Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute sich an der
unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in sein Geschick
mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine Angelegenheit vor das
Kartenkollegium gebracht hatte; vor diese Versammlung kleinbürgerlicher
Rechner, mit denen sein Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm
mehr gingen als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn
bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse noch zu sehr
die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen hereingeackert hatte, an
seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte diesen Proleten Hamilius, der
wie ein Hofköter hinter dem schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um
seine rücksichtslose Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede
Wurstpelle zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht
vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es sein
Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der väterliche Plan
war.
Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich von einer Last
befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“ sagte er vergnügt, faltete
die Zeitungen geschäftig zusammen und ging, die Blätter in die Tasche
schiebend, auf die Türe zu. „Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“
meinte er noch, während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag.
Das geht dann wohl nicht.“
„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“
Dann entfernte sich sein Vater.
Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine Gedanken lagen
wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei Schritte weit hinein. Dann
schloß sich ihr Gemengsel zu einem unklaren Dickicht, in dem sich, wie
etwas unerhört Rohes, aber doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den
er gestern mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte.
Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte.
Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen.
„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist.
„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie räumte auf dem Tisch
herum. Dann fragte sie vertraulich: „War es schön gestern Nacht, Herr
Baptist?“
Baptist erschrak.
„Was wissen Sie denn, wie es war?“
„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“
„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“
„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“
„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich in Ordnung,
und das Gespräch des Mädchens reizte ihn.
Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch
unzufriedenen Gesicht das Zimmer.
Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich zum Schein
an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten und er versuchte auch
gar nicht anzufangen. In das Gespräch seines Vaters mischten sich
unerbittlich die Erlebnisse der Nacht, und beides wollte nicht
ineinander aufgehn. Es war wie zwei Welten, die sich an einander rieben:
die Sorge des äußern Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus
dem Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich die
Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener unaufhörlich
grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung an diese leibhafte Tat
Baptist etwas wie eine Erlösung in dem Verfließen aller andern
Vorstellungen wurde.
So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den Park zur
Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte.
* * * * *
Auf der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken zwischen den
Reihen der langsam zum Sonntagsleben erwachenden Buden auf die Baracke
von Hiltchen zu. Die Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der
sonnig begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt an
den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier. Baptist setzte sich
abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein. Ein fremder Kellner bediente
ihn.
„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist.
„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete der Bursche
mit wichtigtuender Aufgeblasenheit.
„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf einen Zug leer
und ging wieder.
Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne durch
eine der schattenlosen Budenstraßen schritt, sah er unerwartet den
dicken Italiener vor sich.
„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut. „Ich suchte Sie
grade bei Hiltchen.“
Der Italiener drückte ihm lässig die Hand.
„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer Schaden für uns!“
fügte er nach einer Pause hinzu.
„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich Sie
entschädige.“
Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu.
„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich einsprangen!“
fuhr Baptist fort.
Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle. Er konnte
nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen. Sie reichten ihm mit
lebhaften Worten alle nacheinander die Hand und schüttelten die seinige,
zuletzt Rosa, und sie fingen an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit
gespreizten und geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers
ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch die
paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet hatten,
und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita drängte sich an ihn
heran und tupfte sich mit dem winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe,
riß dann die Augen auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte
immer, indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh, oh,
oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem sanften Mitleid
ihrer gutmütig dummen Augen an und die andern turnten, hüpften, lachten,
drohten und schimpften um ihn herum.
Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald ruhig. Nur
Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht beendigen. Die
Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an. Aber er verstand nicht,
worum es sich handelte.
„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke.
„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir feiern zusammen
Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein, und dann bringen wir auch
die andere Sache in Ordnung. Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am
Bahnhof kommen?“
„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte die
Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja!
In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists Schwester vorbei und
drehte sich auffällig weg, indem sie die Nase rümpfte. Da genierte sich
Baptist der Gesellschaft, zog den Hut und machte sich rasch davon. An
der Ecke, an der er die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem
Professor Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor
Verwunderung, daß der Schüler hier und nicht hinter seinen Büchern war,
einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete, weil er an den
Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon morgen mit diesem Manne
verband. Er lüftete verwirrt den Hut und drückte sich dann rasch in den
Park hinein.
* * * * *
Als Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war seine Schwester im
Garten zwischen den Rosen.
„A, Jeanne!“ grüßte er.
„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne ihn gleich an,
„Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat ein Telegramm bekommen. Was
fangen wir an?“
„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen. Ich bin schon
belegt. Ich muß bald weg!“
„Darf man fragen – wohin?“
„Nein, das darf man nicht!“
„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in dem dichten
Rosenstock.
„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist.
„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt im Bahnhof sein
muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“
„Ja, ja!“ lachte Baptist.
Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er hatte gefürchtet,
daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein könnte, denn er mußte zu Haus
mit essen. Jetzt war er schon gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann
schlenderte er über die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins
Hotel Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes den
Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing an, auf
die Italiener zu warten.
Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer gewissen steifen
Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht und ordneten sie
in einer Ecke zusammen. Als sie sich um den Tisch setzen wollten, wies
der Dicke die Plätze an. Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber
den Stuhl an der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen
Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun Personen,
die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen. Baptist
hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt, indem er die
Nationalität und die Gewohnheit der Lebenslage der Gäste gegen die
Gebräuche seiner heimatlichen Küche aufrechnete. An Weinen stand ein
leichter Mosel und ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen
sich, wer davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer
Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein kleines
Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete Huldigung für
die Italiener.
Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das störte seine
Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken! Die Hauptsache ist ja
nicht für sie, sondern für mich – die Absicht, die wie ein Kern in der
Schale liegt.
Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet zwischen ihnen, und
es machte ihm Schwierigkeit, immer den Dicken als Dolmetscher
heranziehen zu müssen, wenn einer ihn anredete oder er selber einem
etwas sagen wollte. Es hatte etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen
zu sitzen und sie mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten
der fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte,
miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches zum
Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch. Er kam sich
unsicher und wie verraten vor.
Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit ihren Verkehr
beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger hinein, trank Rosa,
Margherita und ihrer Mutter, auch den Männern zu, und als er ein wenig
getrunken hatte, während zugleich die Italiener ihre Schüchternheit
immer mehr abwarfen und sich mit immer eindringlichern Gebärden und
Wörtern an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang der
Unterhaltungen.
Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies den Damen dieselben
galanten Aufmerksamkeiten, die er sich gegen die Freundinnen seiner
Schwester angewöhnt hatte. Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus.
Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen und dem Wein.
Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes, eine verlangende Schläfrigkeit.
Baptist fühlte, wie die andern ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der
Dicke drehte ihnen schon halb den Rücken.
Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen Dinge, die er ihr
sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte, die er aus der fremden Sprache
kannte, und die Lücken durch Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er
fast rein aus Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes,
das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte und einander
entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre Schenkel stießen. Diese
Berührung wurde ihm ein Ausdruck seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht
mehr auf, und der fortwährende körperliche Kontakt erhitzte das
weinvolle Blut der beiden noch stärker.
Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen ein
paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als glaubte sie sie nicht. Das
war ein Spielchen, das sie eine geraume Weile mit Lust pflogen. Aber
Baptist neigte sich plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse
Gebräuntheit jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine
Wärme auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte, ernster
geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit: „Willst du jetzt
mit mir allein sein?“