könnten die
Männer auch einmal genug im Quartier gelegen sein, sie müßten doch
auch wissen, zu was sie im Krieg seien.
Aber sie schluckte jegliche Bemerkung hinunter, es war ihr selber ein
Kreuz, daß sie so dachte.
Es kam auch gleich anders.
»Wir haben zusammengelegt zu einem kleinen Tauffest,« erzählte der Mann
weiter. »Ich hab’ gesagt, das gelte für mein Büble daheim, das ich noch
nicht gesehen hab’. Da, wie wir grad gemütlich dasitzen und auf alles
Mögliche daheim anstoßen, bläst draußen ein Hornist zum Sammeln und wir
müssen auf und fort.
Behüt’ uns Gott, der Krieg ist etwas arges, man mag sagen, was man will.
So haben wir in der Kürze Abschied genommen. Feind ist Feind, aber
Mensch ist Mensch. Es wird keine Sünd’ sein, daß ich das sag’.
Der Pierre und eine ganze Horde anderer Buben sind mit uns marschiert
bis an den Wald und haben überlaut die Wacht am Rhein gesungen. Die
haben wir sie gelehrt. Kann sein, ’s ist ihren Vätern nicht recht. In
selbiger Nacht sind wir noch ins Gefecht gekommen.«
Der Vater brach den Faden ab und sah vor sich hin.
Die Mutter kam sich schier gar schuldig vor, so, als habe sie den
Befehl zum Abmarsch erteilt.
»Ich bin’s nicht wert, daß er damals gesund geblieben ist,« dachte sie
ehrlich.
Der Daniel zupfte den Vater am Ärmel.
»Vater, das ist doch nicht vom Krieg gewesen,« sagte er.
»Jetzt kommt’s, jetzt mach weiter.«
Der Vater sah seine Lieben im Kreis herum an.
»Wenn’s Gott’s Will’ ist, daß ich gesund wieder heimkomm’ -- oder halt
überhaupt heimkomm’, und ’s sind vielleicht ein paar Jahr’ drüber hin,
und ’s ist manches versurrt und über manches Gras gewachsen, dann will
ich’s erzählen. Ich vergess’ es nicht, ihr brauchet keine Angst zu
haben, es ist alles blutig tief hineingeschrieben.«
Da, als der Daniel sah, daß nichts mehr kam, lief er einem Falter nach,
der schon eine Weile in der Nähe herumwirbelte. Das Lenele schlief
neben der Mutter.
Den Schorschle nahm der Vater auf den Arm.
»Es ist doch gut, wenn man wieder einmal sieht, für was man ficht,«
sagte er. »Da draußen will’s einem manchmal vergehen.«
Es war still um und um. Heißt das, wenn man das Grillengezirpe und
das Heuschreckengeigen und das Mückensummen nicht rechnen will, das
man erst in der Stille auf einmal zu hören beginnt. Und nicht das
vielstrophige Lied der Drossel im nahen Hölzle.
Die Sonne kam auf ihrer weiten Sommertagsbahn nahe zur Erde her, so
viel man von hier aus sah.
Da fing alles an zu flimmern und zu leuchten.
Er saß still und ließ lange Blicke um und um gehen.
»Seh’ ich dich wieder, Heimat, oder seh’ ich dich nicht mehr?
Das zweitemal ist das Gehen herber als das erste.
Nicht daß ich daheim bleiben möcht’, so lang draußen Krieg ist.
Gott verhüt’s. Um kein Geld und Gut und nicht um Kuß und Liebe von Weib
und Kind blieb’ ich da.
Ich könnt’ keine Nacht schlafen in meinem Bett. Ich müßt’ immer
hinaushorchen, ob’s regnet oder stürmt, und ob’s kracht und donnert.
Ihr Brüder im Feld draußen, ich gehör’ zu euch mit Leib und Leben. Und
zu euch daheim gehör’ ich auch.
Weiß Gott, es zerreißt mir das Herz. Ich kann nicht hier sein und dort
zugleich.
Das ist der Krieg. Wenn Frieden ist, kann man an einem Platz sein ganz
und gar.
Aber hier muß es bleiben, wie es ist. Deutsch muß es bleiben und
friedlich. Das ist sicher. Daß man schaffen kann und seine Kinder
aufziehen und daß das Land unser bleibt.«
»Hast etwas gesagt?« fragte das Weib.
»Es ist mir so gewesen.«
»Nein, ich hab’ nichts gesagt mit Wissen. Gedacht hab’ ich so manches.
Man kann nicht alles sagen. Horch, Weib: es ist mir lieb, daß du fest
hinstehst. Ich hab’s wohl gesehen, daß du’s tust. Es ist jetzt eine
andere Zeit als sonst. Man muß die Zähn’ übereinander beißen und auf
Gott vertrauen. Den Kopf hängen lassen darf man nicht. Es ist, wie wenn
man zum zweitenmal auf der Welt wär’. Das, was vor dem Krieg gewesen
ist, das ist das erstemal. Und jetzt ist’s wie eine andere Welt.«
Sie sagte nichts dazu.
Vielleicht gab sie sich Mühe, seine Anweisung auszuführen: die Zähn’
übereinander beißen und auf Gott vertrauen.
»Und horch, Weib: du hast die Hansenbäuerin gesehen. Das ist eine
rechte Frau.