Neuntes Kapitel

Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der

Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches

vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte,

waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die

Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf

den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie

mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den

morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen

Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging,

in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen,

der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es

war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer

Scham und einer weglosen Verzweiflung.

Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die

große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit.

Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie

ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den

Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren

wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin?

hieß dieser stumme kleine Schritt.

„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.

Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’

rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.

Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes,

graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er

klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die

Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war

verschlossen.

Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.

„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz

seiner abgeknapperten Sprechweise.

Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die

Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um

zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner

dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu

stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der

finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten

hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer

getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der

verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten

verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war

auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu.

Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt.

Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre

hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang

merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße

auf ihn zukam.

Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine

zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er,

daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.

Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er

sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht.

Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise

wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf

sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über

sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.

Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er

Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das

Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte

seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße

zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal

aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten

hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.

Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge

Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch

erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das

Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte

Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das

ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie

er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen

Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen

steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich

der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist

was Feines!“

Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt

und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht

ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch

und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie

ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte

es heraus: „Es ist meine Schwester!“

Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas

fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb

sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine

Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte

er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und

schließlich hatte er’s gefunden.

„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer

geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich

reingehn sehn?“ fragte er dann rasch.

Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’

ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube

holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein

Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein

wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins

Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und

sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“

sagte Hasenklever bestimmt.

Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den

Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre

gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn

erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das

Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar

versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk.

Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann

Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste

Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre

fünfzig Franken gestohlen!“

Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er

drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem

Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein.

„Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam

heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen

heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff.

Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine

schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen

Druckes braucht, um loszurasen.

Der Hafen(#76486) · 第 41 / 55 题