Zum zweitenmal

Als die Schuhmacher Bernerin vom unteren Eck in Hirzenbach in grauer

Morgenfrühe das Haus verließ, tat der Hund an seiner Kette wie

unsinnig. Er stieg kerzengerad in die Höhe, an der Schuhmacherin hinauf

und zerrte an der Kette, am liebsten hätte er die ganze Hundehütte

mitgenommen. Denn mit wollte er, koste es, was es wolle. Aber die

Schuhmacherin war auch eine von denen, die nichts verstehen, und wenn

man es ihnen noch so laut in die Ohren brüllt. Auf diese Meinung, die

er schon öfters gehabt hatte, kam der Nero heut wieder, denn sie gab

ihm kurzerhand einen gehörigen Patscher auf die Vorderpfoten, so daß er

sich verdutzt draufstellte, und sagte: »Viech dumms, unvernünftigs. Und

wer soll dann vielleicht das Haus hüten und die Kinder, wenn ich dich

mitnehm’, he? Also da leg’ ich den Schlüssel unter den Schuhkratzer,

im Fall die Pfarrmagd kommt und ihre Milch holen will. Und außer der

Pfarrmagd läßt du mir niemand ins Haus.«

Der Nero konnte winseln, eine ganze Tonleiter herauf und hinunter, die

Schuhmacherin fragte nicht so viel darnach, als unter den Nagel geht.

Sie nahm ihren Korb mit dem Morgenessen für den Mähder an den Arm und

schritt hurtig zu, denn es war weit an die Hölzleswiese und wenn einer

von zwei Uhr an gemäht hat, will er um fünf Uhr sein Essen, das ist

leicht wissen.

Auch war der Mähder keine bezahlte Kraft, sondern eine freiwillige,

der Dötlesvetter, der Pate der drei Bernerskinder, der für den im Feld

stehenden Hausvater eingesprungen war. Den durfte man schon gar nicht

warten lassen.

Als die Schuhmacherin die Häuser hinter sich hatte und am oberen Eck

den steilen Stich zum Dornbühl hinanstieg, hinter dem es dann auf die

Hölzleswiesen geht, war es ihr aber doch, als höre sie den Nero immer

noch heulen.

»Was der nur hat heut?« dachte sie. »Es wird doch nichts unrecht’s

um den Weg sein? Man hat schon so Sachen gehört, wenn’s irgendwo hat

brennen wollen, oder wenn eingebrochen worden ist, oder eh’ der Blitz

an einem Ort eingeschlagen hat, daß ein Hund so wüst getan hat. Die

Leut’ sagen, so einem Tierle lieg’ es in den Gliedern.«

Aber es war etwas ganz anderes, was dem Nero in den Gliedern lag, als

brennen oder einbrechen oder gar ein Blitzschlag. Es war um und um

sicher, und wer etwas vom Wetter verstand, der dachte auch heut an kein

Gewitter. Der Tau lag dick auf allen Gräsern und Halmen und es wehte

ein frisches Morgenlüftchen vom Berg herunter. Auch sangen die Vögel

von Herzensgrund in den Kirschbäumen links und rechts am Weg und es war

keiner darunter, der schütt, schütt schrie.

Wenn die Schuhmacherin hätte eine halbe Stunde Wegs voraussehen können,

dann wäre ihr alles klar gewesen.

So aber ließ sie ihren Gedanken den schweren Lauf, den sie jetzt einmal

hatten.

Dreiviertel Jahr ausgerechnet war’s jetzt, daß der Mann im Krieg war.

Wenn man ihr damals gesagt hätte, als er ging, daß es so lang dauern

werde, bis er wieder komme, dann hätte sie glaub’ ich gesagt: dann

lieber gleich hinlegen und sterben. Denn sie war eine verzagte Natur

von Haus aus; denn Frohmut im Haus hatte immer der Mann besorgt und

ohne ihn wußte sie gar nicht wie man’s macht, daß man auf der Welt den

Kopf aufrecht trägt.

Zudem hatte sie damals im siebenten Monat den Schorschle unter dem

Herzen, der jetzt daheim im Kinderwagen lag.

Aber der Mann hatte sie über alles hinaus getröstet.

»Zur Tauf’ bin ich wieder da. Kann sein, schon vorher. Ich hab’ mir

sagen lassen, der Kaiser hab’ gesagt, das gehe schneller, als man

denke. Auch haben die schon gut vorgeschafft draußen in den sechs

Wochen, seit der Krieg ist. Man liest’s ja alle Tage im Blatt.«

Vom Draußenbleiben, vom Fallen, da hatte er gar nichts gesagt.

Heimat: Erzählungen · 第 17 / 31 题