Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der
Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches
vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte,
waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die
Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf
den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie
mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den
morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen
Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging,
in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen,
der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es
war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer
Scham und einer weglosen Verzweiflung.
Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die
große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit.
Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie
ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den
Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren
wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin?
hieß dieser stumme kleine Schritt.
„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.
Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’
rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.
Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes,
graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er
klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die
Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war
verschlossen.
Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.
„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz
seiner abgeknapperten Sprechweise.
Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die
Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um
zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner
dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu
stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der
finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten
hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer
getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der
verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten
verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war
auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu.
Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt.
Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre
hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang
merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße
auf ihn zukam.
Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine
zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er,
daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.
Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er
sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht.
Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise
wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf
sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über
sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.
Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er
Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das
Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte
seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße
zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal
aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten
hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.
Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge
Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch
erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das
Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte
Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das
ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie
er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen
Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen
steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich
der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist
was Feines!“
Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt
und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht
ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch
und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie
ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte
es heraus: „Es ist meine Schwester!“
Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas
fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb
sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine
Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte
er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und
schließlich hatte er’s gefunden.
„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer
geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich
reingehn sehn?“ fragte er dann rasch.
Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’
ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube
holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein
Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein
wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins
Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und
sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“
sagte Hasenklever bestimmt.
Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den
Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre
gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn
erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das
Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar
versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk.
Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann
Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste
Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre
fünfzig Franken gestohlen!“
Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er
drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem
Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein.
„Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam
heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen
heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff.
Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine
schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen
Druckes braucht, um loszurasen.