Dein Sohn Gottlieb.«

Es war dunkel geworden. Die Mutter tat den Zettel, den sie nicht

gelesen, nur hergesagt hatte, wieder an seinen Platz.

Das Gartentürlein knarrte. Die Tochter kam den Weg herunter; sie hatte

ihren Schwatz beendigt und wollte noch nach der Mutter sehen. Seit sie

das Kind unter dem Herzen trug, zog sie es eher als vordem einmal zu

ihr.

»Ich hab’ Dir bloß noch guten Abend sagen wollen, Mutter,« sagte sie.

»Lang aufhalten kann ich mich nicht mehr. Der Jakob will noch an den

Bahnhof gehen und ich geh’ auch mit. Um zehn Uhr fährt der Zug ab mit

den Unsern, unser Geselle ist auch dabei. Den Jakob kenn ich gar nicht

mehr. Er schimpft den ganzen Abend über seinen kurzen Fuß. ›Wenn ich

den nicht hätte, könnt’ ich mit hinaus,‹ sagte er. ›Wie an der Kette

komm’ ich mir vor.‹« Sie gingen miteinander aufs Haus zu. Im Gehen

bückte sich die Tochter hie und da zu den Blumen, die in schmalen

Rabatten längs des Weges blühten. Ein voller Strauß entstand unter

ihren Händen.

»Den will ich dem Christoph geben, unserem Gesellen. Er ist fremd hier

und hat keinen Schatz und keine Mutter. Man kann ihn doch nicht so

hinauslassen.«

Die Mutter sah sie beifällig und freundlich an.

»Nimm auch von den Nelken,« sagte sie.

»Was, von deinem heiligen Nägelesbusch?« staunte die Tochter.

»Den hat sonst kein Mensch anrühren dürfen! Als der Jakob mein

Bräutigam war, hab’ ich ihm einmal eine Nelke anstecken wollen, da hast

du gleich gesagt: Laß den Stock in Ruh’, der ist mein allein. Der Jakob

hat sich geärgert damals, wenn er auch nichts gesagt hat!«

»Das ist heut eine andere Sache. Hörst du, wie sie singen auf der

Landstraße drüben? »O Deutschland, hoch in Ehren,« singen sie. Das sind

die von Holderwies und vielleicht die von Ambach dabei. Die kommen vom

Acker weg und vom Hof und Haus. Alles lassen sie hinter sich und singen

noch, wie wenn sie zu einem Fest gingen. Das Herz möcht’ man sich aus

der Brust nehmen und ihnen geben, nicht bloß ein paar Blumen.« Der

Mutter Stimme zitterte vor Bewegung.

Die Tochter suchte durch die Dunkelheit ihr Gesicht.

»Dich kennt doch auch kein Mensch,« sagte sie. »Immer bist du anders,

als man jetzt meint. Du lachst anders und heulst anders als andere

Leut. Hast doch auch schon viel durchgemacht, und jetzt, wenn Krieg

ist, und du könntest froh sein, daß du niemand fortschicken mußt, tust

du, wie wenn dich alles am meisten anginge. Was ist? was hast denn?«

Es drang ein leise schluchzender Laut durch die Stille.

»Laß mich nur sein, wie ich bin,« sagte die Schmidbergerin, und

schluckte ihre Bewegung hinunter.

»In dich geht alles langsamer hinein, als in mich. Du wirst’s schon

auch noch spüren, wie das ist, was wir jetzt erleben, und daß wir alle

aneinander hangen, alles was deutsch ist, wie einer Mutter Kinder,

und daß wir der Mutter nichts geschehen lassen. Ich hab’ immer alles

so stark spüren müssen, meiner Lebtag schon. Ich mach mich nicht mehr

anders. Gut’ Nacht, Lene.«

»Gut’ Nacht, Mutter.«

* * * * *

Wie die Tage nun kamen, einer nach dem andern, schwoll ihr Inhalt und

das Geschehen, das sie brachten, zu einer unerhörten, ungeheuren Fülle

an. Wer hat sie miterlebt und wird sie je vergessen? Da sei Gott vor,

daß aus Deutschlands Herzen jemals schwinde, was da Offenbarung wurde

aus den Tiefen der Volksseele herauf: wir gehören zusammen; wir stehen,

wie eine Mauer gegen die Feinde. Laßt sie zuhauf kommen, so viele

ihrer sind, Deutschland geht nicht unter. Es ist ein innerstes Wissen

geworden, daß wir siegen werden. Ein leidenschaftliches Sich-Hingeben

von allen, ein Sich-Opfern können, ein stilles, tiefes Gott-Gedenken:

Du hilfst uns.

Der alte, engbrüstige Schneider Merz, der schon lang nach dem

Tod gejammert hatte, machte sein Fenster auf, wenn die singenden

Militärzüge an seinem Haus vorbeifuhren, und sagte zu dem Weber

Boßhardt, der ihn besuchte: »Jetzt das muß ich sagen, das tät mich

jetzt reuen, wenn ich schon gestorben wäre. Daß ich das noch erleben

darf, das freut mich. Jetzt bloß noch so lang, wenn’s Gottes Will’ ist,

bis man sieht, wie’s geht.«

»Gehen tut’s gut,« sagte der Weber Boßhardt. »Grad weil’s so viel

Feind’ sind, denen wir nichts getan haben, und die sich alle ins

Unrecht setzen gegen uns, darum muß es gut gehen. Daß das Wunder und

die Hilf’ um so größer ist. So ist’s im Alten Bund auch gewesen. Gib

einmal das Buch her.«

Der Schneider gab »das Buch« her und der Weber las:

»Wohl her, sprechen sie, laßt uns sie ausrotten, daß sie kein Volk

seien, daß des Namens Israel nicht mehr gedacht werde. Denn sie haben

sich miteinander vereinigt und einen Bund wider uns gemacht.

Die Hütten der Edomiter und Ismaeliter, der Moabiter und Hagariter,

der Gebaliter, Ammoniter und Amalekiter, die Philister samt denen zu

Tyrus.«

Da ging die Tür auf und die Schmidbergerin kam herein mit einer Suppe

für den Schneider, der ihr nächster Nachbar war.

»Wißt ihr’s schon?« fragte sie, »die Japaner tun jetzt auch mit und der

Landsturm muß fort.«

»Assur hat sich auch zu ihnen geschlagen und helfen den Kindern Lots,«

murmelte der Weber.

»Es ist, wie ich sag’! Für das deutsche Volk ist’s eine Heimsuchung,

keine leichte. Aber wenn’s wettert, so machen die Kinder, daß sie unter

Dach kommen und heim, und so ist’s bei uns auch. Sie kommen alle, man

sieht’s jetzt schon. Nicht bloß zum Militär, auch zu unserm Herrgott.

Aber für die Feinde ist’s das Verderben.«

Als er das sagte, da glänzte sein trockenes, verknittertes Webergesicht

über alle tausend Fältchen hin, wie von einem inwendigen, starken Licht

und der Schneider sah ehrfürchtig zu ihm auf.

Die Schmidbergerin ging gleich wieder, denn sie mußte ihren Laden

versorgen, und hinter sich drein hörte sie noch den Weber sagen:

»Gott, mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde.«

Aber sie hatte ein anderes Wort ins Herz gefaßt, das was der Weber von

den verlaufenen Kindern gesagt hatte, die heimkommen, wenn’s wettert.

Das kam zu einer heimlichen Hoffnung, die schon all die Tage daher in

ihrem Herzen das Wort haben wollte, und die Hoffnung wurde stärker und

froher daran, so still sie auch vor andern Leuten sein mußte.

Es kamen die Nachrichten von draußen herein, von Schlachten und Siegen

und von vielen Verlusten. Die Verluste sah man nicht, man hatte nur ein

blutiges und feuriges Bild von so einem Schlachtfeld vor den Sinnen,

bis einmal ein Sanitäter auf einen Tag heimkam, der junge Provisor

Mergentaler, der einen Lazarettzug begleitet hatte und der im Ochsen

den aufhorchenden Männern erzählte, wie es da eigentlich herging. Die

Wirtstochter, die ihn gern hatte, sah, daß sein Gesicht sich stark

verändert hatte, es sah immer so gerade vor sich hin, wie in eine

Ferne, und in der Ferne war Grausiges. Vom Ochsen kam es im Städtlein

herum, was er erzählt hatte: ganze Bäche von Blut sah man rinnen,

und am Abend, wenn man das Schlachtfeld absuchte, lagen viel stille

Leute da unter den jammernden Verwundeten drin. Einer hatte ein Bild

von seiner Frau in der Hand. Und neben einem andern lag ein Büchlein,

das war rot gefärbt mit seinem Blut, und manche hatten sich in den

Grasbüscheln festgekrallt. Aber das Ärgste war, daß der Sanitäter

gesagt hatte: »Ihr Leut, es sind da Sachen, die kann kein Mensch

wiedersagen, wer die sieht, der verlernt das Lachen für immer.«

Jetzt hätten die Weiber gern die Sachen gewußt, die man nicht sagen

kann, denn wer konnte wissen, ob sie nicht gerade einen von den ihrigen

angingen. Davon redeten sie hin und her und machten sich schwere

Gedanken. Es war aber nicht nur eine, die, wenn sie die Schmidbergerin

ansah, dachte, die habe es gut, und habe ihren Buben weit vom Schuß,

und sie brauche ihre Lippen nicht so fest zusammenzupressen, sondern

könne froh sein, obgleich es wahrhaftig nicht schad wäre um ihr

Früchtchen.

Aber am selben Tag, als die Nachricht kam, daß von den vier Enkeln der

alten Schulmeisterin zwei gefallen seien, bekam die Schmidbergerin

auch einen Brief, und als sie ihn gelesen hatte, ging sie merkwürdig

aufrecht und hellsichtig herum, und das Pfarrersbüblein, das Essig

holte, hörte sie hinten im Laden am Essigfaß vor sich hinsummen:

»Frankreich, o Frankreich, wie wird es dir ergehen,

wenn du die deutschen Soldaten wirst ersehen.«

Da wunderte sich das Büblein, weil die Schmidbergerin sonst nie so

etwas tat, und weil sie aussah, als ob sie etwas von Herzen freue.

Am Abend aber, als sie den Laden geschlossen hatte, ging die

Schmidbergerin auf das Bänklein unter dem Fenster des Webers Boßhardt

und wartete, bis er heraussah. Da reichte sie ihm fast verschämt den

Brief, den sie hinter ihrem Schürzenlatz stecken hatte, und sagte:

»Wenn Ihr ihn lesen wollet, Boßhardt; der Mensch braucht einen

Menschen, nicht bloß im Leid, auch wenn er eine Freud’ erlebt.«

Der Weber sah sie mit seinen kleinen, hellblauen Augen freundlich an.

Denn sein Herz ging über die kleine Gemeinde der Stundenleute hinaus

und spürte, wo etwas Lebendiges um ihn her gleich ihm aus unsichtbaren

Quellen trank oder sich nach ihnen hinsehnte.

»Kommt aber doch ins Haus, Nachbarin,« sagte er. »Die Lampe brennt

schon und ich brauch’ meine Brille zum Lesen.«

Gleich darauf saß die Schmidbergerin auf der langen Bank, die drinnen

in der Stube an der Wand hinter dem Tisch entlang lief, neben der

Haushälterin, und der Weber saß oben am Tisch bei der Lampe, hatte die

Brille auf und las mit der gleichen tiefen Stimme, wie er ein Kapitel

aus der Bibel las:

»Lissabon, den ...

Liebe Mutter!

Da wirst Du staunen müssen, daß ich hier bin im Königreich

Portugal, das in Europa liegt. Ich bin aber bloß auf

der Durchreise hier, denn Du kannst Dir denken, daß ich

heimpressiere und zwar nicht nach Schluderbach, sondern

sogleich zum Militär, wo man jetzt hingehört. Denn, liebe

Mutter, wenn man im Ausland hört, daß alle zusammenstehen und

wollen einem sein Vaterland verhauen, dann schießt einem das

Blut in allen Adern herum und sucht einen Ausweg, so heiß wird

es einem, und man merkt auf einmal, daß man ein Deutscher ist,

an was man vorher oft nicht gedacht hat. Und man muß sich

keinen Augenblick besinnen, daß man heim muß und mittun.

Liebe Mutter, als ich erfahren habe, daß Krieg ist, da bin ich

mit meinem Herrn, der ein Ingenieur ist, hoch im Gebirge in

Argentinien gewesen, wo mein Herr eine große Wasserleitung hat

bauen sollen. Er ist auch ein Deutscher; ich bin außer ihm der

einzige Deutsche an dem Werk gewesen. Als die Botschaft kam, da

sind wir beide die Nacht durch gelaufen, manchmal in Sprüngen

den Berg hinunter und weiter, immer weiter, und haben fast

nichts geredet. Nur einmal hat mein Herr gesagt: »Jetzt kann

ich’s wieder wett machen.« Aber was er wett machen wollte, daß

weiß ich nicht, bloß das von mir selber.

Liebe Mutter, es hat mich schon oft umgetrieben, das muß ich

jetzt sagen, daß Du hast um mich leiden müssen. Das reut

mich, weil ich spüre, daß Du und ich zusammengehören und

sonst zu niemand. Wenn man in der Fremde ist und hart durch

muß, fallen einem viele Sachen ein. Ich hätte Dir auch oft

gern geschrieben. In der Nacht hab’ ich’s mir oft ausgedacht,

was ich Dir schreiben will. Aber bei Tag hab’ ich gedacht:

wartest noch eine Weile, bis du sagen kannst: das und das bin

ich geworden. Liebe Mutter, ich hätt’ es schon lang weiter

gebracht, aber es ist mir immer wieder zur Unzeit der Zorn

aufgefahren und habe ein paarmal meine Stellen verloren und

einmal bin ich auch gesessen, weil ich einen halbtot geprügelt

habe. Lügen will ich nicht, darum sage ich es Dir. Er ist aber

ein Schuft gewesen, er hat es verdient.

Jetzt aber, liebe Mutter, wie wir nach ein paar Tagen an den

Hafen gekommen sind, mein Herr und ich, da haben wir erfahren,

daß die Deutschen nirgends durch können, weil die Engländer

alle Schiffe absuchen und die Deutschen gefangen nehmen. Es sei

alles umsonst. Da ist mein Herr ganz still hingesessen und hat

vor sich hingebrütet und übers Meer hinausgesehen. Aber ich

habe gesagt: »Es muß zu machen sein, daß wir hinüber kommen, da

soll uns kein Teufel und kein Engländer hindern.«

Liebe Mutter, es ist das einzigemal, daß ich gestohlen habe,

nämlich zwei Pässe von Portugiesen, die mit mir in der Kammer

geschlafen haben. Es reut mich aber nicht, denn die können

wieder Pässe kriegen. Als ich damit zu meinem Herrn kam und

ihm sagte, daß ich mir ausgedacht habe, wie wir reisen wollen,

sah er mich traurig an und sagte: »Nein, nein, so kann ich

nicht heimfahren, es würde nicht gut ausfallen bei mir. Ich

kann nicht Komödie spielen; es liegt nicht in mir. In Gibraltar

gefangen sitzen möchte ich aber nicht.«

Dabei sah er aber aus, wie das Heimweh selber, und wenn ich an

ihn denke, so sehe ich ihn immer so sitzen, den Kopf in der

Hand, da brennt es mich im Herzen für ihn.

Aber ich bin anders. Wenn ich etwas muß, so muß ich. Den einen

Paß warf ich ins Feuer, denn zurück konnte ich nicht mehr. Mit

dem andern habe ich mich als Kohlenschaufler auf einem Schiff

anwerben lassen, das nach Europa gefahren ist. Portugiesisch

kann ich zur Not und auch ein bißchen Englisch. Die Haut und

das Haar habe ich mir dunkel gemacht und habe einen alten

Seemannsanzug gekauft und dann ging es los. Als das Schiff

heimzu schwamm, da hätte ich jauchzen mögen; denn das weiß kein

Mensch, wie ich Heimweh gehabt habe in der Zeit vorher. Aber

ich habe mich nicht mucksen dürfen und kein deutsches Wörtlein

verlieren, sonst wäre ich verloren gewesen, denn überall waren

Aufpasser von den Engländern.

Liebe Mutter, da habe ich mich aber zusammennehmen müssen,

bei Tag und Nacht. Es ist mir oft angst gewesen, ich könnte

im Traum deutsch reden. Oder wenn die Leute auf dem Schiff

über Deutschland geschimpft haben, dann habe ich meine Fäuste

im Sack ballen müssen, daß ich nicht losgefahren bin. Denn

je näher heimzu, desto besser habe ich gespürt, daß ich eine

Heimat habe und ein Vaterland.

Liebe Mutter, es ist das allerärgste, wenn man nirgends

hingehört. Es ist schwer gegangen mit dem Verstellen, aber

dennoch habe ich es fertig gebracht. In den Häfen, wo englische

Offiziere aufs Schiff gekommen sind, da ist es am schwersten

gewesen. Denn sie haben Verdacht auf mich gehabt und haben mich

deutsch angeredet, ob ich mich vielleicht verrate. Aber ich

habe getan, als ob ich sie nicht verstehe und habe den Kopf

geschüttelt, da haben sie mich gelassen.

Es ist ein Heizer auf dem Schiff gewesen, der hat mir nicht

getraut und hat mich immer den Engländern angezeigt. Ich habe

ihn aber hier in Lissabon, als wir glücklich an Land waren, in

eine stille Seitenstraße geführt und habe ihm vor Gott eine

solche Ohrfeige hingehauen auf deutsch und ohne Worte, daß er

an ein Haus hingetaumelt ist. Liebe Mutter, das reut mich auch

nicht. Denn wenn ein Mensch heim will und seinem Vaterland

beistehen, so soll man ihn lassen; das geht niemand etwas an.

Einen solchen langen Brief habe ich in meinem Leben noch nicht

geschrieben und schreibe auch keinen solchen mehr. Morgen fahre

ich mit der Eisenbahn heimzu. Sobald ich an der deutschen

Grenze bin, stelle ich mich beim Militär. Eingelernt will ich

bald sein, denn ich kann schießen und reiten wie ein Alter, und

Strapazen bin ich auch gewöhnt.

Wenn ich im Feld bin, schreibe ich Dir eine Karte. Wenn der

Krieg aus ist und ich lebe noch, dann komme ich zu Dir.

Heimat: Erzählungen · 第 15 / 31 题