Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus.
Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft
die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz
geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im
Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den
Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum
ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde.
Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen
Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und
Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die
Straße gesetzt.
Er war geheilt.
Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es
hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in
dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn
herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines
Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken
aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine
bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet
worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf
einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und
selbständig dem Leben übergeben mußte.
Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn
schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital
auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins
Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß
um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten
einwickeln zu wollen.
Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine
Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der
Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen,
hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke
dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der
schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag.
Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur
ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie
beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm
gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr
genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen
Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte
Bilder.
Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch
erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen,
mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er
kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm.
Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen
Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit.
An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung
entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von
selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines
gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in
die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf
ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der
Eingetretene war.