Herr Biver schaute Jeanne empört an: „Nun hör mal – was fällt dir ein?“

„Wir essen zu viel und zu stark!“ sagte Jeanne trotzig und bestimmt.

„Das wird jetzt anders!“

Herr Biver hielt ein mit Kauen. Er blickte betroffen vor sich nieder in

den Teller. Aber Baptist wollte versöhnlich ablenken: „Vater gehst du

heute zur Schobermesse?“ fragte er, obschon er wußte, daß mit der

wichtigen Regelmäßigkeit der Lebensgewohnheiten von Leuten, die sich in

kleinen Städten viel langweilen, an jedem Samstagabend im väterlichen

Haus die Whistpartie zusammenkam. Der Vater antwortete ihm nicht. Statt

dessen sagte er über den Tisch hinweg: „Anna, sagen Sie der Köchin, daß

ich nachher mit ihr zu sprechen wünsche. Vorderhand ist der hier noch

Herr im Haus, und es dauert noch ein Stückchen, bis es anders wird.“

Erst nachdem Herr Biver wieder eine Weile gegessen hatte, warf er

Baptist hin, ohne ihn anzusehen: „Nein, ich geh nicht zur Schobermesse!“

Jeanne zuckte kaum merklich mit dem Gesicht und schob ihren Teller etwas

von sich. Baptist dachte sich: immer lustig gefressen, das ist auch ein

Zeitvertreib! Der kleine Zwischenfall hatte ihn erheitert und aus der

heißgelaufenen Wirrsal seiner Vorstellungen um die Diebstähle wie durch

eine Beschwörungsformel herausgehoben.

Als Herr Biver weitläufig und ohne anzudeuten, daß es bald ein Ende

nehme, weiter aß, hob Jeanne mit der Gebärde einer verletzten Fürstin

den Tisch auf. Baptist war ihr dankbar für diese Bewegung und schloß

sich ihr an, als sie das Zimmer verließ.

Draußen schob er seinen Arm unter den ihrigen und die Geschwister gingen

schweigend bis ans Ende des Flurs. Dann sagte Baptist lächelnd: „Komm,

wir wollen lieber noch ein bißchen zusammen etwas spielen, bevor ich

mich an den großen Händen freuen geh!“

Er wollte noch mit seiner Schwester zusammen sein.

Aber Jeanne nahm ihn bei den Händen: „Ach, gelt, du liebst sie nicht?

Gelt, es ist nur ein wenig zum Zeitvertreib?“

„Hm?“

„Nein, gelt nicht?“

„Weshalb liegt dir denn soviel daran, daß ich sie nicht lieben soll?“

„Weil du eine ganz andere Frau bekommen mußt. So eine Prinzessin oder so

...“

Baptist lachte.

„Ja, ich meine nicht so eine geborene aus einem Fürstenhaus. Das ist ja

auch vielleicht meistens nicht mehr als wie das Gewöhnliche. Ich meine

eine, die durch ihre Schönheit und Klugheit eine Prinzessin unter den

Menschen ist.“

Da streichelte Baptist Jeanne über den Arm: „Ach, das liebe, kleine

Schwesterlein!“ schmeichelte er ihr.

„Ja, das mußt du!“ behauptete sie.

Aber Baptist zog sie in die Türe und drehte das elektrische Licht an.

Die Sonate von Beethoven stand noch auf dem Flügel.

Jeanne schlug die ersten Takte an.

„Ach nein, Jeanne, etwas anderes, etwas leichteres!“ sagte Baptist,

während er den Geigenkasten öffnete.

„Mozart!“ schlug Jeanne vor.

„Nein, etwas Neues, gelt!“

Baptist wollte irgend etwas von der Musik, die man überall hörte, etwas

von jener Musik, in der die Erotik der Zeit, wie ein prickelndes Quirlen

und Verdunsten zu flüchtigem Genuß und nervösem Reiz festgehalten wurde.

Er begann auch gleich solch ein Lied zu pfeifen. Jeanne fiel am Flügel

ein, Baptist schob schnell die Geige unters Kinn und fuhr mit ein paar

Strichen mitten in die Melodie hinein, die die Violine dann sofort mit

einem lostollenden Singen über das Spiel des Flügels, der den

leichtsinnigen Allüren der Geige nicht folgen konnte, hinweghob und

davonführte.

Baptists Geige war ein gutes Stück von Aegidius Barzellini aus Cremona.

Es war das einzige Erbstück der Familie. Der verstorbene Großvater hatte

sie in Paris als junger Bursch geschenkt bekommen – er sagte bis zu

seinem neunundsiebzigsten Lebensjahr, in dem er starb, von einer Frau –

und er hatte sein Leben drauf verfiedelt, statt zu schaffen. Aber ihre

adelige Herkunft war erst nachher festgestellt worden: als Baptist aufs

Musikkonservatorium kam, untersuchte sie schließlich einmal sein Lehrer,

den der süße, singende Ton des Instrumentes schon lange bezaubert hatte.

„Unsere Ahnengallerie!“ nannten die Geschwister die Geige, weil der

Vater jeden Besucher an diesen einzigen hervorragenden Gegenstand

rassiger Herkunft, den das Haus barg, heranführte, und weil die Geige

die den Geschwistern romantischen Erinnerungen an den leichtsinnigen,

fiedelnden Großpapa trug, der sonst als ein gefährliches Gespenst in dem

noch neuen Familienschrank der Biver sorgsam und angstvoll verschlossen

gehalten wurde.

Aber aus seiner behüteten Verborgenheit kam heute Abend der Geist des

Großvaters an Baptist heran. Der junge Mensch fiedelte das erregende

Lied, daß es im Kasten der Geige heiß und menschlich verlangend stöhnte

und tollte, und der Großpapa schien dazu zu lächeln und Rosa von der

Schobermesse tanzte, das Tamburin schlagend, und auf einmal war die

Geige ein Menschlein, ein heiterer Kumpan, der mit einem buckeligen

braunen Lachen bei Baptist war ... war der lustige, abenteuerliche,

leichtfertige Großpapa, den der Spieler in dem bebenden Unterton der

Resonanz des Geigenleibes zu allen Dingen des Tages frech, wurschtig und

humorvoll brummeln hörte. Und Baptist sang übermütig zu seinem

Geigenstreichen, preßte das Wort ‚Ahnengallerie‘ ununterbrochen durch

alle Tonfolgen der werbenden, erhitzenden, einschläfernden Weise ... Ah!

... ahnen ... gal ... le ... ri – ö! A...a...nengallri... und schloß im

Spielen die Hand bewegter um den Geigenhals, drückte die Finger

gefühlvoller auf die Saiten, führte den Bogen zärtlicher, als handelte

es sich darum, im Rausche einem treuen Sauf-, Wander- und Leidgenossen

mit einem empfindsamen Händedruck seine Freundschaft zu bestätigen.

Aber auf einmal fiel die Unrast auf Baptist nieder, wie ein Netz, das

sich im Augenblick zuzog. Baptist warf einen Schnörkel von Akkorden über

die vier Saiten, hüpfte zum Geigenkasten, die Violine sank einmal

aufschallend hinein, der Deckel schnappte zu.

„Gute Nacht, Schwesterlein, jetzt muß ich!“ rief Baptist, sprang am

Flügel vorbei, strich Jeanne rasch über die Schultern und setzte zur

Türe hinaus. In demselben Satz stürmte er die Treppen hinan. Er sah kaum

noch, wie sein Vater seine drei Gäste, die Herren Faber, Wampach und

Küborn, zur Türe des Eßzimmers hineinkomplimentierte, während die weiße

Schürze der Anna in der dunklen Garderobenecke schimmerte.

„So, schön, der Weg ist also schon frei!“ sagte er sich, und eine leise

Atemnot klopfte in seiner Brust, mehr durch die aufgaukelnden

Erwartungen des Abends verursacht, als durch das heftige Treppenlaufen.

Aber Jeanne saß auf dem Sessel am Flügel und schaute die Türe an, die

sich so hinterrücks wieder geschlossen hatte. Bald weinte sie. Er war

ihrer Liebe und Zärtlichkeit entglitten und ging nun zu dem Kirmesweib,

die seiner unwürdig war und an der er sich beschmutzte; Und wieder wuchs

der verwilderte Garten in ihr auf.

Baptist wechselte in seinem Zimmer, nachdem er sich gewaschen hatte, mit

fliegenden und in der Erregung ungeschickten Fingern Kragen und

Krawatte. Sein Gesicht glühte, und das kalte Wasser hatte nur einen

Augenblick wohlgetan. Zu den offenen Fenstern zog die erste Abendkühle

des Septembertags ins Zimmer. Es lag eine leise modrige Ahnung von

Änderungen, von Scheiben und Vergehn in ihr. Sie kam aus der starren

Finsternis des Stadtparks feucht und unaufhaltsam herein.

Baptist legte, als er fertig war, und schon den Hut auf hatte, noch ein

kleines Weilchen mit einer kosenden Bewegung den Kopf zum Fenster hinaus

in ihre wehmütige Herbheit.

Dann verließ er das Zimmer und stürzte die enge Treppe hinab, die im

Seitenflur für das Dienstpersonal Erdgeschoß mit Speicher verband. Er

nahm jedesmal drei oder vier Stufen, und prallte unten auf Anna, die

gerade aus der Küche gekommen war. Um nicht gegen sie zu fallen, mußte

er seine Hand auf ihre Schulter stützen, während er sich mit der andern

am Geländer hielt.

Anna lächelte ihn geniert an, und Baptist ließ seine Hand liegen. Er

spürte unter dem dünnen Taft der Bluse die Formen der Schulter. Er

sagte, ebenfalls gezwungen lächelnd: „Mund halten, daß ich weg bin!“

Anna nickte vertraut, während Baptist mit einer Zärtlichkeit, die sich

nicht eingestehen will, zaghaft und errötend seine Hand niedergleiten

ließ. Das Mädchen schaute verlegen mit warmen Augen an ihm hinauf. Aber

er hatte sich schon abgewandt und Anna sah ihn rasch die kleine Treppe

hinab und zur Seitentüre hinausgehn. Beiden, ihr drinnen, die nun

verlassen die Treppen hinaufging und sich dabei auf das Geländer

stützte, und ihm draußen, der über die Rasen zum Tore schritt, damit

seine Schuhe nicht im Kies der Wege knirschten, war es, als hätten sie

eine kleine Wunde von diesen drei Augenblicken des Zusammenseins in dem

einsamen, schmalen Flur davongetragen.

Der Hafen(#76486) · 第 5 / 55 题