Immer: »Wenn ich wiederkomm’, dann.«

Und jetzt war es schon so lange her.

Der Schorschle war geboren worden und getauft. Christtag war gewesen

und Neujahr. Die Sau hatte man gemetzget und ihm immer wieder Würste

und Speck ins Feld geschickt. Die zwei Großen hatten die roten Flecken

gehabt und waren wieder gesund geworden. An Georgi war der Daniel mit

seinen sechs Jahren in die Schule gekommen. Der Schorschle lernte das

Lachen und fing an zu zahnen.

Ostern war gewesen, und man gärtelte, und die Baumblüte ging ins

Land. Und jetzt war der Heuet und die Kirschen wurden rot. Aber vom

Heimkommen war gar keine Rede mehr; nicht in der Zeitung und nicht im

Wirtshaus, soviel die Schuhmacherin wußte, war die Rede davon, daß

bald Friede werde und die Männer heimkommen. Es war, als ob es sich um

den Frieden gar nicht mehr handle, als ob der weiß kein Mensch wohin

verbannt wäre und man sich auf der Welt ohne ihn einrichten müsse.

Fragte die Schuhmacherin hie und da zaghaft jemand, etwa den Kaufmann

Schnorr im Laden, oder den Metzger Schwegler: »Was meinet Ihr auch --

kann sein der Sommer geht noch herum, eh’ die Feierabend machen da

draußen?« so bekam sie zur Antwort: »O je, wenn’s bloß der Sommer wär,

da möcht’ man noch nichts sagen. Das kann noch lange gehen, bis das ein

End’ nimmt. Jetzt sind noch die Italiener gekommen. Weiß kein Mensch,

wer noch kommt. Das geht nicht so im Handumdrehen, Schuhmacherin.«

Da fragte sie lieber gar nicht mehr. Endlos, endlos sah das alles aus.

Die Werkstatt war still und leer. Und das andere Bett in der Kammer und

der Stuhl oben am Tisch war leer. Sie sah im Geist eine lange Zeit vor

sich, in der das nicht anders wurde, und darüber hinaus war ihr die

Welt mit Brettern vernagelt, weiter konnte sie nicht hinaussehen.

Jetzt waren auch schon sechs oder sieben Hirzenbacher gefallen und

ihrer noch mehrere verwundet worden und es packte die Schuhmacherin

manchmal an, wie wenn eine Faust nach ihrem Herzen langte: das könnte

dem Johann auch noch passieren. Dann tat sie geschwind Buß und Reu

über aller Ungeduld und gab sich zufrieden mit dem Beharren: bloß

wiederkommen soll er, dann soll mir alles recht sein und wenn’s Martini

wird.

Neben dem allem her aber war sie unvermerkt recht resolut und

meisterhaft geworden. Wenn man den Kindern Vater und Mutter zugleich

sein muß und zu allem, was Haus und Herd betrifft, allein hinstehen,

da lernt auch ein weichmütiges und zaghaftes Frauelein manches. Zum

Beispiel wurde sie dem Daniel, der ihr früher nie recht hatte folgen

wollen, so daß der Vater manchmal hatte bedeutsam nach dem Knieriemen

gucken müssen, ganz gut Meister, und auch sonst stellte sie ihren Mann,

wenn man so von einer Frau sagen darf. Es war alles im Stand, die

Haushaltung und die Kuh, der Gemüsplatz und der Kartoffelacker; bloß

die Schuhe waren alle durch. Die aber blieben aus einem gewissen Trotz

heraus ungeriestert und ungesohlt. Es geschah dem deutschen Reich grad

recht, wenn die Bernerskinder keinen guten Schuh mehr hatten; warum

behielt es den Schuhmacher so lang draußen? oder auch war eine geheime

Hoffnung dahinter: wer weiß, eh’ es einherbstet, so daß man die Kinder

um keinen Preis mehr Barfuß laufen lassen kann, kommt er wieder.

Jetzt nachdem man das alles weiß, kann man sich so ungefähr die

Gedanken zusammen addieren, die die Schuhmacherin unterwegs hatte,

nur muß man dabei auch bedenken, daß der Schorschle die halbe Nacht

durchgeschrieen und sie ihn herumgetragen hatte, bis er endlich gegen

Morgen wieder das Trömle zum Schlafen fand.

Wie gesagt, der Nero wußte mehr als sie; denn hätte sie gewußt, was

er, so wäre sie leichteren Herzens den Berg hinauf gekommen. Aber

endlich war sie doch oben. Da war die Sonne schon auf und guckte ihr

in den Korb, ob sie auch genug Essen für zwei Mähder bei sich habe.

Der Morgenwind spielte mit den Birken, nach denen, da sie ein leichtes

Gehölz bildeten, die Wiesen, die hinter ihnen lagen, die Hölzleswiesen

hießen.

Die Schuhmacherin mußte durch das Gehölz hindurch. Es wogte und

säuselte darin, es wäre ein Garten gewesen, in dem ein Hochzeitspaar

nach Herzen hätte spazieren und zärtlich sein können, es hätte

gar nichts Schönes gefehlt dazu. Unter dem hellgrünen Dach mit

den schlanken weißen Säulen breiteten hohe Farren ihre Wedel aus,

und allerlei blühendes stand daneben und dazwischen: Goldrute,

Johanneskraut, Weidenröschen und hochstengelige, weiße Doldenblütler,

von denen die Schuhmacherin natürlich keine Namen wußte und sich auch

nicht darum absorgte, obgleich sie Freude und Wohlgefallen an allem

Blühenden hatte von Haus aus. Ein Kuckuck mußte ganz in der Nähe

sein, denn zum Greifen nah tönte sein: kuckuk, kuckuk. Sie nahm sich

zusammen, daß sie nicht fragte: wie lang dauert’s noch, bis der Krieg

aus ist? Denn sie fürchtete, er möchte gar zu lang fortschreien und

dann hätte sie die Bescherung, obgleich sie gleich nachher dachte, als

er richtig gar nicht aufhörte: es sei ja gar nicht ausgemacht, ob

Tage, Wochen oder Monate gemeint seien.

Mittlerweile nahm aber das Holz ein Ende. Die freien Wiesen, nur an

den Rändern mit einem und dem andern Kirsch- oder Birnbaum besetzt,

lagen vor ihr auf der weiten Hochfläche. Hinten am Horizont sah man die

Albberge in bläulichem Duft.

Aber die Schuhmacherin sah nicht nach den Albbergen hin. Sie rieb

sich die Augen, als ob ihr etwas hineingeflogen wäre, so daß sie

das Doppelsehen hätte, und sagte geschwind die Wochentage her, zur

Sicherheit, daß sie nicht im Traum wandle. Denn da vor ihr auf der

übernächsten Wiese waren unzweifelhaft zwei Mähder. Der eine war der

Dötlesvetter, da war nichts übersinnliches dabei. Er fuhr gerade ein

paarmal mit dem Wetzstein über seine Sense und dann mit dem Sacktuch

übers Gesicht. Das war mit einem Augenwink festgestellt.

Aber wer, du lieber himmlischer Vater, mähte zehn Schritt hinter ihm

mit lang ausholendem Schwung, daß die Sense wie ein Blitz durch die

Schwaden fuhr? Wer hatte so rötlich-gelbes Haar auf dem Kopf, aufrecht

und bolzgerade wie eine Wurzelbürste, und so eine Statur, kurz und

postiert?

Die Schuhmacherin traute sich keinen Schritt vorwärts. Denn so etwas,

wie es ihr mit Jubel und Tirelieren durch die Seele flog, gab es

ja nicht in Wahrheit auf Gottes Erdboden. Auch hatte der Mann dort

einen Vollbart, aber ihr Johann war nur mit einem kleinen Schnurrbart

ausgezogen.

Doch aber hing ein feldgrauer Rock in den untersten Ästen des

Kirschbaums und dabei etwas, das eine Mütze und ein Seitengewehr sein

konnte. Ein Urlauber also. Aber so etwas zu erzählen, dauert viel zu

lang, denn mit zwei, drei Schlägen hatte das Herz es schon heraus. Es

tat einen Ruck und Zuck, sagte: er ist’s, und ließ sich sonst auf gar

nichts ein.

Der Mähder aber hatte scheint’s ein ähnliches Herz, den Kameraden zu

dem der Schuhmacherin. Er fuhr mit einem Schwung herum, als sein Herz

sagte: paß auf, sie kommt, und dann pflanzte er den Sensenstiel in den

Erdboden hinein wie eine Fahnenstange und war mit ein paar Sätzen bei

ihr.

Der Dötlesvetter stand von ferne und lachte, denn es gefiel ihm wohl,

zu sehen, wie die zwei Leute mit hellen und frohen Gesichtern das

Wunder erlebten, auf einmal wieder heil und gesund nebeneinander zu

stehen, da sie seither so lange in zwei Welten gelebt hatten, weit

voneinander geschieden und ohne Sicherheit des Wiedersehens.

Dann, als er ein paar Augenblicke von weitem verharrt hatte, trieb

es ihn doch, daß er herankam und der Schuhmacherin erzählte, es

habe ihn fast der Schlag getroffen, als er um zwei Uhr aus dem Holz

herausgekommen sei und im Zwielicht einen Mähder an der vollen Arbeit

gefunden habe. Der Mond sei noch hinter ihm am Himmel gestanden und

er habe einen langen Schlagschatten auf die Wiese geworfen, und ihm,

dem Dötlesvetter, sei es einen Augenblick gewesen, das sei der Johann,

aber im Geist, und melde sich, daß er gefallen sei. Man habe solche

Beispiele schon des mehreren gehabt.

Aber es habe ihn angetrieben, den Mähder auf alle Fälle beim Namen zu

rufen. Da sei es leibhaftig und im Fleisch der Johann gewesen, der

in Urlaub vom Gossenstadter Bahnhof her über den Berg gekommen sei,

und, da die Sense im Baum gesteckt sei von gestern her, nicht habe

vorbei können, ohne ein paar Züge zu tun. Dann freilich habe er nicht

mehr aufhören können, wie das so sei, wenn man einmal im Zug sei mit

einer gut gedengelten Sense. Darauf habe er, der Dötlesvetter, sich im

Reuthof noch eine Sense geholt und sie haben selbzweit gemäht, bis sie,

die Schuhmacherin, gekommen sei. Aber gelt, so eine Überraschung in

aller Herrgottsfrühe treffe man nicht alle Tage!

Es war einesteils gut, daß der Dötlesvetter so redselig war. Das half

den beiden Leuten übers allererste hinüber, da sie wie auf den Mund

geschlagen waren und keines anfangen konnte, etwas rechtes zu sagen,

oder dann meinte, seiner Lebtag nicht mehr aufhören zu können mit

Erzählen, wenn einmal angefangen sei.

Wie, dem Hörensagen nach, einem Ertrinkenden in ein paar Sekunden

zusammengedrängt sein ganzes Leben, Bild auf Bild, erscheint und

abschnurrt wie von einer Spindel, so kam dem Urlauber und seinem

Weib geschwind alles auf einen Haufen, was sie erlebt und erlitten

hatten in der Zwischenzeit und es nahm sie wunder, wie sie durch den

Berg gekommen waren, der nicht von Pfannkuchen gewesen war wie im

Schlaraffenland, sondern von zähem Lehm und sprödem, hartem Stein mit

Erz und Blei darin.

Die Schuhmacherin, als die ersten Ausrufe, wie: »Ja grüß dich auch

Gott!« und: »Gelt, da guckst!« und: »An dich hätt’ ich jetzt zuletzt

gedacht!« gefallen und verklungen waren, ergriff zuerst das Wort bei

einem Zipfel und das Hemd ihres Mannes bei einem klaffenden Riß, der

unterm Arm einsetzte und in der Mitte des Rückens verlief, und sagte

halb lachend und halb in Angst: »Bei euch muß es schön hergegangen sein

dem Anschein nach.«

Denn sie dachte nicht anders, als der Riß sei im Kampf und Handgemenge

entstanden, etwa wie es bei einer Kirchweihrauferei gehen kann, nur

natürlich im blutigeren Ernst, aber doch ausdenklich und begreiflich.

Aber ihr Johann berichtete, das Hemd sei ihm beim Mähen verkracht, als

er geschwitzt habe und es habe ihn schon vorher ein wenig gespannt im

Armloch, und mit diesem spielte sich die Unterhaltung sogleich auf das

Sichtbare und Gegenwärtige hinüber.

Die Herzklappen, die gemeint hatten, es müsse hier und auf der Stelle

alles ausgeräumt sein, schlossen sich wieder über ihrem Inhalt bis

auf eine gelegene Zeit. Die Schuhmacherin tat das Morgenessen aus dem

Korb: Musmehlsuppe, Grundbirnen, Speck und ein kleines Fläschlein mit

Kirschenwasser, und es fand sich, daß es gut für zwei reichte. Das

Warme hatte sie sorglich in wollene Tücher eingeschlagen, es dampfte

den Hungrigen angenehm entgegen.

Die Wahrheit zu gestehen, hatte sie gedacht, selber mit dem

Dötlesvetter da oben zu frühstücken, um ihm ein wenig Gesellschaft zu

leisten. Jetzt aber tat sie sehr verwundert, daß sie zwei Löffel im

Korb habe, es gehe manchmal merkwürdig zu. Einmal vergesse man das

wichtigste und ein andermal habe man es doppelt und beides sei, weil

man so vielerlei im Kopf habe, an was man denken müsse. Aber anrühren

wollte sie nichts, keinen Bissen. Die Freude sei ihr in den Magen

gefallen, sie sei so satt, wie wenn sie grad erst gegessen hätte.

Zusehen aber wolle sie, sie müsse doch auch sehen, ob der Mann noch

wisse, wo man den Löffel hineinschiebe und wie man ihn halte, sie habe

sich schon sagen lassen, da draußen verlernen sie alles.

Als sie einmal das Trömle gefunden hatte zum Reden, fiel ihr immer

wieder etwas ein, das sie rasch und lebhaft vorbrachte.

Der Nero habe doch etwas gewußt, er habe mehr als Menschenverstand und

werde sie schön auslachen, wenn sie heimkomme. Sie sei bloß begierig,

was die Kinder machen. Zwar vom Daniel wisse sie’s schon. Bei dem sei

das erste, daß er des Vaters Kappe aufsetze und nach dem Seitengewehr

lange, der sei im Schlaf und im Wachen Soldat. Aber das Lenele tue

vielleicht zuerst fremd wegen des Bartes und der Schorschle wisse noch

gar nicht, was das sei, ein Vater. Der kenne bis jetzt bloß eine Mutter

und auch die hauptsächlich des Schoppens wegen, und die Welt sei ihm

noch eine neue Gegend, er staune immer so mit den Augen um sich her.

Das letztere tat aber der Vater selber auch. Er sagte fast gar nichts,

das Weib mochte vorbringen, was es wollte. Es probierte noch dies

und das, ob es besser verfange. Aber er gab zu allem nur ein kurzes

Wörtlein oder auch gar keins, machte ein freundliches Gesicht dazu,

das wie ein Dank aussah, weil sie es so wohl und gut meinte, und ließ

dann seine Augen wieder hinausgehen. Es war die Heimat, die er wieder

sah. Lieblich und schön trat sie an sein Herz, das im wilden Graus

und Schreck des Krieges, in der lähmenden, aufzehrenden Mühsal des

Schützengrabens gewesen war.

Hoch und heiter stand der Himmel über ihr; in dem leichten

Morgenlüftchen wogte das Gras der weiten Wiesenfläche wie ein Meer,

eine Grasmücke sang unweit von hier auf einem schwanken Halm,

helle und dunkle Baumwipfel grüßten vom ferneren Waldrand herüber,

Kirchturmspitzen, Hausdächer, leichter, heller Rauch aus den

Schornsteinen zeigten, wo Menschen friedlich wohnen und hantieren, die

Albberge leuchteten still, und nirgends war ein wilder und frecher

Laut, ein Krachen, Donnern oder Stöhnen. Eine Kirchenuhr schlug, und

ihre Schwestern in der Runde kamen ruhig und gelassen hinter ihr drein.

Der Urlauber strich sich mit der Hand übers Gesicht und der Atem kam

und ging ihm hörbar.

»Er ist müd,« sagte der Dötlesvetter. »Ein Wunder ist’s nicht. Nacht

und Tag hindurch fahren, dann von Gossenstadt herüber laufen und gleich

mähen. Bleib’ noch ein bißle sitzen, Johann, ich mach’ derweil weiter.«

Aber: »Was werd’ ich denn müd’ sein,« sagte der und stand auf, reckte

die Arme und nahm die Sense wieder.

»Es ist bloß, wenn man so sieht, wie alles daheim ist, und man ist

so lang fortgewesen und hat Sach’ gesehen, o je, Sach’, daß es einem

graust, dann muß man sich zuerst ein Stückle wundern, daß man da ist.«

Die Schuhmacherin packte ihr Geschirr zusammen.

»Ich muß heim,« sagte sie, »der Schorschle wird aufgewacht sein und

schreien und der Daniel muß in die Schule. Ich komm wieder, so schnell

als möglich komm’ ich wieder, mit dem Fuhrwerk und dem Mittagessen und

den Kindern.«

Ob der Mann mit heimgehe, fragte sie gar nicht. Was wird denn der

Hausvater davonlaufen mitten im Heuet, und was soll er denn daheim tun?

Sie kehrte sich aber noch ein paarmal um, ehe sie im Hölzle verschwand

und strich mit den Augen am Mann hinauf und hinunter. Denn diese

wollten sich nicht gern von seinem Anblick trennen, erst recht nicht,

da sie sahen, auch er schicke die seinen hintendrein so lang als

möglich. Er hatte ein anderes Gesicht mitgebracht, als er fortgenommen

hatte und das machte der Bart nicht allein. Man sah es, wenn er still

war, und darum hatte die Schuhmacherin immer wieder etwas zum Reden

aufs Tapet gebracht, weil ihr das Gesicht weh tat. Weil etwas Fremdes

drin war.

»Der Dötlesvetter hätt’ nicht gleich dabei sein sollen,« sagte sie

plötzlich, und dann überfiel sie auf einmal nachträglich noch das

Heimweh, das sie um ihn getragen hatte, so stark, daß es ihr ein paar

Herzstöße gab und ein warmer Regen niederging aus den Augen ohne

vorherige Anmeldung. Aber es war doch nur ein Sonnenregelein.

Denn: »Was heulst denn jetzt, dumms Weib,« sagte sie sich; »hättst lang

Zeit dazu gehabt, jetzt ist er da und du brauchst nicht alles auf einen

Sitz zu wissen, was ihn angeht. Es kommt schon nach und nach heraus.

Jetzt bringst ihm seine Kinder und machst ihm das Herz warm. Er wird’s

nötig haben, denk’ ich.«

Und damit war auch schon die Steige erreicht, die fußelte sie hinunter,

wie ein ganz Junges, und wer sie sah, der brauchte nicht zu fragen:

»Was ist dir auch Gutes passiert, Schuhmacherin?« denn immer von neuem

tat sie es ungefragt kund:

»Mein Johann ist im Urlaub da. Droben heuet er auf der Hölzleswiese.«

* * * * *

Jetzt wenn man ein Herz hätte für die Schuhmacherin und wäre zufällig

gerade in Hirzenbach, so möchte man ihr wohl ein bißchen zur Hand

gehen. Denn sie muß ruhig dasitzen und den Schorschle stillen, der

aufgewacht ist und bloßgestrampft, und der schreit, als ob er die ganze

Welt zum Zeugen aufrufen möchte, daß er Hunger hat und daß die Mutter

nicht da ist. Für ihn ist alles recht und in Ordnung, so bald er an

der Quelle liegt, umfangen von Mutterarmen. Er nimmt sich auch recht

herzlich Zeit zum Sattwerden, setzt hie und da ab und guckt ausruhend

um sich her. Zum Beispiel der Bändel an der Mutter Leibchen, der ist

ihm neu, nach dem langt er und spielt damit. Es wäre am schönsten,

wenn man’s grad immer so ließe, wie es jetzt ist. Dem Schorschle

gefällt es so am allerbesten.

Aber die Mutter ist heute nicht so bei der Sache wie sonst manchmal.

Sie sagt von Zeit zu Zeit: »Mach’, Büble, meinst ich hab’ nur so

Zeit zum hinsitzen?« Alle Arbeit rings umher steht auf und ruft:

Schuhmacherin komm! Sie sollte drei Paar Hände und Füße haben, daß

sie die Großen fertig macht und mit Essen versorgt, die Stuben sauber

macht, so daß der Mann, wenn er heimkommt nach so langer Zeit, sieht,

sie hat die Sache im Stand. Und so ist’s mit Werkstatt, Stall und

Küche. Alles soll grüß Gott zu ihm sagen, wenn er kommt. Da oben sind

Spinneweben über dem Fenster, die sieht sie, so lange der Schorschle

ganz pomadig schmatzt, und möchte aufstehen und den Besen holen.

»Mach’ ein bißle, Schatzenkind.«

Zum Mittagessen muß sie auch etwas rechtes herschaffen. Denn was mag

er draußen gegessen haben? Sie muß ihn jetzt herpflegen, es muß ihm

wohl sein. Und daneben muß sie sich regen, daß sie zeitig wieder

hinauskommt, nicht bloß weil das Heu gespreitet sein muß, auch sonst,

überhaupt. Wenn doch der Mann da ist.

Der Daniel, das Lenele und der Nero stehen um sie herum und staunen,

als sie die Botschaft vom Vater hören. Das heißt, der Nero staunt

nicht. Er ist bloß zu höflich, als daß er sagt: Ich hab’ dir’s doch

schon lang gesagt. Er wedelt ganz anständig mit dem Schwanz, wie ein

Diplomat, der in einem Salon von einer Sache hört, die er längst weiß,

aber nicht wissen darf sozusagen, und der sich verbeugt: »Ach, was Sie

nicht sagen. Das ist mir ja sehr interessant.«

Gern aber sähe man dem Daniel und dem Lenele ins Herz, was wohl in

der Zeit seines Fortseins aus dem Vater geworden ist bei ihnen. Sie

haben ihn noch nie in der Uniform gesehen. Er ist abgereist mit einem

steifen Hut, im braunen Anzug und mit einer blaugrün gestreiften

Krawatte, einen Reisesack in der Hand. In dem Reisesack hat er sonst

Schuhe ausgetragen auf die Höfe in der Umgegend. Nun aber ist er, dem

Hörensagen nach, ein Soldat und wird wohl ein Gewehr haben und einen

Säbel, und mit beiden wird er wohl Franzosen oder Engländer oder

Russen, oder auch alle Arten, die schwere Menge umgebracht haben. Das

ist hochinteressant, aber auch ein bißchen grausig, bloß ein bißchen.

Eigentlich ist es prachtvoll; man muß machen, daß man ihn sieht, denn

wie er aussieht, das weiß man nicht mehr recht, es ist schon so lang

her, daß er fort ist.

Als der Schorschle endlich einmal fertig ist und im Wagen liegt und die

zwei Großen zum Waschen und Kämmen drankommen, wundert sich die Mutter,

wieso sie denn immer die Köpfe zusammenstrecken, wie ein paar junge

Wagengäule, und es miteinander wichtig haben mit Wispern und Flüstern.

Aber sie ist zu stark überlenkt mit der Arbeit, als, daß sie viel

früge, entläßt den Daniel in die Schule und das Lenele zur Dötlesbas um

einen Strauß aus dem Garten für die blaue Blumenvase, und fährt im Haus

herum wie auf Rädchen, um allem nachzukommen.

Wenn sie aber die Gabe hätte, ein bißchen weiter hinauszusehen, als

bis an die Stubenwand, so sehe sie gleich darnach einen Buben, der

listig und verstohlen seinen Schulsack in das Häuschen im Schulhof

legt, dann auf seinen Barfüßen springt, so schnell sie ihn tragen

wollen, bis an den großen Nußbaum vor dem letzten Haus, und dort

umheräugt, ob ihm niemand auf den Fersen ist. Und sähe ein Mädelein

mit zwei frischgeflochtenen Zöpfen, das nichts weniger als zur Base,

das gleichfalls, durch Grasgärten und Hecken hindurch, zu dem Nußbaum

hintrottet und dort den Bruder findet. Sähe, wie die zwei miteinander

die Steig hinauflaufen, der Hölzleswiese zu, wo der Vater ist.

Vielleicht ist es gut, daß sie’s nicht sieht. Denn Schand- und

ehrenhalber müßte sie ihnen nachlaufen und sie zur Pflicht

zurückführen. Auch macht sich’s vor dem Vater immerhin schlecht,

wenn sie die zwei Großen so wenig am Leitseil hat, daß sie nur grad

durchgehen, wenn’s ihnen einfällt. Und sie hat doch keine Zeit zum

Nachlaufen und keine Lust zum Ärgern.

So aber ist’s den zwei flüchtigen zumut, wie sie miteinander durch das

Hölzle streichen und sich hie und da umsehen, ob niemand hinter ihnen

ist: es gibt eine schöne Geschichte, da wirft sich die Heldin dem

Helden an die Brust und sagt: »Ich weiß, daß ich sündige, aber ich tue

es willig und gern.«

* * * * *

Ein paar Minuten später wußten sie, wie der Vater aussah. Nicht viel

anders als sonst, abgerechnet den Bart. So wie jetzt, im gestreiften

Hemd, die Ärmel hoch hinaufgeschlagen, rüstig mähend, hatten sie ihn

noch irgendwo in einem Gehirnschublädchen von früher her. Den Bart

hatte ihnen die Mutter schon angekündigt. Er hatte gar nichts grausiges

an sich. Als er seine Jugend sich daherschlängeln sah, lachte er übers

ganze Gesicht, ein grüß Gott ums andere. Sie spürten beiderseits, daß

sie nah zusammen gehörten; die Kinder schneckelten sich an ihn hin und

umfaßten seine feldgraue Hose, und der Vater spürte mit Herzklopfen,

was es gewesen wäre, wenn er diese beiden nicht mehr gesehen hätte. Es

war nah genug dran gewesen.

Er sah in ihre Gesichter hinein. Das Lenele war ein feines, blondes

Dinglein mit einem Schelmenzug um das rote Mäulchen und krummen Haaren

rings um das Gesichtlein herum, und es fiel dem Vater auf einmal wie

von fernher ein, daß seine blauen Augen schon einmal in einem Gesicht

gestanden seien. Aber in welchem? Er hatte doch seine Mutter nicht als

Kind gekannt, begreiflich, aber sein Herz beharrte drauf, das Lenele

habe die Augen von seiner Ahne, von des Vaters Mutter. Er hatte das

Köpflein in seine beiden großen Hände genommen, aber es schüttelte sich

darin, es war nicht gern eingesperrt. Da ließ er’s los und das Kind

hüpfte um ihn herum, wie ein Gaislein, nur daß es hie und da einen Fuß

hinaufzog, der frischen Stoppeln wegen, die in seine Barfüße schnitten.

Der Daniel hatte einen kurzgeschorenen Bubenkopf, wie alle Hirzenbacher

Buben einen Kopf haben, möchte man sagen, wenn nicht darauf der Vater

sofort sagen würde, daß er den von seinem Buben unter hunderttausend

herauskennen würde. So eine lustige und trotzige Stumpfnase habe nicht

bald wieder einer und so ein paar Augen im Kopf, ehrlich und treu,

wie ein Haushund, und dann eine breite und feste Stirn mit einem

ganzen Sternenhimmel von Sommersprossen, »Roßmucken« heißt man sie in

Hirzenbach.

»Ja Daniel, ja Büble, da bist?« sagte der Vater und hatte einen Ton in

der Stimme, wie man ihn bloß an hohen Festtagen im Leben hat, so ganz

von unten herauf.

Der Daniel nickte bloß. Er dachte geschwind streifweise an seinen

Ranzen drunten im Schulhof. Aber er warf ihn weit hinter sich und

guckte den Vater an, »ehrlich und treu, wie ein Haushund.«

»Bist auch brav gewesen?« fragte der Vater, immer noch in dem

Festtagston. Da mußte ihm der Daniel doch die Freude machen, mit

einem herzhaften Ja zu antworten. Wenn man grad vom Feld heimkommt.

Hoffentlich fragte er auch nicht ins einzelne.

»Soll ich derweil anfangen mit Gras verstreuen?«

Es war vielleicht doch sicherer, das Gespräch ein bißchen zu

unterbrechen.

Der Vater staunte über den Eifer des sechsjährigen Buben.

»Pressiert nicht so arg,« sagte er. »Bleib’ nur noch ein bißle bei mir.

Kannst dein Sach’ in der Schul’?«

»Mhm.« Das kam ein bißchen gedrückt heraus.

Da dachte der Vater, es pressiere auch nicht mit der Lernfrage, die

könne man später besprechen. So ein kleines Büble habe es noch nicht so

wichtig damit.

Irgendwo schlug es acht Uhr. Der Vater zählte und stutzte.

»Ja wie ist mir’s denn?« fragte er.

»Die muß falsch schlagen, oder wie?

Die Mutter hat doch gesagt, du müssest in die Schule. Die kann doch

noch nicht aus sein? jetzt kommt mir’s erst.«

Da las er die Sündenschuld auf dem Gesicht seines Buben.

Und es fiel ihm auch einiges aus seiner eigenen Kindheit ein.

»Mändle, Mändle,« sagte er, aber aus einem andern Ton, »wenn mich nicht

alles täuscht, bist du hinter die Schul’ gegangen. Hm? sag’s nur. So,

so macht’s mein Bub’, wenn ich fort bin im Krieg?«

Er zog noch ein tieferes Register.

»Ich hätt’ gute Lust und tät dich gleich ’rüberlegen. ’S wär ’s

einfachste. Ich denk’ aber, dein Lehrer tut’s morgen, ich will’s zu ihm

sagen, daß er dir dein Sitzleder versohlt.«

Dem Daniel fiel der ganze Himmel ein.

»Lehrer hab’ ich kein’n, bloß eine Lehrerin.« sagte er mit wackeliger

Stimme. »Die haut mich nicht, wenn ich’s ihr sag’, daß« -- da warf die

Stimme vollends um und tat ein paar Schluchzer, »daß ich dich hab’

sehen wollen, weil du bist vom Krieg kommen, und -- und weil ich dein

Gewehr noch gar nicht gesehen hab’ und dein’n Säbel.«

Das Lenele hatte auch nicht das sauberste Gewissen und besann sich

grad, ob es zur Gesellschaft mitschluchzen solle. Da hellte sich auf

einmal des Vaters Gesicht wieder auf, als ob es ihn über alles hinüber

inwendig freue.

»Die Liebe decket auch der Sünden Menge,« sagte er in seinen Bart

hinein, denn er war ein bibelfester Mann.

Und dann nahm er seinem Buben mit einem Schwung auf die Achsel.

»Also dann muß ich dir’s halt zeigen, Alterle,« sagte er laut.

»Wenn du mir’s versprichst, daß du nicht mehr hinter die Schul’ gehst,

wenn ich fort bin.«

»Auf Ehr’ und Seligkeit,« sagte der Daniel.

»Nein, so mußt nicht sagen, Büble,« verwies ihm der Vater.

»Du könntest’s einmal vergessen, dann wär’s eine Sünd’.«

»So sagen bei uns alle Buben,« beharrte der Daniel.

»Dann komm, aber halt was du versprichst.«

Als die Mutter kam, fand sie eine helle Glückseligkeit: ihres Mannes

Gesicht aufgeschlossen und gegenwärtig und die Kinder um ihn herum,

wie die Honigbienen um einen Lilienstengel. Da fiel ihr ein Stein vom

Herzen. »Er ist noch der nemlich’ gleich’,« sagte sie zu sich selbst

und bot ihm seinen jüngsten Sohn dar, daß er ihn annehme und herze.

* * * * *

Alte und heuerfahrene Leute sagen, es sei in langen Jahren nicht so

gewesen, wie heuer, daß man das Heu in einem Tag fertig gebracht habe.

Die Sonne helfe schaffen, weil sie wisse, daß die Männer im Feld stehen

fürs Vaterland, und weil unser Herrgott nicht zugebe, daß Deutschland

verhungere. Auch keine Kuh und keine Gais im ganzen deutschen Vaterland.

Am Abend dieses Sommertages fuhr der Landwehrmann Johann Berner mit

seiner Familie auf dem hochgeladenen Heuwagen in Hirzenbach ein. Als

er es liegen sah im geschützten Tal, das Häuflein Häuser um die Kirche

her, wie Küchlein um die Gluckhenne, und sah den Rauch aus den Kaminen

aufsteigen, und die Kühe zur Tränke gehen an den großen Brunnen und die

Kinder spielen auf dem Gänswasen, da ergriff ihn aufs neue das große,

andächtige Staunen, das in den letzten geschäftigen Stunden ein wenig

geschlafen hatte:

Daß da Friede war und unversehrtes Daheimsein. Nirgends auf den Bergen

standen Geschütze und richteten ihre drohenden Schlünde gegen das Tal,

nirgends brannten Gehöfte und lagen Häuser in Schutt und starrten

Heimatlose auf den Fleck, wo sie glücklich gewesen waren.

Nirgends war der fruchtbare Boden umgegraben, in Gräben und Wälle

verwandelt, und sperrten Drahtverhaue den Weg.

Die Abendglocke auf dem Turm hob ein sanftes Läuten an, das hallte

friedlich durch das Tal. Da sprangen die Kinder vom Spiel weg den

Häusern zu, wo ihre Mütter auf sie warteten.

An solchen Dörfern vorbei und an arbeitsamen blühenden Städten war er

gestern den ganzen Tag gefahren, wie im Traum.

Das alles war Deutschland, war Vaterland, Heimat, und das alles lag in

treuer Hut. Noch nie hatte er das Wort Vaterland so inbrünstig gedacht

wie auf dieser Fahrt. Er hätte zu jedem Menschen, der ihm begegnete,

sagen mögen: Weißt du auch, wie gut du’s hast? Weißt du auch was Krieg

ist? Nein, Gott Lob und Dank weißt du’s nicht. Aber es ist doch schad,

daß du’s nicht weißt.

Noch um eine Ecke, dann hielten die Kühe (eine davon gehörte dem

Dötlesvetter) an der heimatlichen Scheuer.

Ein Haus daneben, keins von den stattlichsten, aber doch das liebste

von allen, Blumenbretter vor den Fenstern mit Nägelein, Kapuziner

und Winden, ein Nero, der am längsten gewartet hatte und der still

und außer sich vor Freude an seinem Herrn emporstieg und inbrünstig

schnaufte und wedelte. Daheim, daheim. Die Kinder strebten herunter.

Er hob mit starkem Schwung eins ums andere vom Wagen. Der Schorschle

schlief und hatte die Fäustlein an den Schläfen, die Mutter hatte ihn

im Arm. Da nahm er sie mitsamt dem Büblein. Wenn die Hirzenbacher nicht

zugesehen hätten, er hätte sie miteinander ins Haus getragen, es wäre

aber gegen allen Brauch gewesen.

* * * * *

Es war eine mondhelle Nacht. Die Schuhmacherin lag wach und sah zu

ihrem Mann hinüber, der schlief tief und fest. Lange, volle Atemzüge

tat er, es war ein Staat. Zwischen ihnen lag der Schorschle und

schnäufelte kurz und leicht, wie halt so ein Kindlein tut, man merkt’s

kaum. Die Mutter hatte ihn ins Bett genommen, weil er schrie und nicht

mehr einschlafen wollte. Nun war er wieder hinüber ins Traumland. Die

Schuhmacherin hätte auch wieder einschlafen können, sie hatte jetzt

alles um sich herum, was zu ihr gehörte.

Freilich, auf wie lang? Das war der Wurm im Apfel. Drei Tage war der

Mann jetzt da, vier kamen auch. Über die vier hinaus konnte sie noch

nicht denken. Der Mann sagte zwar, das sei noch nicht nötig. Sonst

seien die vier auch noch verdorben. Wenn ihn nicht alles täusche, stehe

in der Bibel etwas davon, daß der Mensch das Leben tagweis nehmen

solle, nicht wochenweis. Aber das sagte er wohl, und es stand auch in

der Bibel, ob er es aber selber so mache, dessen war sie doch nicht

sicher.

Er war oft weit weg mit seinen Gedanken, so daß man ihn errufen mußte;

ob er aber hinter sich oder vor sich sah, das wußte dann kein Mensch.

Das Weib dachte, es werde beides sein, einmal dies und einmal das.

Gestern Abend hatte sie ihm den Schorschle eine Weile zum halten

gegeben, so lang sie in den Keller ging. Da hatte er das Bürschlein

lustig an seinem Bart herumspielen lassen, so lang sie in der Stube

war. Als sie aber wieder hereinkam, merkte er’s gar nicht, guckte dem

Schorschle tief in die Augen und sagte ein paarmal hintereinander: »Du

arms Büble.« Sie hätte ihn gern gefragt, warum der Schorschle ein arms

Büble sei, aber wußte sie es denn nicht selber? es war doch genug, daß

sein Vater wieder in den Krieg mußte.

Die Schuhmacherin erhob sich ein wenig, stützte sich auf den Ellbogen

und sah dem Mann ins Gesicht. Es lag in einer fahlen Helle, weil der

Mond jetzt vorrückte. Die Helle machte ihn vielleicht ein bißchen

unruhig, denn er bewegte die Lippen, wie eins manchmal vor dem

Aufwachen tut. Es wäre einfach gewesen, den Vorhang zuzumachen, aber

der Schuhmacherin war es, als ob sie jetzt etwas erfahre, was sie

wissen müsse.

Die Sache war nämlich so: Der Schuhmacher sprach nicht gern vom Krieg

und von seinen Erlebnissen draußen überhaupt. Weder im Wirtshaus, noch

auf der Gasse, noch daheim.

Er konnte manchmal sagen: »Ihr könnet gar nicht genug Gott danken,

daß der Krieg draußen ist und nicht hier. Wenn ich denk’, wie es da

aussieht.«

Fragte man ihn aber: »Ja, wie sieht’s denn aus?« so sagt er nur: »O

wüst, wüst, seid froh, daß ihr’s nicht sehen müsset.«

Sagte jemand: »Was meinst auch, Schuhmacher, wie’s ausgeht? Du kommst

doch draußen herein. Die Zeitungen schwätzen viel, wenn der Tag

lang ist,« so wiegte er bedächtig den Kopf: »Ich kann bloß sagen:

hereinkommen sie nicht, die Franzosen nicht und die Engländer nicht.

Und wenn sie auf den Kopf stehen. Wir lassen sie nicht herein. Mehr

kann ich nicht sagen.« Das war viel, aber es war den Hirzenbachern

nicht genug. Er hätte erzählen können, was er wollte, man hätte ihm

alles geglaubt, weil er von draußen herein kam. Aber kein Mensch wußte,

wo sein heiteres, schlagfertiges Mundwerk von vordem hingekommen war.

Vom Heuet und von der Ernte und vom Obst, da sprach er gern mit, und

gegen die Kinder war er wie immer. Die gingen ihm nicht vom Fuß. Er

schaffte den ganzen Tag. Als es regnete, saß er in der Werkstatt und

flickte und sohlte alles Schuhwerk im ganzen Hause. Dem Weib machte er

ein Paar Sonntagsschuhe. Ihrem Essen tat er alle Ehre an und sagte:

»Dich sollt’ man als Feldköchin haben, da wär’ man versorgt,« und

lachte sie an dazu.

Wenn der Daniel seine Kameraden in die Werkstatt schleppte, weil sie

den Soldaten sehen wollten, so tat er ihnen den Gefallen und legte Ahle

und Pechdraht weg und schnallte um, daß sie ihn anstaunen konnten. Auch

sang er mit ihnen auf Begehren: »Heimat, o Heimat, bald muß ich dich

verlassen« und: »O Deutschland hoch in Ehren« und was sie sonst noch

anstimmten. Aber so scharf die Mutter aufpaßte: es ging kein einziger

Kanonenschuß los in seinen Reden. Immer redete er von andern Sachen mit

den Kindern.

Und das war, das wußte sie für gewiß, weil es ihm grauste, davon zu

reden. Sie kannte doch ihren Johann. Er trug etwas mit sich herum, das

war so, daß er manchmal tief aufschnaufen mußte. Aber er lud es nicht

bei ihr ab. Vielleicht dachte er, sonst müsse sie es nachher schleppen,

wenn er fort sei, und es wachse dann ins Ungemessene.

»Was magst du auch erlebt haben ohne mich da draußen?« dachte sie, als

sie ihn so ansah. »Das machen viele Jahre an meinem Herzen nicht mehr

wett.«

Da wurde auf einmal das tonlose Geflüster laut und der Mann sagte ganz

laut: »Ach du barmherziger Gott.« Sonst gar nichts. Aber er sagte es

in einem Ton, in dem alles hilflose Grauen und aller Jammer und alles

Entsetzen der ganzen Welt beschlossen lag.

Da war es dem Weib, als habe er ihm nun sein ganzes Herz ausgeleert

und es wisse von diesem Augenblick an, wie es im Krieg aussehe. Es war

so vieles in der Zeitung gestanden und vieles auch von Mund zu Mund

geredet worden, das hatte sie teils fassen können, teils auch nicht,

aber nun drang ihr der Schrecken ins Herz mit Schießen, Hauen und

Stechen, mit Bluten, Stöhnen und Sterben.

Ach du barmherziger Gott.

Jetzt wußte sie es nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Das

schlug und hämmerte wild.

Der Mann war wieder still und schlief ruhig weiter.

Das Weib aber, das ihn gern geweckt und mit aller Liebe getröstet

hätte, zog sich die Decke übers Gesicht, daß er nicht gestört sei, und

weinte bitterlich.

* * * * *

Aber was der Schuhmacher in der Nacht herausgestöhnt hatte, das war

nicht alles gewesen, was er aus dem Krieg mit heimgebracht hatte und

was er davon zu sagen wußte.

Es kam ein Weib drei Stunden weit über Berg und Tal daher, um ihn zu

fragen. Da fand sich’s, daß er Dinge erlebt und in sich gesammelt

hatte, von der Art, die die Engel Gottes gelüstig machen könnte, Mensch

zu sein auf Erden, weil sie in ihrer friedlichen Seligkeit nicht wissen

können, was es ist, wenn Brüder das Leben für einander geben, und wenn

blutige Streiter noch Herz und Milde für den Feind haben, und wenn

Väter überall Väter sind, wo sie auch hinkommen und wo Kinder sind auf

der Welt.

Es war am Sonntag nachmittag auf der Hölzleswiese. Der Kirschenbaum

bot seine braunroten Früchte an zur Schnabelweide. Auf der Leiter

stand der Vater und über ihm in einer Gabel saß der Daniel und ließ

die Füße baumeln. Beide brockten eifrig, ohne zu dem Baum zu sagen:

mit Verlaub, ich bin so frei, aber mit dem Unterschied, daß der Daniel

alles gleich da hinein versorgte, wo es am sichersten ist und nur die

Steine hinunterspuckte, und der Vater ein Weidenkörblein anhängen

hatte, das sich nach und nach füllte, für die Familie nämlich, die

unter dem Baum saß. Von Zeit zu Zeit rief er: »Paß auf, Lenele,« und

warf eine Handvoll als Abschlagszahlung in das aufgehobene Schürzlein,

versprechend, bald komme er hinunter, es sei jetzt einstweilen genug.

Die Mutter hatte den Schorschle im Schoß und ließ ihn, der seine Füße

in Gebrauch nehmen wollte, auf sich herumsteigen, gab ihm liebe Namen

und dachte drunterhinein, wenn es morgen nicht Tag würde und sie

könnten alle miteinander schlafen bis zum Friedensschluß, so hätte sie

nichts dagegen. Denn morgen war derjenige Tag, man weiß schon welcher.

Da kam ein Weib aus dem jenseitigen Wald heraus, nicht aus dem Hölzle,

sondern aus dem Frauenzeller Staatswald, der sich lang und dunkel auf

der Hochfläche hinstreckt. Es trug schwarze Kleider und hatte ein

Körblein am Arm, ging so sachte für sich hin und wiegte manchmal den

Kopf, wie wenn es seinen Gedanken im stillen Red’ und Antwort stände.

Das sahen sie unter dem Kirschenbaum und dachten: wo mag sie auch

hinwollen? sie sieht aus, als ob sie mit einer Leich’ gehen wollte. Es

ist aber unseres Wissens keine in der Nachbarschaft.

Als die Wallerin -- sie mußte nämlich an dem Kirschenbaum vorbei --

herzu kam, bot ihr die Schuhmacherin die Zeit mit der Frage: »Auch

unterwegs heut?« und empfing mit dem Dank die Gegenfrage: »Da bin ich

doch recht nach Hirzenbach?«

Die Schuhmacherin wies ihr Weg und Steg, nicht ohne auf den Busch zu

klopfen, wem etwa in Hirzenbach der Besuch zugedacht sei, schon wegen

der Wegweisung ins Unter- oder Oberdorf.

Aber sie staunte nicht schlecht, als sie vernahm, daß ihr eigenes Haus

vermeint sei, und daß der Weg ihrem Mann zulieb gemacht sei.

»Da könnet Ihr gleich dableiben, Weib,« sagte sie, »der Johann Berner,

das ist mein Mann, und er steht da oben auf der Leiter.«

Eh’ sie aber den Mann herunterrief, kam er, der alles gehört hatte,

schon Schritt für Schritt die Leiter herunter, machte im währenden

Absteigen die Hemdärmel zu und stand gleich darauf vor der Fremden.

»Drum bin ich die Hansenbäuerin von Bergzell,« sagte diese, »und meines

Manns selig Vetter hat mir geschrieben, Ihr seiet im Urlaub und Ihr

seiet dabei gewesen, wie man meine Buben begraben hat. Jetzt, wenn Ihr

mir halt sagen könntet, wie es gewesen ist,« -- sie sah mit kummervoll

fragenden Augen dem Mann ins Gesicht: sag’ mir alles, was du weißt,

aber gelt sag’ mir nicht so Schreckliches, daß ich’s nicht zu tragen

vermag. Tot sind sie, das weiß ich, aber ob sie halt schwer gelitten

haben, wenn ich das wüßte.

Sie saßen miteinander unter dem Kirschbaum. Der Daniel lag im Gras

dabei, stützte den Kopf mit Ellenbogen und Fäusten und hörte zu mit

Augen, so groß und rund wie Pflugräder.

»Brave Buben habt Ihr gehabt,« sagte der Vater, »rechte Buben.

Ich werd’s doch wissen, wir sind ja in einer Kompagnie gewesen. Alle

haben sie gern gehabt. Das Zwiegespann hat man sie immer geheißen, weil

sie immer gewesen sind wie zusammengeschirrt. Keinen hat man gesehen

ohne den andern.«

»So sind sie von klein auf gewesen,« sagte ihre Mutter und sank in die

Vergangenheit hinein, wie in einen tiefen See.

»Ich habe einmal dem Joseph den Hintern verhauen, da hat der Vinzenz

überlaut geschrieen: Mutter, gib mir auch. Und wenn der Große ins Feuer

und Wasser gegangen wär’, so wär’ der Kleine auch hinein.

Wie sie in den Krieg gegangen sind, hat der Joseph zu mir gesagt:

»Mutter, ich paß’ dir auf deinen Kleinen auf, so wahr ich leb’.««

»Das hat er auch getan,« bestätigte der Berner. »Da ist nichts dran

auszusetzen. Also so ist es gegangen: Wie wir im ärgsten Feuer gewesen

sind bei einem Sturmangriff und auch das Zwiegespann wie wild drauf

los, fährt auf einmal dem Vinzenz« -- »das ist mein Kleiner« -- schob

die Mutter ein, »fährt ihm auf einmal eine Kugel durch den Fuß, daß er

stolpert und hinfällt und auch nicht mehr aufstehen kann.

»Joseph, verlaß mich nicht,« schreit er hell hinaus.

»Was werd’ ich dich denn verlassen,« sagt der Joseph, wie wenn nichts

wär, ganz ruhig. Der Feldwebel schreit: voran, drauf! Aber der Joseph

sagt bloß: »Der muß auch mit« und lädt den Bruder auf den Rücken.

Und wie das jetzt der Fall sein mag, ob der Feldwebel gedacht hat:

mit dem ist doch vorher nichts anzufangen, eh’ der andere versorgt

ist oder ob’s ihm grad so natürlich vorgekommen ist wie uns, kurzum,

er läßt ihn richtig laufen. Und der Joseph schleppt den Vinzenz --

es sind ja beides Kerle wie die Bäum’ -- fünfzehn Schritt vor, durch

einen Geschoßhagel hindurch, bis an eine steinerne Ruhebank, die er

von weitem erspäht hat, es ist ein Kruzifix dabei gestanden. Dort hat

er ihn wohl in Deckung hinlegen und dann wieder an seine Schuldigkeit

gehen wollen, denn er ist keiner von denen gewesen, die an sich denken

im Gefecht, da trifft ihn ein Geschoß in den Hals und fährt ihm durch

und durch und dem Vinzenz noch in die Brust.

So weiß ich’s von denen, die nach ihnen kamen und denen der Vinzenz im

Niederfallen noch zurief: »Behüt’ euch Gott, ihr Brüder, wir zwei tun

nimmer mit.««

Die Schuhmacherin drückte ihren Schorschle ans Herz und sah von der

Seite den Mann an, der jetzt den Vorhang ein Stück weit auftat, um

einer betrübten Mutter zu geben, was ihr gebührte, und der im gleichen

Feuer gewesen war. Ja und der, hilf Gott, auch wieder hineinging. Aber

sie tat keinen Schnaufer, um ihn nicht drauszubringen.

Die Hansenbäuerin saß ganz still und aufrecht da und sah vor sich hin,

wie in eine weite Ferne. Wahrscheinlich kniete sie nieder ins Gras

zu ihren beiden Buben und horchte, ob ihr Herz noch schlage und ob

etwa noch ein letztes, armes Wörtlein von den blutigen Lippen falle.

Und vielleicht legte sie einen nach dem andern -- was gingen sie die

fliegenden Kugeln an? -- ausgestreckt zu den Füßen des stillen Mannes

am Kreuz, der grad auf sie heruntersah, und der einstmals auch sein

Leben für die Brüder gelassen hat.

»In der Zeitung sei damals gestanden,« fuhr der Schuhmacher fort,

»der Sturmangriff sei glänzend durchgeführt worden. Ich weiß nicht.

Wenn man selber mittut, merkt man allemal nicht so viel von dem Glanz.

Das macht, daß er so viel gute Kameraden kostet. Das wissen die nicht

so, die es schreiben. Aber nach vier Stunden haben wir die Stellung

doch gehabt: eine steile Anhöhe; es ist ein Wallfahrtskirchlein droben

gestanden, das war bös zerschossen, aber es hat doch noch etwas von

einem Dach gehabt. Innen lag alles voll von Verwundeten, Deutsche und

Franzosen durcheinander, außen drum herum legten wir die Toten, die

kein Dach mehr gebraucht haben. Da sind auch Eure Buben gelegen.

In dem Kirchlein ist auch eine Orgel gewesen. Und in der späten

Dämmerung ist einer von den Verwundeten aufgestanden, es ist ein

Schullehrer gewesen, er hat einen Kopfschuß gehabt, keinen so

schweren, und hat auf der Orgel ein Lied gespielt, das hab’ ich von

daheim gekannt; unser Organist hat’s immer am Karfreitag unters

Nachtmahl hineingespielt. »Liebe, die für mich gestorben,« heißt es,

hat er gesagt. Da haben wir alle mit Graben aufgehört und die Mützen

heruntergetan; nämlich wir sind gleich dran gegangen, den Toten das

Bett zu machen und das Lied ist ihr Schlaflied gewesen.

Unser Feldwebel ist ein Rauhbauz und hat einen oft elend kuranzen

können. Aber wie er das Zwiegespann gesehen hat: »Das hat man sich

denken können, daß für die Zwei eine Kugel langt,« hat er gesagt und

hat mit den Augen gezwinkert, daß man’s nicht merken soll, daß es ihm

schwer fällt. Er hat auch sein Teil; der Arm wird wohl hin sein.«

An den Daniel dachte kein Mensch, bis er auf einmal patzig sagte: »Aber

gelt, Vater, bloß die Deutschen habt ihr hineingetan in das Grab, die

Franzosen nicht!«

Da sahen sie alle nach dem kleinen Kerl hin, der ganz mit seinen

eigenen Gedanken bei der Sache war.

»Was denkst auch, Büble,« sagt der Vater. »Wir haben sie doch

erschossen gehabt. Das wär noch schöner. Wir haben ein großes, großes

Franzosengrab gemacht und zwei, auch keine kleinen, für unsere

Kameraden.«

»Drum,« seufzte die Schuhmacherin befriedigt auf. Denn es dünkte sie

doch immerhin erträglicher, wenn die Unseren wenigstens nicht Brust an

Brust mit dem Feind liegen mußten. Was zuviel sei, sei zuviel, dachte

sie. Aber schon tat ihr der Mann den Deckel vom Hafen.

»Ganz grad ausgegangen ist’s freilich nicht,« fuhr er fort. »Solang wir

an der Arbeit gewesen sind, sind noch drei Franzosen gestorben. Die

haben wir, weil im Franzosengrab kein Platz mehr gewesen ist, zu den

Unseren hineingetan. Sie tun einander nichts mehr.«

Die Hansenbäuerin nickte schwer.

»Werden auch arme Leut’ gewesen sein, die den Krieg nicht angefangen

haben,« sagte sie gut und lind.

»Kann sein, sie haben auch Weiber und Mütter daheim gehabt. Von mir

aus, bei meinen Buben dürfen sie wohl liegen, die armen Tropfen.«

Dem Daniel gefiel’s nicht. Er stand auf und machte sich über den

Kirschenkorb her, an dem das Lenele schon lang mit stillem Eifer saß.

Die Hansenbäuerin stand auf.

Sie gab dem Schuhmacher und seinem Weib die Hand.

»Ich hab’ weit heim,« sagte sie. »Und was ich hab’ wissen müssen, weiß

ich jetzt. Ich sag’ vielmals vergelt’s Gott.«

Die Freude war wohl ausgelöscht in ihrem Herzen, aber die Ergebung

nicht. Sie sah in allem Kummer stolz und vornehm aus. So sehen viele

Frauen aus im deutschen Vaterland.

Sie sahen ihr nach, bis sie wieder in die dunkle Waldestür einging.

»Vater, erzähl’ noch mehr vom Krieg,« bettelte der Daniel.

»So etwas von einem Gewitter.«

Das war nämlich so: Vorgestern war ein Gewitter gewesen, bei dem eine

zeitlang Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag einander folgten. Der

Daniel war der Mutter am Kleid gehangen, denn es war ihm etwas bänglich

bei dem Krachen. Die Mutter aber (es war nach jener Mondnacht) gab ihm

einen Puff: »Sei kein so Hasenfuß. So kracht’s im Krieg immer, wenn

nicht noch ärger.«

Jetzt an dem friedlichen Sonnentag unter dem Kirschbaum hätte der

Daniel gern etwas von Blitz und Schlag und wildem Tosen gehört, es

hätte arg sein dürfen, es hätte ihm nichts gemacht.

Da begann der Vater: »Denk’ einmal, in Frankreich drin hab’ ich auch

einen Buben gekannt, in deinem Alter, und bin gut Freund mit ihm

gewesen. Er hat meiner Quartierfrau gehört. Der Vater ist schon ganz

im Anfang in den Krieg gekommen. Seither haben sie nichts mehr von ihm

gehört. Vielleicht ist er schon lange tot.

Seine Mutter ist ein kleines, zierliches Weiblein und hat zuerst

eine Heidenangst vor uns gehabt. Sie hat vom Hörensagen gewußt, wir

seien schier so arg wie Menschenfresser. Wir sind zu dritt bei ihr im

Quartier gelegen. Wie wir eingezogen sind, hat sie ihre Schubladen und

Kästen vor uns aufgesperrt und gesagt: »Nix da, nix da, nix Geld, nix

Essen,« und hat ihr Büblein an sich gepreßt, als wenn wir’s opfern

wollten wie den Isaak.

Da haben wir unser Brot auf den Tisch gelegt und was wir so bei uns

gehabt haben und haben ihr begreiflich gemacht, daß sie mit uns essen

sollen alle beide, und haben dagegen angezeigt, daß wir Durst haben.

»Auch nix dü Wäng?« hat einer gefragt. Da ist sie in den Keller

gegangen und hat einen Krug voll Wein heraufgeholt und wir haben

friedlich miteinander gegessen und getrunken.

Wir haben ihr Dach geflickt und sie hat unsere Hemden gewaschen.

Damals sind wir fast drei Wochen hinter der Front gewesen und noch gar

nicht im Gefecht. Später ist’s anders gekommen.

Jetzt, wie sie nach und nach zutraulich geworden ist, hat sie mir

anvertraut, daß ihr der Pierre, so heißt der Bub, gar nicht folgen

wolle.

Sie habe einen braven Mann und der Bub verkomme ihr.

»So, was tut er denn?« hab’ ich gefragt.

»Ha, er geht hinter die Schule und strolcht mit bösen Buben herum,«

sagte sie.

»Ich tät’ ihn verhauen, wenn ich Sie wär’,« sag’ ich.

Da sagt sie, er sei ihr zu stark und zu wild, sie sei nicht so bei

Kraft die Zeit daher, und er sei auch das Ebenbild von seinem Vater,

ihrem lieben Léonard, das könne sie doch nicht schlagen.

Da hab’ ich mir im stillen gelobt: ›Ich besorg’s ihm einmal. Vielleicht

tut mir daheim auch einmal einer den Dienst bei meinem Buben.‹«

Der Daniel kroch vorsichtig ein bißchen näher zur Mutter hin. Die legte

ihm liebreich die Hand auf den Arm.

»Ich hau’ dich schon selber, wenn’s nötig ist,« sagte sie beruhigend.

Da war’s ihm recht.

»Es hat sich auch bald begeben,« fuhr der Vater ruhig fort.

Kann sein, er hatte das Zwischenspiel gar nicht gesehen.

»Der Pierre ist ein ganz netter Schlingel gewesen mit kohlschwarzen

Augen und einem Wald von schwarzem Lockenhaar.

Aber er hat einen Kameraden gehabt, drei, vier Jahre älter, einen

durchtriebenen Strick, dem hat er alles tun müssen, was er gewollt hat.

Und einmal find’ ich die zwei beisammen, wie sie der alten Madlene, das

ist eine Wäscherin gewesen, ihren großen Waschzuber angebohrt haben,

daß die Seifenbrüh’ auf die Gasse gelaufen ist. Heißt das, der Pierre

hat’s getan, der andere hat bloß zugesehen und gehetzt: »Mach’, mach’

voran, sie kommt; das ist ein Hauptspaß, wenn sie schimpft.« Und hat

gelacht wie ein junger Teufel. Da hab’ ich mein Gewehr -- ich bin grad

von der Wache gekommen -- an eine Hauswand gelehnt und hab’ den Pierre

’rübergelegt und durchgewamst. Alle Fenster sind aufgegangen vor

seinem Geschrei. Und alle Leut’ sind auf die Gasse gekommen, aber ich

bin jetzt schon im Zug gewesen und hab’s gründlich gemacht.

»Was, Kerle,« hab’ ich gesagt, »dein Vater ist im Krieg und läßt sich

totschießen für sein Vaterland, und daheim hat er so einen Strick?

Meinst, das tät’ ihn freuen, wenn er’s wüßte?««

Der Vater unterbrach sich. »Nein, nein, meine Wort’ hat er nicht

verstanden,« sagte er auf die Frage der Mutter, ob denn der Bub deutsch

verstanden habe, da ihres Wissens dem Mann das französische nicht so

herauslaufe wie Brunnenwasser. »Meine Wort’ hat er nicht verstanden,

aber meine Hieb’ sind deutlich gewesen.«

»Ungefähr acht Tage nach dir ist die Frau in die Wochen gekommen,

wieder mit einem Buben. Den hat sie Jean taufen lassen, das ist wie bei

uns Johann, »zur Erinnerung an die brave deutsche Einquartierung,« hat

sie gesagt.

Heimat: Erzählungen · 第 18 / 31 题