Endlich flüsterte Baptist hinab: „_Finito! Pss! Finito!_“

„_Bene!_“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon. Im Nu war es

stumm.

Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen. Er

zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen des schlafenden Hauses

hinab und auf die Straße. Die Laternen der Droschke leuchteten neben dem

Park und Baptist eilte ihr entgegen.

„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte.

Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher bückte sich vom

Bock über die Laterne.

„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile.

Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den Bock heran.

„Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden Laternen. Aber gelt,

leise!“ sagte Baptist flüsternd.

„Gewiß Herr Biver!“

Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park und pfiff

leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den Pfiff wiederholt,

ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen. Aber er hörte nichts

mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme: „_Italiani!_“

„_Signor Battisto, voi?_“ antwortete es neben ihm flüsternd aus einem

Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak ein wenig. Dann

lachte er über die Geschicklichkeit und Vorsicht, mit der die Italiener

ihren Auftrag erledigt hatten. „_Tutto pronto!_“ sagte eine leise

Stimme, und es rauschte geschmeidig im Gebüsch.

Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß ihn ab und

steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher Anweisung. Die

beiden Italiener sprangen in den Wagen und er rollte davon. Baptist

spazierte noch eine Weile in dem finstern Park hin und her. Dann ging er

ins Haus und in sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser

Nacht keine einzige Minute verschlafen würde.

* * * * *

Am nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen – als Hauptsache die

Abhebung von fünftausend Mark auf das Sparkassenbuch – bald gemacht. In

der Sparkasse hatte der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein

bißchen wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen

aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters zuvor mit einem

Papierstreifen überklebt.

Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte Klavierstunde im

Konservatorium und blieb dann bei einer Freundin zum Mittagessen, so

hatte sie Baptist hinterlassen. Er sah sie also nicht mehr, und das

schien ihm gut zu sein. Er strich ruhelos und heiß erregt durch das

Haus, weilte wiederholt in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu

Stockwerk und nahm zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den

Bücherschränken und den Bildern.

Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief und das

Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen lackierten Tischchens.

Er strich mit der Hand über die Möbel und über das Bett und über die

Wände und bat, sie mögen ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie

glücklich drinnen werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses

Abschiednehmens zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und

wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf hoch und

verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume, ging noch im

Garten zwischen den hohen reich bescherten Rosenstöcken auf und ab und

wurde dann zum Essen gerufen. Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er

trank viel Wein. Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er

mochte nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und

Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles zitterte leis

und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter

Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die Tonschwingungen ins

Vibrieren gebracht wird. Es war ihm, als sei er in Feuersgefahr. Er grub

das Gesicht in die kühlen weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen

Ecke, sprang dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum

Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat, das der Vater

durch ihn erlitten.

Sein Zug fuhr um halb vier.

Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen Geigenkasten

unter den Arm und verließ das Haus. Es war alles so feierlich und so

schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel, der in herbstlicher Reise kaum

noch am Zweig hält, und jeden Augenblick ins Gras niederklopfen will.

Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der alten

Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen Tiefe des

Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart und nüchtern bis an

ihre Kanten heran. Ein Stück weiter lief mit großen, plumpen Sätzen die

alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen engen Bögen übers Tal bis zum

Bahnhofsviertel hinüber.

Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese alte Landschaft

hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren Wanderlustigen – und

er konnte nicht antworten. Denn gegen diese Argumentation halb

verwichener Erinnerungen, die sich in der Zeit die weichen Leiber von

Müttern angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging,

seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das noch unbebaute

Glacis wie zwischen Spießruten hindurch zum Bahnhof und weiß der Henker,

als er vom Glacis in die Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch

dieses widerwärtige, proletisch rechnerische Produkt des modernen

Luxemburgs an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es wie

ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen er zu leben

gezwungen war.

Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der Bahnhofstraße

eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und hastete über das Trottoir

zum Bahnhof hinunter. Er wartete fast noch eine Stunde, in der die

gedämpfte Gewalt seines Innern widerstandslos ausbrach und wie eine

Feuersbrunst rasend um ihn herumsprang.

Dann flog der D-Zug in den Bahnhof, wie mit einem donnernden Ruf von

Triumph und Unternehmungskraft. Er trug Baptist davon und hüllte alle

die Zukunftsfreuden der jugendlichen fliehenden Seele in das brüllend

aufgewirbelte, schlagende Rasen seiner Flucht über die gedehnte

Hochebene der Ardennen, wie in den Sturz eines Wasserfalls.

Der Hafen(#76486) · 第 17 / 55 题