Siebentes Kapitel

Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus.

Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft

die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz

geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im

Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den

Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum

ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde.

Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen

Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und

Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die

Straße gesetzt.

Er war geheilt.

Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es

hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in

dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn

herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines

Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken

aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine

bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet

worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf

einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und

selbständig dem Leben übergeben mußte.

Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn

schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital

auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins

Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß

um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten

einwickeln zu wollen.

Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine

Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der

Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen,

hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke

dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der

schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag.

Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur

ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie

beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm

gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr

genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen

Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte

Bilder.

Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch

erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen,

mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er

kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm.

Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen

Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit.

An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung

entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von

selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines

gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in

die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf

ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der

Eingetretene war.

Der Hafen(#76486) · 第 25 / 55 题