Die Villa Biver war in jener Zeit gebaut worden, wo die Stadtverwaltung
so wenig Gewissen und Geschmack besaß, daß sie sich bereit fand, an
Private sozusagen ohne Entgelt und nur aus Liebenswürdigkeit und
Vetternschaft die schönsten Winkel ihres alten Parkes aufzuteilen. Die
Villa hatte sich in eine Ecke geschmiegt, die an der Kante des Plateaus
den Park zur Seite des Petrustales beschloß. Zwanzig Schritte von dem
gußeisernen Tor der Villa verlor sich gleich ein Weg in das Baum- und
Buschwerk des Parkes und schlängelte sich heimlich und verlassen dahin.
Alle fünfzig Schritte leuchtete eine altmodische Gaslaterne mit einer
offenen flackernden Flamme rot und düster in einem Strauch. Einmal
umfaßte ein dünner Kreis von solchen Laternen das alte dunkle Gewese des
ehemaligen Forts Louvigny, das seit drei Jahrzehnten vergeblich drum
warb, die Vergnügungsstätte der Luxemburger zu sein. Es lag jeden Abend
verlassen und wie lauschend im Gebüsch. An zwei Stellen schnitten
Straßen breit durch den Part. Sie waren fast ebenso verlassen, wie die
verschwiegenen Pfade im Innern. Nur brannten modernere Gaslichter an
ihren Rändern. Diese Straßen verbanden das neue Ringviertel mit der
Stadt; denn der Park zog sich wie der Gurt eines Stadtwalles im Bogen um
das alte Luxemburg, wo es mit der Hochebene zusammenhing, so daß, als
die Stadt sich ausdehnen mußte, sie jenseits des Parkes den Raum dazu
nahm. Dort auch, aber an dem entgegengesetzten Ende der Villa Biver lag
auf einem alten Glacis das Schobermeßfeld.
Baptist schritt schnell im dunklen Weg ihm entgegen. Drei oder viermal
streifte er Liebespaare, die sich in den Schatten der Finsternis
schmiegten. Alle diese Stellen, über die er ging, waren von Erinnerungen
trächtig. Baptist eilte heute an ihnen vorbei und wischte sie mit einer
Handbewegung weg, wenn sie sich nähern wollten. In der lautlos
gereinigten Nacht scholl das wilde Geräusch der Kirmesmusik auf dem
Schobermeßplatz und verlor in der Entfernung keine Einzelheit. Aber es
dämpfte sich zu einer Wirrnis von haarscharfen, kleinen Tönen, die
durcheinander tollten. Es war wie unverrückbar festgebannt auf seinen
fernen Platz und Baptist schien es auf einmal, als sehe er das
nächtliche Land, das ihm noch grade so voll naher Versprechen gewesen
war, durch ein umgekehrtes Opernglas, ganz sein und kühl geschärft in
allen Umrissen, aber weit, unerreichbar weit entfernt.
Zugleich schlug der Nebel zwischen den Bäumen heran. Er war feucht und
kühl und trug wieder den herben Duft von Vergehen und Tod. Der Park lief
mit seiner ganzen Breite auf die Kante zu, unter der sich das Alzettal
schroff in die Tiefe senkte, und hörte auf einmal mit einer Wehr von
runden starken Eisenstangen zwischen Steinkegeln vor dem Abgrund auf.
Unten im Grund lag die Vorstadt Pfaffental und seitwärts öffnete sich
das enge grüne Tal der Alzette, das langsam an schonen Tagen die
Schenkel seiner einfassenden Hügel weit auseinander dehnte und weich,
lieblich und lau wurde. Aus diesem Tale kam der Nebel herauf.
Baptist kannte die Poesie dieser Stelle am Rande der Tiefe! Diese
verruchte Poesie der Luxemburger Landschaft mit ihrem bescheidenen
Gewähren, ihrer Lieblichkeit einer schönen Magd, mit ihrer kleinen,
etwas trockenen und spröden Traurigkeit.
Und er ging sie zu genießen, gradaus weiter, trotzdem schon über der
Villenreihe, die eng geschart die Rücken dem Parke kehrte, der von den
Lichtern der Karussels und Buden der Schobermesse gerötete Himmel wie
eine schwarzrot illuminierte Glocke unter der Nacht lag. Baptist mußte
wieder einmal diese Poesie aussuchen, die ausgestattet war mit tausend
Alltagen seiner Erinnerungen, tausend Alltagen seiner stummen,
handlungslosen Erlebnisse.
Der Nebel kam immer dichter zwischen den Bäumen. Er ging wie kühle
Tücher um den nächtig Einsamen. Baptist wußte, weil er es so oft erlebt
hatte, daß der Nebel dem Tal entstieg, wie dem Schacht einer Quelle, daß
er sich bleich opalen und lautlos durch die Nacht dehnte, langsam
wanderte, traurig und resigniert war, wie ein stilles Unglück, das sich
in einem Haus am Platze einer kleinen Stadt der Heimat mit Bewegungen
vollzieht, die nicht nach außen dringen dürfen.
Baptist wollte über die breite letzte Straße schreiten, hinter der nur
mehr ein Parkviertel, kaum hundert Meter breit, vor der Tiefe lag. Da
sah er den kleinen Pferdebahnwagen herankommen, der in der
Schobermeßzeit bis zum Budenplatz fuhr, sonst aber schon am letzten Haus
der Neutorstraße seinen Weg beschloß. Er ging ihm, der bequem und etwas
alt daherpolterte, auf den Schienen entgegen. Der Kondukteur trillerte
mit der kleinen schwarzen Holzpfeife. Baptist trat etwas zur Seite und
sprang auf, als der Wagen ihn erreicht hatte. Er war der einzige
Fahrgast.
„Aha, auch noch zur Schobermesse, Herr Biver!“ begrüßte ihn der
grauhaarige Kondukteur.
„Man muß es ausnutzen. Morgen ist der letzte Tag!“ antwortete Baptist.
„Ju, ju!“ bestätigte der Alte und hieb dem kleinen Pferd eins über. Bald
trillerte er noch einmal grell und energisch mit seiner Holzpfeife. Die
Schienen liefen in den Sand des Bodens hinein. Der Lärm von hundert
Orgeln klopfte sich durcheinander heran, als das Prasseln und Klirren
des Trambahnwagens einhielt. Durch den Eingangsspalt über die Ecke
funkelten Streifen und Kugeln von Licht. Schwarze Menschen wogten wie
flüchtige, umleuchtete Schatten langsam davon. Der Lärm der Musik schrie
harthörig und dickköpfig gegen einander, Ton gegen Ton, Orgel gegen
Orgel. Aus den Karussels qualmten dunkle Rauchwehen, die der Abendwind
erfaßte, in den grellen Kanal der Lichter niederdrückte, daß sie einen
Augenblick schwarzgolden waren, und dann zwischen den Budenreihen in den
Gesichtern der Menschen zerstäubte. Über dem Feld schwebte schon der
Nebel und rötete sich blaß und weit hinauf an der Glut der Lichter.
Baptist drang in die Stadt des Feuers und des Lärmens hinein. Er ging an
dem funkelnden Glitzern der zuckerduftenden _Abondance des douceurs de
Nancy_, an rasselnden Karussells mit Schiffen, Autos und hin und her
zappelnden Schimmeln, an der Friture vorbei, deren Kabinen heute leer
waren, an dem _Alcassar de Paris_, aus dem die krähende Stimme einer
französischen Soubrette wie eingewickelt in einen Dunstschwaden schalen
Biergestankes kam; er ging schnell dahin, geradeaus auf die große
Holzbaracke von Hiltchen zu, in der die italienische Kapelle spielte.
Als er eintrat, sah er gleich im Grunde des tiefen, mit Tüchern, Fahnen
und Tannengirlanden verhängten Lokals die Gruppe der Musikanten in
bunten Kleidern aufrecht stehen, spielen und fingen, und Rosa stand vor
ihnen und schüttelte das Tamburin auf ihren Fingern. Sie war untersetzt
und leidenschaftslos und konnte ihre Hüften nicht biegen. Sie schlug das
Tamburin, als müßte sie eine Last heben. Baptist sah gleich ihre
schweren Hände. Ein Gefühl von Mißbehagen ergriff ihn. „Eine Magd!“
sagte er sich und wollte davoneilen.
Aber da sprangen oben in der Nähe der Kapelle zwei Menschen auf und
winkten ihm eifrig zu.
Baptist ging zwischen den Tischen durch zu seinen Bekannten und setzte
sich neben sie. Er war jeden Abend mit diesen beiden zusammen. Er hielt
sie neben sich, wie Angestellte, wenn er nicht gern allein sein mochte,
und bezahlte immer, was sie tranken.
Als er sich setzte, bemerkte er, daß die Italiener ihm grüßend mitten im
Spiel zuwinkten. Aber er tat, als sähe er es nicht.
„Batti, kuck, die Jitzkos wollen dir Guten Abend sagen!“ stieß ihn Adolf
an. Da erwiderte er flüchtig die Grüße.
„Die Rosa hat vorhin gefragt, ob du nicht kämest!“ begann Adolf wieder.
„Was liegt mir an der Rosa!“ sagte Baptist ärgerlich.
„Nachher wirst du das nicht mehr sagen!“ lachte Adolf anzüglich und
rollte mit einem Fluch die Augen dazu, als kostete er im vorneherein
schon etwas übertrieben Genießerisches, was Baptist nachher widerfahren
sollte. Aber der Fluch und das Augenrollen waren falsch, wie ein
geschliffener Glasdiamant am Finger eines sonntäglich geputzten
Bierknechtes. Adolf drehte seinen langen braunen Schnurrbart, der wie
aufgeklebt im Gesichte saß, und lachte, als hielte er nur mit Mühe
zurück, indem er mehrmals mit der Hand auf den Schenkel schlug.
Der Dritte, der ein dünner, blonder Realschüler war, während Adolf schon
seit zwei Jahren in der „Regierung“ schrieb, saß in ruhigem, kostendem
Behagen da, lächelte mit seinen rot umränderten Augen, trank und
schwieg.
Mittlerweile hatten die Italiener ihr Lied heruntergegeigt und gezupft.
Der dicke, schwarzhaarige und schwitzende Kapellmeister und Manager, der
aussah wie ein cholerischer deutscher Bierwirt, kam zu Baptist heran und
gab ihm die Hand. „Wie gehts?“ fragte er lässig auf Hochdeutsch. „Hab’
einen Durst so lang, um dran bis an die Wolken zu klettern! Holla,
Garçon so einen großen Münchener!“
„Ach,“ sagte Baptist, „man kann ja der ganzen Gesellschaft einen
aufführen lassen! Ändri, für alle!“
Der Kellner Andree machte einen ergebenen Diener und ging davon. „Na
ja!“ bestätigte der dicke Italiener.
„Das schlägt Ihnen an bei uns, was?“ machte Adolf und tippte den Dicken
auf den Ranzen. Der blonde Realschüler grub lächelnd seine roten Augen
in den Bierkrug. Der Dicke lachte und schmatzte zwischen den schwarzen
Haaren seines Bartes heraus: „Makkaroni!“
„Einen alten Dreck, Makkaroni!“ warf Adolf mit einer sich wehrenden
Armbewegung hin. „Schweinekoteletti, Bierio, hä Italiano? Daher die
dicke Trommel, bum, bum!“ und er tat, als schlüge er ihn auf den Bauch.
„Makkaroni! – Erstick dran!“ sagte er noch einmal wegwerfend. Der
Italiener lachte, daß alles an ihm in ein kurzes Schaukeln geriet. Seine
kleinen gemeinen Augen kniffen sich zu und stachen funkelnd zwischen den
Augenlidern heraus, daß es aussah, als entfielen ihnen kleine glitzernde
Küglein.
Da kam Rosa und hielt das Tamburin hin, zuerst dem blonden Realschüler,
der einen Sou hineinlegte, darauf Adolf, der sie verbindlich anlächelte
und nichts gab. Sie zog das Tamburin schnell zurück und errötete. Dann
schaute sie zu Baptist hin, lächelte ein bißchen mit ihrem unbeweglichen
Gesicht und winkte ihm zu, indem sie ihm leise sagte: „_Bona Sera,
Signor!_“ Sie sprach kein einziges Wort einer andern Sprache.
Baptist reichte ihr an dem Kapellmeister vorbei die Hand. Sie wunderte
sich etwas darüber und begriff seine Bewegung nicht gleich. Aber ihre
leise und unaufdringliche Art hatte Baptist versöhnt. Er unterschlug
sich ihre Hände und sah nur das ruhige Gesicht, das zu einem sanften
Oval gebildet und lieblich war und die Sonne der Heimat wie einen
zarten, blaßbraunen Reif auf seiner Blondheit trug.
Baptist legte eine Mark in das Tamburin, und die Italienerin nickte
wieder mit ihrem etwas schwerfälligen Lächeln und sagte ein leises:
„_Grazie!_“
Sie ging auf das Podium zurück, und Baptist schaute sie immer an. Es war
ihm wohl und es hatte ihn erlöst, daß er wieder einen Weg zu ihr
gefunden hatte. Der dicke Italiener spaßte weiter mit Adolf. Der
Realschüler hockte sozusagen nur nebenan, wie ein Kinderfräulein bei
einem Ausflug am Tisch ihrer Herrschaft, und beteiligte sich nur durch
lächelnde Mienen.
Als der Italiener ging, um ein neues Stück zu spielen, sagte ihm
Baptist: „Aber gelt, Häuptling, keins von den dummen, die Ihr immer
spielt. Lieber: ‚_Vieni sol mare!_‘“
„Wie Sie wünschen, Herr!“ und die Italiener spielten das Lied. So oft
der Refrain kam, standen sie alle auf und sangen zur Begleitung der
Geigen und Mandolinen: ‚_Vieni sol mare ...!_‘
Und die Melancholie, die Verliebtheit, das süße Leid eines andern,
bunten Volkes erschienen Baptist aus der schwermütigen, weichen Weise.
Das Meer ebbte dunkelblau und sanft. Die Sonne lag drauf wie ein Traum.
Die Ferne stand auf und war voll stiller Einsamkeiten, voll stiller
Wanderwinkel, nach denen Baptist sich sehnte. Er schaute Rosa an, und
ihr liebliches Gesicht, das kein Bewußtsein von sich selbst zu haben
schien, lächelte ihm bisweilen schwerfällig zu.
Ob sie ihn liebte!
Nein, nein, sie liebte ihn nicht. Weshalb sollte sie ihn lieben? Weil er
immer hier sitzt und sie anschaut? ... Er hat noch kein Wort mit ihr
gesprochen. Weshalb sollte sie ihn lieben? Vielleicht war einer der
Musikanten ihr Schatz? Was war auch gleichgültiger als das? Sie stand ja
nur mitten im Lied, mitten in dem Glast des fernen Landes, das mit
seiner Melancholie, seinem funkelnden blauen Meer sich hinter ihr
ausbreitete.
_Vieni sol mare ..._
Es war der Rhythmus von Verzichten, von der traurigen Süße jenes
Verzichtens, in dem man erst recht besitzt. Vor vierzehn Tagen war sie
gekommen. Er hat sie jeden Tag gesehen, hat jeden Tag hier gesessen und
mit Blicken um sie geworben. Morgen wird es das letztemal sein. Und dann
sieht er nicht einmal mehr die Spur, vor der sie davonging! Die Poesie
des Vorüberziehens, fern und keusch!
Aber es war nicht traurig, das so auszudenken. Es zog auf in Baptist wie
die blanken Scharen weißer Wanderwolken an ersten Sommertagen. Seine
Phantasie wanderte und schweifte. Weiten öffneten sich vor ihm, er
brauchte nur hineinzuschreiten. Er war reich und besaß Macht wie ein
Fürst. Eine heiße Fröhlichkeit brach in ihm empor, wie eine zum Himmel
steigende Schwalbe.
„O Jungen,“ rief er auf einmal, „jetzt wird Champagner getrunken!“ Er
winkte dem Kellner: „Ändri, Änder, her mit dir!“
Der Kellner kam ergeben herangestürzt.
„Jetzt bring in einem Faß voll Eis eine Flasche _Moët dry_! oder lieber
gleich zwei! ... Wir wollen mal sausen!“ sagte er den beiden andern, und
die wackelten auf ihren Stühlen und lachten und lächelten. Adolf schlug
sich wieder mit der Hand auf den Schenkel, als klopfte er Lustigkeit da
heraus. „Batti, Batti!“ lachte er.
„Wir wollen sausen, daß Luxemburg über Nacht zum Kaiserreich wird!“
Bald kam der Kellner mit den bestellten Flaschen. „So, Ändri!“ sagte
Baptist, „Nun zählen Sie mal die Gesellschaft auf dem Podium und setzen
Sie ebensoviel Gläser auf ein Tablett und dann bringen Sie auch zwei
Flaschen dahin!“
* * * * *
Über die elfte Stunde wurde es leerer in dem großen Raum, der von dem
trockenen und erhitzten Geruch ungestrichenen Fichtenholzes erfüllt war.
Die Bürger rückten heimwärts. Aber auf ihre Stühle setzten sich die
Junggesellen der Stadt.
Die Junggesellen waren im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine Kaste.
Es war eine Kaste, die sich einigermaßen außerhalb von Sitte und Gesetz
gestellt hatte, aus eigener Macht und mit der notwendigen
Rücksichtslosigkeit, denn sie bildeten einen zahlreichen und vielleicht
den wichtigsten Stand in der Gesellschaft von Stadt und Land. Eine
Hauptsache vor allem hatten sie sich gesichert: Die Legitimität ihrer
Maitressen. Die Gesellschaft der kleinen Stadt mußte sie duldend
anerkennen, bis die Verlobung dem anarchischen Stand ein natürliches
Ende bereitete. Aber sie rächte sich dafür, indem sie von diesen Damen
witzige Streiche erfand und verbreitete und ihnen Spottnamen anhing, wie
z. B. das Petrolkännchen oder das Gaslaternchen, der Kaffeesack ...
Namen, unter denen sich für Eingeweihte meist derbe Ergötzlichkeiten
verbargen.
Mit diesen legitimen Maitressen erschienen die Junggesellen, alte und
grüne, bei Hiltchen und besetzten die großen Mitteltische. Um jedes Paar
schwänzelten einige leichtsinnige Ehemänner herum, denen das Privileg
der Junggesellen nicht zugebilligt worden war, und machten den Damen
eindringlich den Hof. Es wurden Krebse und Champagner bestellt, nachdem
man von irgendeinem kräftigen Hotelsouper gekommen war, und die
Heiterkeit schickte derbe Scherze los, dröhnte zu dem Holzdach hinauf
und polterte durch das ganze Lokal.
Da erschien drunten in der Eingangstüre ein Mensch, der plump, knorrig
und verbeult aufgeschossen war, wie ein Birnbaum, der an einem Hügel
wächst. Er ging langsam zwischen den Tischen durch. Sein Kopf saß etwas
kegelig gespitzt auf dem langen Leibe und hatte eine mächtige,
flachgedrückte Entennase, wie eine Last zu tragen. Ein Büschel
schmutzigblonder Haare flatterte unter ihr über die Lippen. Im ganzen
Lande kannte man diesen Menschen wegen seiner Häßlichkeit, und man
sagte: Der oder der ist häßlich, wie der Heng aus Esch.
Herr Heng war von Haus aus Arzt gewesen. Man hatte ihm aber bald die
Praxis genommen und ihm auch zeitweilig die Freiheit entzogen. Das war
wohl schon lange her und so gut wie vergessen. Aber er war dann in die
Welt gewandert, hatte ihre Härte erfahren und war zurück nach der Heimat
gekrochen, wie ein geschlagener Hund. Er saß nun in dem jungen und
unkontrolliert wachsenden Eisenerzstädtchen Esch und heilte die
Jünglinge, die sich scheuten, zum Arzt in Amt und Würden zu gehen, von
ihren heimlichen Krankheiten. Man ließ ihm diesen Erwerb, weil er aus
einer angesehenen Familie war, der man den Skandal vermeiden wollte.
Dieser Herr Heng, der zu allem noch ein Trunkenbold und Raufer geworden
war, ging an den Tischen der Junggesellen vorbei und hob rümpfend die
Nase hoch, als röche es nicht gut in dieser Gesellschaft. Seine großen
gefleckten Giraffenaugen schlugen dabei klappernd jedem der Reihe nach
ins Gesicht, und er räusperte sich herausfordernd vor jedem der
Junggesellen, während er die Stelle, wo eine Dame saß, immer nur mit
einem verächtlichen Blick streifte. So ging der Ausgestoßene an diesem
erlesenen Teil der Gesellschaft vorbei. Aber die Junggesellen leerten
scherzhaft ihre Mißachtung über ihn aus. Sie lachten und sagten laut
unter sich Scherze über den Herrn Heng.
Als er an den Tischen vorbei war, schüttelte Herr Heng den ganzen Körper
und fing an zu wiehern wie ein Pferd, worauf die Tische der Junggesellen
mit allen Damen vor Lachen in ein verrücktes Durcheinanderschaukeln
fielen. Herr Heng drehte sich aber nicht mehr um, sondern ging mit
seinem krummen Stolz zwischen den Tischen weiter, bis er die
Gesellschaft Baptists sah. Da schritt er stracks auf diesen Tisch los,
ließ seine großen dummen Giraffenaugen einen Augenblick über Baptists
Kopf drohend klappern und setzte sich, während Baptist anfing
loszulachen, an den Nebentisch.
Der Wirt war aus dem Verschlag herausgetreten, von dem aus er das Lokal
überwachte. Er stand ernst und würdig in seinem zweigezackten schweren
grauen Bart zwischen den Tischen und hielt Herrn Heng mit den Augen
fest, wie ein General das Schlachtfeld in das Bereich seiner Blicke zu
konzentrieren sucht. Er winkte, aber daß man es kaum merkte, den
Kellnern eine Ordre zu, und dieses Heer schien heimlich bereit, auf das
erste Kommando des Befehlshabers auf Herrn Heng loszustürzen. Die
Italiener strichen, zupften, rasselten und sangen vom _Bello Napoli_,
von dem _Sole mio_, von _Amare e morire, danzare e baciare_, vom _Mare_,
von der _Santa Lucia_ und der _Bella Annita_, von den _Funiculi_ ... Es
war Leben in sie gekommen bei dem Champagner, und die Männer begleiteten
ihr Spiel mit Grimassen und schlugen mit den Beinen dazu wie Frösche,
die im Gras auf dem Rücken liegen und mit Fliegen spielen, die sie
kitzeln wollen.
Die kleine Margherita, die schwarz und kraus war wie ein Äffchen, hüpfte
vom Podium herunter und stieß mit ihrem Glas mit Baptist an. Mit ihm
allein. Ihre kleinen schwarzen Augen lachten ihn an, daß der Blick ihm
wie ein heißer Tropfen ins Herz fiel.
„_Evviva Margherita, la bella Margherita!_“ sagte Baptist leise und
erhitzt.
Aber dann kam auch Rosa langsam und schwerfällig, lächelte wie unbewegt
und stieß mit einer etwas plumpen Gebärde gegen sein Glas, so daß ein
wenig von ihrem Champagner auf seine Knie geschüttet wurde. Da stellte
sie ihr Glas ab, nahm erregt das Taschentuch, um die Weinflecken
abzuwischen. Ihr Gesicht bückte sich dabei zu Baptist nieder und er sah
dieses sanfte, gebräunt blonde Oval in dem leisen Dunst des beginnenden
Rausches, wie etwas unerhört Zärtliches nahe bei sich. Er zog es heran
und küßte leicht die Wange.
Rosa fuhr zurück, langsam und geniert, und die Italiener lachten und
tranken Baptist vom Podium aus zu, einer nach dem andern.
Aber dieser Vorgang erregte das Mißfallen des Herrn Heng. Er klapperte
mit seinem Bierkrug auf den Tisch und rief: „_Nom de Dieu_, _Goddam_!“
Er zog mit einer weiten Gebärde seinen rechten Arm an, faßte sich an den
Bizeps und ließ den Arm dann locker spielen, als boxte er gegen die
Luft. Das war eine Londoner Erinnerung von ihm. Jedoch niemand tat
seiner acht. Die Italiener glaubten, er sei ein harmlos Betrunkener, und
lachten sich an über ihn. Dann klatschte der Dicke die beiden Mädchen
wieder herbei.
„Gelt, Häuptling, noch einmal: _Vieni sol mare!_“ rief Baptist und der
Italiener winkte: ja!
Das Lied regnete wieder auf Baptist herein. Sein Herz ging drunter auf,
wie die Astspitzen der Kirschbäume unter den gewärmten Aprilschauern. Er
stand jetzt mitten im Lied und war selber drin tätig. Er erlebte selber
die süßen Traurigkeiten, von denen es sang. Und da erfaßte ihn ein, wie
ihm schien, ganz unwiderstehlicher und romantischer Einfall. Er sprang
aufs Podium hinauf, nahm dem leicht widerstrebenden Kapellmeister die
Geige unterm Kinn weg, drückte ihn schnell beiseite und spielte nun
selber die führende Violine; und so oft bei dem Refrain das _Vieni sol
mare_ der Stimmen gegen das volle Erbeben seiner Saiten aufzuklingen und
es zu ertränken begann, ließ er die Töne zur Höhe fliegen wie Lerchen.
Sie blieben oben liegen über den Stimmen, wie das Trillern der Vögel
über hochsommerlichen, melancholisch reifen Kornfeldern.
Die Tische in der Mitte des Saales wurden aufmerksam. „Das ist der junge
Biver, der spielt!“ sagten die Junggesellen zu ihren Maitressen, waren
anfangs etwas betroffen und deshalb skeptisch und spöttelnd, aber dann
doch für ihn eingenommen. Sie lärmten nicht mehr und horchten zu. Die
gleichgültigen Augen ihrer Maitressen hängten sich mit kaltem Aufglühen
an den jungen Helden. Sie verglichen ihn mit der polternden Art ihrer
Freunde und dachten sich schon gerührt aus: Welche von uns wird er
nehmen, wenn er sein Examen gemacht hat? Aber ganz in der Nähe hörte
Baptist ein scharfes Trommeln immer in sein Saitenstreichen hämmern. Es
störte ihn und er wußte nicht, was es war. Der Herr Heng, der sich kaum
noch zu fassen wußte, schlug mit dem Bierkrug den Takt zu dem Lied. Er
hatte die Knie angezogen, bereit aufzuspringen. Auf einmal brüllte er
los und setzte mit seinen langen Armen fuchtelnd auf das Podium zu.
Gerade war das Lied aus. Der dicke Italiener klatschte in die Hände und
auf den Tischen in der Mitte hoben sich Champagnerkelche empor, um
Baptist zuzutrinken. Eines der Mädchen begann mit ihrem Glase
heranzukommen. Aber als Baptist vom Podium heruntersprang, stand Heng
unvermittelt und feindselig vor ihm. Die fleckigen großen Giraffenaugen
unter der dreieckigen Stirn waren weit aufgerissen und das pockennarbige
Gesicht schien losbrüllen zu wollen.
„Weg!“ sagte Baptist und schob Heng lässig zur Seite, um zu seinem Tisch
und zum Champagnerglas zu gelangen. Er wollte mit dem Mädchen anstoßen,
das auf ihn zukam.
„_Nom de Dieu_, ich hau dir eine runter, du grüner Junge!“ gröhlte Herr
Heng.
Baptist setzte sich zur Wehr.
„_Goddam_, so ein Bürschchen spielt sich auf! Du Protz!“ schrie Heng.
„Er säuft Champus und glaubt die ergaunerten Millionen seines Vaters
stänken nicht mehr an ihm!“
Kaum hatte Baptist das gehört, da war ihm, als ob er emporgeschleudert
würde. Aber er fiel gleich schwer wie Eisen auf den Feind hernieder. Es
entstand ein brutales Gegeneinanderprallen, ein krachendes Sichvermengen
von Körpern, Fäusten und Muskeln, vor dem Tische und Stühle wie Flöhe
wegsprangen. Es schlug in Baptist alle Vorstellungen heiß, Funken
sausten über ihn nieder. Er wollte bebend alle Kraft der Muskeln
einsetzen. Seine Arme waren auf einmal wie von Blei. Um ihn wurde es
schwarz von stürzenden Menschen und er spürte seine Lippen als etwas
brennend Nasses.
Er stand auf einmal überrascht allein und wischte mit der Hand über den
Mund, in dem eine Flamme zu sitzen schien. Als er seine Hand zurückzog,
war sie voll Blut. Er beugte sich vor und das Blut tröpfelte langsam auf
den Boden. Da stand einer neben ihm und führte ihn zu der kleinen Türe
hinaus hinter die Baracke in die Finsternis. Das Mädchen, das vorher mit
dem Champagnerglas auf ihn zugekommen war, tunkte ihr Taschentuch immer
in ein Glas mit Wasser und näßte und spülte ihm die Lippe, während sie
sanfte Worte dazu sagte. Ein paar Männer bewegten sich um ihn und einer
faßte ihm an die wunde Stelle und ließ eine elektrische Taschenlampe
drauf leuchten. Dann drückte er mit dem Finger zwischen den Lippen auf
die Zähne.
„No, es ist gut gegangen!“ sagte er erleichtert und wie zu einem Kind.
Nun erst kam Baptist wieder zum klaren Bewußtsein. Er dankte dem Mädchen
und stillte mit seinem eigenen Taschentuch das Blut weiter.
Das Mädchen und die paar Menschen standen eng um ihn her. „Der Hund!“
sagte Baptist mit einem Schluchzen.
„Da ist Kognak, trinken Sie das!“ redete eine Stimme begütigend im
Dunkeln und ein kleines Gläschen wurde Baptist vors Gesicht gehalten.
Der Kognak duftete ihm stark zu und er goß ihn hastig in den Mund. Es
brannte auf in der Wunde.
„Er hat ihn mit einem Totschläger auf den Mund gehauen!“ erzählte einer
in der kleinen Türe, in der sich das Licht des Lokals grell funkelnd
zurückzuhalten schien.
Aber die kleine Türe fuhr plötzlich zu.
„Die Polizei!“ sagte eine Stimme. „Rasch weg!“ Eine Bewegung entstand in
den dunklen Gestalten. Jemand ergriff Baptists Arm. Sie drangen in das
finstere Gewirr eines Schuppens.
Nach einer Weile rief draußen eine Stimme: „He, wo seid Ihr? Sie ist
wieder weg!“ Da kamen sie heraus.
Das Blut hörte schon auf zu fließen. „Es ist nicht schlimm!“ sagte
Baptist. Er drückte das nasse Seidentuch auf den Mund und trat mitten
zwischen den dunklen Gestalten wieder in das Lokal hinein.
Es war leer. Die Italiener, die Junggesellen und die Damen und ebenso
Adolf und der blonde Realschüler, alle waren fort. Nur der Wirt schritt
drunten mit seinem langen zweizackigen grauen Bart ernst und streng
zwischen den Tischen herum. Ein Kellner kam und blieb abseits im Wege
stehen. Baptist sah erstaunt, daß er nur drei Menschen um sich hatte. Es
waren drei Realschüler der oberen Klasse, kurz gebaute, breitschulterige
Kameraden, die man in den verrufenen Schlupfwinkeln der heimlichen
Cafees immer zusammen sah. Sie trugen über niedrig umgeschlagenen bunten
Kragen, wie die „Cheminots“ sie lieben, ihre feisten Hälser zur Schau,
in denen sich bei jeder Kopfbewegung die Sehnen wie Stränge spannten.
Ihre runden Rücken schienen die Gewalt der Muskeln unter den Kleidern
kaum mehr zusammenhalten zu können. Sie waren in der brutalen
Eisenerzgegend des Landes daheim und Baptist nicht sonderlich vertraut,
weil sie, wie sie körperlich aussahen, auch innerlich waren. Sie tranken
Branntwein und machten den Soldaten die Dienstmägde der engen,
heimlichen Gassen des Heiligengeistviertels streitig.
„Den Hund wollen wir heute schon noch erwischen!“ sagte der eine und
machte eine Faust. Und alle drei boten sich, ehrliche Athleten, Baptist
vollkommen an. „Der sitzt jetzt in der Bädergasse im Cafee Heinck! Da
gehen wir hin!“ rief einer kriegslustig. „Mit einem Ring zu schlagen, so
ein feiges, hinterlistiges Schwein!“