„Wär’ aber nicht nötig gewesen“, meinte Baptist und faltete das Papier
zusammen.
„Bahbah! unter Ehrenmännern ...“ entgegnete der Italiener, indem er mit
der Hand eine weitläufige Geste in der Luft zeichnete.
* * * * *
Und nun ging Baptist an dem großen Tag inmitten der andern Musikanten
durch den menschengefüllten Saal des Restaurants _aux vieux chênes_. Es
hatte auf einmal angefangen zu regnen und die Spaziergänger, die den
Herbsttag im Bois genutzt hatten, füllten die Restaurants, die am
Eingang zum Park Spalier standen. Grade die Vieux chenes, die durch
große Plakate italienisches Konzert anzeigten, waren im Augenblick
vollgeschwemmt. Es war fünf Uhr und unter dem grauen Himmel in dem Saal
schon dunkel. Die Kronleuchter funkelten auf. Hereindrängende Menschen,
Stuhlrücken, rufende Stimmen, eilende Kellner, Gläsergeklirr mischten
sich zu einem wüsten Lärm durcheinander, der, als die buntgekleidete
Gruppe der Italiener in der Türe neben dem Büfett erschien, ein paar
Augenblicke lang wie in einem gewaltigen Trichter zu einem hoch
gespannten Aüh! zusammenklang.
Baptist ging in der Maskerade seiner gestreiften Hose und seiner
feurigen Bluse wie zwischen einer funkelnd nebeligen Mauer durch die
Menschen hindurch. Er stieg mit den andern auf die kleine Bühne und sah
nichts, war auf einmal droben und wußte nicht, wie er hinaufgekommen. Er
war nicht so kühn, in die leise schaukelnde Masse zu seinen Füßen zu
schauen. Sie schien nur wie ein tonloses, erhitztes Brüllen
schwindelhaft tief unter ihm zu wogen. Es war ihm, als würde sie ihm die
Augen verbrennen, wenn er hineinblickte. Ein heißer, funkenstiebender
Regen ging dicht um ihn nieder. Er wurde von den andern vorgeschoben, er
setzte den Bogen an und verstand nicht, was er tat. Er spielte, wie ein
Automat, dessen Mechanismus man gerade gelöst hat, und die Töne hatten
etwas Belegtes, wie eine Stimme, die im Schnupfen heiser ist.
Auf einmal sah er in der tiefen verworrenen Flut unter sich etwas
Bekanntes und wußte nach einer Minute dumpfen Erstauntseins, daß das
Bekannte, das er an einem der ersten Tische sah, der dicke Italiener,
der Häuptling war. Und da stand der Herr Leprotto wie mit einem Schlag
als eine wichtige kleine Insel drunten in dem Meer; als eine
aufgeplusterte, winzige, komische Insel. Rasch hob sich das unruhige
Erbrausen bis an die Ufer der Insel und brach sich langsam an ihnen. Um
den Italiener bildeten sich für Baptist klare Kreise, die sich
überblicken ließen. Auch weiterhin ordneten sich seinen mutiger
werdenden Augen nun rasch die Erscheinungen. Er sah, daß eine blaue, mit
goldenen Sternen gepunktete Decke sich von Säulen getragen über dem
Raume schloß; er hörte sogar irgendwo ganz spitz das s...s...s... der
kleinen Fontäne immer hinterlistig zwischen die Töne zischen, und sah
sie auf einmal in einem Spiegel zwischen zwei Säulen. Und sah Menschen
sich um Tische scharen und unter einem ineinander verzogenen Rauschen,
wie unter einem Netz von gedämpftem Lärme liegen.
Nun sprangen ihm die Noten klar und sicher in die Finger. Er stieg aus
dem Zusammenspiel heraus und sah, wie die Menschen unter dem wogenden
Netz anfingen, die Köpfe zu wenden und aufzuhorchen. Da kam er sich
unendlich wichtig vor und er ließ das Intermezzo der Cavalleria aus
seiner Geige fließen, wie einer, der hingestellt ist, die Gemüter der
Menschen beglückend zu erheben.
Er hatte in dem gefühlvollen Verfließenlassen des letzten Tones den
Bogen noch nicht abgehoben, als sich der ganze Saal wie mit drohendem
Radau unter seinem Netz herauszuheben schien. Baptist schrak zusammen
und er faßte krampfhaft Margheritas Hand, die mit einer Mandoline neben
ihm stand.
„Es war schön!“ flüsterte sie ihm trocken heiß zu und drückte seine
Finger mit ihrer kleinen Hand. Er glaubte, er habe etwas angerichtet und
sie wolle ihn trösten. Die Italiener stießen ihn. „Geh vor, geh vor!“
riefen sie ihn erregt an. Er wehrte sich gegen sie. Er war wie von
scharfem Duft betäubt. Da griff Paolo ihn von hinten unversehens unter
die Arme, hob ihn vom Stuhl und schob ihn vorwärts.
Nun erst verstand Baptist, daß er sich verneigend für den Beifall danken
mußte. Er tat es und lächelte ganz verwirrt und mit lichtverblendeten
Augen. Die Zuschauer, die diesen Auftritt sahen und alles für
Bescheidenheit hielten, lachten drunten und klatschten wie verrückt
weiter, trampelten und riefen. Der Dicke saß mit einem ruhig lächelnden
Grinsen zwischen ihnen und machte nur immer eine kleine Bewegung mit
seiner fetten Hand, die hinauftelegraphieren sollte: ‚alle auf, spielt
noch einmal‘.
„Wir müssen es noch einmal spielen!“ sagte Paolo zu Baptist.
* * * * *
Baptist war naiv frisch und robust gegen diese verführerischen ersten
Erlebnisse. Er nahm sie als etwas, das selbstverständlich ist, aber
nicht die geringste Bedeutung hat. Die Leute, die da unten saßen, waren
ihm nur eine gleichgültige Masse. Sie schwabbelte ein wenig in seinen
Vorstellungen. Er spielte vor ihr aus Lust am Spielen, aus inniger,
kräftiger Arbeitsfreude. Er hätte vielleicht ebenso gern in einem Bureau
geschrieben oder bei einem Zimmermann gehobelt. Und das war der
Unterschied zwischen früher und jetzt: Tätigkeit! Tätigkeit mit einem
nahen robusten Ziel. Wie lebendiger Saft auf der Schnittfläche eines
Baumes aufquillt, so sah Baptist sein Schaffen frisch und hell aus sich
steigen. Darüber empfand er einen naiven warmen Stolz.
Einmal sah er, während er spielte, zwei Bekannte aus Luxemburg im Garten
sitzen. Er hatte dort wohl nicht mit ihnen verkehrt, weil sie älter
waren wie er. Aber der Bruder des einen war sein Schulkamerad gewesen
und sie kannten sich gut. Baptist genierte sich ein wenig vor ihnen
wegen seines bunten Kittels. Aber im Grunde freute er sich, daß etwas
von früher her Bekanntes an seinen neuen Weg kam. In den Pausen lugte er
öfter halb befangen und halb neugierig hin. Aber sie saßen zu weit weg,
als daß er irgendeine Antwort auf seine Blicke hätte erkennen können.
Als dann die Musikanten zum Abendessen gerufen wurden und an dem Tisch,
an dem die Luxemburger saßen, vorbeigehn mußten, um ins Haus zu kommen,
war Baptist freudig gespannt, ob sie ihn anhalten und begrüßen und was
sie sagen würden. Er hielt sie mit dem Blick fest, während er zwischen
den Tischen hindurch auf sie zuging, zögerte ein wenig mit den
Schritten, als er an ihrem Tisch angekommen war ... Aber sie redeten
heftig abgewandt auf einander ein, drehten ihm schroff den Rücken, als
wiesen sie ihn damit grob und energisch ab.
Da schoß Baptist die Schamröte ins Gesicht. „Ihr Rindviechers, ihr
Lakels, ihr krummen Hunde!“ schimpfte er vor sich hin, als er davonging.
„Ihr ...“ und schließlich fand er in der Erregung nichts mehr, was
erbitterter, verächtlicher und beleidigender gewesen wäre – und er
sagte: „Ihr Luxemburger!“
Als er dann wieder später zurückkam, wollte er mit einem verächtlichen
Lächeln an ihnen vorbeigehen. Aber ihr Tisch war leer.
Mit einer kindischen Verletztheit trug er das kleine bürgerliche
Erlebnis in den Abend hinein und stach sich dran. Sein Ehrgeiz war
verwundet worden und es wuchs kein Kraut, das zu heilen.
Da spielte er in verweichlichtem Trotz um die Gunst der Masse, die da
unten dumpf ein wenig schwabbelte. Er hielt die sentimentalen Töne mit
einem langen Tremolieren wie an einer zitternden Schnur an einer Stange
über die Tische. Und die Herzen griffen danach. Es war Großstadtabend,
und um die weißen Monde der Bogenlampen zwischen den Bäumen tanzten die
letzten Sommertiere. Aus dem Bois schlugen die scharfen Düfte der ersten
Zersetzung, nach abgeschälten Rinden riechend, bitter und verwirrend in
den Konzertgarten. Draußen fuhren erleuchtete Elektrische vorbei zur
Stadt zurück. Das Jahr, der Bois und der Tag starben.
Das fühlten die Bürger und mehr noch ihre Frauen und ihre Töchter und
sie hatten eine Ahnung, eine dumpfe, ferne traurige Ahnung von den
Zusammenhängen, von der unerbittlichen Sinnbildlichkeit dieser dunklen,
heftigen, erregenden Stunde in dem kühl werdenden Konzertgarten und
fühlten ihre Vorstellungen von den schwermütigen, gefühlvollen
Geigentönen melancholisch bestätigt und bequem ausgedrückt. Und lag
nicht auch Liebe in den Liedern? Die Liebe, in der man sich
zusammenschließt, um jene Traurigkeiten gemeinsam zu tragen.
Und sie klatschten, weil sie gerührt und erregt und weil sie dankbar
waren, und wußten wohl, daß unter den Musikanten da oben es nur der
schöne stattliche Junge sein konnte, der die erste Geige führte und sich
dabei in den Hüften bog und mit dem Körper im Rhythmus schaukelte wie
ein rassiger, koketter Hengst im Zirkus.
Acht Tage nach der schmerzlichen Begegnung mit den Luxemburgern setzte
ein Vorstoß des Winters ein und man fuhr nicht mehr hinaus zum Bois. Die
Vieux Chenes wurden geschlossen. Aber ihr Besitzer leitete das Café de
l’Univers in einer Seitenstraße der Boulevards im Norden und
verpflichtete Leprotto und seine Gesellschaft auf eine weitere Zeit für
dieses große Cafélokal. Dort spielten sie nun jeden Tag von sechs Uhr
bis Mitternacht. Vor sich sahen sie fast immer dieselben Gesichter, die
nur mit den Stunden wechselten. Zwischen dem Podium und den Gästen
entstand ein familiärer Verkehr. Man bewunderte Baptists Spiel und
mancher sagte ihm, ihn wichtig beiseite nehmend, er könne ganz wo anders
sein.
Frauen machten sich an ihn heran. Ein Herr kam oft hin, setzte sich
stets in die Nähe des Orchesters und war außerordentlich liebenswürdig
zu Baptist. Er tat, als schätze er ihn sehr, und Baptist unterhielt sich
gerne mit dem Unbekannten und war froh über seine Teilnahme. Eines
Abends trat der Herr auf ihn zu und bat mit einem großen Aufwand von
Höflichkeitsworten, ob er nicht einmal seine Geige besehen könnte.
Baptist reichte sie ihm hin. Der Herr klopfte und schaute, zupfte an den
Saiten und schaute wieder und gab Baptist das Instrument schließlich
zurück.
„Sehr gut!“ sagte der Herr.
„O ja, es ist eine gute Geige!“ meinte Baptist wohlgelaunt.
„M ... ja ... ich sammle Instrumente aus dieser Zeit. Nur Historisches.
Sie ist Ende sechzehnhundert, Oberitalien ... Würden Sie mir sie für
zweihundert Franken überlassen?“
Der Herr griff in die Brusttasche.
„Ich pflege keine Geigen für zweihundert Franken zu verkaufen, von denen
ich weiß, daß sie zweitausend wert sind!“ antwortete Baptist lachend.
„So, Sie wissen?“ Der Herr machte ein überrumpeltes Gesicht.
„Allerdings!“ sagte Baptist.
Darauf grüßte ihn der Herr nicht mehr.
Dieses Erlebnis erzählte Baptist Margherita, als sie nachts zusammen
nach Haus gingen. Er fügte hinzu: „Wissen Sie, liebe Margherita, es ist
nun wahr, daß diese Geige jetzt für mich so etwas besitzt, wie es eine
Frau hat, die lieb, zärtlich und treu ist. Sie wissen doch, mit der Rosa
ist es nichts! Sie ist so steif und so hölzern. Hat sie eigentlich einen
Leib? ... und nun bin ich wohl ein wenig allein und hab die Geige aber
immer Tag und Nacht als Gesellschafterin.“
Da sagte Margherita leidenschaftlich: „Gehn Sie von uns weg. Sie müssen
mehr werden!“
„Ach Gott, Margherita, das werde ich auch!“ antwortete Baptist. „Aber
hat’s dazu nicht Zeit?“
„Nein! Unser Holz ist morsch und faul und steckt rundum an!“
Aber Baptist ließ sich nicht weiter von diesem Gespräch rühren. Er war
jetzt immer sehr müde, wenn er nach Hause kam, und führte selbst sein
Ausgabenbuch nicht mehr so freudig wie anfangs. Er fühlte sich biegsam
werden. Er versuchte jetzt im Café de l’Univers oft, worauf er an dem
Abend verfallen war, da er die Luxemburger in den Vieux Chenes gesehen
hatte: die Zuhörer an sich heranzuziehen, und empfand in diesem enger
zusammengedrängten Kreis die Wirkung unmittelbarer. Er sah Frauenaugen
begehrlich und erregt leuchtend an ihm hängenbleiben, wenn er die langen
Töne mit süßlicher Eindringlichkeit aus dem Zusammenspiel herauszittern
ließ, und er fühlte sich übergossen von einem heißen, rieselnden Reiz.
Diese Musik noch nervöser zu spielen, als sie schon von Haus aus war,
das war das Rezept, das Baptist dann seinen Zuhörern aufmischte.
Damit konnte er diese zur Nacht erblühten Blumen des Asphalts, diese im
feuchtwarmen Duft des Verkommens fiebernden Frauen, all die aufgelösten,
gierigen Menschlein in erhitzendem Auferwecken an ihren Tischen erregt
tänzeln machen.
Es war eine Morphiumkur. Aber ihre Dünste schlugen ihm selber in die
Adern. Er wurde nun umworben, er der schöne Primgeiger! Er, der den
Zauber der Klänge aus der Geige heben konnte. Die andern fingerten ja
nur! Er, der interessante Flüchtling! Leprotto ging drunten herum und
biederte sich mit den Gästen an, um ihnen die ausgeschmückte, romantisch
verdunkelte Geschichte des Geigers zu erzählen. Die öffentliche
Anteilnahme richtete die blendend erhellende Scheibe ihres Reflektors
auf ihn, und er schwänzelte in diesem Beleuchtungsfeld, wie eine kokette
Frau, die Männerblicke auf sich fühlt.
Er warb, obschon er genug hatte. Er warb weiter, weil seine Nerven eine
austrocknende Hitze bekamen und er sie nur aus dem Saale heraus
auffrischen konnte. Nun machte er auch keine Opposition mehr gegen die
sinnlosen Modestücke und spielte sie mit denselben kokettierenden
Anstrengungen wie die andern. Zugleich aber stumpfte sich sein
zugespitztes Feingefühl ab. Seine Musik war eine Funktion, die jeden Tag
um dieselbe Zeit begann, pauste, endigte. Die jeden Tag dieselben
Höhepunkte, dieselben Anstrengungen und Gleichgültigkeiten hatte. Er
verlor das Gefühl für Nüancierungen. Seine Empfindsamkeit war zum
Handwerk geworden und setzte Huf an.
Als diese innere Empfänglichkeit nicht mehr so sicher auf jeden Kontakt
reagierte, verlor er seine besten Waffen. Das Leben floß frei auf ihn
herein. Das hatte er ja immer gewünscht – das ungebändigte, riechende,
rundum raffende Leben. Aber so wie es die italienischen Musikanten und
die Gesellschaft des Nachtcafés ihm mischten, vermochte er es nicht zu
ertragen. Er war so blutjung und so leichtgläubig. Seine innere Spannung
ermüdete bald an diesem unklug und maßlos hochgespannten Leben und wurde
schlapp. Er sank wie an einer Stange herunter und merkte es nicht, weil
er noch immer die Bewegung des Hinaufkletterns machte.
Nun begann er auch, sein mit Energie geführtes Ausgabenbuch zu
vernachlässigen, und einmal, als er gar nicht mehr herauskam, weil er
schon eine Woche lang nichts eingetragen hatte, nahm er es und warf es
in den Ofen.
Er lud die Italiener oft zum Trinken ein. Sie lagen dann in dem Zimmer
der Männer, spaßten und zechten und erzählten sich aus ihrem Leben. Wenn
sie betrunken waren, küßten sie sich. Sie faulenzten und luderten
zusammen und duzten sich. Die innere Schranke war gefallen. Auf sein
Geld gab Baptist gar nicht mehr acht. Er verschwendete, unfähig, sich
eine Ausgabe zu versagen, die ihn lockte.
Einmal klopfte es an seiner Türe und als er Herein rief, kam Margherita.
„Margherita!“ rief er plötzlich aufgeregt der Unerwarteten zu.
Sie kam ruhig und ernst näher, lehnte sich vor ihm gegen den Tisch und
sagte mit einem herzlichen Ton: „Erinnern Sie sich Baptist, daß ich
Ihnen einmal nachts gesagt hab’, Sie seien besser wie wir und sollen von
uns weggehn?“
„Ja, und? ... Margherita? ... Sie wollen mich los sein?“
„Nein! Aber es ist Ihretwegen. Ich sag’s noch einmal, es ist die höchste
Zeit.“
„Weshalb?“
„Sie sollen nicht mit unsern Männern trinken!“
„Ja, aber ...?“
„Und nicht Ihr Geld verschwenden und nicht so spielen, wie Sie setzt
immer die Lieder spielen im Café, so gemein!“