Das Glöcklein an der Ladentür der Schmidbergerin bimmelte heut
den ganzen Tag. Es hatte ein helles, hohes Stimmlein, und wenn es
angestoßen wurde, konnte es lange nicht zur Ruhe kommen. Es war so
geschwätzig, wie die Weiber, die sich in dem niedrigen Lädchen trafen
und einander die Stadtneuigkeiten erzählten. Es war das Gegenteil von
der Schmidbergerin selber, die nicht viel redete um einen Kreuzer,
wie die Leute sagten. Sie sagte auch heute nicht viel, wo es doch
wahrhaftig wichtige Dinge zu bereden gab. Der Büttel war durchs
Städtlein gegangen und hatte es ausgeschellt, daß Krieg sei. Krieg, und
die Männer und die Buben mußten fort, ein ganzer Trupp schon heute, die
anderen morgen und übermorgen, je nach dem Alter und der Dienstzeit.
Krieg gegen die halbe Welt, wenn man alles glauben durfte, was von Mund
zu Mund ging. Der Hutmacher Haas kaufte ein halbes Pfund Tabak und
sagte, so lang die Schmidbergerin ihn auswog (denn er nahm immer vom
offenen): »Wer da wieder heimkommt, das weiß kein Mensch. Man kann froh
sein, wenn man Mädle hat und keine Buben, einmal ich bin froh.« Der
Hutmacher Haas hatte ein Gallenleiden und darum fast immer einen üblen
Humor und seine drei Töchter hatten es nicht am besten bei ihm.
Aber als er das sagte, da nickte die Kreuzbäurin, die zwei Söhne und
einen Schwiegersohn hinauslassen mußte, und neben ihr die Schreiner
Hübnerin ließ einen tiefen Seufzer fahren, denn sie hatte nur einen
einzigen Sohn, der in Ulm bei den Pionieren gedient hatte und der heute
nacht noch fortmußte. Der alten Schullehrerin aber liefen ganz still
zwei große Tränen herunter, als sie an ihre vier Enkel dachte, an denen
ihr Herz hing.
Aber in die entstandene kleine und bedrückte Stille hinein fuhr
die Stimme des jungen Polizeidieners Ruckhaber, der sich ein Paar
Hosenträger holen wollte und grad noch die Rede vernommen hatte.
»Ihr Leut, jetzt ist keine Zeit zum Kopfhängen,« sagte er frisch, »und
wer Buben hat, soll Gott danken, daß sie mitkönnen. Zum Vergnügen geht
keiner, das ist gut wissen, aber doch möcht ich den sehen, der sich
halten ließ’, wenn’s gegen den Feind geht und fürs Vaterland.«
»Jawohl,« fiel der Fuhrmannsknecht Schorsch Weidler ein, der ein
Kistchen Wetzsteine auf der Achsel hatte und sich nach einem Platz
umsah, wo er es abstellen könne. »Und im Gegenteil kann man froh sein,
wenn man ein Mannsbild ist und muß nicht daheim hinsitzen, wie die
Weiber, sondern kann vorne hinstehen und zu den Franzosen sagen: ›Aus
dem Weg da, denn nach Deutschland hinein kommt ihr nicht, da muß alles
im guten Alten bleiben.‹«
»Fest steht und treu die Wacht am Rhein,« sagte der Polizeidiener dazu,
und nun konnte man sehen, wie über die ernsten und stillen Züge der
Schmidbergerin ein Lächeln und ein Aufglänzen ging und wie sie vor sich
hinnickte, wie eine, die jetzt das gehört hat, was sie selber gern
gesagt hätte.
Die Leute gingen nach und nach, und andere kamen herein und draußen vor
dem Laden sagte die Schlosserin ein bißchen giftig: »Die Schmidbergerin
hat gut lachen. Ihr Mann ist tot und ihr Lausbub, ihr verkommener,
ist in Amerika in guter Sicherheit, die braucht niemand ins Feuer zu
schicken.«
Aber die Weiber waren selber erbaut und gerührt von der guten Rede der
zwei jungen Männer und sie spürten auch selber etwas von dem Großen,
das da auf schweren Flügeln herangesaust kam, und sagten nur: »Ein
Kreuz ist so und das andere anders, es hat ein jedes sein Päckle,« und
strebten eilfertig ihren Häusern zu, denn da war die Arbeit zu Haufen,
ungerechnet das, daß man noch jeden Augenblick da sein wollte, so lange
die Ausziehenden daheim waren.
Die Schmidbergerin hatte aber nicht »gut lachen«, und lachte auch
nicht. Sie tat den ganzen Tag ihre Schuldigkeit im Laden und schenkte
denen, die zum b’hüet Gott sagen unter ihre Tür traten, ein paar
Zigarren oder auch eine gute Münze auf unterwegs je nach ihrem Stand
und Vermögen, und gab ihnen mit stillen Gesicht gute, feste Händedrücke
mit auf den Weg. Aber als sie am Abend die Holzläden vor das
Schaufenster und vor die Tür getan und die Riegel geschlossen hatte,
da ging sie in ihr Gärtlein hinter dem Haus, beugte sich zu einem
rotblühenden Nelkenstock herunter und sagte mit schwerer Stimme: »O
Gottlieb!« Und in dem Wort lag so viel Kummer und so viel Liebe und so
viel vergebliche Sehnsucht und Sorge, als ein volles, zugeschlossenes
und geduldiges Mutterherz nur fassen kann. Der Nelkenstock nahm ein
paar große, warme Tropfen in seine offenen Blüten auf, obgleich der
Abendhimmel klar und licht war, und vielleicht duftete er darauf noch
stärker als vorher. Der Nelkenstock stammte noch von ihrem Gottlieb;
er war aus einem Ableger von demjenigen gezogen, der das Mansardendach
vor seiner Bubenkammer mit seinen purpurnen Blüten überschüttet hatte.
Darum war er der Mutter ans Herz gewachsen. Aber Antwort konnte er doch
nicht geben auf das dringliche Fragen ihres Herzens:
Bub, lieber Bub, wo bist du? und was schaffst du? und wenn du noch
lebst, wie mag dir’s zu Mut sein, wenn du es hörst, daß das Land in
Gefahr und Not ist? Gleich ist dir’s nicht, so wenig wie mir. Wenn ich
dir’s nur sagen könnt’! Wenn ich dir nur einen Strauß von den Nelken
an den Helm stecken könnte und einen in den Gewehrlauf, und hinter
dir drein gucken, wie andere Mütter ihren Buben. Ich tät’ dich nicht
halten, wenn ich auch dürfte, und ich könnt’ auch nicht. So einen
Hitzkopf, wie dich.
Da mußte die Mutter in all ihre suchenden Gedanken hinein lächeln, wenn
sie dachte, daß sie ihren Buben vom Kriege zurückhalten wollte, falls
er da wäre; den und halten, wenn er etwas wollte!
Sie stand auf und ging das Gartenweglein hinunter, bis da, wo der
kleine Garten an die Wand des Nachbarhauses anstieß. Dort setzte sie
sich müde auf das Bänklein, das der Gottlieb noch gemacht hatte, eh’ er
fortging von ihr. Das war jetzt sechs Jahre her. Damals war er sechzehn
gewesen, klein und mager, ein leibarmes Bürschlein. Kein Mensch hätte
vom bloßen Ansehen wissen können, wie wild und hitzig und ungefügig
er war, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Höchstens an dem steil
aufstehenden Haar sah es, wer es wußte, und an den Augen, die aus
tiefen Höhlen heraus Funken schießen konnten. Wie er jetzt wohl aussah?
Sie besann sich oft darüber. Im Traum und im Wachen sah sie ihn vor
sich. Aber immer wie damals, und sie hätte doch so gerne sein jetziges
Bild gehabt. Seine Schulkameraden hatten jetzt Schnurrbärte und waren
ausgewachsene junge Männer.
Als die Mutter mit ihren Gedanken so weit war, sah sie ihre Tochter
von weitem die Gasse heraufkommen. Sie hatte eine breite, gedrungene
Gestalt, so jung sie war, und sie ging ein wenig schwerfällig, denn sie
stand vor der Geburt ihres ersten Kindes. Unter einer Haustür blieb sie
stehen und sprach zu jemanden, den man nicht von hier aus sehen konnte,
ins Haus hinein. In dem Haus wohnte eine Freundin von ihr, deren Mann
morgen fort mußte.
»Die Lene wird froh sein, daß der Jakob nicht in den Krieg muß,« dachte
die Schmidbergerin. Denn der Tochtermann hatte einen stark verkürzten
Fuß und war militärfrei.
»Ich weiß nicht, ich gönn’s ihr, zumal jetzt, wo das Kind um den Weg
ist. Aber ich, wenn ich jung wär, ich glaub’ es wär mir ein Leid, wenn
meiner nicht mitkönnte. Grad wenn ich ihn gern hätte und einen Stolz
auf ihn haben möchte.«
Die Mutter fühlte sich oft nicht recht eines Blutes und einer Art mit
der Tochter, die ihr doch nie Sorgen und Kummer gemacht hatte. Die
Lene war wohl mehr ihres Vaters Tochter, brav, nüchtern und ein wenig
phlegmatisch. Den Flaschner Bäuerle hatte sie genommen, weil er ihr
ähnlich war und weil er ein gutes Geschäft hatte. Von dem Bruder sprach
sie nicht gern. Sie schämte sich seiner, denn er war als ein Tunichtgut
in aller Leute Mund und hatte mehr Streiche verübt als sonst irgend ein
Bub im Städtlein, noch eh’ er seiner dritten Meistersfrau bloß aus Zorn
über ein paar empfangene Ohrfeigen einen Stein durchs Fenster und an
den Kopf geworfen hatte.
Der Vater hatte damals den Gottlieb halb tot geprügelt und am andern
Morgen war der Bub fortgewesen und hatte noch Geld mitgenommen. Seither
prophezeiten alle Schluderbacher, daß er ein böses Ende nehmen werde,
und nur seine Mutter hielt an ihm fest und meinte, es sei doch ein
guter Kern in ihm, der eines Tages herauskommen werde. Wie eben die
Mütter sind, besonders wenn sie, wie die Schmidbergerin, so ein Büblein
schon mit in die Ehe gebracht haben und nun ihrer Lebtag meinen, sie
haben etwas an ihm gutzumachen.
Die Lene hielt aber zu ihrem Vater, der darüber verstorben war, daß der
Bub, den er gehalten hatte wie seinen eigenen, seiner Meinung nach, ein
Tunichtgut sei und bleibe. Auch wollte der Flaschner Bäuerle nicht
viel von dem Schwager wissen und war froh, daß er fort sei.
So war die Mutter allein mit ihrem heimlichen Kummer und ihrer großen
Liebe und auch allein mit ihrem warmen und raschen Herzen, das sie
aus ihrer Jugend mit herübergebracht hatte und das immer noch feurig
schlagen konnte, wo etwas Großes und Lebendiges geschah. Sie hätte gern
einen Helden aus ihrem Haus und Blut dem Vaterland gestellt, dem sie
sich plötzlich mit allen Sinnen verwachsen und verwandt fühlte, seit es
angegriffen und in Not war.
»Wenn nur auch gewiß alle gehen und ihre Schuldigkeit tun,« dachte sie
ein wenig sorgenvoll und ließ ihre Gedanken in allen Häusern, die sie
kannte, herumgehen.
»Ach was, sie werden schon,« wies sie sich zurecht. »Wenn Not an Mann
geht, weiß ein jeder, wo er hingehört.« Und wie zur Bestätigung dieses
Gedankens klang von weitem ein Lied auf, von vielen Männerstimmen im
Marschieren gesungen. »Deutschland, Deutschland über alles, über alles
in der Welt.«
Da schossen dem einsamen Weib die Tränen in die Augen vor einer
heiligen Freude und Liebe.
Wie die Stimmen vorüberzogen und verklangen, schlug eine einzelne
Stimme an ihr Ohr. Sie kam aus dem offenen Fenster des Nachbarhauses,
in dessen Nähe sie saß. Es war eine tiefe Männerstimme und sie gehörte
dem Weber Boßhardt, der das Haupt der kleinen Pietistengemeinde des
Städtleins und der Stundenhalter war. Die Schmidbergerin horchte auf.
Boßhardt betete den Abendsegen mit seiner kleinen Hausgemeinde. Sein
Sohn und der Knecht mußten heut in der Nacht noch fort, dann blieb der
alte Mann, der ein Witwer war, allein mit der Hauserin.
Die Schmidbergerin tat unwillkürlich die Hände zusammen beim Zuhören.
Es waren die großen, feierlichen Worte eines Psalms, die in die tiefe
Dämmerung herausfielen.
»Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf
allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du
deinen Fuß nicht an einen Stein stößest. Auf den Löwen und
Ottern wirst du gehen, und treten auf den jungen Löwen und
Drachen. Er begehret meiner, so will ich ihm aushelfen, er
kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen.«
Als der Vorleser so weit war, fiel wieder naher Soldatengesang in die
Stille hinein, und das Fenster wurde von innen leise zugemacht.
»Jetzt segnet der Jedele seinen Sohn und seinen Knecht zum Auszug,«
dachte die Schmidbergerin. »Er läßt einen jeden ein Blättchen aus dem
Ziehkästlein mit den Bibelsprüchen herausgreifen als Wegzehrung. Und
er sagt ihnen zum Abschied, daß er daheim tun wolle, wie Aaron bei
der Amalekiterschlacht, der oben auf dem Berge die Arme zum Himmel
streckte, so lang unten im Tal die Schlacht tobte. Da nehmen sie einen
Rückgrat mit von daheim und im Kugelregen fällt ihnen auf einmal ein,
daß der alte Mann in Schluderbach für sie zu Gott ruft und daß sie
siegen müssen.«
Sie seufzte. »Mein Gottlieb ist bei Nacht und Nebel aus dem Fenster
gestiegen und hat den Rücken voll blutiger Striemen gehabt von seinem
Stiefvater. Seinen rechten hat er nicht gekannt. Und seine Mutter hat
ihn müssen laufen lassen ohne ein b’hüt Gott. Und was aus ihm geworden
ist, weiß sie nicht.«
Sie zog ihren Geldbeutel aus der Tasche, und aus einem verschlossenen
Fach desselben einen ganz zerlesenen Zettel. Sie konnte ihn auswendig,
aber sie wollte die Schriftzüge ansehen. Sie waren alles, was sie
seitdem von ihrem Buben hatte.
»Liebe Mutter, ich bin in Amerika. Das Geld kann ich noch nicht
schicken, aber sobald es mir möglich ist, schicke ich es. Ich
schaffe in einer Ziegelei, es ist streng, aber schlagen tut
mich niemand und auch niemand sagt, daß ich ein Lump werden
müsse. Liebe Mutter, ein Lump werde ich nicht, und an Dich
denke ich immer. Wenn ich etwas Rechtes geworden bin, schreibe
ich wieder.