Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem Wirt der Fleur d’Or
rasch davon.
Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige noch einmal an
seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu einem behaglichen
Nachgenießen, in den Kasten, über das Saitenbrett. Währenddessen warf er
dem Kommis hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“
„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich.
Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett ein Papier
eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser hervor, während
er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. Der junge Mann verschwand
eine Weile auf der Straße. Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu
sehen!“ sagte er.
Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet und
gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und unbeholfen geschrieben
und hieß:
„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“
Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine Ecke. Dem Kommis
antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ Dann trug er den erworbenen
Schatz mit einem tänzelnden Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die
Räume hinter dem Laden.
* * * * *
Baptist eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten die Häuser um
sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für sich: Nun bin ich ganz allein!
Aber er sagte bei jedem Schritt diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als
schlüge er sich jedesmal damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in
eine Schlucht heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß.
Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine Blicke
verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden Beinen wurde es
unsicher und warm. Das tat ihm wohl. Auch seine Augen füllten sich nun
mit einem vollen funkelnden Dunkelsein, und auf einmal brachen seine
Beine mit einem kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen.
Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen Zimmer und in
einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. Aber zugleich mit
dem Bewußtsein der jungen Kraft stellte sich auch das Gefühl des
unausmeßbaren Verlassenseins ein.
Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes und eine
Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf herein.
„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie.
Baptist bejahte.
Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige mit einem
etwas eckigen Körper in einem sauberen bunten Leinenkleid und einer
weißen koketten Schürze. Ihr unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren
umrahmt, hatte zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß,
von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb vor. Die Augen
waren dunkel und in einem kalten Glanz verschwommen. Dicke Augenbrauen
spannten sich drüber. Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt
über das ganze Gesicht.
Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie sich
niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“
„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist.
Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und die Frau verließ
rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte sich Baptist emsig aus den
Tüchern. Er hatte mit der Hose im Bett gelegen und seine Kleider waren
nebenan auf einem Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die
Türe wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur d’Or
erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon wieder auf!“ trat
der Wirt auf Baptist zu.