Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz ausliefern
und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten des Italieners
ernst seien.
„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte sich, daß er
damit immer eine letzte heimliche Macht in der Hand behielt.
Der Italiener winkte zufriedengestellt.
„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist.
„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen im Frühjahr
eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement, in einer großen
Bierhalle zu spielen. Wir wollten morgen mit dem Frühzug abreisen.“
„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus dem Lande
kommen.“
Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist sie
begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder so laut und
fröhlich.
„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein, „es darf kein Wort
in der Stadt darüber gesagt werden, daß ich mitgehe. Und ihr müßt mir
auch helfen, meine Kleider und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann
morgen mit dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“
Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd: „Wird gemacht
werden!“
Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von den Italienern
sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen sammeln, die Baptist an
einem Seil herunterließ. Der Koffer könne dann über das Geländer in den
Park geschafft werden, von dort auf die Straße und Baptist wolle einen
verschwiegenen Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof
bringe.
„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein Geräusch machen!“
Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten zu. Als sie sich
dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist zuerst allein.
Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken, die
flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern, malte er sich sein neues
Unternehmen aus. Er fluchte und lachte und watete, und ungemessen
stiegen die Hoffnungen auf ihn hernieder.
Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im Ausschreiten mit
sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei. Geld? Ach was Geld! Ich
weiß ja, wo davon ist. Es wird nun einmal ernst, was bis jetzt
Verlegenheit und unproper war. Er ist reich genug. Ich schädige
niemanden. Davon kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und
werde sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt habe,
muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja mehr, als die ganze
Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine Freundin, und die Margherita ...
ach, die Margherita! ... daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen,
wie es geht. Vielleicht liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist
im Gesicht nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran
nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von Stadt zu
Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel!
Jeanne!
Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken zu müssen.
‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist der Schwester.
‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und bist nicht glücklich! ...‘
‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche Unternehmen
gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal! Ich muß Jeanne das auch
schreiben. Ich werde ihr einen langen schönen Brief hinterlassen. Darin
steht so und so ... und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß
ich das Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘
* * * * *
Als Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand ihn gesehen
hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und schloß die Türe hinter
sich ab. Er ließ das geheime Schloß knacken, schob den Rolladen hoch und
nahm die Schlüssel von ihrem gewohnten Platz.
Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes. Es
lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen und in Scheinen drin. In
einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes Ledertäschchen aufrecht. Er
zog es heraus und sah, daß es mit Papieren gefüllt war.
Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere eins nach
dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge zunächst. Aber dann kam
etwas wie ein Heft, auf dem in Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die
Jahreszahl drunter zeigte, daß es die letzte Vermögensberechnung seines
Vaters war, die er in den Händen hielt.
Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen war die Sprache
geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist las sie, indem er seinen
Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte. Er sah bald leise Beziehungen sich
zwischen den einzelnen Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie
ein Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in dieser
heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens, in dem das
seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also ihr!‘ grollte er und
schlug mit den Knöcheln der geballten Hand in die Zahlenhaufen.
Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun Schritt für Schritt
verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit und seinem kleinen,
rasselosen Aufeinanderhäufen. Er konnte so hart und klar aus diesen
ordentlich gescharten Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses
Hauses herausheben und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich
zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude: hinter einem
Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und hadernder Gereiztheit: hinter
einem Minus eine Summe. Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die
kleinen, übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit
Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken hatten, während
er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen Peinlichkeit überwachen
mußte. Und jene andern Summen trugen die Namen der Herren, hinter deren
Rücken sein Vater lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre
Gespräche empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine
Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es war roh und
brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen waghalsige Ruhelosigkeit
mit Gefahr gespielt hätte. Es waren nur ungezählte, unruhige,
kleinmütige mit drei oder vier Nullen.
Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr Faber!‘ Und er
hatte die Summen auf der Hand liegen, wie armselige tote Tierchen, denen
man Fell und Haut abgezogen hat.
Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte sich in seinem
Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor das Genießerische und
bekam etwas Wehrendes. Es schnitt eine Grimasse mit dem schönen Gesicht,
kniff die träumerischen Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß.
‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so! Mit den
Muskeln!‘
Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und hob die
eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und ließ sie langsam
mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz nieder. Dann machte er
dasselbe mit dem linken Arm. Die Presse war gewichtig. Und die Übung
hatte seine ungeschulten Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu
den Zahlen zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb
dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist drang nun
in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah. Er dachte fast mit
zärtlichem Mitleid an ihn.
Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist kannte die
Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das alte Geschäftsjahr zu
beschließen und das neue zu beginnen. Heute war der 5. September. Also
waren die eingetragenen Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den
Konten: Kassa, Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch
kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in einem Anfall
von rebellierender Bitternis sie wegwischen. Aber hinter dem ‚Saldo als
Reinvermögen‘ stand fest wie ein eiserner Turm die Schlußzahl: