Wer in den letzten Jahrzehnten die Vorgänge im Leben der Völker und Staaten

von einem Gesichtspunkte aus verfolgte, wie derjenige dieser Darstellung

ist, der konnte wahrnehmen, wie die geschichtlich gewordenen Staatengebilde

mit ihrer Zusammenfassung von Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben sich

in internationale Beziehungen brachten, die zu einer Katastrophe drängten.

Ebenso aber konnte ein solcher auch sehen, wie die Gegenkräfte aus

unbewußten Menschheitsimpulsen heraus zur Dreigliederung wiesen. Diese wird

das Heilmittel gegen die Erschütterungen sein, welche der

Einheitsfanatismus bewirkt hat. Aber das Leben der »maßgebenden

Menschheitsleiter« war nicht darauf eingestellt, zu sehen, was sich seit

langem vorbereitete. Im Frühling und Frühsommer 1914 konnte man noch

»Staatsmänner« davon sprechen hören, daß der Friede Europas dank der

Bemühungen der Regierungen nach menschlicher Voraussicht gesichert sei.

Diese »Staatsmänner« hatten eben keine Ahnung davon, daß, was sie taten und

redeten, mit dem Gang der wirklichen Ereignisse nichts mehr zu tun hatte.

Aber sie galten als die »Praktiker«. Und als »Schwärmer« galt damals wohl,

wer entgegen den Anschauungen der »Staatsmänner« Anschauungen durch die

letzten Jahrzehnte hindurch sich ausbildete, wie sie der Schreiber dieser

Ausführungen, monatelang vor der Kriegskatastrophe zuletzt in Wien vor

einem kleinen Zuhörerkreise aussprach. (Vor einem größeren wäre er wohl

verlacht worden.) Er sagte über das, was drohte, ungefähr das Folgende:

»Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker

werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut

derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, wie überall

furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprossen. Das ist die

große Kultursorge, die auftritt für denjenigen, der das Dasein durchschaut.

Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn

man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die

Mittel einer geisterkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu

bringen müßte, von dem Heilmittel so zu sprechen, daß man Worte darüber der

Welt gleichsam _entgegen_schreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich

so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden

der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was _Krebsbildungen_

im menschlichen natürlichen Organismus sind.« Aber die Lebensanschauung

herrschender Kreise bildete auf diesem Untergrunde des Lebens, den sie

nicht sehen konnte und wollte, Impulse aus, die zu Maßnahmen führten, die

hätten unterbleiben sollen und zu keinen solchen, die geeignet waren,

Vertrauen der verschiedenen Menschengemeinschaften zueinander zu

begründen. -- Wer glaubt, daß unter den unmittelbaren Ursachen der

gegenwärtigen Weltkatastrophe die sozialen Lebensnotwendigkeiten keine

Rolle gespielt haben, der sollte sich überlegen, was aus den politischen

Impulsen der in den Krieg drängenden Staaten dann geworden wäre, wenn die

»Staatsmänner« in den Inhalt ihres Wollens diese sozialen Notwendigkeiten

aufgenommen hätten. Und was unterblieben wäre, wenn man durch solchen

Willensinhalt etwas anderes zu tun gehabt hätte als die Zündstoffe zu

schaffen, die dann die Explosion bringen mußten. Wenn man in den letzten

Jahrzehnten das schleichende Krebs-Erkranken in den Staatenbeziehungen als

Folge des sozialen Lebens der führenden Teile der Menschheit ins Auge

faßte, so konnte man verstehen, wie eine in allgemeinen menschlichen

Geistinteressen stehende Persönlichkeit angesichts des Ausdruckes, welchen

das soziale Wollen in diesen führenden Teilen annahm, schon 1888 sagen

mußte: »Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer letzten Gestaltung zu

einem Reiche von Brüdern zu machen, die, nur den edelsten Beweggründen

nachgehend, gemeinsam sich weiter bewegen. Wer die Geschichte nur auf der

Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner

Mord müsse unsere nächste Zukunft erfüllen«, aber nur der Gedanke, daß ein

»Weg zu den wahren Gütern des menschlichen Lebens« gefunden werden müsse,

kann den Sinn für Menschenwürde aufrechterhalten. Und dieser Gedanke ist

ein solcher, »der mit unsern ungeheuern kriegerischen Rüstungen und denen

unserer Nachbarn nicht im Einklange zu stehen scheint, an den ich aber

glaube, und der uns erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein

sollte, das menschliche Leben durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und

einen offiziellen Tag des Selbstmordes anzuberaumen.« (So Hermann Grimm

1888 auf S. 46 seines Buches: »Aus den letzten fünf Jahren«.) Was waren die

»Kriegerischen Rüstungen« anderes als Maßnahmen solcher Menschen, welche

Staatsgebilde in einer Einheitsform aufrechterhalten wollten, trotzdem

diese Form durch die Entwicklung der neuen Zeit dem Wesen eines gesunden

Zusammenlebens der Völker widersprechend geworden ist? Ein solches gesundes

Zusammenleben aber könnte bewirkt werden durch denjenigen sozialen

Organismus, welcher aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit heraus

gestaltet ist.

Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als einem

halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in

einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer

Form, für deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete

Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische Konflikt, der

am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgültigste

Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem

gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften für das

Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß das auf sich

selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhängige

Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber in einer Art hätte entwickeln

können, die mit den Zielen der Völker im Einklange gewesen wäre, dann hätte

der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen

Katastrophe entladen müssen. Eine dahin zielende Entwicklung erschien

allen, die in Österreich-Ungarn sich einbildeten, »staatsmännisch« zu

denken, als eine volle Unmöglichkeit, wohl gar als der reine Unsinn. Deren

Denkgewohnheiten ließen nichts anderes zu als die Vorstellung, daß die

Staatsgrenzen mit den Grenzen der nationalen Gemeinsamkeiten

zusammenfallen. Verstehen, daß über die Staatsgrenzen hinweg sich geistige

Organisationen bilden können, die das Schulwesen, die andere Zweige des

Geisteslebens umfassen, das war diesen Denkgewohnheiten zuwider. Und

dennoch: dieses »Undenkbare« ist die Forderung der neueren Zeit für das

internationale Leben. Der praktisch Denkende darf nicht an dem scheinbar

Unmöglichen hängen bleiben und glauben, daß Einrichtungen im Sinne dieser

Forderung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen; sondern er muß sein

Bestreben gerade darauf richten, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Statt

das »staatsmännische« Denken in eine Richtung zu bringen, welche den

neuzeitlichen Forderungen entsprochen hätte, war man bestrebt,

Einrichtungen zu bilden, welche den Einheitsstaat gegen diese Forderungen

aufrechterhalten sollten. Dieser Staat wurde dadurch immer mehr zu einem

unmöglichen Gebilde. Und im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts

stand er davor, für seine Selbsterhaltung in der alten Form nichts mehr tun

zu können und die Auflösung zu erwarten, oder das innerlich Unmögliche

äußerlich durch die Gewalt aufrechtzuerhalten, die sich auf die Maßnahmen

des Krieges begründen ließ. Es gab 1914 für die österreichisch-ungarischen

»Staatsmänner« nichts anderes als dieses: entweder sie mußten ihre

Intentionen in die Richtung der Lebensbedingungen des gesunden sozialen

Organismus lenken und dies der Welt als ihren Willen, der ein neues

Vertrauen hätte erwecken können, mitteilen, oder sie _mußten_ einen Krieg

entfesseln zur Aufrechterhaltung des Alten. Nur wer aus diesen Untergründen

heraus beurteilt, was 1914 geschehen ist, wird über die Schuldfrage gerecht

denken können. Durch die Teilnahme vieler Völkerschaften an dem

österreichisch-ungarischen Staatsgebilde wäre diesem die weltgeschichtliche

Aufgabe gestellt gewesen, den gesunden sozialen Organismus vor allem zu

entwickeln. Man hat diese Aufgabe nicht erkannt. Diese Sünde wider den

Geist des weltgeschichtlichen Werdens hat Österreich-Ungarn in den Krieg

getrieben.

Und das Deutsche Reich? Es ist gegründet worden in einer Zeit, in der

die neuzeitlichen Forderungen nach dem gesunden sozialen Organismus

ihrer Verwirklichung zustrebten. Diese Verwirklichung hätte dem Reiche

seine weltgeschichtliche Daseinsberechtigung geben können. Die

sozialen Impulse schlossen sich in diesem mitteleuropäischen Reiche

wie in dem Gebiete zusammen, das für ihr Ausleben weltgeschichtlich

vorbestimmt erscheinen konnte. Das soziale Denken, es trat an vielen

Orten auf; im Deutschen Reiche nahm es eine besondere Gestalt an, aus

der zu ersehen war, wohin es drängte. Das hätte zu einem Arbeits-Inhalt

für dieses Reich führen müssen. Das hätte seinen Verwaltern die Aufgaben

stellen müssen. Es hätte die Berechtigung dieses Reiches im modernen

Völkerzusammenleben erweisen können, wenn man dem neugegründeten Reiche

einen Arbeits-Inhalt gegeben hätte, der von den Kräften der Geschichte

selbst gefordert gewesen wäre. Statt mit dieser Aufgabe sich ins Große

zu wenden, blieb man bei »sozialen Reformen« stehen, die aus den

Forderungen des Tages sich ergaben, und war froh, wenn man im Auslande

die Mustergültigkeit _dieser_ Reformen bewunderte. Man kam daneben immer

mehr dazu, die äußere Welt-Machtstellung des Reiches auf Formen gründen

zu wollen, die aus den ausgelebtesten Arten des Vorstellens über die Macht

und den Glanz der Staaten heraus gebildet waren. Man gestaltete ein Reich,

das ebenso wie das österreichisch-ungarische Staatsgebilde dem widersprach,

was in den Kräften des Völkerlebens der neueren Zeit sich geschichtlich

ankündigte. Von diesen Kräften sahen die Verwalter dieses Reiches nichts.

_Das_ Staatsgebilde, das _sie_ im Auge hatten, konnte nur auf der Kraft

des Militärischen ruhen. Dasjenige, das von der neueren Geschichte

gefordert ist, hätte auf der Verwirklichung der Impulse für den gesunden

sozialen Organismus ruhen müssen. Mit _dieser_ Verwirklichung hätte man

sich in die Gemeinsamkeit des modernen Völkerlebens anders hineingestellt,

als man 1914 in ihr stand. Durch ihr Nicht-Verstehen der neuzeitlichen

Forderungen des Völkerlebens war 1914 die deutsche Politik an dem

Nullpunkte ihrer Betätigungsmöglichkeit angelangt. Sie hatte in den

letzten Jahrzehnten nichts bemerkt von dem, was hätte geschehen sollen;

sie hatte sich beschäftigt mit allem Möglichen, was in den neuzeitlichen

Entwicklungskräften nicht lag und was durch seine Inhaltlosigkeit »wie

ein Kartengebäude zusammenbrechen« _mußte_.

Von dem, was sich in dieser Art als das tragische Schicksal des Deutschen

Reiches aus dem geschichtlichen Verlauf heraus ergab, würde ein getreues

Spiegelbild entstehen, wenn man sich herbeiließe, die Vorgänge innerhalb

der maßgebenden Orte in Berlin Ende Juli und 1. August 1914 zu prüfen und

vor die Welt getreulich hinzustellen. Von diesen Vorgängen weiß das In- und

Ausland noch wenig. Wer sie kennt, der weiß, wie die deutsche Politik

damals sich als die eines Kartenhauses verhielt, und wie durch ihr Ankommen

im Nullpunkt ihrer Betätigung alle Entscheidung, ob und wie der Krieg zu

beginnen war, in das Urteil der militärischen Verwaltung übergehen _mußte_.

Wer maßgebend in dieser Verwaltung war, konnte damals aus den militärischen

Gesichtspunkten heraus _nicht anders handeln, als gehandelt worden ist_,

weil von _diesen_ Gesichtspunkten die Situation nur so gesehen werden

konnte, wie sie gesehen worden ist. Denn außer dem militärischen Gebiet

hatte man sich in eine Lage gebracht, die zu einem Handeln gar nicht mehr

führen konnte. Alles dieses würde sich als eine weltgeschichtliche Tatsache

ergeben, wenn jemand sich fände, der darauf dringt, die Vorgänge in Berlin

von Ende Juli und 1. August, namentlich alles das, was sich am 1. August

und 31. Juli zutrug, an das Tageslicht zu bringen. Man gibt sich noch immer

der Illusion hin, durch die Einsicht in diese Vorgänge könne man doch

nichts gewinnen, wenn man die vorbereitenden Ereignisse aus der früheren

Zeit kennt. Will man über das reden, was man gegenwärtig die »Schuldfrage«

nennt, so darf man diese Einsicht nicht meiden. Gewiß kann man auch durch

anderes über die längst vorher vorhandenen Ursachen wissen; aber diese

Einsicht zeigt, _wie_ diese Ursachen gewirkt haben.

Die Vorstellungen, die Deutschlands Führer damals in den Krieg getrieben

haben, sie wirkten dann verhängnisvoll fort. Sie wurden Volksstimmung. Und

sie verhinderten, daß während der letzten Schreckensjahre _die_ Einsicht

bei den Machthabern sich durch die bitteren Erfahrungen entwickelte, deren

Nichtvorhandensein vorher in die Tragik hineingetrieben hatte. Auf die

mögliche Empfänglichkeit, die sich aus diesen Erfahrungen heraus hätte

ergeben können, wollte der Schreiber dieser Ausführungen bauen, als er sich

bemühte, innerhalb Deutschlands und Österreichs in dem Zeitpunkte der

Kriegskatastrophe, der ihm der geeignete erschien, die Ideen von dem

gesunden sozialen Organismus und deren Konsequenzen für das politische

Verhalten nach außen an Persönlichkeiten heranzubringen, deren Einfluß

damals noch sich hätte für eine Geltendmachung dieser Impulse betätigen

können. Persönlichkeiten, welche es mit dem Schicksal des deutschen Volkes

ehrlich meinten, beteiligten sich daran, einen solchen Zugang für diese

Ideen zu gewinnen. Man sprach vergebens. Die Denkgewohnheiten sträubten

sich gegen solche Impulse, welche dem _nur_ militärisch orientierten

Vorstellungsleben als etwas erschienen, mit dem man nichts Rechtes anfangen

könne. Höchstens daß man fand, »Trennung der Kirche von der Schule«, ja,

das wäre etwas. In solcher Bahn liefen eben die Gedanken der

»staatsmännisch« Denkenden schon seit lange, und in eine Richtung, die zu

Durchgreifendem führen sollte, ließen sie sich nicht bringen. Wohlwollende

sprachen davon, ich solle diese Gedanken »veröffentlichen«. Das war in

jenem Zeitpunkte wohl der unzweckmäßigste Rat. Was konnte es helfen, wenn

auf dem Gebiete der »Literatur« unter manchem andern auch von diesen

Impulsen gesprochen worden wäre; von einem Privatmanne. In der Natur dieser

Impulse liegt es doch, daß sie _damals_ eine Bedeutung nur hätten erlangen

können durch den Ort, von dem aus sie gesprochen worden wären. Die Völker

Mitteleuropas hätten, wenn von der rechten Stelle im Sinne dieser Impulse

gesprochen worden wäre, gesehen, daß es etwas geben kann, was ihrem mehr

oder weniger bewußten Drang entsprochen hätte. Und die Völker des

russischen Ostens hätten ganz gewiß in jenem Zeitpunkte Verständnis gehabt

für eine Ablösung des Zarismus durch solche Impulse. Daß sie dies

Verständnis gehabt hätten, kann nur der in Abrede stellen, der keine

Empfindung hat für die Empfänglichkeit des noch unverbrauchten

osteuropäischen Intellekts für gesunde soziale Ideen. Statt der Kundgebung

im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk.

Daß militärisches Denken die Katastrophe Mittel- und Osteuropas nicht

abwenden konnte, das vermochte sich nur eben dem -- militärischen Denken zu

verbergen. Daß man an die Unabwendbarkeit der Katastrophe nicht glauben

wollte, das war die Ursache des Unglückes des deutschen Volkes. Niemand

wollte einsehen, wie man an den Stellen, bei denen die Entscheidung lag,

keinen Sinn hatte für weltgeschichtliche Notwendigkeiten. Wer von diesen

Notwendigkeiten etwas wußte, dem war auch bekannt, wie die

englischsprechenden Völker Persönlichkeiten in ihrer Mitte hatten, welche

durchschauten, was in den Volkskräften Mittel- und Osteuropas sich regte.

Man konnte wissen, wie solche Persönlichkeiten der Überzeugung waren, in

Mittel- und Osteuropa bereite sich etwas vor, was in mächtigen sozialen

Umwälzungen sich ausleben muß. In solchen Umwälzungen, von denen man

glaubte, daß in den englisch sprechenden Gebieten für sie weder schon

geschichtlich eine Notwendigkeit, noch eine Möglichkeit vorlag. Auf

solches Denken richtete man die eigene Politik ein. In Mittel- und

Osteuropa sah man das alles nicht, sondern orientierte die Politik so, daß

sie »wie ein Kartengebäude zusammenstürzen« mußte. Nur eine Politik, die

auf die Einsicht gebaut gewesen wäre, daß man in englisch sprechenden

Gebieten großzügig, und ganz selbstverständlich vom englischen

Gesichtspunkte, mit historischen Notwendigkeiten rechnete, hätte Grund und

Boden gehabt. Aber die Anregung zu solcher Politik wäre wohl besonders den

»Diplomaten« als etwas höchst Überflüssiges erschienen.

Statt eine solche Politik, die zu Gedeihlichem hätte auch für Mittel- und

Osteuropa vor dem Hereinbrechen der Weltkriegskatastrophe führen können

trotz der Großzügigkeit der englisch orientierten Politik, zu treiben, fuhr

man fort, in den eingefahrenen Diplomatengeleisen sich weiter zu bewegen.

Und während der Kriegsschrecken lernte man aus bitteren Erfahrungen nicht,

daß es notwendig geworden war, der Aufgabe, welche von Amerika aus in

politischen Kundgebungen der Welt gestellt worden ist, von Europa aus eine

andere entgegenzustellen, die aus den Lebenskräften dieses Europa heraus

geboren war. Zwischen der Aufgabe, die aus amerikanischen Gesichtspunkten

Wilson gestellt hatte, und derjenigen, die in den Donner der Kanonen als

geistiger Impuls Europas hineingetönt hätte, wäre eine Verständigung

möglich gewesen. Jedes andere Verständigungs-Gerede klang vor den

geschichtlichen Notwendigkeiten hohl. -- Aber der Sinn für ein

Aufgaben-Stellen aus der Erfassung der im neueren Menschheitsleben

liegenden Keime fehlte denen, die aus den Verhältnissen heraus an die

Verwaltung des Deutschen Reiches herankamen. Und deshalb mußte der Herbst

1918 bringen, was er gebracht hat. Der Zusammenbruch der militärischen

Gewalt wurde begleitet von einer geistigen Kapitulation. Statt wenigstens

in dieser Zeit sich aufzuraffen zu einer aus europäischem Wollen heraus

geholten Geltendmachung der geistigen Impulse des deutschen Volkes kam die

bloße Unterwerfung unter die vierzehn Punkte Wilsons. Man stellte Wilson

vor ein Deutschland, das von sich aus nichts zu sagen hatte. Wie auch

Wilson über seine eigenen vierzehn Punkte denkt, er kann doch Deutschland

nur in dem helfen, was es selbst will. Er mußte doch eine Kundgebung dieses

Wollens _erwarten_. Zu der Nichtigkeit der Politik vom Anfange des Krieges

kam die andere vom Oktober 1918; kam die furchtbare geistige Kapitulation,

herbeigeführt von einem Manne, auf den viele in deutschen Landen so etwas

wie eine letzte Hoffnung setzten.

Unglaube an die Einsicht aus geschichtlich wirkenden Kräften heraus;

Abneigung, hinzusehen auf solche aus Erkenntnis geistiger Zusammenhänge

sich ergebenden Impulse: das hat die Lage Mitteleuropas hervorgebracht.

Jetzt ist durch die Tatsachen, die sich aus der Wirkung der

Kriegskatastrophe ergeben haben, eine neue Lage geschaffen. Sie kann

gekennzeichnet werden durch die Idee der sozialen Impulse der Menschheit,

so wie diese Idee in dieser Schrift gemeint ist. Diese sozialen Impulse

sprechen eine Sprache, der gegenüber die ganze zivilisierte Welt eine

Aufgabe hat. Soll das Denken über dasjenige, was geschehen muß, heute

gegenüber der sozialen Frage ebenso auf dem Nullpunkt angelangen, wie die

mitteleuropäische Politik für ihre Aufgaben 1914 angekommen war?

Landesgebiete, die sich von den damals in Frage kommenden Angelegenheiten

abseits halten konnten: gegenüber der sozialen Bewegung dürfen sie es

nicht. Gegenüber dieser Frage sollte es keine politischen Gegner, sollte es

keine Neutralen geben; sollte es nur geben eine gemeinschaftlich wirkende

Menschheit, welche geneigt ist, die Zeichen der Zeit zu vernehmen und ihr

Handeln nach diesen Zeichen einzurichten.

Man wird aus den Intentionen, die in dieser Schrift vorgetragen sind,

heraus verstehen, warum der in dem folgenden Kapitel wiedergegebene Aufruf

an das deutsche Volk und an die Kulturwelt von dem Schreiber dieser

Ausführungen vor einiger Zeit verfaßt worden, und von einem Komitee, das

für ihn Verständnis gefaßt hat, der Welt, vor allem den mitteleuropäischen

Völkern mitgeteilt worden ist. Gegenwärtig sind andere Verhältnisse als zu

der Zeit, in der sein Inhalt engeren Kreisen mitgeteilt worden ist. Dazumal

hätte ihn die öffentliche Mitteilung ganz notwendig zur »Literatur«

gemacht. Heute muß die Öffentlichkeit ihm dasjenige bringen, was sie ihm

vor kurzer Zeit noch nicht hätte bringen können: verstehende Menschen, die

in seinem Sinne wirken wollen, wenn er des Verständnisses und der

Verwirklichung wert ist. Denn was jetzt entstehen soll, kann nur durch

solche Menschen entstehen.

Anhang

_An das deutsche Volk und an die Kulturwelt!_

Sicher gefügt für unbegrenzte Zeiten glaubte das deutsche Volk seinen vor

einem halben Jahrhundert aufgeführten Reichsbau. Im August 1914 meinte es,

die kriegerische Katastrophe, an deren Beginn es sich gestellt sah, werde

diesen Bau als unbesieglich erweisen. Heute kann es nur auf dessen Trümmer

blicken. Selbstbesinnung muß nach solchem Erlebnis eintreten. Denn dieses

Erlebnis hat die Meinung eines halben Jahrhunderts, hat insbesondere die

herrschenden Gedanken der Kriegsjahre als einen tragisch wirkenden Irrtum

erwiesen. Wo liegen die Gründe dieses verhängnisvollen Irrtums? Diese Frage

muß Selbstbesinnung in die Seelen der Glieder des deutschen Volkes treiben.

Ob jetzt die Kraft zu solcher Selbstbesinnung vorhanden ist, davon hängt

die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes ab. Dessen Zukunft hängt davon

ab, ob es sich die Frage in ernster Weise zu stellen vermag: wie bin ich in

meinen Irrtum verfallen? Stellt es sich diese Frage heute, dann wird ihm

die Erkenntnis aufleuchten, daß es vor einem halben Jahrhundert ein Reich

gegründet, jedoch unterlassen hat, diesem Reich eine aus dem Wesensinhalt

der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen. -- Das Reich war

gegründet. In den ersten Zeiten seines Bestandes war man bemüht, seine

inneren Lebensmöglichkeiten nach den Anforderungen, die sich durch alte

Traditionen und neue Bedürfnisse von Jahr zu Jahr zeigten, in Ordnung zu

bringen. Später ging man dazu über, die in materiellen Kräften begründete

äußere Machtstellung zu festigen und zu vergrößern. Damit verband man

Maßnahmen in bezug auf die von der neuen Zeit geborenen sozialen

Anforderungen, die zwar manchem Rechnung trugen, was der Tag als

Notwendigkeit erwies, denen aber doch ein großes Ziel fehlte, wie es sich

hätte ergeben sollen aus einer Erkenntnis der Entwicklungskräfte, denen die

neuere Menschheit sich zuwenden muß. So war das Reich in den

Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand

rechtfertigende Zielsetzung. Der Verlauf der Kriegskatastrophe hat dieses

in trauriger Weise geoffenbart. Bis zum Ausbruche derselben hatte die

außerdeutsche Welt in dem Verhalten des Reiches nichts sehen können, was

ihr die Meinung hätte erwecken können: die Verwalter dieses Reiches

erfüllen eine weltgeschichtliche Sendung, die nicht hinweggefegt werden

darf. Das Nichtfinden einer solchen Sendung durch diese Verwalter hat

notwendig die Meinung in der außerdeutschen Welt erzeugt, die für den

wirklich Einsichtigen der tiefere Grund des deutschen Niederbruches ist.

Unermeßlich vieles hängt nun für das deutsche Volk an seiner unbefangenen

Beurteilung dieser Sachlage. Im Unglück müßte die Einsicht auftauchen,

welche sich in den letzten fünfzig Jahren nicht hat zeigen wollen. An die

Stelle des kleinen Denkens über die allernächsten Forderungen der Gegenwart

müßte jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, welcher die

Entwicklungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen

strebt, und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet. Aufhören müßte der

kleinliche Drang, der alle diejenigen als unpraktische Idealisten

unschädlich macht, die ihren Blick auf diese Entwicklungskräfte richten.

Aufhören müßte die Anmaßung und der Hochmut derer, die sich als Praktiker

dünken, und die doch durch ihren als Praxis maskierten engen Sinn das

Unglück herbeigeführt haben. Berücksichtigt müßte werden, was die als

Idealisten verschrieenen, aber in Wahrheit wirklichen Praktiker über die

Entwicklungsbedürfnisse der neuen Zeit zu sagen haben.

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft · 第 10 / 11 段