Baptist stieg mit seinem leichten Geigenkasten in der Hand aus dem Zug
und ließ die Menge der Reisenden langsam um sich vorwärts fluten. Er
schaute angestrengt aus und sah auch bald den dicken Italiener wie einen
Wellenbrecher mitten auf dem Bahnsteig den Strom der hinausdrängenden
Reisenden auseinanderkeilen. Baptist hastete zwischen den Menschen durch
zu ihm und drückte ihm kräftig die Hand.
„Nun, gut gegangen?“ fragte der Italiener.
„Wie Sie sehen!“ antwortete Baptist.
Sie ließen sich dann gemächlich hinausschieben. Vor dem großen Tor auf
dem Platz Charles Rogier standen Margherita und ihr Bräutigam Paolo. Das
kleine schwarze Weibchen hatte sich mit einem großen Tuch vor der
herbstlichen Abendkühle geschützt. Sie war ganz hineingehutzelt, daß nur
das Äffchengesicht dunkel herauskam, und es war rührend für Baptist, die
beiden fremdländischen jungen Menschen so einsam an dem Platz am Tor der
großen abendlich entzündeten Stadt auf ihn warten zu sehen. Sie stürzten
ihm voll Freude entgegen und es war ihm, als wollte sich die kleine
biegsame Hand des Mädchens an seine Finger festkrallen, als sie sich zum
Gruß die Hände drückten.
„Wir nehmen einen Wagen zu eurem Hotel!“ sagte Baptist und er ließ eine
Droschke vorfahren. Das Hotel zum Prinzen von Flandern lag in einer
Sackgasse hinter der Grand’place. Es war eines der alten netten
Brüsseler Hotels, etwas dunkel, aber reinlich und einfach bürgerlich.
Baptist war froh überrascht, daß die Italiener so ordentlich wohnten.
Die Wirtin führte ihn selber in ein Zimmer, das im zweiten Stockwerk
über der Gasse lag und mit alten Möbeln und mit großgeblümten Vorhängen
an Fenster und Bett wohnlich genug aussah. Er fand seinen großen Korb
schon bereitstehn, Bett und Zimmer in wartender Ordnung, und es war ihm
warm, wohl und frei. Als er dann später in das kleine Eßzimmer
hinunterstieg, saß Margherita allein drin und nähte an einer farbigen
Schürze.
Baptist setzte sich auf die andere Seite des Tisches.
Das Mädchen sagte, ohne von der Arbeit aufzublicken:
„Rosa nicht Station. Solamente ich! Ist Zimmer schön?“
„Sehr schön!“ antwortete Baptist und war etwas verwirrt.
„Ich gesucht Zimmer!“
Sie schaute auf und winkte ihm ernsthaft zu. Und er errötete und war
gerührt und hätte das kleine schwarze Tierchen gerne geherzt und geküßt.
Dann sagte sie nichts mehr. Baptist schaute der Flinkheit ihrer kleinen
Finger zu. Ach, es ist schön so! Es ist schön so! bestätigte er sich
unaufhörlich. Schließlich kam Rosa. Sie blieb vor ihm stehen und hielt
ihm unbeholfen die Hand hin, die er drückte, ohne daß sie den Druck
wiedergegeben hätte. Sie lächelte schwerfällig und murmelte ein paar
italienische Wörter. Darauf ging sie sich neben Margherita setzen.
Baptist war enttäuscht. Er hatte sich dieses Wiedersehen anders gedacht.
Einer kam nun nach dem andern. Er drückte allen herzlich die Hand, und
sie setzten sich an ihre Plätze um den Tisch und lachten ihm zu. Dann
brachte ein Kellner das Abendessen.
Das Leben in dem kleinen Hotel nahm etwas zurückgezogen Einförmiges an.
Die drei Frauen bewohnten ein Zimmer, ebenso die Männer. Nur der Dicke
und Baptist hatten jeder ein Zimmer für sich. Das machte, daß sich die
Gesellschaft in kleine Kreise teilte.
„Wie ist’s?“ fragte beim Mittagessen am dritten Tag der Dicke. „Wollen
wir mal zusammen üben, Herr Battisto?“
Nach dem Essen gingen sie darauf alle in das Zimmer der Frauen, das
geräumig und hoch war und abwärts lag. Paolo schleppte einen Stoß Noten
heran und Baptist holte seine Geige. Während er die Noten
durchblätterte, zupfte der Dicke an den Saiten, beklopfte den Rücken und
schnitt dann eine Grimasse anerkennender Bewunderung, indem er mehrmals
den Mund zusammenzog, die Unterlippe weit herausdrückte und mit seinem
dicken Kopf dazu nickte.
„Prachtvolle Violino. Ein großer Suono!“
„Sie ist aus Ihrer Heimat!“ sagte Baptist.
„Oh nein!“ entgegnete jedoch der Italiener, „in Neapel macht man keine
so guten Instrumente.“
Er hob sie unters Kinn und strich ein paar Läufe. „Cremona, Cremona!“
sagte er und machte wieder seine anerkennende Fratze.
„Ja, Cremona!“ bestätigte Baptist.
Dann reichte der Dicke die Geige herum und alle zupften an den Saiten
und winkten wichtig und ernst, daß sie auch mit ihr einverstanden seien.
Baptist geigte alle die Lieder, die der Dicke ihm vorlegte, ohne
Schwierigkeit vom Blatt. Die meisten kannte er und vermochte sie
herunterzuspielen, ohne die Noten anzusehn.
„Das geht besser, als wie wir alle zusammen!“ sagte der Dicke beifällig.
„Aber nun auch noch Zusammenspiel! Avanti!“ Und er klatschte, zu den
andern gewandt, in die Hände.
An jedem Abend wurden nun einige Stunden geprobt. Baptist machte nach
und nach gegen einige der Lieder Einwände und sagte, die seien doch zu
dumm. Aber der Dicke setzte ihm einen querköpfigen und lebhaften
Widerstand entgegen.
„Sie kennen das Publikum nicht!“ rief er. „So, dies Lied da, dies: tra
la ti ta ta ... in den Bäumen geht der Wind ... hoho, das gefällt, das
müssen wir immer _da capo_ spielen. _È vero?_“ wandte er sich an die
andern, die ja nickten.
Ein besonderes und unerwartetes Ergebnis aber hatten diese Proben:
Baptist lernte in dem lebhaften Verkehr, in dem sie ihn mit den
Italienern hielten, ihre Sprache wie von selbst. Er badete sich
scheinbar in ihr, verlor jede Scham, die fremden Wörter heraus zu wagen.
Die Sprache flog ihn an.
Die ersten Tage leitete der Dicke regelmäßig genau und kritisch die
Proben. Aber dann blieb er weg und verließ das Hotel immer gleich nach
dem Essen. „Probt gut!“ sagte er zum Abschied. Einmal wandte er sich an
Baptist, bevor er wegging.
„Wir müssen ein Engagement bekommen. Es steht schlecht. Müssen das Hotel
jede drei Tage bezahlen und verdienen nix! Ich lauf immer herum und find
nix!“
Wenn er wieder einen halben Tag vergebens verfahren hatte, saß er am
Abend mit seinem schwarzen, faltigen Gesicht griesgrämig zwischen den
andern. Er trank viel und behandelte seine Leute wie mit einer nur
mühsam unterdrückten Roheit. Baptist hatte dann das Empfinden, als
bereite sich eine peinliche Verwickelung vor.
In diesen Tagen kam der Dicke einmal unvermutet zu Baptist aufs Zimmer:
„Kein Geld mehr! Alle, alle!“ rief er ihm zu. „Die drunten will
Bezahlung, aber ich kann doch nicht, ich verdien doch nix!“
„Nu, nu, Häuptling, das wird ja auch mal wieder anders werden!“ tröstete
ihn Baptist und reichte eine Hundertfrankennote hin.
Da war der Dicke sehr dankbar und sagte: „Oh, aber wenn wir jetzt mit
Ihnen spielen, dann werden Sie sehn, ganz Brüssel kommt. Wie Sie spielen
und mit Ihrer Violino und mit Ihrer Figur!“
Er ging wieder. Baptist nahm die Angelegenheit mit Humor und ergötzte
sich an diesem ersten Widerstand, der, wenn auch nur, ohne ihn selber
anzufassen, genaht war, und den er dann mit der kleinen Geste seiner
Gabe so leicht hatte brechen können.
Sonst hütete er sein Geld mit einer rechnerischen Sparsamkeit und es
machte ihm viel Freude, sein kleines Vermögen so sicher verwalten und
sein Leben so straff in den Zügeln halten zu können, daß seine Ausgaben
fast immer auf einen Centime nahe den Voranschlag deckten. Er führte
gewissenhaft Buch in einem kleinen Heftchen und lebte so mit einer fast
mechanisch funktionierenden Regelmäßigkeit.
Sein Leben schloß sich äußerlich eng an das der Italiener. Aber
innerlich hielt er sich ihnen doch wie mit einer mild abweisenden
Handgeberde, mit einer nicht merkbaren Überhebung fern. Trotz dieser
kleinen Schranke, die kaum sichtbar, aber für Baptist doch von
unentbehrlicher Wichtigkeit war, besprach er ernsthaft mit ihnen die
Möglichkeiten, bald in Brüssel spielen zu können, und beteiligte sich
mit ganzem Herzen an den naiven und manchmal unzarten Späßen, die sie
trieben. Da diese sich besonders gegen die Frauen richteten, so kam er
oft näher an Rosa heran. Er gewöhnte sich an ihre gutmütige
Schwerfälligkeit und vermochte sie öfters mit warmer Zärtlichkeit zu
umwerben, die sich unmerkbar rasch stets zu Anfällen heimlicher
Sinnlichkeit erhitzten.
An einem Sonntag im Oktober war der Dicke nicht am Mittagstisch. Aber er
kam plötzlich als sie probten ins Zimmer. „Haben wir, Kinderchen!“ rief
er noch in der Türe. Er hatte ein rotes Gesicht, war vergnügt und
drollig wie ein verliebter Frosch und küßte die Mutter der Margherita
feierlich zweimal auf jede Wange.
Er erzählte dann, daß sie am Donnerstag anfangen könnten in einem
Gartenrestaurant beim Bois de la Cambre. Ein großes Etablissement!
„Jetzt im Freien!“ rief Margherita entsetzt dazwischen und schüttelte
sich.
„Aber Liebchen es ist ja noch im Sommer. Und bei schlechtem Wetter
natürlich im großen Saal!“
... Oh, der Saal war schön, mit weißen Säulen, einem blauen Himmel mit
goldenen Sternen und einem Lilipütchen von Springbrunnen, das ganz süß
und s...s...s... zu der Musik plätscherte.
Der Dicke küßte zärtlich in die Luft hinein und alle lachten wie
erleichtert. Die Nachricht war gekommen, wie eine Musikkapelle plötzlich
am Ende einer Straße erscheint und mit fliegendem Marsch sich nähert. Es
tanzte allen in den Beinen. Baptist lief hinunter und bestellte drei
Flaschen Bordeaux. Sie sangen und scherzten, während sie die Flaschen
tranken, und ließen später noch zwei Flaschen heraufbringen.
Als Baptist nachher auf sein Zimmer kam und unter die üblichen
Tagesausgaben für fünf Flaschen Wein fünfzehn Franken eintragen mußte,
die die Wagschalen seines knapp gehaltenen Budgets schwer aus dem
Gleichgewicht brachten, da spürte er eine peinliche Reue. Er fing an,
mit kleinen Bruchteilchen von Franken und mit einer insektenhaften
Geduld einem Ausweg nachzurechnen. Erst als er klar vor sich
aufgebaut hatte, daß die fünfzehn Franken durch bestimmte kleine
Sparsamkeitsmittel in einem Monat wieder ausgeglichen seien, war er
zufriedengestellt.
Während der Tage bis zum Donnerstag erfüllte ihn dann eine fiebrige
Ungeduld. Seine Stimmungen wechselten zwischen der Angst, daß der
Vertrag schließlich doch noch zurückgenommen werden könnte, der leise
stechenden Scham, sich nun öffentlich mit der Geige herauszustellen und
der tiefen Lust, ein tätiges Leben aufzunehmen.
Es wurde unter der Leitung des Dicken wieder ernst und peinlich genau
geprobt. Die Frauen nähten Baptist weiß und blau gestreifte, locker
flatternde Hosen und rote weite Blusen mit umgeschlagenen Kragen. Das
war die Uniform der Kapelle. Für Sonntags war die Bluse aus roter Seide.
Er bekam zwei solcher Garnituren, zu denen die Frauen den Stoff aus
ihren Körben zusammengesucht hatten. Als er eines Tages in sein Zimmer
kam, lagen die beiden Anzüge sorgfältig über sein Bett gebreitet. Er
probierte sie einen nach dem andern an und lachte sich im Spiegel aus.
Aber er fand, daß das Feuer der roten Bluse sich sehr gut zu seinem
weißen Gesicht und den hohen schwarzen Haaren gesellte. Da ging er an
die Tür des Zimmers der Frauen pochen.
„Bin ich schön so?“ fragte er ins Zimmer hinein. Aber er blieb an der
offenen Türe stehen.
„Oh, oh!“ rief Margherita und schlug ihre kleinen Hände zusammen, „sehr,
sehr fein! oh, komm doch herein, Baptisto.“
„Nein, nein!“ antwortete Baptist lachend. „Es ist die Sonntagsuniform,
ich muß sie gleich wieder ausziehen!“
Er lief über den Flur nach vorne zurück und traf den Dicken in seinem
Zimmer.
„Ah, bravo!“ sagte dieser zerstreut, „sehr gut, sehr gut!“ aber er fügte
mit einer geschäftlichen Miene hinzu: „Hier, Herr Baptisto. Unter
Ehrenmännern ist es so Sitte, und ich hoffe, den Zettel bald wieder
zurücknehmen zu können!“
Er reichte ihm ein Papier. Darauf stand auf Deutsch:
„Unterzeichneter bescheinigt, Herrn Battisto 100 Lire schuldig zu sein,
wovon für Kostüme aus Tuch und Seide abzuziehen sind 25 Franken. Rest 75
Lire.