„Der Hiltchen hat sie hinausgeworfen, weil sie dir halfen und sich in
den Streit mischten.“
„Dann muß ich mit dem Wirt sprechen!“ entgegnete Baptist gleich und ging
nach dem unteren Teil des Lokales zu.
Als der Wirt ihn kommen sah, schritt er schnell in den Verschlag des
Büfetts und in die angebaute Kammer hinein.
„Herr Hiltchen, Herr Hiltchen!“ rief Baptist, aber niemand kam heraus.
Nur der Kellner war Baptist gefolgt und blieb in derselben abgemessenen
Entfernung stehen, wie vorhin. Da verstand Baptist.
„Wieviel?“ fragte er.
Der Kellner gab ihm einen Zettel, auf dem die Rechnung stand. Baptist
bezahlte.
Dann gingen die vier hinaus.
Auf der Schobermesse waren fast alle Buden geschlossen. Nur vor ein paar
zerstreuten gemeineren Zuckerläden brannten noch dürftige schwälende
Petrollampen. Die vier jungen Menschen eilten im Sturmschritt durch die
breite reglose Straße zwischen den in der Nacht ergrauten toten Fassaden
der Schaubuden und Karussells davon. „_Gare_, wenn wir ihn kriegen!“
drohte einer. Aber Baptist dachte an die Italiener und an Rosa. Er
sagte, jedoch mehr für sich: „Donnerwetter, die Italiener sind doch
feine Kerle.“
Er hatte nicht gedacht, daß sie sich für ihn einsetzen könnten, und er
malte sich aus, wie sie von dem Podium herunterstürzten und Heng an die
Kehle fuhren. Da war gewiß der mit dem vorstehenden Wust von
gekräuselten Haaren, der Schatz der Margherita, voran gewesen. Ein
feiner Kerl!
„Der junge Schwarze, der die Mandoline spielt, das ist ein famoser
Kerl!“ sagte Baptist seinen Kameraden.
Sie gingen in gleich schnellem geschlossenem Marsch die lange Parkstraße
hinab, und die Schienen der Trambahn liefen heimlich neben ihnen und
gleißten nur dann und wann auf, wenn ein Laternenschein sie berührte.
Hier war vorhin der Nebel herangewandert. Aber jetzt lag die Nacht mit
reiner Schwärze zwischen den Bäumen. Es war einsam. Auch als ihre
Schritte in der Neutorstraße an den Häusern hallend klangen, hatten sie
noch keinen Menschen getroffen. In den schwärzeren Schatten eines Baumes
kuschte sich reglos eine unkenntliche Gestalt. Einer der Burschen sagte:
„Vielleicht ist ers!“ und trat auf die Gestalt zu. Aber es war ein
Polizist, der da stand; er hüstelte und ging einige Schritte weiter bis
in den Schatten des nächsten Baumes. Ein leiser Nachtwind strich in den
Straßen und ließ die Laternenscheiben einsam erzittern. Er war frisch,
dieser Wind, als hätte er noch keine Menschenluft durchzogen. Frisch und
traurig war er, voll von verluderten Nächten, dachte sich Baptist.
Dieser Wind hatte ihn oft nach Hause begleitet, und Baptist hatte ihn
oft um sich getragen, wie einen einhüllenden Mantel, wenn nach
verflogenen Genüssen die Stunden kamen, die ihn vereinsamt der Reue
überließen. Er war einsam, dieser Nachtwind, einsam wie ein Menschenkind
nach der Sünde. Wie ein Vorwurf von mütterlich sanftem, aber unendlich
entschiedenem Ernst trug er den Klang der Schritte des jungen
Arbeitstages, der über das Land heranzog, zu den nächtig Fehlenden.
Es war drei Uhr.
Das Glockenspiel auf der Niklauskirche klimperte sorglos die Takte
seiner Melodie unkenntlich durcheinander. Da kam in der Judengasse eine
einsame Nachtdroschke. Baptist rief sie an und wandte sich an die
Kameraden: „Gelt, ihr geht mit! Wir suchen die Italiener! Wenn der Ochs
von Wirt sie hinausgeschmissen hat, weil sie mir halfen, dann muß doch
...“
Die drei waren gerne einverstanden.
Baptist unterhielt sich mit dem Kutscher, wo die Italiener wohnen
könnten.
„Ja, Herr, das Kirmespack, das geht alles in die kleinen Hotels am
Bahnhof. Vielleicht im Hotel Trier oder im Hotel de Paris?“
„Nun denn, fahren wir mal hin!“
Die vier packten sich eng aneinander und die Droschke fuhr los. Sie
jagte in der lautlosen Nacht knallend über das Pflaster, die
Philippstraße hinunter, fuhr sachter über die neue Brücke und hielt nach
einer Viertelstunde vor dem Hotel de Paris. Es war noch Licht im
Wirtszimmer. An einem Tische saßen Türken, die auf der Messe herumzogen
und Teppiche, arabische Metallsachen, Rosenöl und goldbestickte Decken
verkauften. Sie stritten mit leisen fremden Stimmen und beugten die
Oberkörper gegeneinander vor. Um den Schenktisch stand ein Kranz von
Bahnarbeitern, die wohl hier auf die Frühzüge warteten. Baptist rief als
er eintrat: „Ich gebe eine Runde Kognak für die ganze Stube!“
„Das ist nun einmal ein angenehmer Herr!“ sagte einer der Arbeiter, und
alle lachten den Eintretenden fröhlich zum Gruß.
Als der Kognak eingeschenkt war, ging Baptist zum Wirt und fragte:
„Wohnen keine Italiener hier?“
„Ja gewiß doch!“ antwortete der Mann. „Ich hab das ganze Haus voll von
dem Flohpack liegen. Jetzt mit der Schobermesse, wissen Sie, da wird man
die Bagage nicht mehr los!“
„Sind auch die Musikanten von Hiltchen dabei?“
„Ja, warten Sie mal, das könnt schon sein! Warten Sie, ich ruf den
Alfons, der kann ja dann mal mit Ihnen hinaufgehn. Dann können Sie
selber schauen ... Alfons!“ rief er in die Hintertüre. „Alfons!“
Ein stämmiger Bursche erschien.
„Geh zeig doch mal dem Herrn unsere Italiener!“
Die beiden kletterten eine enge, geländerlose Stiege hinauf. Der Knecht
hob unterwegs ein kleines Wandlicht mit einem Reflektor aus einem Nagel
und leuchtete damit in ein Zimmer. Dort lag ein Haufen Schlafender. Sie
lagen in ihren Kleidern auf Strohsäcken mit unordentlichen schwarzen
Haaren, Männer, Frauen und Kinder, Affen, Hunde, Papageien, Vogelbauer,
Drehorgeln, bunte Tücher, alles durcheinander. Ein Mann wälzte sich
schimpfend herum, als das Licht seine Augen traf.
„Nu, gemütlich, Männchen!“ tat der Knecht.
Wie in dem ersten Raum, so sah es in all den andern Stuben aus; die
Musikantengesellschaft war nicht unter den Schlafenden.
Als Baptist enttäuscht wieder in das Lokal hinabkam, erzählte gerade ein
Mann aus der Runde am Schenktisch: „... Ja und dann in Antwerpen nehm
ich das Schiff der Red Star Line. Der Platz ist schon bezahlt. Da
schaut, wenn ihr Einfaltspinsel es nicht glaubt, schaut! Und dann gehts
über den großen Pfuhl, Jungens! Geh weg, das ist drüben doch etwas
anderes als wie hier. Sein ganzes Leben für einen Apfel und eine
Brodrinde vertun ... Hat ja keinen Zweck! Der Teufel, ihr dummen Kerle,
kommt mit! hat ja keinen Zweck!“