„Denk’ dir, der dicke reiche Bäcker drüben an der Ecke hat sie
geschickt.“
„Der Bäcker, weshalb?“ fragte Baptist teilnehmend.
„Ja, was meinst du, deine Alientje hat Verehrer!“
Sie zog ihre buschigen Augenbrauen mit einem Ruck hoch; die Fächer der
Fältlein zerrten sich auseinander und blieben auf einmal stehen, und der
Glanz ihrer großen dunklen Augen schimmerte lauernd und kalt entzündet
gegen ihn auf.
Baptist schaute sie verständnislos an. Sie stand da, und ihr Körper
schien sich selber überlassen ihm hinzuhalten. Das Gesicht war aus dem
Licht der Lampe heraus, aber die Augenbrauen beherrschten es um so
schwerer und aufregender. Ein kleiner Schmerz wollte auf Baptist
eindringen. ‚Was kam nun wieder?‘ fragte er sich.
„Wie meinst du das? Alientje?“ stammelte er ängstlich.
„Ja, ja!“ machte sie heimlichtuend, „Ich könnte alle Finger voll haben,
an jedem einen, auch der Uhrmacher drüben steht den ganzen Tag hinterm
Fenster zu schauen, und wenn ich ausgehe, kommt er immer in die Türe.
Und hier den Schal hat mir einer geschickt, von dem ich gar nicht einmal
weiß, wie sein Name ist.“
Der Schmerz hatte sich durchgefressen, und Baptist bettelte mit seinem
ohnmächtigen Blick: „Alientje!“
Da stürzte sie sich begehrlich über ihn und drückte ihn heftig
hinterrücks aufs Bett. Sie lag schwer auf ihm, und er spürte ihren
ganzen Leib, steinigt und zugleich verfließend, in seinem Körper. Sie
biß ihn in den Hals und sagte, als quölle es zitternd in ihr über:
„Liebst du mich denn?“ und ihr Atem schlug ihn an. „Du bist so schön und
stark! Liebst du mich?“ flüsterte sie.
Aber seit diesem Abend wiederholte es sich, daß Alientje von andern
Männern sprach. Bald war es in einer Kundenwohnung, daß der Hausherr
allein zu Hause war und sich unter den freigebigsten Versprechen
begehrlich zu nähern versucht hatte. Bald war es irgendeiner auf der
Straße. Ein starker junger Mensch oder ein eleganter reicher Lebemann,
der ihr bis zur Haustüre gefolgt war und nun öfter an ihrem Weg
angetroffen wurde oder ihr Blumen und kleine Geschenke schickte. Oh, und
es waren lauter schöne, breitschultrige und reiche Männer. Sie reizte
sich und Baptist mit diesen Erzählungen, die sie mit allen kleinen
greifbaren Einzelheiten ausstattete und sprang aus ihnen unmittelbar in
die Liebesausbrüche, mit denen sie auch Baptist in Flammen setzte.
Aber Baptist begann aus der unbewußten Sorglosigkeit und der
instinktiven Lust, mit denen er dieses Gut besaß, herauszugleiten. Er
wurde unsicher und bekam Angst; die einfache, primitive Angst zu
verlieren. Das Leben glitschte ihm wie ein Fisch durch die Hand. Er
hatte es erlebt, wie die Schwelle unversehens unter seinen Füßen
weggewichen war, als er schon glaubte, in dem neuen, stolzen Haus zu
sein. Der Boden rutschte. Er hatte eine dumpfe Angst, als kämen nun mit
dem neuen Verlust, der vor ihm drohte, das Grauen, als käme nun wieder
Heimatlosigkeit und Hunger und die höhnischen, verführerischen
Vagabunden – das Versinken ins Moor des unglückselig haltlosen Lebens.
Baptist gab jede Besonnenheit auf. Zitternd verrann jedes
Wirklichkeitsgefühl vor ihm. Alientje verband die fremden Männer, die er
als Agenten seines unglückseligen Schicksals ansah, immer mit
Geschenken, und der Gedanke hackte sich in ihm fest, daß er mit
Geschenken die böse Macht, die sich wieder näherte, versöhnen und
entfernen konnte. Er begann mit fieberhaftem Begehren nachzusinnen, wie
er mehr Geld bekommen könnte und rieb sich wund an der Ohnmacht, die
über ihm lag.
Einmal lehnte er sich auf. Während er Gläser auswusch, sah er, daß an
einem Tisch ein paar Leute miteinander in Streit zu kommen begannen. Da
fühlte er es brutal und gewalttätig in seinen Muskeln sich regen und er
hatte die unwiderstehliche Lust, in den Menschenhaufen hineinzustürzen,
den Streit, der noch wie der erst halbgelöste Stiel einer reifen Frucht
am Zweig drohend über ihnen hing, roh in sie herabzuschütteln und selber
blind zuzuschlagen. Dann malte er sich aus, wie ein einziger Fausthieb
gut gezielt treffen würde, was für gewaltsame Wirkungen er hätte. Diese
Vorstellungen bekamen etwas dumpf Schwerblütiges, eine wollüstige
Brutalität, die ihn hitzig dahinstieß. Baptist fühlte einen Menschenhals
in seinen Fingern und drückte zu; nicht in Wut, in kalt unbewußtem
Sichaufrecken von Leben gegen Leben. Und so diese Hunde von Männern
hinwürgen, diese Straßenkavaliere ...
Aber Baptist hatte den Einfall noch nicht ausgefühlt, als Hasenklever
herankam und ihm sagte: „Baptist machen Sie sich mal rasch auf, die
Wäsche von der Veroken holen. Das ist ganz vergessen worden und es ist
schon dunkel. Die wird bald zumachen.“
Als Alientje so plötzlich vor Baptist gebracht wurde, sah er, daß sie
bei seinem Wunsche, sich in den Streit zu mischen, nicht unbeteiligt
war. Und so war mit einem Schlag über dem Gläserspülen das Dulden in
Leidenschaft umgeschlagen.
Baptist lief durch die Gassen zur Sudermanstraße. Alientje hatte den
Laden schon an die Türe gehängt, aber den Schlüssel noch nicht
umgedreht. „Du?“ rief sie erschreckt, als sie Baptist plötzlich sah.
Ihre Augenbrauen standen in einem spitzen Winkel gezackt und die Augen
schauten in ihrem kühlen Glanz wie mit einem kalten Fieber. „Was willst
du denn?“ fragte sie unsicher und mürrisch.
Aber als Baptist ihr gesagt, er komme rasch die Wäsche holen, gewann sie
im Nu ihre Beherrschung wieder. Der Korb stand schon bereit. Sie machte
emsig herum, drückte ihn Baptist eilfertig in die Arme: „Na, denn
schnell, wenn Herr Hasenklever es braucht; denn schnell!“
Baptist ließ sich hinausschieben. Erst als er um die Ecke war, kamen ihm
alle Einzelheiten des Empfanges, den ihm Alientje gerade bereitet, zum
klaren Bewußtsein. Er hielt sie auseinander, versponn sie schnell zu
Vermutungen und im Nu fiel ein ganzes schweres Netz verbrennender
Verdächtigungen auf ihn nieder.
‚Was ist jetzt? was ist jetzt?‘ stammelte er laut für sich und wußte
nicht, daß er durch die Gassen lief. Er kam auf einmal auf den St.
Paulsplatz und sah die Taverne du Congo drüben liegen. Die Fenster des
ersten Stockwerks waren dunkel. Er schaute zufällig zuerst dort hinauf
und gleich saß, wie mit einem kleinen derben Ruck ein Haken ins Fleisch
gerissen wird, der Gedanke hitzig in ihm fest. Er dachte sich nichts
aus, lief über den einsamen kleinen Platz und glitt in die dunkle
Flurtüre, eilte lautlos die Treppen hinan und stellte oben den
Wäschekorb ab. Er schlüpfte in den Flur, in die Wohnstube, glitt
zwischen Tisch und Stühlen im Dunkeln zu dem kleinen Eichenschrank,
griff in die Kassette und zog einen Papierschein hervor. Er knüllte ihn
in die Tasche. Sein Atem blieb stehen. Aber im Nu war Baptist wieder auf
der Treppe, auf der Straße und ging durch die Wirtshaustüre in die
Schenkstube.
„Das war ja fix!“ empfing ihn Hasenklever. „Einen Extraschnaps, da!“ und
stellte ein volles Gläschen hin. Dann übergab er ihm den Gläserschrubber
und löste seine Tochter an den Bierhähnen ab. Das große Lokal saß voller
Gäste. An dem Tisch, den vorhin der Streit bedroht, hatten sich alle
umschlungen und sangen:
„Brüderlich verei...ei...eint,
Seg’ln wir in die Wä...ä...lt,
Matrosen, hipp, hipp, hurra!“
„Ihr Geviech!“ sagte Baptist trotzig und drückte ein Glas in der Hand,
daß es zersprang. Hasenklever warf einen kurzen Blick herüber. „Die
Scherben unter den Tisch werfen!“ rief er. Baptist schleuderte sie hin,
daß sie in Splitter zerknallten. „Puh, puh,“ machte Hasenklever ohne
hinzuschauen und strich den Schaum von einigen Gläsern ab, „war’s
Alientje nicht freundlich?“
Baptist war den ganzen Abend über dunkel, trotzig und verbohrt. Er
arbeitete mit heftigen, geräuschvollen Bewegungen, um die Gedanken
hintanzuhalten. Die stauten sich hoch und gefährlich wie zu einem
niederschmetternden Wirbel bereit, rund um die dunkle Tat, die er eben
vollbracht hatte. Als er am nächsten Morgen aufstand und gedankenlos in
die Hosentasche griff, zog er einen Fünfzigfrankenschein hervor. Erst
wußte er nicht, was damit los sei, aber dann kam die Erinnerung mit der
klaren Grausamkeit aller Einzelheiten über ihn gefallen, und eine
marternde Scham begann sich in ihm einzunisten. Aber in einem Augenblick
schlug die Angst um die Frau in ihm hoch und ertränkte alles andere. Mit
einer gequälten Unruhe und einer angstvollen Traurigkeit ging er dann in
die Stadt hinein und zu dem Laden, wo das Jakett ausgestellt war, vor
dem ihn neulich Alientje mit begehrlichen Worten angehalten hatte. Es
kostete gerade fünfzig Franken, wie auf einem großen Schild zu lesen
war. Baptist trat in den Laden und ließ es einpacken.
„Wo dürfen wir es hinschicken?“ sagte das Fräulein. „Aber ich mache Sie
darauf aufmerksam, daß es heute nicht mehr wegkommt, weil Sonntag ist.“
„Ich nehme es selber mit!“ antwortete Baptist. Dann ging er rasch über
die Straßen, den Karton unterm Arm, zu Alientjes Wohnung.
„Baptist!“ rief sie, als er eintrat. Sie ordnete in den Wäschehaufen auf
den weißen Brettern, stellte aber gleich ihre Beschäftigung ein und kam
auf ihn zu. Sie zog ihn in die Hinterstube und drückte ihre Lippen lang
und hart auf seinen Mund, noch bevor er Zeit gehabt hatte, den Karton
abzulegen.
„Ich hab’ dir etwas mitgebracht!“ sagte er schließlich scheu.
Alientje öffnete und geriet in lärmendes, jubelndes Entzücken. „Baptist!
Baptist!“ rief sie immer, „Wie schön ist das! Wie schön ist das!“ und
sie küßte ihn mit einer lärmenden Wucht.
Aber er konnte kein Feuer fangen an ihrer Freude.
Nachdem es lange in ihm gearbeitet hatte, sagte er schließlich
schwerfällig: „Du darfst dich aber nicht mit andern Männern abgeben!“
Aber sie lachte nur oben drüber weg. „Tepp!“ antwortete sie, „Die
schaden dir nichts!“
„Doch!“ rief er brutal und herrisch.
Alientje aber klammerte ihre Hände an seine Schultern und zog sich an
ihm hinauf. Er spürte wieder ihren ganzen Leib und die Augenbrauen
standen wie gezückt.
„Nein, nein!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht und küßte ihn. „Das reizt
mich ja nur mehr zu dir!“
Da preßte er sie an sich und stöhnte. „Ja, so, so!“ feuerte sie ihn an,
„noch fester!“