Zweites Kapitel

Baptist sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Es lag

neben seinem Schlafraum im zweiten Stockwerk der Villa und war stets das

Refugium seiner bösen Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen

Kronleuchter an und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als

Schreibtischsessel benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete.

Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen.

„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins Zimmer hinein.

„Und das Examen mach ich doch niemals!“

Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich fürs Examen

auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen Ärger in Flammen. Er sprang

auf, ergriff das zunächstliegende, riß es aus dem Deckel und biß mit den

Zähnen hinein, als wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu

sättigen. Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal

auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich in der

Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei.

Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner Hand sah,

mußte er laut herauslachen.

„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“

Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und stopfte das

zerrissene Buch in den Ofen.

„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig und resigniert

dem Buche, das in den schwarzen Behälter verschwand, als Grabrede nach.

Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war, hatte ihn

doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf und ab und ein Bedürfnis

nach Ruhe und Frieden quoll warm in ihm auf. An einer Wand standen zwei

schwere doppeltürige Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die

der Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist riß

alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke erschimmerte der

absichtslos bunt gescharte Schwarm der Bücher. Im Schrank, der dem

Fenster am nächsten stand, hob sich aus den farbig gescheckten Regalen

eine Bücherreihe verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken

aus flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben blauen und

grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen Reichtum zur

Schau. Das waren Baptists Lieblinge: Werther, Hauff, Eichendorff,

Stifter, Lenau, Cosmopolis von Bourget, Maeterlinck, die Chronik der

Sperlingsgasse, Bruges la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ...

verliebt und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen

und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden

mit den hellen Lederrücken und den dunkeln Tunkpapierdeckeln, wie sie es

in der empfindsamen und einseitigen Zärtlichkeit des jungen Menschen

waren, der in diesen Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern

vereinsamte, seine Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte.

Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine Augen suchten

zugleich an den Wänden die geliebten Bilder auf, und er sagte, während

Rührung zugleich mit Zuversicht in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“

Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf seines

vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten Streifzügen über

die Wege, die er liebte, und Baptist stand auf einmal vor dem Bild der

Italienerin auf der Schobermesse. Stracks überschwemmten ihn die Wünsche

nach ihr mit weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer

Schublade herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück

fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten Zärtlichkeit

geben könnte.

Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der Türe: „Der Herr

Battist möchte zum Abendessen kommen!“

Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen stehenbleiben,

und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann ging ihr Schritt,

eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke, davon. Baptist schritt

langsam den Flur entlang und die Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter

ihm lautlos in den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif

geplätteten Schürzenbänder flattern.

Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am Tisch. In einer

Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein, der darauf wartete,

erlöst zu werden. Die Schwester ordnete ein paar Blumen in einer Vase

und rückte sie in die Mitte des Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux

etwas beiseite schiebend.

„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr Biver auf. „Was

machen überhaupt die Blumen da? Sie nehmen nur Raum weg!“

„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch viel freundlicher

aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“

„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine

Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten ans Haus bauen!“

Jeanne zuckte mit den Schultern.

„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und schaute beleidigt

auf.

„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“

„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der hat auch immer eine

andere Meinung als wie die gewöhnlichen Menschen!“

Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft weiter

kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester

vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer Gedanke,

der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm nieder.

Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das gerade eine Platte

mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus. Er schloß die Türe hinter

sich und eilte, die Schritte dämpfend, über die dicken Teppiche an den

geschlossenen Türen des Korridors vorbei. Als er im Seitenflur war, wo

kein Licht brannte, verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht.

Er dachte, er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die

Zähne aufeinander.

Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters. Baptist

machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem Sekretär, der gleich

an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein fiel durch die offene Tür

in das dunkle Zimmer. Als Baptist ein wenig mit den Fingern unter der

hervorstehenden Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das

war das Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für sich

allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf den Rolldeckel

fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und fühlte gleich den kalten

Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig heraus, während er in den Flur

hinaushorchte. Seine Brust klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die

Finsternis legte sich angstvoll wie Wasser auf ihn.

Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen Ungetüm,

das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine Finger glitten an einem

Eisenband entlang, rutschten langsam suchend über eine glatte Fläche,

bis sie den Messingknopf trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere

Hand haftete mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten

heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen, dumpfen Schrei

glatt nach, und es war fast, als käme Baptist die schwere Eisentüre

leicht und unheimlich entgegen, um ihn vor die Brust zu stoßen. Aber sie

blieb auf einmal stehen.

Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen eine runde

eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an wie brennendes Eis,

als er hineingriff; hastig ließen die Finger Stück für Stück von dem

Inhalt in die Hosentasche gleiten. Baptist wollte zählen, aber er

vermochte es nicht. Es zitterte ihm leise in den Händen und in den

Beinen. Er hatte die Augen geschlossen, während er so tat, und er sah

sein Blut dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im Kopf

herumgehen.

Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins Schloß. Es

knackte einmal heller und dann noch einmal, wie ein ferner halb

verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in erhitzten eckigen Gebärden

mit der Hand unter den Rolldeckel des Sekretärs, legte die Schlüssel

nieder, schob, die Zähne in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß.

Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar Augenblicke so

hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff die Augenlider zu,

krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das Blut sprang wie in einem

Strahl gewaltsam in seinen Kopf hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber

alles war plötzlich in ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich

straffen, daß sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart,

scharf und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte

wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm vergangen

war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen Verkommens und großen

Werdens ungebunden nebeneinander stehen. Er spürte seine ungeheure

Widerstandskraft hinter der wohllebigen Weichheit seines Leibes und der

Verfettung seines Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt

mit einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter

Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität

herniederbückte.

Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich darauf die

Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er schon lange ergeben war

und gegen die er sich kaum mehr wehrte.

Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und ging schnell über

die Teppiche zurück in den Speisesaal, von dem er kaum einige Minuten

fortgewesen war. Über seinen Augen lag ein nebeliger Flor, als er

eintrat und sich an seinen Platz setzte. Er nahm unsicher und mit

schwachen Fingern Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt.

Er legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem

Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren

Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld hinaus-

und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm auf.

Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander aus, wie er

diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem müßigen, verweichlichten

Hinfließen seines Lebens die einzigen Taten waren, an denen sich Wagnis

und Widerstandskraft einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein,

heimlich und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich

verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in denen

aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol- und unfruchtbaren

erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl und verpraßte und erkaufte sich

mit den harten Schmerzen seines Bereuens die fessellose Romantik seiner

heimlichen, dumpfen Sünden.

Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit freimachen

müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu erlangen, die er für sich in

der Ferne bereitet fühlte.

In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos hin und her, wie

ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und her, zwischen die engen Wände

gedrückt und durch das Gitter von der Freiheit getrennt. Ein Stück

langsam und regelmäßig, dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter

schnellend, dann fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne,

kühl und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend,

verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die Augen zu schauen.

Aber die wässerigen hellen Augen seines Vaters konnte er dabei mit

kaltem Gleichmut überwachen.

Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe. Die Goldstücke

wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel. Er hatte sie, damit sie nicht

zusammenklingen sollten, mit einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche

aneinander gedrückt. Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen

ihre runden Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen.

Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat, und er

fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier, daß es nun

endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein möchte, brannte mit

zitterndem Züngeln weiter in ihm und er schaute erregt nach dem aus, was

nachher draußen kommen sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte.

Vielleicht wurde es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich

Frauensüßes, das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie

liebte er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend

geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei jedem

Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit seiner runden, wie

uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in dem weichen Ledersessel saß und

die Serviette hoch um den Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine

Vorbereitung auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen

abstieß. Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein Tropfen

weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht hinzuschauen und sah

doch im Wegblicken die starken runden Backenknochen des Vaters im Kauen

wie Kugeln immer drohend zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig

niedergehen.

„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“ wandte sich Herr

Biver plötzlich streng und sachkundig an das Mädchen. „Sagen Sie der

Köchin ..., nein, ich werde es ihr nachher selber sagen. Auf Euch ist

doch kein Verlaß!“

Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute Anweisung, die

Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“

Der Hafen(#76486) · 第 4 / 55 题