Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie in ein ...?
wie in was?“
„In _stufa, stufa_!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im Zimmer
herum.
Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief Margherita
auf einmal herüber: „In Ofen!“
Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf. Margherita hatte
sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem kleinen schwarzen
Äffchengesicht vermessen einen Augenblick anschaute. Dann lachte sie ihm
grinsend zu: „Offen, in Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die
Ecke, ob sie ihm nicht einen Ofen vor Augen führen könnte.
Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s angenehm, wenn
wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit seinem Daumen über den
gebogenen Arm.
„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die Schulter. Der
Dicke hob die Hand mit einem: ‚_avanti_‘! Die Burschen sprangen auf und
brachten die Instrumente heran.
„_Vieni sol mare?_“ fragte der Häuptling, verständnisvoll lächelnd und
Baptist winkte mit einem Lachen zu.
Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen vor ihm in
einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium bei Hiltchen und
spielten. Aber sie waren heute nicht alle so wie gleich gehobelt. Jeder
war über Tisch wieder einmal er selbst geworden, hatte sich losgelöst
von dem Beruf auf dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders
unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange zweite Violinist
mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht, dessen
Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige kitzelten, wedelte gefühlvoll
mit dem langen, flachen Körper zu seinem Bogenstreichen.
Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden Kopfwinken
Baptist seine Geige hin.
Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins Zusammenspiel
hinein und führte es mit der nachdrücklichen Kraft seines Spiels davon,
wie eine Windbö ein paar Segler mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne
steigen, als erreichten sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels.
Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände klatschten,
drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen Baptist an, daß ihr
dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er faßte sie lachend unters Kinn
und sagte, auf ihren Bräutigam zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“
Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck den Rücken. Da
schauten die kleinen schwarzen Augen des Mädchens Baptist entflammt an.
Wie ein fordernder Blitz schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken
bäumten sich eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke
Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm unter und
zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit einem Auge zu und warf
mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit hin: „Das wär was für Sie!“
Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita.
„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen die Weiber in
die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für welche! Da ist die Rosa eine
Henne dagegen!“
Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse prächtiger Frauen.
„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er schnalzte mit der
Zunge.
„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht.
„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns. Ich gebe Ihnen
die erste Violine zu spielen!“
Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an.
Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe, und dann war es,
als sauste der Vorschlag des Italieners wie ein Anker in ihn hinein, biß
sich mit einem einzigen, ganz kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz
fest und zog ihn wonnig davon.
Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in Baptist.
Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der Umgebung, des
Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst, alles klar, alles Freude und
Lust, und er – thronend über den Dingen!
Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter und schüttelte
ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er.
Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß aber nicht, ob
Sie so leben können wie wir? So einfach!“ Mit einer Handbewegung deutete
er auf den Tisch, „so geht’s nicht bei uns zu!“