Der Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte
heimlich und verwundert sein Gesicht und sein Wesen. Der Fremde war ein
blonder Mann mit hohen, schlanken Gliedern. Seine Haare fingen an grau
zu werden. Er trug einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm
lange Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende
helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes Kinn.
Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer Hand in die
andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft ein Weilchen auf den
Boden niedersetzen. Der Mann blieb indessen mit Baptist stehen und
schaute, als ob es ihn nicht interessierte, wie es mit seinem Koffer
zuging, zu den Dächern der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang.
Diese stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den Koffer
gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, biß er die Zähne
auf die Lippen fest, als könnte er damit seine Kräfte anspornen und
aufrecht erhalten. Aber die Last wurde fast unerträglich. Sein
geschwächter Körper konnte ihr kaum noch widerstehen, und es kam ihm
vor, als seien seine Glieder ausgehängt. Da ließ er mit einem
knirschenden Seufzer den Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen.
Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist fühlte, daß
jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg.
„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so gütig bezwingend
klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren mußte. „Wann haben Sie zum
letztenmal gegessen?“
„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und ohne weitere
Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über die neuauftauchende
peinliche Angelegenheit wegzukommen.
„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“
„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst mit der
harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall abzutun; aber dann
kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens emporgeschleudert, ein so
höhnisches, empörtes und zitteriges Lachen hinein, daß der andere
ausrief: „Wer sind Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie
standen!“
Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz verschanzen zu
müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es nicht schlechter geht, als den
andern Kollegen!“
Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke an. Dann glitt
sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen wir etwas essen gehen! Eine
halbe Stunde Zeit habe ich noch!“
„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab.
Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder auf und sie gingen
weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen und bemerkte kurz und wie
obenhin, indem er seine Brieftasche herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu
bekommen, daß es Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse.
Wenn Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch eine
Post, – helf ich Ihnen!“
Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ fuhr Baptist
mit der Karte in die Hosentasche. Aber während er weiterschritt fing er
rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu bereuen. Wie töricht war sein
verlumpter Stolz gegen den Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser
ernste, stolze Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen
wollte, obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und
Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, denn noch etwas,
das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ...
Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen
Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. Während er
den Koffer in der Hand neben jenem herlief, fühlte er sich wie ein Kind,
dessen Phantasie der Fremde die verlockenden Spiele von
Märchenerzählungen zuwarf. Das naiv Unbeholfene, das zärtliche
Abhängigsein des Kindes von der nährenden Phantasie des Erwachsenen
regte sich in Baptist ... Dieses stammelnde Verwundertsein und
verwunderte Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem das
Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war doch zu zerknetet,
als daß er die Kraft zu dem Märchen selber gefunden hätte: diesem
fremden Manne nun auf einmal in der kalten großen Stadt sein Schicksal
zu offenbaren. Er schlich nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu
einer kleinen, zagen Fruchtbarkeit auf.
Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der Hand.
„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, „Ich könnte
Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es gebrauchen. Aber ich pflege
nie eine Arbeit über Gebühr zu bezahlen, weil ich kein Almosen geben
mag.“
Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. Dieser war
darüber so betroffen und so erschrocken, daß er zunächst nur verwirrt
vor sich hinstieren konnte. Aber auf einmal überströmte es ihn, weh und
zärtlich, wild und verlangend; er bückte sich nieder und küßte die Hand
des Unbekannten. Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen sprangen
wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die nächsten Straßen vom
Bahnhof weglief.
Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit hobelnd über
das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, von einem Schild
festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje Veroken, Plätterin‘ ... Aber es
dauerte eine kleine Zeit, bis er den Zusammenhang zwischen dem Schild
und sich gefunden hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs
Fenster geschaut, ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen.
„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“
„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, so
plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben.
„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“
Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie gehts denn
seitdem?“
„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist.
„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken Augenbrauen
hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt hinzu, indem sie ihre
Stimme sanft und gefühlvoll machte: „Wer gibt sich aber auch mit solchem
Pack von Musikanten ab, Sie Kind!“
Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem rechten Arm. Es kam
ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen hatte, nichts mehr
erstaunlich vor, und er fand es natürlich, daß diese Frau, die ihm einst
in einer Stunde der Not ihr Bett gegeben hatte, mit solcher
Selbstverständlichkeit an seine innersten Dinge rührte.
„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein Veroken. „Sie
scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie jetzt leben. Sie sind ja
noch ein Kind. Wie alt?“
„Dreiundzwanzig!“
Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann Baptist schwer auf
die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ rief sie aus, und ihr großer Mund
formte mit einer seltsam erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die
Fächer der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts
ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt aussahen. „Sie sind
ja noch ein Kind. Sie brauchen ja noch eine Mutter! Sie sehen schlecht
aus. Haben sich wohl noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im
Spital? Wie leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“
Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in der letzten Zeit
erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich geworden unter dem
großen Wunsch, den der Fremde in ihn gesät hatte und den sein Herz wie
in einem Vorfrühling durch die Schollen trieb; und er antwortete mit
heißem Aufbegehren: „Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit
haben!“
„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas überlegt
hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die Taverne du Congo.
Das muß weg und ich mach’ dann die pressante Arbeit, die noch daliegt,
hinter mich. Dann kommen Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich
zusammen!“
„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem Ton kindlicher
Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein vorgemessenes Stück
Arbeit erledigen zu können. Er nahm den Korb, der mit einem roten Tuch
zugedeckt war, auf die Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St.
Paulsplatz lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin,
und Baptist trat in die Taverne du Congo ein.
Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das Tische, Stühle
und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten vollgestopft war.
Bilder von Schiffen waren von Gruppen seltsamer Holzwaffen umrahmt und
dazwischen stachen gewaltig verbogene oder unheimlich lang zugespitzte
Geweihe hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften
Rieseneidechsen, hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, ein
paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein farbiges
Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen Gegenständen und
verbarg die braune angeräucherte Decke.
Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann mit klotzigen,
roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist mit dem Korb sah,
trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: „So, Sie bringen die
Wäsche schon?“
„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist.
Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider Mann von
spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz gehackten Bewegungen und
hatte eine erfreuliche rote Nase, die aus einem graugemischten Wust von
Bart herauskam.
„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ sagte er
und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein Gläschen ein. „Nun wollen
wir mal schauen, ob sie auch nichts zurückbehalten hat, das Fräulein,
oder ob Sie nichts verloren haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den
Korb aus den Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch
Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel und rieb sich
die Nase, während seine Lippen leise gingen und ihre Bewegungen dem
Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten.
„_All right!_“ rief er schließlich. „_C’est juste_, stimmt, _è giusto_!“
Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm gut stellen und
sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“
„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte dazu noch mindestens
chinesisch, japanisch, kasongolisch und maorisch können, um ein guter
Wirt zu sein, so wie’s Geschäft international wird!“
„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen.
„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, meinen Sie.
Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie wissen, wo das ist!“
„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte Baptist nun
auf deutsch.
„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte die Lippen aus
der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind zuviel Deutsche hier in
Antwerpen, die gute Geschäfte machen. Und wenn man Taverne du Congo
heißt ...“ Aber er lachte hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette.
„Nee, es is nich so gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal,
sind Sie so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem
andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie _monsieur Boulanger de
Paris_.“
Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und deutsch noch
italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“
„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und Griechisch?!“
Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über den Mund, an der
Stelle, wo Baptist die Narbe hatte.
„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen Kopfheben und einer
verschmitzten Sachkenntnis. Aber er fügte gleich bei: „Ihren Kleidern
sieht man keene fünf Sprachen mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie
der Preuß sagt, dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so
einem Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du Congo?
Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen Kongo im
Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges Essen, ein Kämmerlein,
zwanzig Franken im Monat und dagegen ein bißchen Gläserputzen,
Stubenreinigen, Servieren und wenns scharf kommt, einem zu der guten
Luft des Paulsplatzes verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“
Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie, in der sich
alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt. Er bekam noch einen Schnaps.
„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der Wirt militärisch
und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig runde Stirn.
Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch. Er war gerührt.
Es war wieder Milde in sein Leben gekommen. Es erwartete ihn wieder ein
Kämmerlein, ein gedeckter Tisch, Menschen. Der frostige Dezembertag
wurde ein Frühlingstag und er schritt wie von einem Tänzchen getragen
leicht hindurch.
‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal auf dem Weg zu
der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen geblieben und hätte den Koffer
nicht getragen, so wäre ich nicht zu Alientje Veroken und nicht zu dem
kölnischen Wirt gekommen. Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß
er nun in einer ordentlichen Anstellung arbeiten wird.
Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann, Oevelgönne
bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a.
Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und Timmermann hat so
etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes ... Zimmermann!
So kam er zur Plätterin zurück.
„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie mit einer
Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen falteten sich um
ihr Kinn auf.
Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe. Sie zeigte
eine lebendige Freude darüber und klatschte in die Hände, während die
dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und ab zuckten.
„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen Sie mein
Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer plötzlichen
überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen Arm und zog ihn mit sich
in das kleine Zimmer hinter dem vorderen Raum. Dort war es schon dunkel.
Als Baptists Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah er
einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit Bierflaschen.
In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein Feuer, das lustig durch das
Luftloch in dem Türchen leuchtete und blaßgoldene hüpfende Flecken an
die dunkle Bettstelle warf.
„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann, indem sie
sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick hinaus, und
Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß der Straßentüre sprang. Als
sie dann wieder in der Stube war, schob sie Baptist auf einen Stuhl,
ließ die Läden vor den Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe
an und setzte sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte
sie Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie
Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei.
Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem netten
Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das Feuer schnurrte plaudernd im
Ofen und durch das Lufttürlein sprangen die Lichtflecken an der dunklen
Bettstelle hinauf in die weichen Kissen, die über den Rand der
verhängten Lampenglocke hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben
ihm saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch und Blut,
den er mit den grausamen Stunden seiner letzten Wochen warm machen
konnte. Er sah Alientjes große, kühl glänzende Augen dunkler und inniger
werden an seinen Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern
Erzählen innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung mit
ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse leicht und
flüchtig von ihm los.
Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse war noch von
der Arbeit her nach innen eingebogen und das nackte Fleisch ihres
sehnigen Halses schien warm und leuchtend aus dem Ausschnitt heraus. Ihr
Gesicht war von dem, was sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen,
verwilderten Zug. Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin
und zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen zu, die
sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend dem jungen Menschen
entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher Leib hatte ein vergessenes
Sichhinhalten.
Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause, in der ihm die
Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten Stübchens mit seiner
Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier ist’s so gut!“ Da legte die Frau
ihre Arme schwer um seinen Hals und glitt zu ihm heran.
„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte den
Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn mit einem
feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte seine Arme um sie.
Als seine Hand in dem dünnen Stoff des Kleides unvermittelt ihren Busen
spürte, sagte er sich, wie aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja
eine Frau!‘
„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr Atem strich
erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger heran; er fühlte ihren
Leib, dessen Blüte schon im Vergehen war, mit rückhaltloser Weichheit
und doch wie steinigt auf seinen Gliedern, und er legte seinen Mund
kosend auf ihr Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf
die seinigen schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen,
weichen Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm
und dankbar.
* * * * *
In der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann an zu arbeiten.
Zuerst mutig und zuversichtlich und alle Gedanken von der angestrengten
Arbeit eingehüllt. Des Abends war er immer müde und stieg mit
zufriedener Ermattung, nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu
seinem Dachkämmerlein hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten
Daseins, in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von
körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine Glieder
wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper
widerstandsfähiger werden.
Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen half, waren der
Mischmasch der groben und abenteuerlichen, der einfachen und brutalen
Existenzen, die die Hafenstadt versammelte. Sie kamen und gingen. Nichts
blieb von ihnen zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist
hörte sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten
und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander und den
Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie brachten ihre
verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham und prügelten sich, wenn
sie betrunken waren, um diese öffentlichen Bälger, die gleichgültig,
welchem Sieger sie zufielen, mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen
Auftritten zuschauten.
So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s am ersten
Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln begonnen hatte. Er
fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt von der brutalen
Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog, und er hörte auf, das
Unbestimmte, verlockend Weiterführende zu erwarten. Er tat seine Arbeit
mit einer ratlosen Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag
rastlos und still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle
Sympathie des Wirtes.
Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren Geschäftsflauten, hatte
Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit nahm ihn Hasenklever an diesen
Abenden immer mit in seine Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der
Familie auf dem ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht,
zusammen mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache Mädchen
waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der Küche gebrauchten. Wenn sie
dann nachher noch etwas beisammen saßen, benutzte der Wirt die ruhige
Zeit, nahm aus dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und
die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen der Woche. Bis
das erledigt war, ging es immer bis um die neun Uhr.
Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die Abendgassen
zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte. Er klopfte an den Holzladen
der Türe. Bald kam drinnen Antwort. Das Schloß knackte und er schlüpfte
in die Dunkelheit und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer
gleich zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese
Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend in die
kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene Flecken ins Bett
hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes gingen auf und ab und
Baptist spürte sie aufreizend an seinen Wangen, seinen Augen, seinen
Lippen. Wenn er sich dann an Alientjes warmen nackten Körper drücken
konnte und ihn so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt
und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid, Milde,
Flucht.
Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen Nächte, die
ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte. Er wuchs in ihnen in den
Schoß des warmen Menschlichen, das mit vegetativ unbewußten Absichten
sich um die Paare schlang und sich wie Blitzableiter in die
Gewittergeladenheit der gewalttätigen Tage des Daseins richtete.
Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen
Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das diesen Bund
zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte, bescheiden gemachte Egoismus
seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses und seiner Angst.
Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr immer kleine
Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß sie an den Abenden immer
ein wenig noch wohin gingen, in ein billiges Varietee oder in einen
Konzertgarten. Es war nun wieder Sommer und warm draußen. Alientje
putzte sich dann kokett und angestrengt auf.
„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist kam, „was ich
bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine goldene Brosche.
„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine Ding in den
Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr Wert, als alle die kleinen
Frankengeschenke, die ich ihr in einem Jahr geben kann.
„Und nun rate, von wem?“