Achtes Kapitel

Der Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte

heimlich und verwundert sein Gesicht und sein Wesen. Der Fremde war ein

blonder Mann mit hohen, schlanken Gliedern. Seine Haare fingen an grau

zu werden. Er trug einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm

lange Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende

helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes Kinn.

Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer Hand in die

andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft ein Weilchen auf den

Boden niedersetzen. Der Mann blieb indessen mit Baptist stehen und

schaute, als ob es ihn nicht interessierte, wie es mit seinem Koffer

zuging, zu den Dächern der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang.

Diese stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den Koffer

gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, biß er die Zähne

auf die Lippen fest, als könnte er damit seine Kräfte anspornen und

aufrecht erhalten. Aber die Last wurde fast unerträglich. Sein

geschwächter Körper konnte ihr kaum noch widerstehen, und es kam ihm

vor, als seien seine Glieder ausgehängt. Da ließ er mit einem

knirschenden Seufzer den Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen.

Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist fühlte, daß

jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg.

„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so gütig bezwingend

klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren mußte. „Wann haben Sie zum

letztenmal gegessen?“

„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und ohne weitere

Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über die neuauftauchende

peinliche Angelegenheit wegzukommen.

„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“

„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst mit der

harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall abzutun; aber dann

kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens emporgeschleudert, ein so

höhnisches, empörtes und zitteriges Lachen hinein, daß der andere

ausrief: „Wer sind Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie

standen!“

Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz verschanzen zu

müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es nicht schlechter geht, als den

andern Kollegen!“

Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke an. Dann glitt

sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen wir etwas essen gehen! Eine

halbe Stunde Zeit habe ich noch!“

„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab.

Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder auf und sie gingen

weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen und bemerkte kurz und wie

obenhin, indem er seine Brieftasche herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu

bekommen, daß es Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse.

Wenn Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch eine

Post, – helf ich Ihnen!“

Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ fuhr Baptist

mit der Karte in die Hosentasche. Aber während er weiterschritt fing er

rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu bereuen. Wie töricht war sein

verlumpter Stolz gegen den Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser

ernste, stolze Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen

wollte, obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und

Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, denn noch etwas,

das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ...

Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen

Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. Während er

den Koffer in der Hand neben jenem herlief, fühlte er sich wie ein Kind,

dessen Phantasie der Fremde die verlockenden Spiele von

Märchenerzählungen zuwarf. Das naiv Unbeholfene, das zärtliche

Abhängigsein des Kindes von der nährenden Phantasie des Erwachsenen

regte sich in Baptist ... Dieses stammelnde Verwundertsein und

verwunderte Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem das

Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war doch zu zerknetet,

als daß er die Kraft zu dem Märchen selber gefunden hätte: diesem

fremden Manne nun auf einmal in der kalten großen Stadt sein Schicksal

zu offenbaren. Er schlich nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu

einer kleinen, zagen Fruchtbarkeit auf.

Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der Hand.

„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, „Ich könnte

Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es gebrauchen. Aber ich pflege

nie eine Arbeit über Gebühr zu bezahlen, weil ich kein Almosen geben

mag.“

Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. Dieser war

darüber so betroffen und so erschrocken, daß er zunächst nur verwirrt

vor sich hinstieren konnte. Aber auf einmal überströmte es ihn, weh und

zärtlich, wild und verlangend; er bückte sich nieder und küßte die Hand

des Unbekannten. Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen sprangen

wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die nächsten Straßen vom

Bahnhof weglief.

Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit hobelnd über

das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, von einem Schild

festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje Veroken, Plätterin‘ ... Aber es

dauerte eine kleine Zeit, bis er den Zusammenhang zwischen dem Schild

und sich gefunden hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs

Fenster geschaut, ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen.

„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“

„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, so

plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben.

„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“

Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie gehts denn

seitdem?“

„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist.

„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken Augenbrauen

hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt hinzu, indem sie ihre

Stimme sanft und gefühlvoll machte: „Wer gibt sich aber auch mit solchem

Pack von Musikanten ab, Sie Kind!“

Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem rechten Arm. Es kam

ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen hatte, nichts mehr

erstaunlich vor, und er fand es natürlich, daß diese Frau, die ihm einst

in einer Stunde der Not ihr Bett gegeben hatte, mit solcher

Selbstverständlichkeit an seine innersten Dinge rührte.

„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein Veroken. „Sie

scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie jetzt leben. Sie sind ja

noch ein Kind. Wie alt?“

„Dreiundzwanzig!“

Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann Baptist schwer auf

die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ rief sie aus, und ihr großer Mund

formte mit einer seltsam erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die

Fächer der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts

ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt aussahen. „Sie sind

ja noch ein Kind. Sie brauchen ja noch eine Mutter! Sie sehen schlecht

aus. Haben sich wohl noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im

Spital? Wie leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“

Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in der letzten Zeit

erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich geworden unter dem

großen Wunsch, den der Fremde in ihn gesät hatte und den sein Herz wie

in einem Vorfrühling durch die Schollen trieb; und er antwortete mit

heißem Aufbegehren: „Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit

haben!“

„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas überlegt

hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die Taverne du Congo.

Das muß weg und ich mach’ dann die pressante Arbeit, die noch daliegt,

hinter mich. Dann kommen Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich

zusammen!“

„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem Ton kindlicher

Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein vorgemessenes Stück

Arbeit erledigen zu können. Er nahm den Korb, der mit einem roten Tuch

zugedeckt war, auf die Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St.

Paulsplatz lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin,

und Baptist trat in die Taverne du Congo ein.

Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das Tische, Stühle

und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten vollgestopft war.

Bilder von Schiffen waren von Gruppen seltsamer Holzwaffen umrahmt und

dazwischen stachen gewaltig verbogene oder unheimlich lang zugespitzte

Geweihe hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften

Rieseneidechsen, hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, ein

paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein farbiges

Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen Gegenständen und

verbarg die braune angeräucherte Decke.

Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann mit klotzigen,

roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist mit dem Korb sah,

trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: „So, Sie bringen die

Wäsche schon?“

„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist.

Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider Mann von

spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz gehackten Bewegungen und

hatte eine erfreuliche rote Nase, die aus einem graugemischten Wust von

Bart herauskam.

„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ sagte er

und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein Gläschen ein. „Nun wollen

wir mal schauen, ob sie auch nichts zurückbehalten hat, das Fräulein,

oder ob Sie nichts verloren haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den

Korb aus den Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch

Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel und rieb sich

die Nase, während seine Lippen leise gingen und ihre Bewegungen dem

Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten.

„_All right!_“ rief er schließlich. „_C’est juste_, stimmt, _è giusto_!“

Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm gut stellen und

sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“

„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte dazu noch mindestens

chinesisch, japanisch, kasongolisch und maorisch können, um ein guter

Wirt zu sein, so wie’s Geschäft international wird!“

„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen.

„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, meinen Sie.

Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie wissen, wo das ist!“

„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte Baptist nun

auf deutsch.

„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte die Lippen aus

der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind zuviel Deutsche hier in

Antwerpen, die gute Geschäfte machen. Und wenn man Taverne du Congo

heißt ...“ Aber er lachte hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette.

„Nee, es is nich so gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal,

sind Sie so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem

andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie _monsieur Boulanger de

Paris_.“

Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und deutsch noch

italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“

„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und Griechisch?!“

Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über den Mund, an der

Stelle, wo Baptist die Narbe hatte.

„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen Kopfheben und einer

verschmitzten Sachkenntnis. Aber er fügte gleich bei: „Ihren Kleidern

sieht man keene fünf Sprachen mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie

der Preuß sagt, dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so

einem Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du Congo?

Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen Kongo im

Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges Essen, ein Kämmerlein,

zwanzig Franken im Monat und dagegen ein bißchen Gläserputzen,

Stubenreinigen, Servieren und wenns scharf kommt, einem zu der guten

Luft des Paulsplatzes verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“

Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie, in der sich

alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt. Er bekam noch einen Schnaps.

„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der Wirt militärisch

und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig runde Stirn.

Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch. Er war gerührt.

Es war wieder Milde in sein Leben gekommen. Es erwartete ihn wieder ein

Kämmerlein, ein gedeckter Tisch, Menschen. Der frostige Dezembertag

wurde ein Frühlingstag und er schritt wie von einem Tänzchen getragen

leicht hindurch.

‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal auf dem Weg zu

der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen geblieben und hätte den Koffer

nicht getragen, so wäre ich nicht zu Alientje Veroken und nicht zu dem

kölnischen Wirt gekommen. Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß

er nun in einer ordentlichen Anstellung arbeiten wird.

Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann, Oevelgönne

bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a.

Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und Timmermann hat so

etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes ... Zimmermann!

So kam er zur Plätterin zurück.

„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie mit einer

Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen falteten sich um

ihr Kinn auf.

Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe. Sie zeigte

eine lebendige Freude darüber und klatschte in die Hände, während die

dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und ab zuckten.

„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen Sie mein

Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer plötzlichen

überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen Arm und zog ihn mit sich

in das kleine Zimmer hinter dem vorderen Raum. Dort war es schon dunkel.

Als Baptists Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah er

einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit Bierflaschen.

In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein Feuer, das lustig durch das

Luftloch in dem Türchen leuchtete und blaßgoldene hüpfende Flecken an

die dunkle Bettstelle warf.

„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann, indem sie

sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick hinaus, und

Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß der Straßentüre sprang. Als

sie dann wieder in der Stube war, schob sie Baptist auf einen Stuhl,

ließ die Läden vor den Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe

an und setzte sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte

sie Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie

Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei.

Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem netten

Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das Feuer schnurrte plaudernd im

Ofen und durch das Lufttürlein sprangen die Lichtflecken an der dunklen

Bettstelle hinauf in die weichen Kissen, die über den Rand der

verhängten Lampenglocke hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben

ihm saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch und Blut,

den er mit den grausamen Stunden seiner letzten Wochen warm machen

konnte. Er sah Alientjes große, kühl glänzende Augen dunkler und inniger

werden an seinen Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern

Erzählen innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung mit

ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse leicht und

flüchtig von ihm los.

Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse war noch von

der Arbeit her nach innen eingebogen und das nackte Fleisch ihres

sehnigen Halses schien warm und leuchtend aus dem Ausschnitt heraus. Ihr

Gesicht war von dem, was sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen,

verwilderten Zug. Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin

und zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen zu, die

sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend dem jungen Menschen

entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher Leib hatte ein vergessenes

Sichhinhalten.

Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause, in der ihm die

Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten Stübchens mit seiner

Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier ist’s so gut!“ Da legte die Frau

ihre Arme schwer um seinen Hals und glitt zu ihm heran.

„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte den

Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn mit einem

feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte seine Arme um sie.

Als seine Hand in dem dünnen Stoff des Kleides unvermittelt ihren Busen

spürte, sagte er sich, wie aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja

eine Frau!‘

„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr Atem strich

erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger heran; er fühlte ihren

Leib, dessen Blüte schon im Vergehen war, mit rückhaltloser Weichheit

und doch wie steinigt auf seinen Gliedern, und er legte seinen Mund

kosend auf ihr Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf

die seinigen schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen,

weichen Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm

und dankbar.

* * * * *

In der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann an zu arbeiten.

Zuerst mutig und zuversichtlich und alle Gedanken von der angestrengten

Arbeit eingehüllt. Des Abends war er immer müde und stieg mit

zufriedener Ermattung, nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu

seinem Dachkämmerlein hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten

Daseins, in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von

körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine Glieder

wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper

widerstandsfähiger werden.

Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen half, waren der

Mischmasch der groben und abenteuerlichen, der einfachen und brutalen

Existenzen, die die Hafenstadt versammelte. Sie kamen und gingen. Nichts

blieb von ihnen zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist

hörte sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten

und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander und den

Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie brachten ihre

verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham und prügelten sich, wenn

sie betrunken waren, um diese öffentlichen Bälger, die gleichgültig,

welchem Sieger sie zufielen, mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen

Auftritten zuschauten.

So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s am ersten

Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln begonnen hatte. Er

fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt von der brutalen

Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog, und er hörte auf, das

Unbestimmte, verlockend Weiterführende zu erwarten. Er tat seine Arbeit

mit einer ratlosen Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag

rastlos und still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle

Sympathie des Wirtes.

Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren Geschäftsflauten, hatte

Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit nahm ihn Hasenklever an diesen

Abenden immer mit in seine Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der

Familie auf dem ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht,

zusammen mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache Mädchen

waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der Küche gebrauchten. Wenn sie

dann nachher noch etwas beisammen saßen, benutzte der Wirt die ruhige

Zeit, nahm aus dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und

die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen der Woche. Bis

das erledigt war, ging es immer bis um die neun Uhr.

Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die Abendgassen

zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte. Er klopfte an den Holzladen

der Türe. Bald kam drinnen Antwort. Das Schloß knackte und er schlüpfte

in die Dunkelheit und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer

gleich zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese

Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend in die

kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene Flecken ins Bett

hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes gingen auf und ab und

Baptist spürte sie aufreizend an seinen Wangen, seinen Augen, seinen

Lippen. Wenn er sich dann an Alientjes warmen nackten Körper drücken

konnte und ihn so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt

und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid, Milde,

Flucht.

Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen Nächte, die

ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte. Er wuchs in ihnen in den

Schoß des warmen Menschlichen, das mit vegetativ unbewußten Absichten

sich um die Paare schlang und sich wie Blitzableiter in die

Gewittergeladenheit der gewalttätigen Tage des Daseins richtete.

Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen

Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das diesen Bund

zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte, bescheiden gemachte Egoismus

seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses und seiner Angst.

Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr immer kleine

Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß sie an den Abenden immer

ein wenig noch wohin gingen, in ein billiges Varietee oder in einen

Konzertgarten. Es war nun wieder Sommer und warm draußen. Alientje

putzte sich dann kokett und angestrengt auf.

„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist kam, „was ich

bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine goldene Brosche.

„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine Ding in den

Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr Wert, als alle die kleinen

Frankengeschenke, die ich ihr in einem Jahr geben kann.

„Und nun rate, von wem?“

Der Hafen(#76486) · 第 35 / 55 题