Baptist sagte: „Danke!“

„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie in ihr Bett

gelegt.“

Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine Finger mit einem

raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig! Gern geschehn!“

Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals und verließ

mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen kahlen weißen Raum, in dem

es nach Kohle roch und Stöße von Hemden auf weißen Brettern lagen, und

traten auf die Straße hinaus.

Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ rief sie,

als die beiden schon ein paar Schritte gegangen waren. Baptist drehte

sich um und grüßte noch einmal mit dem Hut. Da las er neben der Türe auf

einem runden, weißgemalten Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin.

Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte Baptist dem Wirt

all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn Franken ab und schob Baptist

ein paar Gold- und Silberstücke wieder zu.

Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? Er hatte doch

dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines Lebens hintan geschmissen,

um seine Schuld zu bezahlen.

„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt verstört.

„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn Franken schuldig!“

Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes resigniert in

seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. Aber Baptist rührte es

kaum an. Bald ging er weg und wieder auf die Straße. Wie freigeworden

von einem Druck irrte er draußen umher.

Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, die über die

Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer luden ein und aus, und

Baptist sah unter sich die Arbeit in knirschender Raserei Land und

Schiff verbinden. Kleine berußte oder verstaubte Menschen tauchten immer

wieder irgendwo aus dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende

Schritte und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach Gott,

vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen Kasten

verschwände!“

Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. Von seinen

heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen Dampfern noch die

Vorstellung, als seien sie große, dunkle Behälter, in die all das

hineintauchte, was die Länder nicht mehr duldeten: die elenden

Flüchtlinge, die ausgebleichten Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher,

die in dem rätselhaften Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer

Arbeit der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und

jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen wehrte

Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten der Hände von sich ab, als

das rettungslose Versinken, als das letzte Sichaufgeben.

Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an ihm haften

geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder durch alles

hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen Leute, die aus den

Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, als seinesgleichen an. Er sah

sich in ihnen. So wie der! So wie der! sagte er von sich bei jedem der

berußten oder verstaubten Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen.

Aber schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens hinaus.

Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die Notwendigkeiten des

Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen umher und schaute aus, wo er ein

Zimmer mieten könnte. Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er

sah. Es kostete fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten

Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich gleich ins

Bett.

* * * * *

Als Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, wurde er darauf

aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. Da begann er mit einer leeren,

tatlosen Angst zuzuschauen, wie Franken um Franken dahinschwand.

Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger einen Spalt breit

zu seiner Türe herein.

Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: ‚Ach, es

ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger Flederwisch im

Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst ihm in die leeren Ärmel, und

selbst die Vögel glauben bald nicht mehr an ihn.‘

Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem Rücken aufs Bett

und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, indem er wie ein Frosch mit

den Beinen und Armen in die Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den

Tisch herum und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge er

Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem Herzen in den

Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen über die verschränkten

Arme auf den Tisch und dachte sich: ‚Wie ist es doch so roh, ein Kind

mit dieser Strohpuppe zu bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause

als Kinder niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann sagte:

„Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn du eine solche

Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“

Baptist sprang auf.

„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ sagte er

laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam kroch die Angst an

den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die mit ihren Krallen spielen.

Es war Baptist, als drückte etwas leise schmerzend und dunkel auf seine

Augen. Aber er erwachte gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit

einem plumpen Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts.

Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. Er stieß mit

den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber es hatte eine knöcherne

Haut. Seine Fäuste wollten nervig an den Hals greifen, aber die Muskeln

gehorchten nicht und schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen.

Da saugte sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des

Fußbodens fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen

Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens überstiegen. Jedoch der

Sieg dauerte nur drei Augenblicke.

Baptist wimmerte leise.

Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende geworden, die dürr

und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit der Menschwerdung durch alle

Zeiten heraufragte, unvergänglich und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs

– der alte Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen,

graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen irrende,

verletzte Tierchen.

Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel wurde Baptist

etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine langsam niedersinkende

Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie

ein Kind. Er plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend

sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: „’s is

gut! Kindi stirbt!“

Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz wie das

Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden auf. Mit zitterigen,

schwachen Beinen glitt er die Treppe hinab und schlich sich ausschauend

an den Häusern entlang durch die Gasse, in der die Laternen schon

leuchteten. An der Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer

an ihn. Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen.

Der Hafen(#76486) · 第 32 / 55 题