Einer sah es.
Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte mit derbem
Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer Teufel?“
„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. Die
wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll in ihre
Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die Kneipe hinein, die gerade
an der Ecke ihre Türe offen hielt.
‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut bekannt.
„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft über den
Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“
Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und Messer; ein
anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, ein anderer eine
Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen ein und schoben Baptist
alles hin.
Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu essen, wie ein
Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz flog auf, wie ein
Luftballon. Er trank und aß und die Fülle um ihn herum kam ihm vor, wie
der goldene Überfluß herbstlicher Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die
mit Schweinen, Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren,
kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die deutschen
Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer tanzend: „Trinke mer noch en
Tröppche ...“ und er mußte ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun,
einmal mit Bier und einmal mit Branntwein.
Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen sich ruhiger um
ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit ihm zum Essen zuredeten,
bemerkte Baptist an einem andern Tisch einen Kreis junger Leute, deren
Gesichter er schon einmal gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte
seinen Blicken die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau
hinschauen. Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend zu
seinem Tisch herüberblickten und er drehte den Kopf weg. Aber in
demselben Augenblick wußte er, wer die waren, die dort saßen und ihn
anstaunten ... Es waren ehemalige Schulkameraden von ihm aus Luxemburg,
die das Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in
Geschäftsbetriebe eingetreten waren.
Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden Flamme.
Er rückte heimlich ans Ende der Bank und glitt zur Türe hinaus, lief
stolpernd die enge Gasse hinauf zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß
mit einer weichen Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die
Treppen hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn
mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden Vorstellungen
in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit und übergab ihn
bald sanft dem Schlaf.
Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden Tage diese
Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, er hatte gebettelt und
er gestand sich nun offen ein, daß er an jenem Tage in die schwarzen
Höhlen der Schiffe hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu
verschwinden, wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben
getanzt haben und von denen man dann niemals wieder etwas sah.
* * * * *
Und dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte Tag, der ihm
das Dach über dem Kopfe nahm.
Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal kein Bett mehr
hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, betäubt und doch ruhelos,
wie in einem Kerker, und setzte sich dann auf eine Bank, ohne zu wissen,
wo. Er schlief ein wenig ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er
fühlte sich wie geprügelt. Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen
Bäumen des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn
hernieder. Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und
schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes
Tier, das am Sterben liegt.
Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. Seine Kleider
verkamen. Die Menschen wichen schon etwas beiseite, wenn er sich ihnen
näherte. Er aß manchmal in der Volksküche, die im Winter umsonst Suppen
verschenkte. Er aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel
der Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es entstand
eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, suchte er instinktiv
eine geschützte Stelle zum Übernachten, in einer tiefen Haustüre, einem
Schuppen, einem Eisenbahnwagen.
Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem Schlaf gerüttelt
und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen war, davongezerrt und
in einen warmen dunklen Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem
Tag. Ein alter verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf
der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, rief:
„Aufstehen! Raus!“
Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen gefranzt waren,
rollte von der Pritsche herunter und lallte ein paar Flüche. Aber er
wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe hinaus in den helleren Raum,
in dem zwei Polizisten saßen. Dort stellte er sich krumm und klein neben
Baptist auf.
Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! Laß ihn
doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich einmal
erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann wandte er sich an Baptist:
„Auf welches Schiff gehörst du?“ Aber bevor er eine Antwort haben
konnte, schnauzte der Polizist weiter: „mach, daß du künftighin am Abend
in dein Schiff kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal
gehts nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand.
Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden durch die Straße.
„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es is so bannig
kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“
„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist.
„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, weshalb has
du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die Beinchen wollen ja gar
nicht mehr, och die alten, alten kranken Beinchen! ...“ weinte er. Die
Tränen blieben aber in den farblosen Augen glänzend und festgeklebt
hängen, und Baptist fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden.
„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete er den
Alten.
Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken Kopf zu Baptist
auf. Er rief empört und fuchswild, daß die Wörter eines über das andere
zu schnappen schienen, und sein zotteliger grauer Bart sich sträubte:
„Was! Arbeiten! Dreckskerl, Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“
„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist.
„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging weiter.
Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei der Waeser
Station lehnten ein paar Vagabunden an einem Zaun. Papa Ladstock ging
geradeaus auf sie zu, und Baptist folgte, zögernd hinterher gezogen. Die
Vagabunden fröstelten, hatten die Hände in den Hosentaschen und traten
von einem Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen,
verborgenen Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie grüßten
nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte sich schweigend
mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch Baptist dasselbe.
Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich Vatern doch mal
die Katrine – och!“
Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete.
Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens etwas wie
eine Pause. Aber langsam rückte dann eine Hand aus einer Hosentasche und
hielt eine kleine flache Blechflasche hin.
Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte sich nachher
wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen Fingern über die
Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin.
Baptist trank daraus.
Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater schaute ihn
strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den Daumen aus der
Hosentasche heraus und deutete damit auf Baptist.
„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein zotteliger
Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ Seine kleinen
Augen schauten zu Baptist hinauf und Zärtlichkeit schwamm in ihrem
wässerigen, farblosen Glanz.
Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. Aber er
bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie legten sich mit
einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit über ihn nieder,
als wollten sie ihn ersticken, und er bekam Angst vor ihnen. Er dämmte
sie ein, indem er die andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so
Gemeines, so etwas Ekles – Verbrechertum!