Dein Sohn Gottlieb.«

Der Weber hatte zu Ende gelesen. Er gab der Mutter den Brief zurück und

sah sie freundlich an.

»Der Herr wolle ihn segnen und heimbringen,« sagte er.

Die Schmidbergerin war seine Sprache nicht recht gewohnt, denn sie

ging nicht in die Stunde, aber es war ihr doch, als gebe ihr der Weber

etwas Heiliges mit für ihren Gottlieb. Doch wußte sie nicht gewiß, ob

mit dem Heimbringen das Wiederkommen nach dem Krieg gemeint sei und sie

sagte fast schüchtern: »Man darf es schier nicht verlangen, daß man

grad den seinigen gesund behält, wo so viele fallen; wenn er aber nur

seine Schuldigkeit tut, das ist jetzt die Hauptsache. Ich bin ja froh

genug, daß er überhaupt noch lebt, und daß er heimkommt und weiß, wo er

hinstehen muß, jetzt.«

Sie sah so froh aus, als sie ging, daß die Haushälterin, die ihr

leuchtete, nicht das Herz hatte, ihr zu sagen, daß in dem ganzen

Brief nichts von einer Bekehrung des Buben oder auch nur von einer

bürgerlichen Tüchtigkeit stehe, und daß die Schmidbergerin scheint’s

noch lange nicht wisse, was die Hauptsache sei. Die Haushälterin

hatte ein etwas säuerliches Gemüt, aber seit sie dem milden Weber den

Haushalt führte, schluckte sie hie und da eine Schärfe hinunter, die

ihr sonst leicht über die Lippen trat.

So sagte sie nur: »Er hat’s schlau angestellt, dein Gottlieb, daß

er die Engländer getäuscht hat, es hätt’ ihm können schlecht gehen

unterwegs. Leut’ wird man brauchen können da draußen im Krieg. Auf dem

Berg, sagt der Sailer, habe man heut wieder den ganzen Tag schießen

hören vom Elsaß her.«

»Ich denk’s, daß man Leut’ brauchen kann,« sagte die Schmidbergerin so

stolz und heiter, daß es der Haushälterin schier leid tat, ihren Stich

nicht angebracht zu haben. Stolz brauchte sie nicht zu sein, die. Man

wußte schon noch etwas von ihr, aus der leichtsinnigen Jugend her.

Aber da schritt sie schon die Gasse hinunter, dem Haus ihrer Tochter

zu, die im Kindbett lag und einen Buben an der Brust hatte.

Und die Haushälterin schützte ihr Lämplein vor dem Nachtwind und ging

ins Haus zurück, denkend, daß Reden Silber gewesen wäre, und daß es

nicht allemal Gold sein müsse.

* * * * *

In Schluderbach ging gegen den Spätherbst hin die Rede, die

Schmidbergerin tue seit neuerer Zeit, als ob der Krieg ihr gehöre.

Geradewegs gesprächig war sie geworden. Zwar wo man im voraus jammerte

um böse Dinge, die kommen könnten, und schlechte Aussichten eröffnete,

da tat sie nicht mit. »Unsere Männer werden’s schon schaffen,« sagte

sie, »es ist mir gar nicht angst. Die stehen hin wie eine Mauer.«

»Unsere Männer,« sagte sie und niemand konnte ihr wehren, sozusagen.

Denn sie hatte ja auch einen draußen im Feld, und man mochte sonst über

ihn sagen, was man wollte, er hielt sich scheint’s nicht schlecht. Ja,

die Meistersfrau, die dazumal den Stein an den Kopf bekommen und dem

Gottlieb seither Galgen und Rad zugeschworen hatte, verzog ihr Gesicht

zu einem halb ärgerlichen Lachen und sagte: »Da kann er seinen Jäst

vertoben.« Denn er hatte bereits das Eiserne Kreuz bekommen, weil er

ganz allein seinen Hauptmann aus lauter Farbigen herausgehauen und wie

wütend mit dem Gewehrkolben um sich geschlagen hatte.

Der Hauptmann hatte an die Schmidbergerin geschrieben: »Ihr tapferer

Sohn,« hat in dem Brief gestanden. »Ihr tapferer Sohn hat mir das Leben

und meinen Kindern ihren Vater gerettet.«

Nicht, daß die Schmidbergerin damit groß getan hätte. Sie sagte zu

keinem Menschen etwas darüber. Es stand aber in der Zeitung, dafür

konnte sie nichts.

Aber sie ging umher, wie eine Junge, mit heiter-hellem Gesicht,

besuchte die Soldaten in dem kleinen Lazarett, das in der Turnhalle

eingerichtet war, und tat mit ihnen, wie eine Mutter: weil doch meiner

auch draußen ist. Sie hielt zwei Zeitungen und las sie andächtig und

mit Überlegung und wenn man vom Stand der Dinge sprach, so konnte

sie Auskunft geben und hatte eine Meinung darüber, so gut wie der

Stadtschultheiß, obgleich sie nicht mit ihm zusammen kam. In ihrem

Lädlein ging es oft hitzig zu, denn die Ansichten gingen manchmal

auseinander, besonders wenn die Blätter die feindlichen Tagesberichte

brachten, die den deutschen zuwiderliefen, oder wenn sie gar

Erzählungen von deutschen Greueln im Ausland abdruckten, die irgendwo

in Paris oder London erfunden worden waren.

»Ist nur gut, daß es nicht wahr ist,« sagte dann die Schmidbergerin so

ruhig als möglich, obgleich es in ihr kochte, daß man »Unseren« so

etwas nachsagte. Dann war gewöhnlich einer da, der achselzuckend sagte:

»Ha alles wird auch nicht erlogen sein. Unsere sind auch keine Engel.

Überhaupt kommt man nicht mehr draus, wer lügt. Meine Frau hat einen

Vetter, zu dem hat ein Unteroffizier gesagt, bei uns kommen auch Sachen

vor --«

Aber da kam ihm die Schmidbergerin in die Rede.

»Das ist mir ganz eins, was eurer Frau ihr Vetter gesagt hat.« --

»Nein, ein Unteroffizier hat’s zu meiner Frau ihrem Vetter gesagt.«

»Was der Unteroffizier zu eurer Frau ihrem Vetter gesagt hat; wir tun

so Sachen nicht, das brächten wir gar nicht übers Herz. Wenn einer

einmal im Zorn zuschlägt, wo’s nicht sein müßte, das ist noch lang kein

Greuel. Aber mit Fleiß und Bosheit tun wir’s nicht. Und Lügenmeldungen

bringen wir auch nicht, das braucht’s nicht bei uns.«

Immer »wir« sagte sie, und darum redeten die Schluderbacher davon, daß

die Schmidbergerin tue, als ob der Krieg ihr gehöre.

Aber sie rechnete sich nur ehrlich mit Leib und Leben dazu. Sie stand

hinter ihrem Ladentisch mitten drin in den Schützengräben, in die das

Wasser hineinlief, daß die Stiefel nicht mehr trocken wurden, und

patrouillierte freiwillig auf gefährlichen Pfaden gegen die feindliche

Stellung hin, und hörte das höllische Geknatter der Maschinengewehre

und der großen Geschütze, bei dem man sein eigenes Wort nicht verstand,

und stand nachts einsam auf vorgeschobenem Posten Wache, und litt

tausend Schmerzen mit den Verwundeten, und suchte verborgene Gräben

und Hecken ab, ob nicht einer drinnen liege, der sich verblute, wenn

man ihn nicht bald finde. Das alles tat und erlitt sie durch die

tausend Fäden, die von ihrem Herzen hinausgingen zu den Söhnen ihres

Volkes, von denen einer ihr eigener war, wie das die Mütter so tun

und erleiden, denen in ihren wachen, hinaushorchenden Herzensgedanken

allmählich alle, die draußen sind, so zu eigen werden, als wären sie

alle ihres Blutes Kinder, unter sich verbunden, und ihnen innig nah

verwandt.

Es war an einem Abend am Ende des Oktobers, da kam grad als die

Schmidbergerin schließen wollte, noch ein kleines Dirnlein in den

Laden und holte, was ihm die Mutter auf einen Zettel geschrieben hatte

und gab das Geld dazu aus seinem zusammengepreßten Fäustlein her.

Die Schmidbergerin machte ihm die Tür auf zum Hinausgehen, denn es

hatte Düten in beiden Armen, da flog ein lauer, starker Windstoß die

Gasse herauf, der das Kind schier umgeblasen hätte. Es taumelte gegen

die Schmidbergerin hin und diese sagte: »Ei, was für ein Wind auf

einmal. Geh’ nur ganz nah an den Häusern hin, Dorle, sonst kommst du

nicht heim.«

»Der Wind kommt von Belgien her,« sagte das Kind wichtig, und lachte,

als ob es etwas Schönes wisse.

»Von Belgien? woher weißt du denn das?« fragte die Schmidbergerin

erstaunt.

»Von meiner Mutter. Sie hat gesagt: Immer wenn der Wind über den

Kälberkopf herbläst, dann kommt er von Belgien. Da ist mein Vater.

Vorhin hat sie gesagt: Laß dich nur durchblasen, das tut dir nichts,

den Vater bläst er auch durch.«

Das Kind sprang unverzagt in den Wind hinaus und die Schmidbergerin

fühlte eine seltsame Lust, sich auch von dem Wind aus Belgien her

durchblasen zu lassen. Sie tat ein Tuch um und schloß den Laden. Ihr

Lämplein stellte sie brennend in den Hausflur, dann ging sie dem Wind

entgegen die Gasse entlang.

Am Haus ihrer Tochter stand sie still. Aus der Schlafstube kam das

klägliche Weinen des Kleinen; die Lene war scheint’s bei ihm und trug

ihn herum, man hörte sie hin und her gehen. Im Wohnzimmer saß der

Tochtermann am Tisch und las die Zeitung. Man konnte von der Straße her

die Stube übersehen. Einen Augenblick dachte sie daran, einzutreten.

Aber sie ging weiter. Es war den ganzen Tag schon etwas in ihr, dem

mußte sie jetzt ins Gesicht sehen, ganz allein für sich. Gleich hinter

dem Städtlein ging eine stille Staffel in die Höhe, die stieg sie

hinan. Als die Staffel aufhörte, breitete sich ein freier Platz aus,

der war mit Gebüsch und Ruhebänken angelegt. In der Mitte stand eine

junge Linde, die bog der Wind hin und her und sie ließ es sich schlank

und ruhig gefallen, daß er mit ihrem Stamm und mit ihren weichen, fast

nackten Ästen ein derbes Spiel trieb und ihr die letzten gelben Blätter

entführte.

Die Schmidbergerin setzte sich auf die Bank unter der Linde und tat ein

paar tiefe Atemzüge. Aber aus dem Haus, das den freien Platz auf einer

Seite begrenzte und das allein von allen im Städtlein so hoch gestiegen

war, fielen Töne einer Ziehharmonika, die sie wieder vertrieben, denn

sie mußte jetzt gerade etwas anderes hören. So stieg sie noch höher

hinan, den schmalen Fußweg bis zu der Eiche, die oben an der Anhöhe mit

weit ausladenden Ästen stand und über das Tal hinblickte. Hinter ihr

ging ein Weglein an den Wald hinüber, der schwarz dastand, eine dunkle,

lebendige Mauer. Der Vordergrund war ein breiter, großer Acker. Er war

umgebrochen und die Schollen rochen herb und stark. Am Himmel flogen

die Wolken hin, große, zerrissene, eilige Heerhaufen. Der Wind aus

Belgien trieb sie vor sich her. Wie ein geschlagenes Heer. Oder war es

anders? Mußten sie sich sammeln zu einem großen, gemeinsamen Angriff?

Zwischen den flüchtigen Gebilden sahen die Sterne heraus, ruhig, groß

und klar. »Die sehen über alles hin und lassen sich’s nicht anfechten,«

dachte die Schmidbergerin. Sie zog ihr Tuch fester an sich, daß es der

Wind nicht fortnehme. Also das war es, was sie umtrieb und was sie

nicht zwischen Schmierseife und Heringen ausdenken konnte: seit sich

ihr Gottlieb so wacker hielt im Feld draußen und auch anerkannt wurde

von seinen Mitkämpfern und Vorgesetzten, wuchs immer stärker der Wunsch

und das Verlangen in der Mutter, daß er möchte am Leben bleiben und ein

rechter, tüchtiger Mann werden in der Heimat. Jetzt war dann doch ein

dicker Strich zwischen seinem früheren und seinem neuen Dasein. Die

Mitbürger würden ihn achten lernen, und er würde es auch verdienen,

gewiß, wenn er jetzt im Krieg so den Ernst und den Tod kennen gelernt

hatte. Die Lene sprach schon jetzt in einem anderen Ton von ihm und ihr

Mann auch. »Mein Bruder hat das und das geschrieben, das ist einer,

der.« »Mein Schwager ist Unteroffizier geworden, er meint, mit Belgien

werde es vollends schnell gehen.«

Ihr, der Mutter, schrieb er fleißig Postkarten, wie andere Söhne

ihren Müttern auch. Sie hatte sich noch nie so an ihm freuen dürfen,

wie jetzt. Darum wallte eine Leidenschaft in ihr auf: sie wollte ihn

behalten. Und neben der Leidenschaft eine zunehmende Angst: es trifft

ihn. Du wirst sehen, es trifft ihn.

Das war vorher nicht gewesen. Da war alles lauter Freude und Stolz, daß

er mittat, und daß sie nicht nebendraußen stehen mußte, wenn alle dem

Vaterland ihre Söhne gaben.

Mit den Wolken flog schnell, in gleitenden Bildern und ohne Aufenthalt,

ihr Leben an ihr vorbei. Ihre Mädchenjugend und der Dienst in der

Stadt, und die hitzige Verliebtheit in den »besseren Bürgerssohn«

und ihr Glaube an ihn. Und seine Heirat mit einer Kaufmannstochter,

und das Büblein, das keinen Vater hatte, und das Abfindungsgeld, das

sie dem Treubrecher gern an den Kopf geworfen hätte, und der junge

Schmidberger, der das Geld und das tüchtige Mädchen gut in seinem

Geschäft brauchen konnte und der nach langem Sträuben auch das Büblein

dazu nahm und ihm sogar seinen Namen gab. Das hitzige Blut, das der

Bub geerbt hatte, nur im höheren Grad, und der Vater, der »es ihm

austreiben wollte«. Die tausend Streitigkeiten um ihn, die brave Lene,

die schon mit fünf Jahren ein Tugendböldlein war und den Bruder beim

Vater verpetzte; sie selber, die Mutter, die sich nicht recht zu

helfen wußte, weil man ihr tausendmal sagte, sie solle Gott danken,

daß der Bub eine feste Hand über sich habe, er könne es brauchen,

wahrhaftig.

Gott danken dafür, das tat sie nicht, denn sie meinte oft, die feste

Hand mache ihr den Buben noch ganz zunichte. Aber sie wurde still und

verschlossen, und bat nur ihren Gottlieb von Zeit zu Zeit: »Gelt, werd

mir recht. Werd’ mir brav, Gottlieb. Der Vater meint’s gut, er meint’s

gewiß gut.«

Einmal, als sie das sagte, streckte der Bub die Zunge heraus, breit und

lang, da erschrak sie im tiefsten Herzen, denn es war wie eine lange

Antwortrede auf alles, was sie gesagt hatte. Da tat sie ihrem Herzen

Gewalt an und gab ihrem Buben eine Maulschelle von großer Kraft und er

lief fort und kam vor Abend nicht wieder.

Tausend Bilder, mehr als tausend, vorüber mit Gedanken-, Wind- und

Wolkenschnelle.

Also ja, sie hatte viel um ihn gelitten, um ihren Buben, und am meisten

dadurch, daß sie wußte: Er hat selber nichts Gutes. Gar nichts.

Wer weiß, vielleicht käm’s jetzt? Vielleicht dürfte sie, die Mutter,

ihm noch Liebe antun, und er ihr, und es würde noch schön, und er

brächte eine brave, gute Frau ins Haus, die mit ihr, der Mutter, auch

gut wäre.

Und darum, weil noch so viel zu richten und zu schlichten wäre in

des Gottlieb Schmidbergers Leben, und alles im besten Zuge damit,

darum soll das Vaterland so gut sein und soll ihn wieder hergeben.

Nicht jetzt, behüte, erst nach dem Krieg. Die Mutter hat so eine

große Angst in sich, die läßt sie nicht im Haus, und läßt sie nicht

schlafen bei Nacht. Sie hat ihren eigenen Krieg in sich, von dem die

Schluderbacher nichts wissen, und überhaupt niemand als, ja, vielleicht

unser Herrgott. Mit dem probiert sie als einmal drüber zu reden. Sie

paktiert sogar mit ihm: »Verwundet, wenn er das würde, da wollte ich

nichts sagen. Durch Kreuz zur Krone, sagt man allemal; es muß ihm

nichts geschenkt sein. Grad einen Arm oder Fuß wird’s ja nicht kosten.

Obgleich, ich will gar nichts verlangen, im Notfall hat er ja eine

Mutter. Nur grad, daß er heimkommt, weil ich auch gar nicht weiß, wie

er aussieht, seit er ein Mann ist.«

Aber unser Herrgott, oder was da in ihrem Herzen sich regt, geht auf

gar nichts ein.

»Ich versprech dir nichts, gar nichts. Die Sachen, die ich verspreche,

sehen ganz anders aus. Was weißt denn du, was ich mit dem Gottlieb

Schmidberger im Sinn habe?«

Das ist oft so eine Antwort, die sie in sich spürt.

Darauf getraut sie sich’s und sagt, sie sei halt doch die Mutter und

habe so viel Schmerzen um ihn gehabt und sie müsse es zugeben, sie habe

auch manches versehen an ihm, das müsse sie wieder gut machen. Zum

Beispiel, daß sie ohne alle Liebe den Schmidberger genommen habe, bloß

um eine Frau zu werden, da sie doch gesehen habe, daß er das Büblein

als Last empfinde.

Und daß sie nicht besser für den Gottlieb eingetreten sei, wenn der

Mann ihn geschlagen habe. Auch habe er das heiße Blut von ihr geerbt,

dafür könne er nichts. Solche Sachen hält sie in ihrem Herzen dem

Herrgott vor und horcht begierig, was er sagt.

Aber er sagt gar nichts. Er schweigt.

Heut abend, da oben, ist ihr’s, er fahre auf dem Wolkenwagen dahin und

sei der Feldmarschall und übersehe das Ganze.

Es wird ihr, als müsse sie knieen und schier ohne daß sie es weiß, tut

sie es auch.

Die Wolken bilden jetzt ein großes Heerlager auf der einen Seite des

Horizonts. Da scheinen sie stillzustehen und auf etwas zu warten. Dann

kommt eine große, lichte Stelle, von der die Sterne niederfunkeln

und die sich zusehends vergrößert. Ein langes, schmales Wolkenschiff

aber löst sich aus der Gruppe, die hinten über den Wald hängt, segelt

langsam durch das dunkle Blau und über die Sterne hin, und gesellt sich

zu dem stummen Heer.

In der lebendigen Mauer des Waldrandes regt es sich gewaltig. »Singen!«

befiehlt der Wind, da stimmen die Wipfel einen mächtig brausenden

Chorgesang an, der pflanzt sich weiter, tausendstimmig.

Die Schmidbergerin spürt, wie ihr eine Welle mächtig vom Herzen nach

den Augen emporsteigt und auf der Welle zittert etwas: ein sich

Hingebenwollen, ein Stillseinwollen, ein Drang, das bißchen Ich mitsamt

den großen Schmerzen und der großen Liebe da mitströmen zu lassen.

»Ich bin ein dumm’s Weib,« denkt sie in ihrer Kleinheit. »Für mich

könnt’ ich’s ja nicht verlangen, aber auf den Gottlieb wird unser

Herrgott schon ein Aug’ haben, von ihm selber aus, wenn’s auch schon«

-- da wallt es doch bedenklich im Innern -- »wenn’s auch schon so viele

sind, auf die er achten muß.«

* * * * *

Das Singen wurde mächtiger und schwoll ungeheuer an.

Kam der Gesang wohl auch aus Belgien her mit dem Wind?

Gestern war im Tagesbericht ein Satz gestanden, der kam der

Schmidbergerin nun wieder in den Sinn. Er sprach von Flandern: Heute

drangen unsere jungen Regimenter, »Die Wacht am Rhein« singend,

unaufhaltsam in die Stellungen des Feindes ein und nahmen dieselben.

Da, als sie die vielen, vielen Gesellen singend in den Kampf und in

den Tod gehen sah und den Gesang aus dem Wald heraus zu hören meinte,

und ihr Herz sich wieder weitete, daß es nicht mehr an den Gottlieb

allein dachte, da brach auf einmal das Grundwasser aus der Tiefe herauf

mit Macht; warme Tränen flossen ihr stromweis übers Gesicht, ohne daß

ihnen gewehrt wurde, und während sie flossen, fand die Schmidbergerin

wieder ihr altes Wörtlein »wir« und »unser« und sagte in ihrem Herzen

ganz von selber:

»Es sind doch Prachtskerle, unsere. Mit Singen gehen sie ins Feuer. Da

müssen wir freilich siegen.«

Das Grundwasser aber trug auch das hinweg, bis nichts mehr war, als

ein großes Wohlmachen und ein Leichtwerden, ein Getröstet- und ein

Beruhigtsein, da versiegte es nach und nach und zuletzt hing nur

noch die eine oder andere Träne an den Wimpern und erglänzte matt im

Sternenlicht.

Die Schmidbergerin ließ mit sich geschehen, was geschah und tat nichts

dazu und nichts davon.

In die letzten Tränen hinein lachte sie ein bißchen und sagte gutmütig

zu sich selber: »Jetzt das sollte die Lene gesehen haben.«

Darauf fing sie sachte an, niederzusteigen und war froh, daß niemand

kam und fragte, was sie da oben so spät noch geschafft habe, da sie es

ja doch niemand hätte sagen können.

Es war jetzt alles still und von einer linden Gelassenheit in ihrem

Innern, sie meinte, ihrer Lebtag noch nie so wohlmachend geweint zu

haben, und ihr Gottlieb samt seinen Kameraden hätte spüren müssen, wie

sie ihnen ein »gut Nacht« hinüber sandte in das fremde Land, wenn nicht

eben der Wind in umgekehrter Richtung gegangen wäre.

Als sie in ihrer Kammer lag, hob es sachte an, zu regnen. Da horchte

sie, wie es leise plätscherte, und sagte: »Es hat’s gebraucht. Es hat

schon den ganzen Tag regnen wollen und nicht können.«

Am andern Tag kam ein Brief vom Gottlieb, den die Mutter niemand lesen

ließ, so dringlich auch die Lene danach fragte.

»Nimm mir’s nicht übel,« sagte sie, und ihr Gesicht hatte einen

seltsamen Glanz, »er ist bloß für mich. Weißt, wenn dein Büble einmal

groß ist, und wer weiß, vielleicht auch fort, oder, kann sein, im

Krieg, dann gibt’s einmal eine Stund’, da redet er mit seiner Mutter

ganz allein. Mutterseelenallein. Und das ist vielleicht das Schönste,

was du überhaupt erlebst an ihm.«

Die Lene schüttelte den Kopf. Vielleicht ging eine Ahnung künftiger

Schmerzen und Schönheiten durch ihr Herz. Es ging nur, wie die Mutter

sagte, alles langsamer in sie hinein.

»Schreibt er denn gut?« fragte sie. »Bloß, daß ich’s sagen kann, wenn

mich die Leut’ fragen.«

»Er schreibt gut,« sagte die Mutter. »Paß auf, was wir noch an ihm

erleben. Er ist nicht umsonst im Krieg gewesen.«

Sonst kam nichts mehr. Da trat der Besitzer vom Wochenblatt in den

Laden. Er kaufte Zigarren und zündete gleich eine an.

»Was ich noch sagen wollte, Frau Schmidberger, haben Sie gute

Nachrichten von Ihrem Sohn?«

»Dank’ der Nachfrage, ja das hab’ ich.«

»Da ist man froh in solchen Zeiten.«

»Jawohl, das ist man schon.«

»Wäre es unbescheiden -- es interessiert einem doch auch, was die

tapferen Söhne der Stadt angeht -- er hat gewiß viel erlebt in letzter

Zeit?«

»Ja,« sagte die Mutter, »er schreibt, was man jetzt erlebt, das wäre

genug für ein ganzes langes Leben.«

Da sah der Zeitungsmann, daß nichts mehr folge und empfahl sich höflich

und ein bißchen ärgerlich. Denn er brachte gern gutgeschriebene

Feldpostbriefe in seinem Blatt und wer wußte, ob ihn jetzt nicht die

Konkurrenz bekomme?

* * * * *

Drei Tage nachher bekam die Schmidbergerin wieder zwei Briefe, die

konnte jedermann lesen, der Lust dazu hatte.

Der eine kam von des Gottliebs Regiment und meldete, daß der

Unteroffizier Schmidberger am 28. des Monats bei einem Sturmangriff

gefallen sei, und es tue seinen Vorgesetzten und Kameraden leid, denn

er sei ein tapferer und beliebter Soldat gewesen.

Der andere war von schreibungewohnter Hand, die mühsam die Buchstaben

nebeneinander hingestellt hatte und hieß:

»Indem wir es einander versprochen haben, daß der eine dem

andern den Dienst tut, und wenn er fällt für ihn heimschreibt,

so schreibe ich Ihnen, daß mein Kamerad Schmidberger heute

Abend um sieben Uhr einen Schuß in die Brust bekommen hat,

und in einer Viertelstunde tot gewesen ist. Ich habe nicht

bei ihm bleiben können, denn wir haben müssen die Stellung

vollends nehmen, aber wie wir sie gehabt haben, bin ich zu

ihm hingegangen, da war er schon verschieden ohne Kampf, denn

er lag ganz freundlich da. Und haben wir ihn mit zwölf andern

sogleich begraben und das sind lauter gute Kameraden gewesen

und liegen gut beieinander im Feindesland.

Und umsonst sind sie nicht gefallen, denn die Stellung haben

wir, und haben sie nötig gebraucht. Nun schreibe ich Ihnen

bloß noch das, daß mein Kamerad Schmidberger für das Vaterland

gestorben ist, einen schönen Tod.

Mit freundlichen Gruß Ihr

Paul Seidenschwanz, Musketier.«

Die Tochter Lene empfing die Leute, die kamen in die Ladenstube, hatte

ein schwarzes Kleid an, und schluchzte hie und da ein bißchen.

»Erst vorige Woche hab’ ich ihm noch ein Feldpostpaket geschickt,«

sagte sie, als einmal ein Häuflein beisammen war. »Das wird er wohl

nicht mehr bekommen haben.«

»Jetzt hätt’ er’s erst noch zu etwas bringen können,« sagten die

Schluderbacher, und das war das Höchste, was sie sagen konnten.

Der Weber Boßhardt war auch grad gekommen, um der Mutter die Hand zu

geben, als sie das sagten. Die Schmidbergerin war aber nicht in der

Stube, sie war ins Gärtlein gegangen, um einen Augenblick für sich zu

sein, obgleich das Gärtlein kahl und abgeblüht dalag. Da ging er ihr

nach, denn er wollte nicht vor vielen mit ihr reden.

Und er besann sich im Hinausgehen auf ein gutes Wort, das er ihr

sagen wollte. Er hatte einen Zettel aus seinem Kästlein gezogen,

suchenderweise. Darauf stand: wir aber, die wir stark sind, sollen der

Schwachen Gebrechlichkeit tragen.

Aber der Weber kam sich nicht stark vor und wußte nicht, ob die

Schmidbergerin schwach sei. So legte er den Zettel wieder beiseite. Je

länger sein Sohn draußen im Feuer stand, je sparsamer wurde der Vater

mit allen großen und hohen Worten.

Als er das Gartentürlein aufklinkte, sah er, wie sie den Nelkenbusch

mit der Hand streichelte und hörte sie mit schwerer Stimme sagen: »O

Gottlieb! O mein Büble!«

Da wußte er, daß sie nun klagen mußte um ihr Kind, wie reiche und

stolze und glückliche Mütter klagen müssen, wenn sie beraubt werden.

Und er wußte, daß das ihr Reichtum werde, später dann, daß sie

solchermaßen um ihren Sohn klagen konnte.

Sie sah ihn aber zögernd herkommen, richtete sich auf und sagte, wie

wenn sie ihn erwartet hätte:

»Weber, ich muß Euch etwas zeigen von meinem Buben, das hat er mir

zuletzt geschrieben. Ich hab’s wollen für mich behalten. Aber er

braucht’s nicht mehr, daß man’s ihm hütet.«

Sie zog ein Blatt aus ihrer Schürze, zeigte mit dem Finger auf eine

Stelle, und der Weber las:

»Das eine muß ich Dir auch noch sagen, liebe Mutter, daß ich mir heut

nacht auf der Wache, als ich habe eine Sternschnuppe fallen sehen,

schnell gewünscht habe: einen ehrlichen Soldatentod. Denn ich passe

nicht in den Frieden hinein, es wird mir oft alles zu eng und dann muß

ich in etwas dreinschlagen. Jetzt weiß ich nicht, wie es wird. Denn

aufs Wünschen kann man nicht gehen.

Wie aber der Morgen gekommen ist, hätt’ ich doch auch gern noch gelebt,

denn ich bin doch auch noch jung. So ist es hin und her gegangen. Wie

der Feldgeistliche am Sonntag gesagt hat: es hat ein jeder noch extra

seinen Krieg in sich selber. Da hab’ ich’s mit dem Herrgott ausgemacht:

meine Mutter soll noch eine Freud’ an mir haben. Sonst soll mir’s

gleich sein.«

»Und jetzt?« fragte der Weber, als er gelesen hatte.

»Und jetzt muß ich halt eine Freud’ an ihm haben. Kann ich denn

anders?« sagte die Schmidbergerin und lächelte in ihre Schmerzen hinein.

Da war der Weber froh, daß er seinen Zettel daheim gelassen hatte.

Er ging still wieder in die Stube zurück, um seine Kappe zu holen.

Dort waren sie immer noch an den Zukunftsaussichten, die der Gottlieb

vielleicht gehabt hätte.

Heimat: Erzählungen · 第 16 / 31 题