Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“

Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, als wollte

sie sich gegen das Zittern wehren, das wie Schläge durch sie fuhr.

„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin.

„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist.

„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal.

Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, daß du weiter

kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein Stück voran.

„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine Droschke holen.

Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt.

Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein Wagen heran. Es war

eine große, geschlossene Droschke.

„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein Wagen und dann

bist du bald im Bett und dann ist’s gleich wieder gut. Es ist nur

Schüttelfrost. Da, nimm meinen Mantel um!“

Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine Frau in den

Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den Wagen hinein, indem er

selber sich mit in den dunklen Raum neigte, um den Mantel gut um sie

wickeln zu können.

Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und die Arme und

den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich auf einmal festgehalten.

Das Gesicht Margheritas löste sich nicht mehr von dem seinigen. Ihre

Arme waren um seinen Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend

und verzweifelt, und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine Augen,

wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen Ausbruch, der wie

Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug und einhüllte, sang ihre

Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger Vogellaut im April: „_Cuor mio!_

...“

Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben Ruck war er

losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses Erlebnisses, und

verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf vor ihm zurück. Hände

gruben sich in Baptists Rücken und aufgereizt wie ein Tier, das fühlt,

daß es ihm ans Leben geht, raste er herum, hob die Fäuste gegen das

nächste Gesicht, das er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und

schrie: „Was, was wollt ihr mit mir?“

Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, du Betrüger,

Verräter!“

Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, die zwischen

jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe.

Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! Paolo, sei doch

vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist sanft und faßte mit

beiden Händen den Erregten an den Schultern und zog ihn an sich heran.

„Paolo, wir wollen ...“

Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei mit dem

gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch seinen Leib

hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein anderer den Laut

ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er auf einmal weich und gewichtig

werden und gleich darauf löste sich sein Leib in eine schlafschwere,

widerstandslos erwärmte Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch

funkelnd gestreifte Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine

unerhört süße und gewaltsam himmlische Erfüllung.

‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte er noch denken,

kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten hinter zackigen Bergfernen.

Dann war es aus und Finsternis.

Der Hafen(#76486) · 第 24 / 55 题