Baptist sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Es lag
neben seinem Schlafraum im zweiten Stockwerk der Villa und war stets das
Refugium seiner bösen Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen
Kronleuchter an und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als
Schreibtischsessel benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete.
Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen.
„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins Zimmer hinein.
„Und das Examen mach ich doch niemals!“
Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich fürs Examen
auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen Ärger in Flammen. Er sprang
auf, ergriff das zunächstliegende, riß es aus dem Deckel und biß mit den
Zähnen hinein, als wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu
sättigen. Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal
auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich in der
Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei.
Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner Hand sah,
mußte er laut herauslachen.
„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“
Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und stopfte das
zerrissene Buch in den Ofen.
„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig und resigniert
dem Buche, das in den schwarzen Behälter verschwand, als Grabrede nach.
Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war, hatte ihn
doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf und ab und ein Bedürfnis
nach Ruhe und Frieden quoll warm in ihm auf. An einer Wand standen zwei
schwere doppeltürige Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die
der Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist riß
alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke erschimmerte der
absichtslos bunt gescharte Schwarm der Bücher. Im Schrank, der dem
Fenster am nächsten stand, hob sich aus den farbig gescheckten Regalen
eine Bücherreihe verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken
aus flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben blauen und
grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen Reichtum zur
Schau. Das waren Baptists Lieblinge: Werther, Hauff, Eichendorff,
Stifter, Lenau, Cosmopolis von Bourget, Maeterlinck, die Chronik der
Sperlingsgasse, Bruges la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ...
verliebt und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen
und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden
mit den hellen Lederrücken und den dunkeln Tunkpapierdeckeln, wie sie es
in der empfindsamen und einseitigen Zärtlichkeit des jungen Menschen
waren, der in diesen Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern
vereinsamte, seine Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte.
Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine Augen suchten
zugleich an den Wänden die geliebten Bilder auf, und er sagte, während
Rührung zugleich mit Zuversicht in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“
Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf seines
vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten Streifzügen über
die Wege, die er liebte, und Baptist stand auf einmal vor dem Bild der
Italienerin auf der Schobermesse. Stracks überschwemmten ihn die Wünsche
nach ihr mit weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer
Schublade herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück
fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten Zärtlichkeit
geben könnte.
Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der Türe: „Der Herr
Battist möchte zum Abendessen kommen!“
Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen stehenbleiben,
und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann ging ihr Schritt,
eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke, davon. Baptist schritt
langsam den Flur entlang und die Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter
ihm lautlos in den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif
geplätteten Schürzenbänder flattern.
Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am Tisch. In einer
Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein, der darauf wartete,
erlöst zu werden. Die Schwester ordnete ein paar Blumen in einer Vase
und rückte sie in die Mitte des Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux
etwas beiseite schiebend.
„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr Biver auf. „Was
machen überhaupt die Blumen da? Sie nehmen nur Raum weg!“
„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch viel freundlicher
aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“
„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine
Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten ans Haus bauen!“
Jeanne zuckte mit den Schultern.
„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und schaute beleidigt
auf.
„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“
„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der hat auch immer eine
andere Meinung als wie die gewöhnlichen Menschen!“
Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft weiter
kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester
vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer Gedanke,
der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm nieder.
Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das gerade eine Platte
mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus. Er schloß die Türe hinter
sich und eilte, die Schritte dämpfend, über die dicken Teppiche an den
geschlossenen Türen des Korridors vorbei. Als er im Seitenflur war, wo
kein Licht brannte, verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht.
Er dachte, er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die
Zähne aufeinander.
Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters. Baptist
machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem Sekretär, der gleich
an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein fiel durch die offene Tür
in das dunkle Zimmer. Als Baptist ein wenig mit den Fingern unter der
hervorstehenden Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das
war das Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für sich
allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf den Rolldeckel
fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und fühlte gleich den kalten
Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig heraus, während er in den Flur
hinaushorchte. Seine Brust klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die
Finsternis legte sich angstvoll wie Wasser auf ihn.
Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen Ungetüm,
das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine Finger glitten an einem
Eisenband entlang, rutschten langsam suchend über eine glatte Fläche,
bis sie den Messingknopf trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere
Hand haftete mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten
heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen, dumpfen Schrei
glatt nach, und es war fast, als käme Baptist die schwere Eisentüre
leicht und unheimlich entgegen, um ihn vor die Brust zu stoßen. Aber sie
blieb auf einmal stehen.
Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen eine runde
eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an wie brennendes Eis,
als er hineingriff; hastig ließen die Finger Stück für Stück von dem
Inhalt in die Hosentasche gleiten. Baptist wollte zählen, aber er
vermochte es nicht. Es zitterte ihm leise in den Händen und in den
Beinen. Er hatte die Augen geschlossen, während er so tat, und er sah
sein Blut dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im Kopf
herumgehen.
Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins Schloß. Es
knackte einmal heller und dann noch einmal, wie ein ferner halb
verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in erhitzten eckigen Gebärden
mit der Hand unter den Rolldeckel des Sekretärs, legte die Schlüssel
nieder, schob, die Zähne in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß.
Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar Augenblicke so
hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff die Augenlider zu,
krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das Blut sprang wie in einem
Strahl gewaltsam in seinen Kopf hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber
alles war plötzlich in ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich
straffen, daß sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart,
scharf und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte
wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm vergangen
war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen Verkommens und großen
Werdens ungebunden nebeneinander stehen. Er spürte seine ungeheure
Widerstandskraft hinter der wohllebigen Weichheit seines Leibes und der
Verfettung seines Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt
mit einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter
Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität
herniederbückte.
Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich darauf die
Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er schon lange ergeben war
und gegen die er sich kaum mehr wehrte.
Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und ging schnell über
die Teppiche zurück in den Speisesaal, von dem er kaum einige Minuten
fortgewesen war. Über seinen Augen lag ein nebeliger Flor, als er
eintrat und sich an seinen Platz setzte. Er nahm unsicher und mit
schwachen Fingern Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt.
Er legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem
Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren
Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld hinaus-
und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm auf.
Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander aus, wie er
diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem müßigen, verweichlichten
Hinfließen seines Lebens die einzigen Taten waren, an denen sich Wagnis
und Widerstandskraft einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein,
heimlich und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich
verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in denen
aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol- und unfruchtbaren
erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl und verpraßte und erkaufte sich
mit den harten Schmerzen seines Bereuens die fessellose Romantik seiner
heimlichen, dumpfen Sünden.
Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit freimachen
müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu erlangen, die er für sich in
der Ferne bereitet fühlte.
In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos hin und her, wie
ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und her, zwischen die engen Wände
gedrückt und durch das Gitter von der Freiheit getrennt. Ein Stück
langsam und regelmäßig, dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter
schnellend, dann fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne,
kühl und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend,
verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die Augen zu schauen.
Aber die wässerigen hellen Augen seines Vaters konnte er dabei mit
kaltem Gleichmut überwachen.
Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe. Die Goldstücke
wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel. Er hatte sie, damit sie nicht
zusammenklingen sollten, mit einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche
aneinander gedrückt. Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen
ihre runden Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen.
Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat, und er
fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier, daß es nun
endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein möchte, brannte mit
zitterndem Züngeln weiter in ihm und er schaute erregt nach dem aus, was
nachher draußen kommen sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte.
Vielleicht wurde es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich
Frauensüßes, das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie
liebte er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend
geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei jedem
Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit seiner runden, wie
uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in dem weichen Ledersessel saß und
die Serviette hoch um den Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine
Vorbereitung auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen
abstieß. Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein Tropfen
weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht hinzuschauen und sah
doch im Wegblicken die starken runden Backenknochen des Vaters im Kauen
wie Kugeln immer drohend zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig
niedergehen.
„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“ wandte sich Herr
Biver plötzlich streng und sachkundig an das Mädchen. „Sagen Sie der
Köchin ..., nein, ich werde es ihr nachher selber sagen. Auf Euch ist
doch kein Verlaß!“
Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute Anweisung, die
Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“